Blümerant

Paul Celan 

(geboren am 23. November 1920 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; gestorben vermutlich am 20. April 1970 in Paris) 

GROSSES GEBURTSTAGSBLAUBLAU 
MIT REIMZEUG UND ASSONANZ


In der R-Mitage,
da hängt ein blauer Page.
Da hängt er, im Lasso:
er stammt von Pik-As(so?)
Wer hängt ihn ab?
Das Papperlapapp.
Wo tut es ihn hin?
Nach Neuruppin.
In den Kuchen.
Da könnt ihr ihn suchen.
Da könnt ihr ihn finden,
bei den Korinthen
aus der époque bleue,
links von der Kö,
rechts von der Düssel,
in einer blauen Schüssel.
Er hockt auf der Kante
und schwört aufs Blümerante.

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 175

Das Gedicht entstand am 12. Juni 1962 vermutlich in Paris, es ist dem 65. Geburtstag des Verlegers V. O. Stomps gewidmet. Gedruckt hat es Günter Bruno Fuchs in seiner Anthologie „Die Meisengeige. Zeitgenössische Nonsenseverse“ (1964). Die verschiedenen Anspielungen (auf Picasso und Fontane) braucht man nicht unbedingt. Sie finden sich zuverlässig in der einbändigen Gesamtausgabe. – Vielleicht nur der kleine Hinweis, dass das Wort blümerant auf das französische bleu mourant (sterbendes Blau) zurückgeht und natürlich wie die anderen Blauwörter mit Picasso zu tun hat. Das mag für manche interessant sein, aber das Gedicht funktioniert auch ohne das. Es ist einfach, was die Überschrift ankündigt, ein Geburtstagsblaublau.

4 Beine, 2 Worte, viele Rätsel

Rätsel, Geheimnis, wohl auch Unverständliches bis hin zum Unsinn gehören zum Gedicht. Umso mehr, je weiter wir uns in Zeit oder/und Raum entfernen. Hier ein koreanisches Gedicht aus dem Jahr 879. Ob Ch’õyong ein Autor ist, eine dichterische Erfindung oder eine mythische oder historische Figur? Aus den spärlichen Quellen, die mir zur Verfügung stehen, kann ich es nicht herausfinden. Wikipedia und Google helfen auch nicht. Die deutsche Quelle scheint ihn als Autor aufzufassen und enthält bei den ältesten Texten offenbar zeitgenössische oder historische Prosaeinleitungen. Vergleich der deutschen mit der englischen Fassung offenbart besonders am Schluss beträchtliche Unterschiede. Auch Googles Übersetzungswerkzeug hilft da nicht weiter (das kuriose Ergebnis ganz unten).

CH’ÕYONG

LIED

Ch’õyong, der Sohn des Drachenkönigs, heiratete eine schöne Frau. Ein böser Geist sah, wie außergewöhnlich schön sie war, verwandelte sich in einen Mann und fiel sie in ihrem Zimmer an, als Ch’õyong nicht da war. Doch als er zurückkehrte und sah, was geschehen war, sang er tanzend dieses Lied, das den bösen Geist verscheuchte


In der mondbeglänzten Stadt
saß ich nachts beim Weine,
komme heim und finde glatt
hier im Bett vier Beine.

Zwei sind mein, die andern zwei
– wem gehören die?
Zwei sind mein? Die andern zwei
haben sie geraubt!

Aus: Kranich am Meer. Koreanische Gedichte. Hrsg. von Peter H. Lee. München: Heyne, 1987 (zuvor Hanser 1959), S. 17. „Die Gedichte dieses Bandes wurden auf Grund der Übertragungen des Herausgebers und in Zusammenarbeit mit ihm von FRANZ WILHELM HUBER und ALBERT VON SCHIRNDING in die vorliegende Form gebracht.“

Interpretation of these short poems is not an easy task. Mysteries abound, and much remains undeciphered. As a representative hyangga, let us look at the “Song of Ch’õyong” (訽虉竜), which is reproduced below.

The Song of Ch’õyong

In the bright moon of the capital
I enjoyed the night until late
When I came back and looked in my bed
There were four legs in it.
Two are mine,
But the other two—Whose are they?
Once upon a time what was mine;
What shall be done, now these are taken?

Die englische Fassung ist von David McCann 1997. Aus: The Korean Language. Iksop Lee and S. Robert Ramsey. State University of New York Press, 2000, S. 49

Google-„Übersetzung“:

Zeit, neue Gedichte zu schreiben

Serhij Zhadan 

(Сергій Вікторович Жадан,  * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk, seit 2022 von Russland besetzt)

***

Und wenn sie dich fragen: wozu? –
weißt du nichts zu sagen. Und dennoch,
es ist Zeit, neue Gedichte zu schreiben:
bei den alten Gedichten weint keiner mehr.

Denn die alten Gedichte sind alt geworden,
und die Jugendlichen stehen da wie verhaftet
und warten auf frische Reime,
um erwachsen zu werden und zu leiden.

Denn die alten Gedichte hinterlassen Stille.
Und in dieser Stille machst du keinen Schritt.
Die Dichter gibt es nicht, die ein Gedicht hätten,
um das Leid dieses Jahres zu fassen.

Und die Jugendlichen – abgerissen, rätselhaft –
können sich untereinander nicht einigen.
Wie sollen sie den Klumpen in der Sprache nennen,
den sie immer Liebe nannten?

