Ernest Bryll
(* 1. März 1935, heute vor 90 Jahren, in Warschau; † 16. März 2024 ebenda)
Seit Jahrhunderten lügt man uns ein Griechenland vor –
weiß und edel, wie der Mäander von Platos Reden,
strotzend von Säulen, die nur geborsten, daß sie sich
schöner ausnehmen in den Skizzenheften der Damen.
Nichts vom Gestank der Leber – züchtig
wie eine ältliche Jungfer zwickt der Geier Prometheus.
Nichts von unziemlicher Geilheit – Zeus berührt
Europa kaum mit dem Horn.
Ehrwürdige Landschaft,
wo Sokrates starb, um dem Gesetz Genüge zu tun.
Heimat des Goldenen Schnittes und dorischer Ordnung,
noch mit Demosthenes, dem man schon so viel Steine
an Sinnsprüchen in den Mund gelegt, daß nicht Zeit bleibt,
seiner Gedanken sich zu erinnern...
Alle Verbrechen sorgsam getrocknet,
glatt gepreßt in den Nachschlagewerken. Blut allenfalls,
um Leidenschaft in die Kommentare zu bringen.
Süßer als Ambra die Luft – der drakonische Tod
für den Raub eines Apfels ins fade Stichwort verbannt.
Gehäutet
vom felldicken Ocker, vom rohen Azur stehen
die Tempel, zur Würde strenger Regeln erhoben,
in unsrem Gedächtnis so überaus makellos
wie vielbeiniger Tiere uninteressantes Skelett.
Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: POLNISCHE LYRIK AUS FÜNF JAHRZEHNTEN. Hrsg. v. Henryk Bereska u. Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, 2. Aufl. 1977, S. 389
Ganz am Ende der neuen Ausgabe des famosen Schreibheft (#104, Februar 2025, S. 146) unter den Angaben zu den Autoren steht ein Gedicht von Urs Allemann, gut versteckt und nicht im Inhaltsverzeichnis.
Urs Allemann
(* 1. April 1948 in Schlieren; † 24. November 2024 in Goslar)
RAUS AUS DEM REIN IN DEN KRIEG
Als ich mitkriegte, dass ich kein Ge-
dicht mehr hinkriegte, kriegte ich Angst.
Hätte, um die Angst wegzukriegen,
zu gern rausgekriegt: Alter – wovor?
So ... Gleich hat sichs ausge-
Kriegt ... Krieg keine Luft ...
„Keine Luft" oder „keine Luft mehr"?
Würd zu gern wen rumkriegen dazu,
das noch rasch für mich auf die Reihe
zu kriegen.
Gern kann paar in die Fresse kriegen,
wer es über sich kriegt zu de-
kretiern: Kriegst du selber gebacken!
„Paar" oder „eins"? Gleich
krieg ich die Krise.
Kenneth Koch
(Geboren am 27. Februar 1925, heute vor 100 Jahren, in Cincinnati, Ohio, gestorben am 6. Juli 2002 in New York City, amerikanischer Dichter der New York School)
Aus: Die Dichtkunst
Um ein Gedicht zu schreiben, ist tadellose körperliche
Verfassung
Wünschenswert, jedoch keineswegs nötig. Keats hat
Bei schlechter Gesundheit geschrieben, D.H. Lawrence
ebenso. Ein Zusammenwirken
Von Krankheit und Alter ist hinderlich beim Dichten, aber
Keines von beiden für sich allein genommen, es sei denn
Arteriosklerose, sprich
Verkalkung der Gefäße, doch wollen wir das als eine mit dem Alter
Einhergehende Erkrankung verbuchen und somit als
negativen Begleitumstand.
Geistige Gesundheit ist sicher keine Grundbedingung für
Die Erschaffung poetischer Schönheit, allerdings scheint ein
gewisses Maß
Davon günstig, bis auf seltene Ausnahmefälle. Schizophrene Dichtung
Ist gern vage, zusammenhanglos, unkritisch gegenüber sich
selbst, in mancherlei Hinsicht also
Ähnlich den besten Beispielen unserer modernen Dichtkunst,
Andererseits aber verschieden von diesen in ihrem
mangelnden Sinn
Für Verdichtung und feinere Nuancen. Ein paar große Werke
Von angeblich «wahnsinnigen» Dichtern sind uns natürlich
allen vertraut,
Etwa die von Christopher Smart, bloß frage ich mich, wie
verrückt sie eigentlich waren,
Diese Dichter, die derart anspruchsvolle Versgebilde schaffen konnten.
