Am 12. Juni feiert Christoph Meckel seinen 80. Geburtstag. In der Woche darauf veranstaltet das Lyrik Kabinett München einen Abend „für und mit Christoph Meckel“.


Stiftung Lyrik Kabinett
Amalienstr. 83 a / 80799 München
http://www.lyrik-kabinett.de
Es ist nicht gelungen, Faraj Bayrakdar kaputtzumachen. Vierzehn Jahre wurden ihm genommen; Jahre, in denen seine Tochter ohne ihn aufwuchs. Vierzehn Jahre in syrischen Gefängnissen. (…)
Als Faraj jung war, da war er Mitglied der regierenden Baath-Partei. Rasch wandte er sich ab. Mit 26 gibt er ein Journal heraus für neue syrische Lyrik. Zweimal wird er dafür 1978 verhaftet. Nach zwölf Ausgaben wird die Zeitschrift eingestellt. Offiziell steht er noch immer in der Mitgliederkartei der Assad-Partei. Das versucht der Kommandant, der ihn verhört, zu nutzen – und ihn zu ködern. „Er erzählte mir, ich könne Chefredakteur jedes Blattes werden, einen Posten in der Partei haben oder in irgendeiner Botschaft.“
Faraj kennt nur einen Genossen, der sich kaufen ließ. Er selbst lehnt ab. Sie schlagen ihn. Und foltern. „Sie nennen es den deutschen Stuhl“, sagt er, während er seine Jacke abstreift, die Ärmel seines Pullovers hochschiebt und die Haltung zeigt, in die man die Gefangenen zwingt. Ob es geflohene Nazi-Schergen oder Stasileute waren, die dem Regime die Methode lehrten, ist unklar: Der Gefangene wird auf einen leeren Metallrahmen gesetzt. Bewegliche Teile hängen daran, Rasierklingen an den Beinen. Die kleinste Bewegung, und sie schneiden. Dann wird dein Körper überdehnt. Vielen bricht das die Wirbelsäule: „Einmal zu tief eingeatmet und du bist tot.“ / Jan-Niklas Kniewel, taz
Für zehn Tage verwandelt sich Frankfurt in ein kleines Paradies für alle Freunde moderner Gedichte. Bei den „Frankfurter Lyriktagen“ wurde in diesem Jahr die Zahl der Veranstaltungen im Vergleich zu den Vorjahren verdoppelt. Zum Abschluss lockt am 20. Juni eine „lange Lyriknacht“ im Historischen Museum.
(…)
„Die Lyrikszene ist so vielschichtig und vielstimmig wie lange nicht mehr. Um ihr eine Bühne zu geben, veranstalten wir die Frankfurter Lyriktage 2015“, sagt Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU). Für eine öffentliche und individuelle Beschäftigung mit dieser Lyrikszene eigne sich ein mehrtägiges Festival besonders gut. (…)
Unter dem Titel „Thomas Kling in memoriam“ erinnern zudem Marcel Beyer, Hans Jürgen Balmes und Peer Trilcke am 14. Juni an den bedeutenden Lyriker, der vor zehn Jahren starb. Bei der Podiumsdiskussion „Lyrik? Cool!“ am 18. Juni sprechen Nora Gomringer, Léonce W. Lupette und Daniela Seel über neue Formate der Lyrikvermittlung. Zum krönenden Abschluss der Frankfurter Lyriktage findet am 20. Juni eine lange Lyriknacht im Neubau des Historischen Museum statt, für die unter anderem Paulus Böhmer, Heinrich Detering, Marion Poschmann und Clemens Setz ihre Teilnahme bereits zugesagt haben. / Frankfurter Neue Presse
«Facebook ist in etwa wie Lyrik – jeder schreibt, kaum einer liest.» Dass mir ausgerechnet der Lyriker Raphael Urweider solches antwortet auf die Frage, was er da tue und warum, hat mich nur einen Augenblick lang verwundert. Das soll Lyrik sein, was man hier liest, oder immerhin «wie Lyrik»? Es ist reine Koketterie. Denn mag es auch zutreffen, dass zwar manch einer Verse dichtet, aber kaum einer sie liest, so gilt für Facebook und zumal für die Sites der Dichter: So viele Leser hatte mancher noch nie in seinem Leben. Wahr ist auch: Was die Dichter hier schreiben (so sie denn schreiben und nicht nur Bilder und Filme oder nach oben gereckte Daumen posten), klingt vielleicht noch nicht wie ein Gedicht, aber jedenfalls wie etwas, aus dem einmal ein Gedicht werden könnte.
