Kerstin Hensel
(* 29. Mai 1961 in Karl-Marx-Stadt, heute wieder Chemnitz)
Statementales Gedicht
In allen Kreisen soll ich kreiseln, doch ich bin
Eiländisch vom Gemüthe her
Ein Kapseltierchen das sich schwer
Öffnen lässt und wenn
Tentakelt es spektakelt es mirakelt es
Als ob's ein Wunder sei
Als ging es um
Die Welt Bin ich
Rundum begrenzt molluskisch hartschalig verklappt
Mit reduziertem Kopf doch mehr
Als Inselwitz den man für Muschelgeld
Apollo spendet
Und die Stunde schlägt
An unsre Ufer wo die Zeit sich wendet.
Aus: Literaturbote 145, September 2024, S. 26
Alfred Richard Meyer alias Munkepunke
(* 4. August 1882 in Schwerin; † 9. Januar 1956 in Lübeck)
Man wird mit Ismen krank gefüttert.
Der Magen ist schon arg erschüttert.
Der Becher-Ismus stinkt zum Himmel.
Der Apfel fällt nicht weit vom Schimmel.
"Hie Baader!" und "Hie Hülsenbeck!"
Der Dadaismus ward längst leck.
Man werfelt, kaisert, bennt und zecht.
Was jenen billig, ist dem recht.
Und publikus grätscht im Spagat
Durch diesen wirren Wortsalat.
Man überschreit sich gell: "O Mensch!"
Ich halt's mit Arno Holz: "Nu wenn sch-"
Schwingt euch hinauf ins Ätherlicht!
Bilde, Künstler! Isme nicht!
Aus: Alfred Richard Meyer (1882 – 1956) Des Herrn Munkepunke Polychromartialisches, antierotischrückendes, philopolemineralogisches, peripathermasthesomet schera aishrepophilais istisches, internationasales, kontramunkepunktiertes GEMISCH-GEMASCH und andere Texte. Mit einem Nachwort hrsg. von Joan Bleicher (Vergessene Autoren der Moderne XIV hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen (2. Auflage) Siegen 1986, S. 20
Raoul Schrott
(* 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol)
Der letzte mündliche Weltschöpfungsmythos entstand um 1850 und stammt von den Maori. Vermittelt wird er von der gerade schwanger gewordenen Ahellegen Moore, die einen Gang mit ihrem Mann in die Höhlen von Waitomo erzählt, wo Glühwürmchen unterirdische Universen aufleuchten lassen.
im anfang war nichts • te kore • das vollkommene nichts
te kore • das nichts in dem nichts bestand • te whinwhia
te kore • ein nichts • te rawea • in dem nichts geschah
i noho a lo roto • i te aha o te ao
he pouri te ao • he wai katoa • kaore he ao • he marama
he maramatanga
alles erstand aus dem nichts und das nichts mehrte sich aus dem nichts kam kraft • fülle • und lebendiger atem und Io war innen war tief und fern im atem des raums im dunkel des alls • überall war wasser doch nirgendwo glomm ein dämmern auf • weder ein horizont noch licht
(…)
he pouri kau • he wa katoa • a
nana i timata tenei kupu : kia noho kore • noho ia • po
ko po whai ao
alles erstand aus dem nichts und das nichts mehrte sich aus der mehrung kam der gedanke • aus dem gedanken kam die erinnerung • aus der erinnerung das begehren
Aus: Raoul Schrott: Erste Erde. Epos. München: dtv, 2018 (zuvor Hanser 2016), S. 35-37
Franz Hodjak
(* 27. September 1944 in Hermannstadt, Rumänien)
DEUTLICHE ANZEICHEN
Wenn einem der Sinn danach steht,
so vor sich hinzugehen und
nichts zu suchen, findet man das meiste.
Ich habe nur eine Holzwanne geerbt
und den Segen Gottes, daß er
die Holzwanne mit genug Wasser füllt,
damit ich immer baden kann.
Träume und Wirklichkeit liegen eng
nebeneinander wie in der
Fußgängerzone Nobelboutiquen
und Billigdiscounter. Wohin man sich
auch dreht, immer sieht man
deutliche Anzeichen, daß etwas
mit der Zeit nicht stimmt. Und jeden
Abend ist man zufrieden mit den
Möglichkeiten, die man hatte,
weil man nie weiß, wie viele
Möglichkeiten man wirklich hatte.