Blake und «wahnsinnig», das erscheint mir schon sehr unwahrscheinlich.
Aber wie steht's mit Wordsworth? Nicht verrückt, meine ich,
doch was ist mit seinem späteren Werk, langweilig
Bis an die Grenze des Schwachsinns, und erst seine
zerstörerischen «Korrekturen»
Am Prelude, während das Gedicht weitergründelte durch die Untiefen der Kunst!
Er war wirklich schauderhaft nach seiner «Ode:
Intimations of Immortality from Recollections of Early
Childhood», weitestgehend
Jedenfalls, finde ich. Auch Walt Whitmans «Korrekturen» an
seinen Leaves of Grass,
Und speziell dem «Song of Myself», sind beinah durchweg fürchterlich.
Gibt es überhaupt einen Weg, seine alten Tage zu erreichen
und Ruhm und Anerkennung,
Voll Stolz auf das Geleistete und im Wissen um
gesellschaftliche Akzeptanz,
Ohne daß man lausiger und lausiger wird und jegliches Talent
flöten geht? Ja,
Yeats zeigt, daß das klappen kann. Und Sophokles hat
gedichtet, bis er hundertundeins war
Oder hundert, immerhin, hat Wein gesoffen und die Nächte durchtanzt,
Allerdings war der ein Alter Grieche und hilft uns
möglicherweise hier nicht. Dann
Wiederum vielleicht sehr wohl. In gewissem Sinne geht es offenbar
Darum, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln und dabei
doch jung zu bleiben –
(...)
Deutsch von Uli Becker, aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Nr. 16, Oktober 2000, S. 87/89
From: The Art of Poetry
To write a poem, perfect physical condition
Is desirable but not necessary. Keats wrote
In poor health, as did D. H. Lawrence. A combination
Of disease and old age is an impediment to writing, but
Neither is, alone, unless there is arteriosclerosis-that is,
Hardening of the arteries—but that we shall count as a disease
Accompanying old age and therefore a negative condition.
Mental health is certainly not a necessity for the
Creation of poetic beauty, but a degree of it
Would seem to be, except in rare cases. Schizophrenic poetry
Tends to be loose, disjointed, uncritical of itself, in some ways
Like what is best in our modern practice of the poetic art
But unlike it in others, in its lack of concern
For intensity and nuance. A few great poems
By poets supposed to be «mad» are of course known to us all,
Such as those of Christopher Smart, but I wonder how crazy they were,
These poets who wrote such contraptions of exigent art?
As for Blake's being «crazy,» that seems to me very unlikely.
But what about Wordsworth? Not crazy, I mean, but what
about his later work, boring
To the point of inanity, almost, and the destructive
«corrections» he made
To his Prelude, as it nosed along, through the shallows of art?
He was really terrible after he wrote the «Ode:
Intimations of Immortality from Recollections of Early
Childhood,» for the most part,
Or so it seems to me. Walt Whitman's «corrections,» too, of
the Leaves of Grass,
And especially «Song of Myself,» are almost always terrible.
Is there some way to ride to old age and to fame and acceptance
And pride in oneself and the knowledge society approves one
Without getting lousier and lousier and depleted of talent? Yes,
Yeats shows it could be. And Sophocles wrote poetry until he
was a hundred and one,
Or a hundred, anyway, and drank wine and danced all night,
But he was an Ancient Greek and so may not help us here. On
The other hand, he may. There is, it would seem, a sense
In which one must grow and develop, and yet stay young—
Ebd. S. 86/88
Dagmar Nick
(* 30. Mai 1926 in Breslau)
Aussichten
Im Sog dieser Sterbezeit
werden die Wände durchlässig, durch die
ich entschwinde, wenn mein Körper
abgekühlt mich nicht mehr vermißt,
eine verlassene Wohnstatt.
Welche Aussicht, auf einem kosmischen Strahl
dahinzuschießen, um in der Kuppel des Alls
eine Pirouette zu drehen und mit abgehalfterten
Göttern Witze zu reißen über Bücher
von Theologen und Altphilologen.
Welche Aussicht.