Und dennoch hat unlängst tatsächlich einer auf Facebook gedichtet. Es war Clemens Setz, wer sonst… / Roman Bucheli, NZZ
The Forward Prize for Best Collection (£10,000)
The Felix Dennis Prize for Best First Collection (£5,000)
The Forward Prize for Best Single Poem (£1,000)
The winner will be announced on 28 September.
The Forward Prizes for Poetry were created in 1991 by William Sieghart with the aim of extending poetry’s audience, raising poetry’s profile and linking poetry to people in new ways. The prizes do this by identifying and honouring talent. Each year, works shortlisted for the prizes – plus those highly commended by the judges – are collected in the Forward Book of Poetry. (Wikipedia)
Last year’s winner
Mit ihrem Plädoyer für die Lyrik wollen die „Poeten vom Müggelsee“, die sich der Tradition des berühmten Friedrichshagener Dichterkreises um Wilhelm Bölsche und Bruno Wille verpflichtet fühlen, ein neues spannendes Kapitel im kulturellen Leben ihres Heimatbezirkes aufschlagen. Ihr Buch haben sie dem Ende vergangenen Jahres verstorbenen Gründer der Vers-Werkstatt, Dr. Horst Rennhack, gewidmet. Er hatte am 22. Juni 2013 am Ufer des Müggelsees gemeinsam mit seinem Freund und Mitstreiter Ulrich Stahr die Friedrichshagener Vers-Werkstatt aus der Taufe gehoben. / BerlinOnline
die Wörter haben abgenommen, sind abgemagert in der Eile – womit füttern, damit sie wieder zunehmen?
Hansjürgen Bulkowski
Die niederländische Buchbranche kämpft mit einigen strukturellen Problemen. Der Raad voor Cultuur beklagt die zunehmende „Entlesung“ der Jugend. Das Fach Literatur sei fast ausnahmslos aus dem Stundenplan der Schulen gestrichen worden. Nur an den Gymnasien gebe es Literaturgeschichte als Pflichtfach. An den Universitäten schreiben sich immer weniger Studenten für Niederlandistik ein. All dies habe Folgen für die Lesekultur des Landes, so der Raad voor Cultuur.
Der Rat nennt drei Hauptaufgaben, die zur Förderung der literarischen Kultur in den Niederlanden in Zukunft wichtig sind:
Autor: Andreas Gebbink
Die Autorin Francisca Ricinski nahm in Iasi (der ältesten Universitätsstadt Rumäniens und wichtiges Kulturzentrum, das anstrebt, Kulturstadt Europas gewählt zu werden) an der zweiten Edition des europäischen Festivals der Poesie teil und dort wurde ihr den Titel “Botschafter der Poesie” verliehen. / KUNO
W.H. Auden (1907-1973) war einer der großen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wirklich populär ist er heute jedoch nicht – sein Werk lässt sich weder leicht erschließen noch nebenbei goutieren: „Increasingly one must respond to his poems as a mind, not a creature of feeling.“ Es fordert Aufmerksamkeit sowie Konzentration; erst dann entfaltet es eine zeitlose Relevanz, ja einen Zauber, der Worte für das bislang Begrifflose findet.