Wie sollen sie die Verdunklung im Herzen nennen
und das Klingen in der Stille vernehmen?
Die Sterne haben dies Jahr kein Erbarmen.
Es ist Zeit, neue Gedichte zu schreiben.

Denn die alten Gedichte haben keine Kraft mehr,
und die alten Dichter müssen nicht mehr sterben.
Sie haben vergessen, worum man sie bat.
Wer bitte braucht noch ihre Ratschläge.

Die Rhythmik, kleine Schwester der Barmherzigkeit,
kommt ohne Vorwürfe und ohne Not.
Doch wer braucht ein Gedicht über Unsterblichkeit,
wenn es dort dann nichts gibt über ihn.

Lass uns die Dinge von Neuem reimen,
lass uns den Geheimnissen Klang geben.
Alle brauchen neue Dichter,
alle brauchen einen, der Unfug redet.

Unser tiefer Glaube liegt im Klingen.
Unsere Sprache ist leise, gewöhnlich.
Sie hängt am Atem und am Gaumen.
Unwiederbringlichkeit. Ungeduld.

29.03.21

Aus: Serhij Zhadan, Chronik des eigenen Atems. 50 und 1 Gedicht. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 15f

***

І коли тебе запитають: навіщо? –
не матимеш відповіді. А одначе
час писати нові вірші:
від старих віршів уже ніхто не плаче.

Бо старі вірші стали старими,
і ось уже підлітки, немов арештанти,
стоять і чекають на свіжі рими,
щоби дорослішати і страждати.

Бо зі старих віршів лишилась тиша.
І в тиші цій не ступиш і кроку.
І немає поетів, які б мали вірша,
аби пояснити печаль цього року.

І підлітки – нарвані, загадкові –
не можуть домовитися поміж собою.
І як їм назвати цей згусток у мові,
який вони звикли називати любов'ю?

Як ім назвати це затемнення в серці
і відчуги це звучання в тиші?
Зірки цьогоріч немилосердні.
Час писати нові вірші.

Бо старі вірші вже не мають сили,
і старі поети вже не мусять вмирати.
Вони забули, про що їх просили.
Кому потрібні їхні поради.

Ритміка, юна сестра милосердя,
приходить без докору і потреби.
Але кому потрібен вірш про безсмертя,
якщо там немає нічого про тебе.

Давай знову римувати предмети.
Давай озвучувати таємниці.
Всім потрібні нові поети,
потрібен хтось, хто говорить дурниці.

Наша глибока віра в звучання.
Наша мова – тиха, звичайна.
Залежність від дихання і піднебіння.
Неповернення. Нетерпіння.

29.05.21

Originalausgabe: Скрипниківка (Чернівці: Meridian Czernowitz, 2023) S. 13f

Weit weit bis ans Ende der Welt

Kerstin Hensel 

(* 1961 in Karl-Marx-Stadt, lebt in Berlin)

Hausmärchen

Und wies zur Welt kam war's ein Mädchen
Und hatte keine Glückshaut um
Und ihre Rabenbrüder flogen auf und davon
Und da ist's in den Brunnen gefallen
Und da war in der Tiefe ein Feld
Und die Roggenmuhme und ihr Gesindel
Zählten Blei aus den Ähren

Und das Mädchen verdingte sich kehrte
Den Dreck vor die Tür
Frommfleißig die wahre Braut
Und der den es liebte band's an ein Seil
Schlug die Hände ihm ab vernähte die Lippen und gab ihm
Heu zu essen

Und wie's sich zum Sterben anschickte lebte es
Auf und wenn nicht dann heute noch
Tragen es seine Träume
Weit weit bis ans Ende der Welt

Aus: Kerstin Hensel: Cinderella räumt auf. Gedichte. München: Luchterhand, 2021, S. 31

Verfluchtes Land

Zum Tag 1000 des offenen russischen Überfalls auf die Ukraine noch ein Gedicht des ukrainischen Dichters Wassyl Stus. Zur Zeit kann man in Berlin (noch bis Ende Mai 2005) eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk sehen, direkt vorm Brandenburger Tor, im polnischen Pilecki-Institut. In einem Heft, das man dort gegen eine Spende für die Ukraine bekommt, sind neben den Informationen der Ausstellung auch 16 Gedichte des Autors abgedruckt, neu übersetzt von Irina Bondas. Einige kann man in der Ausstellung auch auf Ukrainisch anhören.

In einem Brief an den Dichter Andrij Malyschko vom 12. Dezember 1962 schreibt Stus, der als Ukrainischlehrer in Donezk lebte, über die Zurückdrängung der ukrainischen Sprache:

In Horliwka gibt es nur zwei oder drei ukrainische Schulen, die es aber nicht mehr lange geben wird. Und in Donezk gibt es anscheinend gar keine ukrainische Schule. Das ist schon ein sehr trauriges Bild.

Eine einzige Erklärung der Eltern genügt, und die Kinder lernen die Sprache der eigenen Eltern, der eigenen Nation nicht mehr. Wird das Ukrainische so nicht zu einem folkloristischen Komödienstadel mit Horilka und Trachten? Deutsch, Französisch, Englisch sind Pflichtsprachen – nur die Muttersprache nicht.

[…] Wie kann man das alles einfach so hinnehmen? Es lassen sich ganz einfach chauvinistische und schamlos-national erniedrigende Fakten aufzählen. […] Warum sind wir so gleichgültig und warum sind wir so demütig vor dem Schicksal als wäre es ein fatum?