Aus: Das Gedicht. Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik. #32. Menschlichkeit. Die Poesie der Nähe. Weßling bei München: Anton G. Leitner Verlag, 2024
Heute vor 300 Jahren wurde Karl Wilhelm Ramler im pommerschen Kolberg geboren. In Berlin wurde er zu einem führenden Dichter der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, den deutschen Horaz nannte man ihn. Überschwänglich schreibt der Brockhaus 1909:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4. Amsterdam 1809Kraft und Kürze des Ausdrucks, hohe Begeisterung und lyrischer Schwung sind ihm in einem sehr hohen Grade eigen; und wenn er in seinem Fluge nicht ganz den Sänger des Messias erreicht, so besitzt er dafür das Verdienst, faßlicher und weniger abstract in seinen Darstellungen zu sein. Seine Gesänge zum Lobe Friedrichs des Einzigen, dessen Größe ihn zum feurigsten Enthusiasmus entflammte, sind wirklich Muster der höhern Poesie. Durch seine Umänderungen und Verbesserungen älterer und neuerer Deutscher Gedichte machte er sich theils um die Literatur, theils um den guten Geschmack sehr verdient.
Doch wie es so geht, die jüngeren Zeitgenossen verdrängten seinen Ruhm mit der Zeit. Enthusiastisch feierte er den Kriegshelden Friedrich, er besang die Belagerung Kolbergs durch die Russen und Schweden und wie „von der Russischen Artillerie eine Kugel aus einer ungewöhnlichen Ferne bis mitten in die Stadt getrieben wurde“, aber es gibt auch ein paar Gedichte, die den Helden fluchen und nach Frieden flehen.
An den Frieden
(1760)
Wo bist du hingeflohn , geliebter Friede ?
Gen Himmel , in dein mütterliches Land ?
Hast du dich , ihrer Ungerechtigkeiten müde ,
Ganz von der Erde weggewandt ?
Wohnst du nicht noch auf einer von den Fluren
Des Oceans , in Klippen tief versteckt ,
Wohin kein Wuchrer , keine Missethäter fuhren ,
Die kein Eroberer entdeckt ?
Nicht , wo , mit Wüsten rings umher bewehret ,
Der Wilde sich in deinem Himmel dünkt ?
Sich ruhig von den Früchten seines Palmbaums nähret ?
Vom Safte seines Palmbaums trinkt ?
O ! wo du wohnst , laß endlich dich erbitten :
Komm wieder , wo dein süßer Feldgesang ,
Auf heerdevollen Hügeln und aus Weinbeerhütten ,
Und unter Kornaltären klang.
Sieh diese Schäfersitze , deine Freude ,
Wie Städte lang , wie Rosengärten schön ,
Nun sparsam , nun wie Bäumchen auf verbrannter Heide ,
Wie Gras auf öden Mauern stehn.
Die Winzerinnen halten nicht mehr Tänze ;
Die jüngst verlobte Garbenbinderin
Trägt , ohne Saitenspiel und Lieder , ihre Kränze
Zum Dankaltare weinend hin.
Denn ach ! der Krieg verwüstet Saat und Reben
Und Korn und Most ; vertilget Frucht und Stamm ;
Erwürgt die frommen Mütter , die die Milch uns geben ,
Erwürgt das kleine fromme Lamm,
Mit unsern Rossen fährt er Donnerwagen ,
Mit unsern Sicheln mäht er Menschen ab ;
Den Vater hat er jüngst , er hat den Mann erschlagen ,
Nun fodert er den Knaben ab.
Erbarme dich des langen Jammers ! rette
Von deinem Volk den armen Überrest !
Bind' an der Hölle Thor mit siebenfacher Kette
Auf ewig den Verderber fest.
Aus: Karl Wilhelm Ramlers poetische Werke. Erster Theil: Lyrische Gedichte. Berlin: Sandersche Buchhandlung 1825, S. 44-46. (Reprints seiner Werkausgabe erschienen bei de Gruyter).
Zum 3. Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine ein Gedicht des ukrainischen Dichters Serhij Zhadan, der aus der Oblast Luhansk stammt, von der Russland große Teile besetzt hält, die widerrechtlich an Russland angeschlossen wurden und die offensichtlich jetzt von Trump endgültig verraten und verkauft werden soll. (Und von der auch viele in Westeuropa sagen, das seien ja ohnehin Russen und dergleichen.) Ein Gedicht aus der ersten Phase des Krieges, 2014.
Serhij Zhadan (ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, Serhij Wiktoriwytsch Zhadan, englisch Serhiy Zhadan; * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk)
Milizschule. September 2014.
Sie sitzen an der Wand, im Schatten, in den der
Scharfschütze nicht vordringt.
Ziegelschutt, Konservendosen, gefüllt mit Regenwasser.
Draußen vor dem Schultor Straßen, aus denen sich der
Sommer zurückzieht.
Einer sitzt zur Sonne hin, schwarz wie sein eigener Grabstein.