Aus: Sinn und Form 1/2025, S. 84
Johann Wolfgang Goethe
(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)
Epiphanias
Die heilgen drei König' mit ihrem Stern,
Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken und bezahlen nicht gern.
Die heilgen drei König' sind kommen allhier,
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn zu dreien der vierte wär,
So wär ein heilger drei König mehr.
Ich erster bin der weiß und auch der schön,
Bei Tage solltet ihr erst mich sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein.
Ich aber bin der braun und bin der lang,
Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerein,
Da werd ich überall willkommen sein.
Ich endlich bin der schwarz und bin der klein,
Und mag auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedanke mich gern.
Die heilgen drei König' sind wohlgesinnt,
Sie suchen die Mutter und das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.
Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.
Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
Aber keine Ochsen und Esel schaun,
So sind wir nicht am rechten Ort
Und ziehen unseres Weges weiter fort.
Aus: Das große Weihnachtsbuch. Erzählungen und Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Günter Stolzenberger. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2005 (Patmos Verlag GmbH), S. 88f
Paula Ludwig
(* 5. Januar 1900, heute vor 125 Jahren, in Feldkirch, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)
Im Februar 1931 begegnet Paula Ludwig in Berlin ihrer großen Liebe Iwan Goll. Paula vergisst ihren Gefährten, Iwan seine Ehefrau – die beiden bleiben für fast ein Jahrzehnt ein liebendes und miteinander dichtendes Paar.
Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015
Im ersten Jahr ihrer Beziehung schreibt Paula Ludwig den Gedichtzyklus «Dem dunklen Gott» (1932).
Die heimlichen Hüften einer Hindin
regen süß mein Gebüsch auf.
Mit schmalen Augen
lauscht sie seitlich auf meinen Herzschlag.
Mein dunkler Hain macht sie zittern.
Sie will entfliehn.
Aber schon bin ich groß wie ein Wald
ganz ohne Ausweg.
Aus: Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015 (Originalausgabe Dresden: Wolfgang Jess Verlag, 1932)
Gestern gab es eine Konjunktion von Mondsichel und Venus – zwischen 16 und 20 Uhr sah ich das himmlische Rendezvous in immer neuen Konstellationen. Da gehe ich noch einmal zu der vietnamesischen Dichterin Ho Xuan-Huong zurück. Scherzen mit Schwester Mond, las ich da, bedeutet bei ihr eine erotische Beziehung. Hier eins ihrer Mondgedichte.
Ho Xuan-Huong
(1772-1822)
Fragen an Schwester Mond
Seit Hunderten von Jahren
wandelst Du schon am Firmament.
Warum bist Du einmal halb
und einmal voll?
Wie alt ist der weiße Hase dort bei Dir?
Und Du selbst, Schwester Mond,
wieviele Kinder gebarst Du schon?
Weshalb schlenderst bei einsamer Nacht
Du um den purpurroten Palast herum?
Warum errötest bei hellem Tag
Du vor der goldenen Sonnenscheibe?
Während der fünf Nachtwachen
strolchst Du vorbei —
auf wen wartest Du?
Oder hast Du
ein intimes Verhältnis
zu den Flüssen und Bergen?
Anm.: Nach der vietnamesischen Mythologie wohnt ein weißer Hase auf dem Mond.
Aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. [Ho Xuan-Huong]. München: Simon & Magiera, 1985, S. 45



Mond und Venus (im dritten Bild kommt noch jemand dazu)
Ein Gedicht in englischer Übersetzung (John Balaban) und gesungen auf Vietnamesisch. https://www.johnbalaban.com/wp-content/uploads/2019/03/hồ-xuân-hương-poem.mp3
Hồ Xuân Hương (Hán tự: 胡春香; * 1772; † 1822) war eine vietnamesische Dichterin. Sie wurde zum Ende der Späteren Lê-Dynastie geboren, erlebte den Aufstieg und den Fall der Tây Sơn-Dynastie und starb zum Anfang der Nguyễn-Dynastie. Sie schrieb ihre Gedichte in chữ Nôm*, wird oft als die größte Dichterin Vietnams bezeichnet. (…) Die Inhalte und Gedanken ihrer Gedichte waren ebenfalls sehr stark umstritten, dementsprechend auch das Urteil. Dennoch war es unbestritten, dass sie in Form und Kunstfertigkeit einen bis dahin unerreichten Gipfel der vietnamesischen Literatur schuf. Der zeitgenössische vietnamesische Dichter Xuân Diệu bezeichnet sie als „Königin der chữ Nôm-Dichtung“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hồ_Xuân_Hương
*) Das klassische Schriftsystem der vietnamesischen Sprache, bei dem chinesische Schriftzeichen rein phonetisch benutzt werden, um die vietnamesischen Laute wiederzugeben. Es wurde seit dem 15. Jahrhundert benutzt. Im 19. Jahrhundert entstand ein vietnamesisches Alphabet auf Basis des lateinischen – heute können nur wenige Vietnamesen Nom lesen.