Wie können wir diesen besonderen Internationalismus hinnehmen, der die gesamte geistige Einheit der Menschheit zu zerstören droht?

[…] Wir erleben gerade (und nicht nur jetzt), dass alles Ukrainische allmählich gleichbedeutend wird mit rückständig, oberflächlich und sogar primitiv […]

Bitte verstehen Sie mich richtig. Ich habe nur gute Absichten, aufrichtig gute Absichten, doch die Politik der Assimilation ist keine gute Sache. Ich hoffe, Sie können meinen Kummer nachvollziehen.

Ich spüre den Fluch der Jahrhunderte, untätig zu bleiben, denn das wäre meine Sünde vor der Heimat, meinem Volk, meiner Geschichte. Vor allen Menschen, die ihr Blut für unser Land vergossen haben. Der lange Leidensweg der Kämpfer für nationale Gerechtigkeit ist Teil unserer Geschichte, aber wir können uns nicht einmal zu einem gerechten Zorn aufraffen.

Stus schrieb ukrainische Gedichte, sie wurden bis auf Verstreutes in Zeitschriften in der Heimat nicht gedruckt. Er setzte sich für die ukrainische Kultur und für Menschenrechte ein und wurde vom System zu vielen Jahren Straflager und Verbannung verurteilt. Viele Texte wurden beschlagnahmt und vernichtet. Er starb im Lager an den Folgen der Haft. Selbst die sterblichen Überreste blieben in Haft, erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine konnten sie heimgeholt werden.

Aus der Berliner Ausstellung

Wassyl Stus (ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Gulag Perm-36, Oblast Perm) 

Ich kann nicht ohne Iwans Lächeln 
den kalten grauen Winter überstehen.
In Abgründen der Nacht, wenn Kyjiw ruht
liege ich wach und krieg kein Auge zu,
den lieben Freund so böswillig verleumdet wissend.
Gleich Morgenröte schimmert er im Nebel,
wird sich jedoch mit keiner Silbe zeigen,
nur Schweigen, Schweigen, Schweigen, Schweigen.
So still, mein schnauzbärtiger Sonnenschein!
Womit hab ich das Unglück nur verdient.
Bringen drei Könige, jetzt bettelarm,
dir ihre Gabe - bitterlichen Gram.
Mein Guter, hörst du mich? Iwan!
Verzeih mir meinen Feiertags-Chreschtschatyk
Denn deine Schwelle ist zu hoch für mich,
ich spür sie nicht und übertret' sie nicht.
Verzeih, dass auch zum siebten Mal ich diesen Kessel
im tauben Krafthaus heize. Dass ich dulde,
wenn nicht zu dulden ist, nicht aufzuschieben,
fast unerträglich ist, wie ich beim Lesen liebe
von dir Geliebte: Orhan, Nezval, Dante,
wie sehnlich will ich in den neunten Kreis.
Doch meine Akte, wie die Zukunft voll,
von einem Mitläufer vermutlich nicht gewollt,
einem von denen, die die Welt mir raubten,
das Land beraubt, und mir, die Ruhe raubend,
blieb blutig peinigender Zorn nur noch
sowie das Recht auf Mühsal unter ihrem Joch.
In ihren Löchern sitzen sie, die braven Männer,
wahrhaft und tapfer, dass euch euer Teufel holt.
Sind etwa Tugenden nur etwas wert, solange
sie weder Kraft noch Mut noch Willigkeit verlangen
zu helfen, beizustehen, einzutreten,
dem Leidenden im Unglück Schutz zu bieten,
bereit zu sein, zu kämpfen, um zu leben,
bereit zu sein, zu sterben für das Leben?
Wirst du verurteilt, Teurer, dann wohin
soll ich mit dieser großen Schande ziehn'?
Verfluchtes Land, der Deinen bin ich keiner,
der Feiglinge und Mörder Heimat.

06.12.1965

Übersetzung von Irina Bondas, aus: Stus. Pilecki-Institut Berlin. 17.10.24-31.5.25

Lesetipp: Wassyl Stus. Versensporn – Heft für lyrische Reize Nr. 51. Hrsg. von Tom Riebe. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2022

Stieg er so weit hinab?

Ulla Hahn 

(* 30. April 1945 in Brachthausen, heute Kirchhundem im Sauerland)

Aus: Elegie auf einen Dichter

Hatte er Kinder? Eine Frau? Hund Vogel Katze? Hatte
sein Haus ein Dach?
War er von denen einer die aus Limousinen steigen
hinunter in die Bar ins Grab und
tiefer dahin wo Gut und Böse ihren blondgelockten
Unterschied verlieren Stieg er so weit hinab?

Ein Bauer schaut den Feldern dankbar zu
Was kümmern ihn die Wurzeln Er sieht
wie Korn die Halme füllt und stellt sich
Mittags in der Bäume Schatten

Tat das der Dichter auch? Stieß er das Fenster auf
wenn es ihm nicht gelang und setzte sich dem Schatten
eines größeren Schöpfers aus? Ließ er sein einsames
Gesicht vom Mond bestrahlen wenn er es nicht mehr aushielt
das Geschrei der Toten in den Büchern

Der Jäger jagt sein Wild mit Schlingen und mit Fallen
der Fischer reißt den Haken aus dem Maul zu kleiner Fische
wirft sie zurück und deckt die Augen dem der daliegt zu
im eisigen Bach

Tat das der Dichter auch? Hat er die Folianten durchgestürmt?
Das Leben? Lebte er Aug
in Auge? Oder Wort für Wort? Sprach er das Wort aus
leicht sprach er es schwer schnell langsam mit Bedacht Sprach er so
wie man das Korn sät für das Brot? Nahm er
den Wörtern ihre Dornen gab er sie zurück?
Hat er gespart? Für andere? Für sich? Hat er den Hut gezogen? Zahlte
er die Steuern? In frostigen Zeiten raschelte
das Alphabet wie steifgefrorenes Gras wenn er hindurchging
und schnitt in seine bloße Haut.