Mit „City without Walls“ (1967) gelingt Auden ein lyrisches Röntgenbild New Yorks in Form einer „vigorous jeremiad“, eines Klagelieds. Von der ’Stadt ohne Mauern’ wird ein großes zivilisationskritisches Schreckensbild entworfen, wobei die fehlenden Wände nicht nur eine durchdringende, scharfsichtige, vor allem schonungslose Analyse der urbanen Zustände ankündigen. Vielmehr klassifizieren sie die moderne Megacity als mittelpunkt-, grenzen-, gar charakterlos, als gewissermaßen ungezügelt: „Those fantastic forms, fang-sharp, / bone-bare, that in Byzantine painting / were a short-hand for the Unbounded / beyond the Pale, unpolicied spaces / where dragons dwelt and demons roamed“ (1. Strophe). Als topographisch amorphes, unendlich erweiterbares Phänomen ohne Mitte und Mauer kontrastiert New York, allein Wirtschaft und Ökonomie verpflichtet, die geschlossene antike Polis oder festummauerte mittelalterliche Stadt. / Nathalie Mispagel, literaturkritik.de
Am DIENSTAG, 9. Juni, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Köln, Großer Griechenmarkt 39
Gedichte – was sonst?
Ein Abend mit und für Axel Kutsch aus Anlass seines 70. Geburtstags
Der ehemalige Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers hat mehr als zwanzig Lyrik-Anthologien – manche thematisch gebunden, manche epochenübergreifend – herausgegeben. Mit seinen regelmäßigen Bestandsaufnahmen aktueller deutschsprachiger Lyrik gilt er überdies als einer ihrer führenden Chronisten. Seine Reihe Versnetze – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart (seit 2008) gibt wichtige Orientierung. An diesem Abend aus Anlass seines 70. Geburtstags spricht Guy Helminger mit Axel Kutsch über seine eigenen und die Gedichte anderer. Die Kölner Lyrikerinnen und Lyriker Anke Glasmacher, Louisa Schaefer, Sabine Schiffner, Christoph Danne, Adrian Kasnitz und Amir Shaheen lesen zu seinen Ehren. / Mehr
Die Gedichte – von denen einige auch in der „Thüringer Anthologie“ in unserer Zeitung erschienen sind – werfen melancholische Blicke auf ein Land unter der Last von dem, was war. Buchenwald kommt vor, aber auch das hehre und zuweilen schwere Erbe der Klassiker. „Johann Sebastian Bach pflanzte / Einen irdischen Wald in der ewigen Helligkeit“, dichtet der Eisenacher Pastor Christoph Eisenhuth – derweil sich Andreas Reimann über den „im gips der goethe-wichte“ konservierten Dichter mokiert und die „gartenzwerge, die durch weimar ziehen“. Weimar als Klassikerklischee – und Zuhause: „In deinen Weitbürgermauern“, schreibt Gerald Höfer, „fand ich die Liebste und mich.“ „Thüringen, hier stinkt es nach Roster“, verkünden indes die Wände bei Mirko Wenig. Das Land, sagt Nancy Hünger, „steht ja immer im Verdacht des Provinziellen. Aber es ist ein lebendiges Land mit geselligen Stimmen und einer vielfältigen Dichterkultur.“ In der sich Welt und Provinz, hier und woanders, immer schon begegneten, irgendwie: „Das Ende vom Ende“, heißt es bei Heinz Czechowski, „ist ein schöner Gedanke / der vermutlich auch / in Gotha gedacht wird.“ / Lavinia Meier-Ewert, Thüringer Allgemeine 4.6.
„Thüringen im Licht. Gedichte aus fünfzig Jahren“
Herausgeber: Nancy Hünger und Ron Winkler
Wartburg Verlag, Weimar 2015
Broschur, 260 Seiten
ISBN: 978-3-86160-399-3
Etwas mehr Licht an einem Tag wie diesem, der keinen Stern hat und auch keinerlei Gewicht, wäre gar nicht so schlecht.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
STADTKREIS FREIBURG – FREIBURG
Haiku-Wettbewerb der Partnerstadt Matsuyama: Fast 700 Haiku-Gedichte kamen aus Freiburg – Japanische Germanistik-Professoren loben hohes Niveau
Als im Herbst 2013 eine Delegation der japanischer Partnerstadt Matsuyama anlässlich des 25jährigen Partnerschaftsjubiläums in Freiburg weilte, übergab Bürgermeister Katsuhito Noshi ein besonderes Gastgeschenk: Eine hölzerne und kunstvoll verzierte Haiku-Postbox, in der in der Stadtbibliothek Haiku-Gedichte gesammelt werden. Matsuyama gilt als eines der führenden Zentren in Japan für die traditionelle Gedichtsform Haiku mit jeweils drei Zeilen im Versmaß fünf – sieben – fünf Silben: In fast 100 öffentlichen Haiku-Postboxen in Matsuyama (einige sogar in Straßenbahnen) werden jährlich tausende Gedichte gesammelt, von denen die schönsten regelmäßig prämiiert und veröffentlicht werden.