Den Rücken an die heißen Kacheln der Milizschule gelehnt.
»Sing mit uns«, lachen wir ihm zu, »was ist? Na, komm schon!«,
sagen wir zum schwarzen Schatten, dessen Augen man
nicht sieht.
Doch er winkt ab. »Ich bin kein Sänger«, sagt er lässig,
»Ich bin ein Mörder.«
»Ich bin ein Mörder«, wiederholt er, es klingt wie: »Ich
bin Briefträger,
ich arbeite als Briefträger.«
»Singt ohne mich«, sagt er lächelnd und mustert uns.
»Ihr singt, ich höre zu und halte Wache.«
Der schwarze Herbst 2014. In den Schulkasernen sitzen
Freiwillige.
Auf den Feldern vor der Stadt faulen die Sonnenblumen
und die Gefallenen.
Die Sonne ist heiß wie eine Melone in der verbrannten
Schwarzerde.
»Singt ohne mich«, sagt er müde,
und alle singen.
In seinem Rücken die Stadt mit den zerbombten Schulen.
In seinem Rücken das Feld,
von dem schon die zweite Woche keiner die Gefallenen
räumt.
In seinem Rücken die Sonne, die Sonne des frühen
Septembers,
eine erstarrte Sonne, die hier keinen mehr wärmt.
Er schaut zu uns und sieht Bäume in unserem Rücken.
Rote Kiefern im glitzernden Sand.
In unserem Rücken ist nur süßer Nebel.
In unserem Rücken ist kein Toter.
Wir können ihn noch so oft ansingen,
können ihn noch so oft in unsere Runde rufen,
ihn mit unseren Stimmen aus der Dunkelheit ziehen,
wir werden nie wieder mit ihm singen,
die verlorene Stimme schmerzt wie ein abgetrenntes Glied.
Die Sonne steht über den roten Kiefern.
Wir wissen genau, woraus unsere Geschichte gemacht wird.
Die Geschichte ist der Schatten, den die Lebenden werfen.
Und der Schatten, den die Toten werfen, das ist auch
Geschichte.
Aus: Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 130f
(In der deutschen Wikipedia schreibt man seinen Namen Schadan. Das ist unglücklich, weil es im Deutschen dann meist stimmlos wie in Schaden gesprochen wird. Es ist aber stimmhaft wie im französischen génie oder jour. Bei Suhrkamp schreibt man deshalb Zhadan, wie im Englischen. Viele aus diesen Sprachräumen benutzen diese Schreibweise in ihren Pässen. Vielleicht könnten wir das zh zur Unterscheidung zwischen stimmhaftem und stimmlosem Laut in unsere Sprache einführen, weil die Buchstabenkombination zh sonst nicht vorkommt. Wir schreiben ja auch nicht Schenie, Schurnal… – In der DDR schrieb man sh für den stimmhaften Laut, das war jedenfalls genauer. Solshenizyn (Ost) vs. Solschenizyn (West). Beim s machen wir das ja schon oft und unterscheiden zwischen stimmhaftem s wie im Deutschen Suse und stimmlosem ss wie in Jessenin, Odessa, wo im Russischen bzw. Ukrainischen nur einfaches stimmloses s steht. Bloß am Wortanfang machen wir das nicht, Herz, serdze, müsste genauer sserdze oder ßerdze lauten. – Ich weiß, es wird keiner auf mich hören, aber ein bisschen Augenmerk auf eine etwas genauere Aussprache bewiese schon Respekt, finde ich.)
Und wieder ein 80. Geburtstag. Wir gratulieren dem australischen Dichter Robert Gray (* 23. Februar 1945)! Gray schreibt manchmal sehr kurze Gedichte. Dies ist ein langes (Lesezeit 4 Minuten, sagt die KI).
Das Leben eines chinesischen Dichters
Er wurde in Tai-yuan geboren und erlebte die Herrschaft
sechs verschiedener Kaiser,
und schrieb in neunundachtzig Jahren fünftausend Gedichte, in
reimender Prosa oder als Lieder für die ch'in.
Es könnte scheinen, daß er alt war von Geburt an. Sein Leben war
völlig ereignislos,
abgesehen von der stets erinnerten Liebe, die er für eine gewisse
Kurtisane empfunden hatte.
Seine Mutter untersagte ihm, dieses Mädchen zu heiraten, das
»Duftende Jade« hieß,
und bald darauf wurde er als kleiner Beamter in die ferne Provinz
Fukien versetzt.
Dort entdeckte er von Zeit zu Zeit den Trost der Natur – ihre
Lebhaftigkeit und ihre unausdenkbare Wirklichkeit.