(…)

Hatte er Kinder? Eine Frau? Hund Vogel Katze? Hatte
sein Haus ein Dach? Ein Ende? Glücklich wie im Bilderbuch so
wenn der böse Wicht stirbt und wir
leben weiter. Man sagt man habe ihn gefunden
lächelnd Lächelnd zuletzt wie einer der zuletzt lacht
Eitelkeit Staub und Asche auf einer leeren Seite.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Hrsg. von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 85 u. 87

Heimweh. Wüsten und Friedrich

Johannes Wüsten (* 4. Oktober 1896 in Heidelberg; † 26. April 1943 in Brandenburg an der Havel; auch Peter Nikl oder Walter Wyk) war ein deutscher Künstler und Schriftsteller. Er gilt mit seinen bildhaften Kupferstichen neben Karl Rössing (für den Holzschnitt) als Begründer und erster Meister der deutschen Stecherbewegung des 20. Jahrhunderts. (…) Ein Großteil seines künstlerischen wie auch literarischen Werkes gilt als verloren. https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Wüsten

Das Gedicht des Tages von Johannes Wüsten hier eingeführt in einem Aufsatz des Greifswalder Literaturwissenschaftlers Georg Wenzel.

1938 veröffentlichte Johannes Wüsten in Heft 9 der von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Willi Bredel in Moskau herausgegebenen Exilzeitschrift „Das Wort“ die Erzählung „Heimweh“. (…) Der Erzähler berichtet aus den letzten Wochen des von ihm hochgeschätzten Malers Caspar David Friedrich (geboren am 5. September 1774 in Greifswald, gestorben am 7. Mai 1840 in Dresden). Die Landschaft seines Malens begleitet den zu Tode erschöpften Künstler in den Schlaf, in dessen Traum Jakob Böhme erscheint. Eine sonderbare Trinität, die sich mit dem Erzähler Wüsten, dem Maler und dem Görlitzer Philosophen herstellt. Die Grenzen zwischen noch wahrnehmbarer Wirklichkeit und Prophetie sind fließend. Dachte Johannes Wüsten an sein Nachleben? Denn das Traumgespräch mit Jakob Böhme schließt ermutigend: „Wohl dir, daß deine Bilder so voll Heimweh sind, voll Heimweh nach der Heimat, die vor uns liegt“, Vordeutung des Weiterlebens eines bedeutenden Künstlers durch sein Werk nach dem leiblichen Tode und, zugleich, Bewußtwerden des unabdingbaren Endes eines Erdenlebens. Heimweh erhält in dieser Transparenz eine erschütternde Klarheit, empfänglich auch für die im Leben durchlebte Brüchigkeit des Glücks.

Ein spätes Gedicht Wüstens sagt mehr aus und deutet auch die Abschiedsqualen seines Malers C. D. Friedrich.

Heimweh 

Eis'ge Stürme fegen nur durch Rock und Hut,
und die Pfützen sind wie Scherben, und im Schnee
versickert Blut,
doch mein Herz hört schon den Klang
dort vom Ende der Allee – bei den Fenstern,
wo die Lampe golden brennt.
summt ihr leis beim Abendbrot jenes Lied.

Kameraden ruhn auf kaltem Meeresgrund,
aus den Himmeln stürzte Feuer, und es schlug
die Häuser wund,
und es riß der Glocke Strang.
Doch im Keller tief zur Nacht schau' ich s fiebernd
und mein Herz pocht hart und heiß,
dass der Engel sich erhebt,
schon zu meinen Häupten schwebt.

Über die Erzählung mit dem gleichen Titel wie das Gedicht schreibt Wenzel:

Er vergegenwärtigt den in „einem völlig kahlen Raum“ liegenden Maler, dessen Staffelei auf eine der letzten Arbeiten verweist, zugleich aber Lebenslandschaft einfängt, Dresden, die EIbe, besetzt mit Frachtkähnen und Segelschiffen. Bereits 1795 war Friedrich nach Dresden gekommen. Nun, mit den Folgen von Schlaganfall und schwerer Krankheit kämpfend, sucht der seines Körpers längst überdrüssige Maler nach dem Tode.

Zeitgenossen beschrieben den erbärmlichen Zustand, so z. B. der russische Dichter Wassili Shukowski, der Friedrich 1840 noch einmal sah und im Tagebuch vermerkte: „Traurige Ruine. Er weinte wie ein Kind.“ Der Körper soll des Körpers sein, aber die Seele soll ihren freien Lauf haben. Während der Organismus zu vergehen scheint, „reist seine Seele“, überschwebt die vertraute Bergwelt, „die ihn sein Leben lang begeistert hatte“, Schneekoppe, Hohes Rad, der Reifträger und die Sturmhaube.