Inzwischen haben auch die Freiburgerinnen und Freiburger ihre Liebe zu der japanischen Dichtkunst entdeckt. Als die Freiburger Haiku-Box im Dezember geöffnet und der Inhalt für den traditionellen Wettbewerb nach Japan geschickt wurde, staunten die Fachleute aus der Abteilung „Tourismus und Internationaler Austausch“ in Matsuyama nicht schlecht: Fast 700 Haiku-Gedichte – dreimal so viele wie im Vorjahr – waren in der Freiburger Stadtbibliothek zusammen gekommen. Sie sind in einer eigenen Kategorie deutschsprachiger Einsendungen von den Germanistik-Professoren Takaaki Mori und Koichi Uwagawa der Ehime-Universität in Matsuyama bewertet und japanisch übersetzt worden; das Ergebnis liegt inzwischen dem Freiburger Rathaus vor.
25 Arbeiten haben die Haiku-Fachleute besonders ausgezeichnet. „Nicht wenige Gedichte haben uns überrascht mit sehr originellen und einsichtsvollen Gedanken“, schreiben die beiden Professoren in ihrer Begründung. Weiter heißt es: „Besonders beeindruckt haben uns die Haikus, die nicht nur eine hervorragende Beschreibung der Natur bieten, sondern auch einen Eindruck der Natur in einem einzigen Augenblick scharfsinnig erfassen und zur gleichen Zeit Erkenntnisse über Mensch oder Natur zum Ausdruck bringen“.
Oberbürgermeister Dieter Salomon wertet die hohe Zahl der Freiburger Einsendungen als einen Beleg, wie sehr die Partnerschaft mit Matsuyama im Bewusstsein der Freiburger verankert ist. „Die Haiku-Box war ein ehrenvolles Geschenk, das zum aktiven Engagement und zur Beschäftigung mit japanischer Dichtkunst auffordert. Es ist gelebte Partnerschaft, wenn so viele Menschen sich mit eigenen Beiträgen beteiligen.“
(Presseinfo: Stadt Freiburg, Pressereferat, 03.06.2015 / Regiotrends)
Bossong stellt die Frage: Wieviel Sprachirritation wollen wir uns leisten, wenn wir kaum jemanden mehr erreichen.
Rinck antwortet: „Es ist nicht so, dass die Beschäftigung mit Gedichten Ihnen Zeit nimmt. Im Gegenteil: Sie gibt Ihnen Zeit. (…) Stunden, die quer zur Eindeutigkeit stehen und alles aufhalten, weil Sie selbst aufgehalten sind. Das sind die Stunden, die bleiben. (…) Tricksen Sie Erwartungen aus, lassen Sie sich nicht berechnen. Tun Sie idiotische Dinge, lesen Sie unverständliches Zeugs, (…) und Ihnen wird Zeit geschenkt. … Das Gedicht ermöglicht Ihnen, einem Gedanken Zeit zu geben.“
Wenn alles verständlich wäre, fragt sie weiter – wenn alles verständlich wäre, würde man sich dann nicht von einer ganzen Dimension des Lebens verabschieden, von der Möglichkeit zu Überraschung und Erstaunen. Überraschung über manche Dinge aber ist eine notwendige Bedingung des Denkens.
Monika Rinck, Risiko und Idiotie. Streitschriften, kookbooks Berlin, 2015.
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