Ho Xuan-Huong
(1772-1822)
Loblied auf ein lediges schwangeres Mädchen
Zu weich war ich,
nun finde ich mich in solch heikler Lage.
Schmerzlich ist mein Mißgeschick,
weißt Du es, Geliebter?
Unsere vom Himmel bestimmte Zweisamkeit
hat noch keinen hochragenden Kopf.
Mein Mädchenschicksal,
schon nimmt es horizontale Ausmaße an.
Diese Schuld
trägst Du Geliebter, hundert Jahre lang.
Die Frucht unserer Liebe
trage ich dennoch mit Freuden.
Böser Klatsch und Häme der Welt
lassen mich ungerührt.
Ist es doch gut, ein Kind zu erwarten,
selbst ohne vermählt zu sein.
In Vietnam wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach konfuzianischem Gesetz eine unverheiratete Schwangere als kriminell angesehen und zur Todesstrafe (für Mutter und Kind) verurteilt.
Hier verteidigt die Dichterin offenkundig ledige Mütter und verdammt entschieden die scheinheiligen und barbarischen Gesetze der Männerherrschaft ihrer Zeit.
Gedicht und Kommentar aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. München: Simon & Magiera, 1985, S. 33. (Obwohl der Name der Autorin nicht im Titel der deutschen Ausgabe auftaucht, handelt es sich um eine Auswahl der Gedichte von Ho Xuan-Huong.)
Aus dem Nachwort des Herausgebers:
„In der Sozialgeschichte und Literatur Vietnams nimmt die Dichterin Ho Xuan-Huong (ca. 1772-1822) wahrhaft einen großen revolutionären Rang ein und gilt als eine bahnbrechende Heldin des Volkes im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und der Schwachen, der Armen und Ausgebeuteten in der damaligen Zeit. (…)
Fast alle ihre Gedichte beziehen sich unmittelbar oder in Anspielungen auf das Geschlechtliche, die Körperteile und Organe oder den geschlechtlichen Akt. Alles, was die scheinheilige, dekadent konfuzianistische DAO NHO im damaligen Vietnam unter frömmelndem, moralistischem Deckmantel streng verbarg und als unmoralisch, blasphemisch, königsfeindlich, ordnungsstörend, gesellschaftsschädlich, literarisch unwürdig… bezeichnete, wurde von ihr mit Sorgfalt und Hingabe öffentlich gepriesen und in großer Dichtkunst und mit feinem, hintergründigem Humor besungen. Und all dies zu einer Zeit, in der nur die sog. „Tugendtragende Literatur“ (van tai-dao) erlaubt war, d.h. Preisung der absoluten Königstreue, des blinden Gehorsams, Verherrlichung der Männer und eines naturwidrigen keuschen Witwentums.“
Mit antiautoritärem Mut verfocht Ho Xuan-Huong als erste Frau der gehobenen Gesellschaftsschicht (sie war Nebenfrau eines Distriktchefs) leidenschaftlich freiheitliche Ideen und die Emanzipation der Frauen – noch ehe etwa George Sand (1804-1876) oder Félicien Rops (1833-1898) am europäichen Himmel aufstiegen.“

Das letzte Heft des Jahrgangs 2024 der Sprache im technischen Zeitalter kam spät im Jahr. Vor zwei Monaten wurden Abonnenten gefragt, ob sie das Heft in Zukunft weiter auf Papier oder digital lesen wollen. Was immer das bedeutet. – Aus dem aktuellen Heft hier ein Gedicht von
Uta Gosmann
BLÄTTERNACKT
Wir hüllen uns
in die Blätter
der Bücher, suchen
Hautkontakt.
Je besser
sie passen,
desto enger
schmiegen
wir uns ein,
wickeln uns
in dieses teuerste
Kleid; denn
ohne Worte
prasentiert uns
nichts. Wir sind
für kurze Zeit,
was sie beschreiben,
doch fällt
mit jedem Blättern
die Seite
wie das Kleid,
am späten Abend
abgetragen,
von uns ab,
so dass wir
wieder stehen
blätternackt.