Der Text von Georg Wenzel hier http://www.johannes-wuesten.de/aktuelles/forschung/heimat-im-exil-zur-grenzerfahrung-des-malerdichters-johannes-wuesten/

Versäumnis waltet in diesem Gedicht

Für das heutige Gedicht habe ich mich entschieden, weil mir beim Blättern in einem Buch die Ähnlichkeit einer Überschrift mit dem Gedicht von gestern auffiel: „Und ihr Gestorbensein erfüllt sie mit Glanz“. Nur mit etwas verschobenen Personenrollen. Gestern hieß es, „ihr Tod / schlug ihn mit Weisheit; nun wuchs ihm Gewicht / zu durch den Schmerz“.

Kai Pohl

(Geboren 1964 in Wittenburg/ Mecklenburg, lebt in Berlin)

Und ihr Gestorbensein erfüllt sie mit Glanz

Was in diesem Gedicht steht, muß endlich einmal
gesagt werden. Der Text ist fast wörtlich übernommen,
kein Vers und kein Satzzeichen ist in diesem Gedicht

zuviel. Bereits die Überschrift trägt der aufkommenden
Stimmung Rechnung. Viel Hoffnung und Mut stecken
in diesem Gedicht. Das Gedicht kennt keine Arbeit.

In diesem Gedicht kommt das Wort Deutschland nicht
vor, dampft kein Kaffee und waltet kein Goethe. Es gibt
keinen Mittwoch in diesem Gedicht. Die Gedanken in

diesem Gedicht sind von Wasser geschliffene Steine,
TV-Zuschauer greifen zur Brecht-Gesamtausgabe, man
spürt ein negatives Verhältnis, Angst breitet sich aus.

Wodurch entsteht der Sarkasmus in diesem Gedicht?
Worin bitte besteht in diesem Gedicht der Sinn? Es
gibt weder Adressat noch Absender. Die geläufigen

Themen kommen darin nicht vor. Wovon ist in diesem
Gedicht die Rede? Welche Funktion hat die Bedeutung,
welche Funktion hat die Unterordnung? Die Ingredienzen

der Dichtung entsprechen der Darstellung in diesem
Gedicht, finanzielle Probleme werden nicht angesprochen.
In diesem Gedicht wird Oslo als unbarmherzige Stadt

beschrieben, der dunkel glänzende Wasserspiegel ist
zum Auge geworden, schwarz tropft der Tau von der
Weide, das sog. Welttheater ist unauffällig vorbeigehuscht.

Alles in diesem Gedicht ist in kreisende Bewegung
geraten, eine Ansammlung von Hausrat, Gerede,
schmucklosen Satzfetzen; Versäumnis waltet in diesem

Gedicht, die technologische Entfremdung der
Kommunikation. In diesem Gedicht ist Durst der
Urtrieb, der Mond wird wie ein Beruhigungsmittel

verwendet, die Hoffnung liegt im Weg wie eine Falle.
Was für ein Fehlgriff steckt in diesem Gedicht, was für
ein Fehlgriff! Sämtliche Anspielungen in diesem Gedicht

sind mißlungen, kein Funken Wahrheit in diesem Gedicht,
keine Schönheit hinter dem Schleier, nur Worte; Schritte
finden keinen Ausweg, es gibt keine Eingänge und

Ausgänge in diesem Gedicht. Überhaupt sieht man
schlecht in diesem Gedicht, die Luft ist blau vom Dunst
der Eindrücke; ein Nebel handelt nicht – der Mensch

projiziert! In diesem Gedicht erscheinen die Personen
nur noch als ihre häßlichen Attribute: grüne Zähne,
Pickel im Gesicht, Lidrandentzündung etc. Die in

diesem Gedicht verwendete Sprache ist keine Sprache,
die Zeilen sind durcheinander geraten, höchst
widersprüchliche Töne vermengen sich in diesem

Gedicht. Wang Wei legt seine weltlichen Gewohnheiten
ab, Morgenstern arbeitet mit Neologismen, auch Heine
stellt in diesem Gedicht seine Fähigkeit zu dichten

unter Beweis. Wir befinden uns offenbar in jener unreal
city von Eliot, Rimbaud parodiert die Form des Sonetts,
Eichendorff äußert seinen Wunsch, aus dem Spießertum

auszubrechen, immer wieder fällt der Name Shakespeare.
Trakl schildert einen Abend im Herbst, Pasternak malt
das Bild eines Schneegestöbers in einer Neujahrsnacht,

Wallace Stevens marschiert demütig bei der Beerdigung
von Otis Redding mit und hält seinen fetten Mund.
Ginsberg, okay. Aber ehrlich gesagt ist wenig von ihm

in diesem Gedicht. Er sieht nicht aus wie der junge Tom
Waits, kann aber schreiben wie Dylan. Charlie Brown
hat ebenfalls einen Auftritt, angeblich soll er in diesem

Gedicht den Vorgesetzten seines Vaters beleidigt haben.
Es geht noch weiter in diesem Gedicht: wenige Zeilen
später erreicht der Kurier die Höhlen des Veneto, die

Kamine sind schwarz und die Dächer undicht, das
Feuer wärmt nicht mehr.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Hrsg. von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 40-42

Nun wuchs ihm Gewicht zu durch den Schmerz

Derek Walcott

(* 23. Januar 1930 in Castries, St. Lucia; † 17. März 2017 in Gros Islet, St. Lucia) 

10. In Italien
II

Er war scheinbar nicht von Belang gewesen, doch ihr Tod
schlug ihn mit Weisheit; nun wuchs ihm Gewicht
zu durch den Schmerz; seine Atemnot,
selbst die sparsamste Geste wirkte tief erschöpft.
Das war es wohl, was sie ihm hinterließ: die unbekannte,
zornige Verzagtheit über seine Ergebung hinaus,
eine Hingabe, tiefer noch als seine Arbeit verlangte,
an eine Schönheit, die so völlig außer Reichweite
schien für den dumpfen Schlag, der sie gespreizt
auf den Schlafzimmerteppich strecken sollte; er fühlte
sich wie verwitwet; sie planten Hochzeit.
Nun lag sie, wie zerzauster Marmor, weiß, klassischer Torso
einer Göttin, deren kurzer Besuch die Welt entzückte.

Aus: Derek Walcott: Weiße Reiher. Gedichte. Deutsch von Werner von Koppenfels. München: Carl Hanser, 2012, S. 51/53

10. In Italy
II


He had seemed negligible but her death
afflicted him with wisdom; now he acquired
authority from pain; you could hear his breath
and the littlest gesture he made was profoundly tired.
Maybe that was what she left him, a strange,
angry diffidence beyond his surrender
and a devotion deeper than his work desired,
for a beauty that had seemed so out of range
of the dull cannon thud that would send her
sprawling on the bedroom carpet; more so
than being merely a widower; they were to be married.
Now she lay white as tousled marble, the classical torso
of a goddess whose brief visit delighted earth.

Ebd. S. 50/52

Ararat

Wieder mal eine Fundsache aus dem jüngsten Lyrikjahrbuch. Die Gedichte sind dort ohne Verfassernamen abgedruckt. (Über die Seitenzahl kann man ihn aber herausfinden).

Andreas Peters

(Geboren 1958, lebt in Laufen)

Ararat

Für Dan Pagis

Sie torkelten, stampften, tanzten
ins Tal hinab, je 2 & 2, oder zu dritt,
oder ganz allein oder zwischen
den 1000Füßlern, die Sems, Hams, Jafets. Im
Gefolge Schwiegertöchter mit unaussprechlichen Namen,
daher nicht notiert, wie Frau Noach selbst.
Die Flossenschläger aber: Kleine Fische, große Fische,
schwömmen am Bosporus vorbei, unter
dem Regenbogen: Leviathan & Rahab, Refaim,**
all die Meeresungeheuer* (grandes monstruos marinos*),
samt Tarsisschiffen, bar des Logbuchs & ohne Lotsen.
Sie wussten nichts von der Rettung.

** hebr., Schatten der Unterwelt

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling Co., 2024, S. 182

Ich will das Gedicht nicht interpretieren, aber das Wort Leviathan reizt doch zum Innehalten. Ich las es als Kind in der Lutherbibel, man stellt sich – ich stellte mir – etwas Schreckliches vor. Aber wie passt er ins Gedicht? Der Ararat ist bekanntlich der Platz, wo die Arche Noah nach der Sintflut landet. Noah und seine namenlose Frau und die drei Söhne Sem, Ham und Jafet (Japhet) steigen aus und beginnen die Menschheit von vorn – wir alle stammen von diesen drei Männern ab, wer auch immer die Schwiegertöchter war(en) – vermutlich hat Noah die vorsorglich mitgenommen. Mit ihnen steigen auch alle die Tiere aus, aber hat Noah auch den Leviathan und die anderen Meeresungeheuer mit in die Arche genommen? An dieser Stelle werden sie nicht erwähnt. Der Leviathan kommt bei Hiob vor, eine rätselhafte Stelle von den Verfluchern des Tages, die den Leviathan erregen. Ich schlage nach. Die Elberfelder Bibel von 1905 sagt, vielleicht mit einer Anleihe bei Luther: „Verwünschen mögen sie die Verflucher des Tages, die fähig sind, den Leviathan aufzureizen!“ Die Übersetzung von Schlachter 1951 spricht von Drachen, insofern ein wenig fasslicher, aber nur mit dem Fabeltier, der Rest ist eher noch rätselhafter: „Die, so den Tagen Böses losen und imstande sind, den Drachen aufzuwecken, sollen sie verfluchen.“ (Die Stelle ist Hiob 3, 8).

Wie auch immer, Leviathan, Drachen… im modernen Hebräischkurs lernt man: לִוְיָתָן liviatan: der Wal. Der wird bestimmt in der Arche gewesen sein: Noah, der Walfänger. 🙂 (Ketzerischer Gedanke: Vielleicht haben Luther und seine Nachfolger die Stelle auch nicht so genau verstanden?)

Zurück zu unserem Gedicht. Was ist mit Refaim? Meine Bibelkonkordanz kennt nur die Ebene Rephaim an diversen Stellen des Alten Testaments, zum Beispiel 1. Chronik 11, 15. Und Rahab? Noch schwieriger: eine Rahab kommt an diversen Stellen als „die Hure Rahab“ vor.* (Da ich beim Ketzern war: war die auch auf der Arche? Auweia.) Ich hab ja gesagt, ich will es nicht interpretieren. Aber ein bissel herumspielen ist auch schon was. Das Gedicht lädt dazu ein.

*) Aber da ist es doch, das mythische Seeungeheuer.

Michalis Ganas †

Der griechische Dichter Michalis Ganas ist gestern im Alter von 80 Jahren in Athen gestorben.