Aus: Sprache im technischen Zeitalter 252, Dezember 2024, S. 394
Georg Maurer
(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn, heute Rumänien; † 4. August 1971 in Potsdam)
TRÜBE STUNDE
Mein Herz verläßt mich, springt mir nicht bei.
Einen Arzt brauch ich. Der könnt mir wohl helfen.
Schuldig ist er und nennt es krank sein.
Lippe liegt auf Lippe wie Zentner auf Zentner.
Wie soll ich leben als Stummer –
Alles hat er zu sagen und nennt es stumm sein.
Die Sonne seh ich nicht und den Mond nicht.
Was soll ich auf der Welt als Blinder –
Er scheut sich zu sehn und nennt es blind sein.
Das Jahr ist zu End, und das End ist nicht gut.
Man soll seinen Tag nicht loben vor dem Abend.
Neujahr ist, und er nennt es Jahrend.
Aus: Georg Maurer, Bäume im Rosental. Gedichte. Herausgegeben von Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 78f. – Das Gedicht stammt aus dem Band Gespräche (geschrieben 1964/65, erschienen 1967).
Radmila Lazić
(serbisch Радмила Лазић; * 26. Dezember 1949 in Kruševac, Serbien, lebt in Belgrad)
Weiblicher Brief
Ich will nicht gehorsam und bescheiden sein,
Schmeichlerisch wie eine Katze, ergeben wie ein Hund;
Mit einem Bauch bis an die Zähne,
Mit Händen im Teig,
Mit einem Gesicht weiß vom Mehl,
Mit einem Kohlenherz,
Mit seiner Hand auf meinem Hintern.
Ich will nicht der Willkommwimpel
Auf seiner Hausschwelle sein.
Nicht unter der Schwelle die Hausgeist-Schlange,
Weder Schlange noch Eva, aus der Genesis.
Ich will nicht zwischen Tür und Fenster gehen,
Um zu horchen und Schritte
Von nächtlichen Geräuschen zu unterscheiden.
Ich will nicht der bleiernen Bewegung des Zeigers folgen,
Nicht dem Fall der Sterne –
Damit er sich betrunken in mich einschlammt wie ein Elefant.
Ich will nicht mit einem Gobelin-Stich
Ins Familienbild eingefädelt sein:
Am Kamin mit Knäueln von Kindern
Im Garten mit Welpen der Kinder.
Ich aber, wie ein Schattenbaum,
Ich aber, wie eine Winterlandschaft.
Eine Statuette unter dem Schnee,
Ich werde im Traukleid mit Falten und Volanten
In den Himmel fliegen.
Halleluja! Halleluja!
Ich will keinen Bräutigam.
Graues Haar will ich,
Buckel und Korb will ich,
Um in den Wald zu gehen,
Erdbeeren zu pflücken
Und Reisig zu sammeln.
Damit alles bereits hinter mir ist,
Auch das Lächeln jenes Jünglings
Damals so lieb
Und durch nichts zu ersetzen.
1988/89
Deutsch von Robert Hodel, aus: Hundert Gramm Seele. Serbische Poesie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Leipziger Literaturverlag, 2011, S. 97/99
Elke Engelhardt
Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte
Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.
Es gab Ausnahmen.
Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.
Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.
Aus: Literaturbote 145, September 2024, S. 145
Nourida Ateschi (Nuridə Atəşi)
(* 22. August 1965 in Oğuz, Aserbaidschanische SSR, lebt in Berlin)
Nuridə Atəşi (Gadirova) wurde im Jahre 1965 in Nord-Aserbaidschan geboren, wo sie ihre Kindheit in den Bergen auf Pferderücken verlebte. Mit 9 Jahren begann sie, Gedichte zu schreiben. Ihr erstes Gedicht wurde 1982 veröffentlicht und beschreibt offene persönliche Bekenntnisse, die in Aserbaidschan ungewohnt waren und die nicht überall auf Zustimmung stießen. Die Türen des Literarischen Forums schlossen sich dann zehn Jahre für sie. Fortan schrieb sie unter dem Pseudonym »Ateshi« (die Feurige), weil sie selbst von der Familie und dem Ehemann im Schreiben unterdrückt wurde. 1993 wurden Gedichte von ihr durch den bekannten Komponisten Faiq Sucaddinov vertont. Das Lied »Was würdest Du mit mir tun?« wurde über Nacht bekannt und Hit des Jahres. 1995 siedelt Nuridə nach Berlin über, wo sie ihr kaukasisches Temperament, klassische orientalische Literatur und eine naiv-ursprüngliche Anschauung in die deutsche Dichtung einbrachte. Viele achten sie dafür, dass sie Feminismus, Erotik, weibliche Leidenschaft in die moderne aserbaidschanische Literatur eingebracht hat, manche fühlen sich dadurch provoziert und in ihren traditionellen Vorstellungen verletzt. Sie schreibt in türkischer, aserbaidschanischer und deutscher Sprache. Bis jetzt hat sie 13 Bücher veröffentlicht. Neben Lyrik schreibt sie auch Publizistik, Texte zur Forschung und übersetzt.
Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 207
Was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dir mein Herz aufschließe
und mein Weh dich sehen ließe,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn meine Wunde Salbe brauchte,
mein Herz nur deinen Beistand brauchte,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dich aufhalte mit Tränen,
vor deiner Türe steh mit Stöhnen,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dir sag, daß ich nur dein bin,
wenn ich dir sag, daß ich dich liebe,
und sag, daß ich nach dir verrückt bin,
und sag, daß ohne dich ich tot bin,
was würdest du dann mit mir tun?
was würdest du tun?
Aus: Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. [Zweisprachig] Übertragen von Nourida Ateschi & Jan Weinert. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 169
2024 erschien das 145. Heft der Zeitschrift „Literaturbote“. Es ist dicker als sonst, stolze 160 Seiten Lyrik und Prosa, zusammengestellt von „Gastherausgeberin“ Beate Tröger. Eine schöne Anthologie – und leider auch der Schwanengesang der Zeitschrift, die damit ihr Erscheinen einstellt. Viele starke, spannende Texte darin, es fällt mir schwer, einen einzigen als repräsentativ auszuwählen. Vielleicht werde ich mehrere auswählen? Heute als Leseprobe (sichern Sie sich ihr Exemplar bei einer guten Buchhandlung oder beim Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V.) ein Gedicht von Irina Bondas, die ich bisher nur als Übersetzerin kannte.
Irina Bondas
(geboren 1985 in Kyjiw, lebt in Berlin)
Aus AHNEN
[in Arbeit]
Wenn die Seele in die namenlose Stadt kommt, da ruht sie aus.
Meister Eckhart
diese Anhäufung Erde
aufgebrochen aus seltener Unscheinbarkeit
könnte alles Mögliche sein
wenn Du so willst
geöffneter Feldrücken
Schädel, Knochen, Kadaver
wesende Wurzeln, taubes Gestein
und es bleibt mir, Dir zu vergeben
Dein irrlichterndes Fehlen
Deinen anmaßenden Appetit
die sture Beschwörung
Dein Allein, zeitlos
das Woanders Gewalt
Dein Recht ohne Recht
Deinen anhaltenden Tod
diese schlampige Liebe für nahezu Menschliches
wer, wenn nicht ich
Aus: Literaturbote 145, September 2024. Gastherausgeberin Beate Tröger. Frankfurt/Main: Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V., S. 106
Jakob Haringer
(* 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; † 3. April 1948 in Zürich)
Gebet um Sünde
O Gott! Aus diesen lauen grauen Tagen
Glüh mich zur Sünde hin, weil mich so friert –
Eh daß mein Herz vereist in frommen Sagen,
Mach mich ein bißchen teuflisch und vertiert.
Ihr toten Tage, ausgehöhlt, entgöttert,
Wie ungewürzte Speise leer und schal,
Sauer wie Schweiß um blöd vertane Arbeit –
Ihr Toten – ach erstickt mich tausendmal;
Wie Wein, in den es jahrelang geregnet.
Auf euch ruht nimmer Gottes Mutterhand ...
Behängt mit meinen nie geweinten Tränen,
Mit meiner letzten Wünsche Kindertand.
Wo ist der Engel, der da gut und weise
Euch wachsen ließ wie Veilchen aus dem Schnee?
Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.
O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.
O laß mich lieber dir mit Sünden danken ...
Die Sünden weinen sich die Augen aus.
Die Heiligen mit ihren Löwenpranken
Zerschlagen ganz mein armes Blumenhaus.
Aus: Gustav Noll: Arsenal. Poesie deutscher Minderdichter vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Ausgewählt, bearbeitet, eingeleitet, mit Dichterbiographien versehen und herausgegeben von Bernd Thum. Berlin: Propyläen Verlag, 1973, S. 829
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