Er arbeitete als Buchhändler, als Redakteur von Fernseh- und Radiosendungen und als Texter. Viele seiner Gedichte wurden von bedeutenden griechischen und ausländischen Komponisten wie Mikis Theodorakis, Thanasis Gaiphyllias, Dimitris Papadimitriou, Nikos Xydakis, George Hatzinassios, Ara Dinkjian usw. vertont. 1994 erhielt er für sein Werk Paralogis den 2. Staatspreis für Lyrik und 2011 erhielt er den Preis der Akademie für sein dichterisches Gesamtwerk.

Wikipedia (Griechisch) https://el.wikipedia.org/wiki/Μιχάλης_Γκανάς
Das Blau, das dich umgibt

Das Blau, das dich umgibt,
ist die Asche

der verbrannten Zeit.

Ein Wind kommt auf,
bringt Photos und Hefte
aus früheren Jahren.

Da lachst du, da schweigst du,
eine Aufnahme von dir mit Blitz,
du hast eine schwarze Aura.

Das Blau, das dich umgibt,
ist das Licht,

das der Tod verdrängt.

Niemand kann es sehen.
Und doch ist es da.

Und nimmt zu.

Aus dem Griechischen von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Mehr bei editionmetafrasi.de https://editionmetafrasi.de/wp-content/uploads/2024/08/ganas.pdf

Το μπλε που σε τυλίγει

Το μπλε που σε τυλίγει
είναι η στάχτη
του καμένου χρόνου.

Φυσάει ένας αέρας,

φέρνει φωτογραφίες και τετράδια.
Από τα κάτω χρόνια.

Εδώ γελάς, εδώ σωπαίνεις,

εδώ σας πήρανε με φλας
φοράς το μαύρο φωτοστέφανο.

Το μπλε που σε τυλίγει
είναι το φως

που εκτοπίζει ο θάνατος.

Κανένας δεν το βλέπει.
Κι όμως υπάρχει

και πληθαίνει.

Lexikalischer Nachtrag

Von Michalis Ganas gibt es nur zwei Wikipediaseiten, Griechisch und Russisch. Es gibt gleich ein Lehrbeispiel für kritische Mediennutzung. Die griechische Version gibt die Lebensdaten so an:

Ο Μιχάλης Γκανάς (Τσαμαντάς Θεσπρωτίας, 17 Ιανουαρίου 1944 – Αθήνα, 12 Νοεμβρίου 2024)
17. Januar 1944 in Tsamadas Thesprotias – 12. November 2024 in Athen

Die russische Version (sind das nun alternative Fakten?):

Михалис Ганас (греч. Μιχάλης Γκανάς; 8 ноября 1944 — 12 ноября 2024, Афины)
8. November 1944 – 12. November 2024 Athen.

Der im Trennungslied weiterlebt

Der Dichter Klamer Eberhard Schmidt (1746-1824) ist längst vergessen, aber eins seiner Gedichte wird bis heute vielleicht nicht im Schulunterricht oder in Literatursalons, aber in Konzertsälen vorgetragen – in der Vertonung durch Mozart. Der Dichter über sein Gedicht.

Klamer Eberhard Karl Schmidt 

(Geboren am 29. Dezember 1746 in Halberstadt; gestorben laut Wikipedia am 8. Januar 1824, nach Meyers Konversationslexikon von 1909 aber am 12. November, heute vor 200 Jahren, ebenda)

„Das Lied von der Trennung hat bei seiner ersten Erscheinung mehr Leser gefunden, als es, incorrect, überladen mit Tändeleien der Liebe, wie’s damals war, wirklich verdiente. Herr Kosegarten sang ein schönes Gegenlied darauf… Mehrere Tonkünstler, Mozart darunter, würdigten, es in Musik zu setzen. Briefe voll unverdienten Beifalls empfing ich darüber; und, was ich zuerst hätte sagen sollen, es erwarb und bestätigte mir Elisas [Elisa von der Recke (1754-1833)] und Bodes [Johann Joachim Christoph Bode (1731-1793)] unvergessliche Freundschaft. Alles das zusammengenommen befeuerte mich für diese kleine Dichtung mit einer Art von Vorliebe. Ich legte noch einmal die Feile daran, und versuchte durch drei kleine Schlussstrophen dem Ganzen jenen Geist der Versöhnung und des Friedens mitzuteilen, der bei der ersten Bekanntwerdung von einigen Kennern vermisst wurde.“

Göttinger Musenalmanach 1798

Hier die ersten drei Strophen zum Mitlesen:


Trennungslied

Die Engel Gottes weinen,
wo Liebende sich trennen,
wie werd ich leben können,
o Mädchen, ohne dich?
Ein Fremdling allen Freuden,
leb ich fortan dem Leiden!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!

Im Wachen und im Traume,
werd ich Luisa nennen;
den Namen zu bekennen,
sei Gottesdienst für mich;
ihn nennen und ihn loben
werd ich vor Gott noch droben.
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!

Ich kann sie nicht vergessen,
an allen, allen Enden
verfolgt von ihren Händen
ein Druck der Liebe mich.
Ich zittre, sie zu fassen,
und finde mich verlassen!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!

Noch ein vielleicht aufschlussreiches Zitat aus der Allgemeinen Deutschen Biographie / Deutsche Biographie. Aufschlussreich in mehr als einer Beziehung: früher Ruhm bei den Zeitgenossen, anscheinend erfüllte er aber die hohen Erwartungen nicht, vielleicht auch nur, weil er in Halberstadt blieb? Dann kommen noch die Verwandten ins Spiel, die nach seinem Tod festschreiben, es habe ihm an „Willenskraft“ gefehlt – mit einer interessanten Begründung.

Man glaubte in S. bald nach einander einen Petrarka, einen Catull und zuletzt noch einen Horaz zu erhalten. Im ganzen aber entsprachen die späteren Leistungen nicht den anfänglich erregten Erwartungen. Sein Verbleiben in Halberstadt trug vielleicht dazu bei. Seine Verwandten sprechen ihm in der von ihnen seinen Werken beigegebenen Biographie eine bedeutende Willenskraft ab und geben als Grund hierfür seine poetischen Anlagen an.

https://www.deutsche-biographie.de/pnd10026705X.html#adbcontent

Übrigens auch Beethoven hat eins seiner Gedichte vertont. – Hier mehr über Gedicht und Lied: https://www.zhub.de/pdf/6503.pdf

Jürgen Becker †

Der Schriftsteller Jürgen Becker ist am 7. November im Alter von 92 Jahren in Köln gestorben. Ich lernte ihn zuerst im Studium in den 1970ern als Prosaautor schätzen. Die „Gesammelten Gedichte“ von 1971-2022 umfassen 1120 Seiten. Hier ein Gedicht daraus als kleines Gedenkblatt.

Unterwegs ins nächste Leben

wir müssen bald gehen
draußen die Äste lassen keinen Zweifel
die Wärme in den Mauern trügt
es war ein schönes Hin und Her im Sommer
das Haus stand offen
wir atmeten sorglos
ich hörte dich kommen und dachte an nichts
vorläufig heißt es
unwiderruflich
und niemand will es so wie es kommt
die Hoffnung lassen wir hier
den Eimer lassen wir stehen

Aus: Jürgen Becker, Gesammelte Gedichte 1971-2022. Mit einem Nachwort von Marion Poschmann. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 359

Sage guten Tag

Ein Gedicht von Rosa von Praunheim, das er bei seiner Poetikvorlesung in Leipzig vortrug und kommentierte.

Immer gehe ich zu derselben Frau 
Sage guten Tag
Und spucke sie an
Sie spuckt zurück
Und wir gehen froh auseinander

Was sagt uns das?
Das Anspucken ist ja zum ersten eine Beleidigung, eine Missachtung, eine Erniedrigung, die sich hier umwandelt zu einer positiven Handlung. Steckt dahinter eine sexuelle Befriedigung oder ist es ganz einfach ein Trick, den beschwerlichen Alltag besser zu bewältigen.

Aus: Neue Rundschau 2022/1, S. 154

Filmemachen, Gedichteschreiben, Malen und Zeichnen ist für mich wie Eierlegen. Es sprudelt nur so aus mir raus, und heute kann jeder mit dem Handy selbst Filme drehen und auch schneiden, ohne Geld.

Was Mann oder Frau braucht, sind Phantasie und der Wille zur Kunst.

Ebd. S. 160

Ansichtskarten vom Todesmarsch

Heute vor 80 Jahren, oder ein paar Tage früher, wurde der ungarische Dichter Miklós Radnóti auf einem Todesmarsch von deutschen Bewachern erschossen. Er hatte die Szene Tage vorher beiläufig beschrieben. Du fällst auf dem Marsch vor Entkräftung um und wirst erschossen. Die letzten Gedichte fand man blutverschmiert bei der Leiche. Drei Gedichte aus dem letzten Zyklus „Ansichtskarten“. Wie klingt die deutsche Sprache für Häftlinge auf dem Todesmarsch? Im Gedicht 4 steht zwischen den ungarischen Versen ein deutscher Satz, gebrüllt von einem SS-Aufseher, bevor er den Häftling erschießt: „DER SPRINGT NOCH AUF!“

Miklós Radnóti 

(geboren am 5. Mai 1909 in Budapest; gestorben am 4. November oder 9. November 1944 bei Abda nahe Győr)

RAZGLEDNICÁK

2
Kilenc kilométerre innen égnek
a kazlak és a házak,
s a rétek szélein megülve némán
riadt pórok pipáznak.
Itt még vizet fodroz a tóra lépő
apró pásztorleány
s felhőt iszik a vízre ráhajolva
a fodros birkanyáj.

Cservenka,1944. október 6.

3
Az ökrök száján véres nyál csorog,
az emberek mind véreset vizelnek,
a század bűzös, vad csomókban áll.
Fölöttünk fú a förtelmes halál.

Mohács,1944. október 24.

4
Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf,* – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.

Szentkirályszabadja,1944. október 31.

*) Még felugrik (német).
2
Neun Kilometer von hier flammt von Häusern und Schobern
ein roter Schein.
Verstörte Bauern rauchen stumm ihre Pfeife
am Wiesenrain.

Hier wird noch gekräuselt der Weiher vom Fuße der Hirtin
die in sein Glitzern tritt
und mit dem Wasser trinkt ihre lockige Herde
ein Lämmerwölkchen mit.

Cservenka, 6. Oktober 1944

3
Vom Maul des Ochsen tropfen Blut und Speichel,
die Menschen urinieren alle Blut.
In Knäueln stinkend steht die Kompanie
und über uns der Tod heult wie ein Vieh.

Mohács, 24. Oktober 1944

4
Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.

Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944

Anm. „Der springt noch auf" in der vorletzten Zeile im Original deutsch.

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 90f.