Er schreibt von den wilden Bergen, die Zacken hatten und wie
Hundezähne glitzerten
und die man durch die hängenden Blumen der weißen Wege
hindurch sehen konnte.
Er bewunderte auch den Fluß, von dem er sagte, er sei wie der große
Drache des Ch'i,
der sich in alle zwölf Richtungen verzweigte, wenn er die fünf
Elemente unterwarf.
Von Jugend an war es sein Traum, sich in Waffen gegen die
Goldenen Tartaren zu erheben,
aber die nördlichen Grenzen waren nun gesichert; es gab keine
Kämpfe mehr, nur eine endlose Langeweile.
Mit vierundfünfzig Jahren ging er in sein Heimatdorf zurück, ohne
jemals befördert worden zu sein,
besorgt über das, was er vom Luxus und von der Zügellosigkeit am
Hofe gehört hatte.
In seinem Werk träumte er vom »gewaltigen Rauch« der Kampfwagen,
die über die Ebene rasten;
er beschrieb die nächtlichen Reisen zu fernen Vorposten, auf einem
Fluß, der vom weiß starrenden Mond in Ketten gelegt war.
Obwohl er sich selbst zum »Eremiten vom moosigen Grund« stilisierte
und von sich behauptete, er sei wild, jähzornig und trunken,
schien er sich nach der Gesellschaft anderer Dichter zu sehnen.
Er hatte ein Mädchen aus dem Dorf geheiratet, als dieses fünfzehn
war, und verbrachte die meiste Zeit still in seine Bücher verloren.
Sein Studium der taoistischen und zen-buddhistischen Lehren
steigerte sein Entzücken an der Natur.
Berge, Blumen und Bäume wurden seine Gefährten.
Bei regnerischem Wetter legte er seine Studien beiseite und stapfte
zur Wirtschaft, um mit den Landarbeitern zu trinken.
»Die Wirtschaft in unserem Städtchen verkauft Tag für Tag
eintausend Gallonen Wein. Die Leute sind glücklich, warum
sollte ich allein traurig sein?«
In seiner Liebe zur Schönheit war er vollkommen aufrichtig. Das
Ding, das er gesehen hatte, erschien auf dem weißen Papier. Ein
Gefühl überbordenden Lebens.
Ein chinesischer Kritiker sagte: »Seine Poesie hat die Einfachheit des
täglichen Sprechens. In ihrer Einfachheit ist Tiefe, in ihrer
Wehmut Ruhe.«
Als er einundachtzig Jahre alt war, erhoben sich einmal mehr die
Mongolen und ritten eine Attacke gegen die Himmlische Horde;
die Armeen der Sung wurden in einem fort besiegt und sogar aus
Szechuan vertrieben.
Einmal mehr meldete er sich freiwillig für den Eintritt in die Armee,
aber im Tumult in den Korridoren der Provinzhauptstadt wurde er
zur Seite geschoben und nicht weiter beachtet.
Er gab die Hoffnung auf, sich vor seinem Tod im Kampf zu sehen,
und kehrte angeekelt in sein Dorf zurück
Seine Lieder wurden nun von Maultiertreibern auf fernen Pässen
gesungen, von Mädchen, die Seide in den Flüssen wuschen.
In der Hauptstadt wurden sie bei Weingelagen deklamiert, und
geflüstert an den Ufern des Kaiserlichen Sees.
Er wurde, auch wenn er sich kaum zeigte, in seinem Dorf verehrt,
doch eines Morgens sprach sich herum, daß er hoffnungslos
erkrankt sei.
Alles wurde vorbereitet – der schmale Sarg, die zwei dicken Decken
und das Geld für die Mönche;
die Erde aus seinem Grab wurde auf den Hügel geworfen, und auch
der Weihrauch wurde gekauft, der zwischen den Gräbern
hier glimmen würde.
Doch dann, am nächsten Morgen, setzte er sich auf dem Lager auf
und bat, ihm Wein vom Markt zu bringen;
er hatte die Jalousie hochgerollt für einen freien Blick nach Süden
und schrieb einige tadellose Verse, in tonal regelmäßiger,
siebensilbiger Form.
Deutsch von Joachim Sartorius, aus: Schwindendes Licht. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe: deutsch-englisch. Aus dem Englischen von Joachim Sartorius. Mit sechs Kaltnadelradierungen von Claudia Berg. (= Edition Refugium Band 4), S. 59ff
Bei Lyrikline gibt es einige Texte im Original vom Autor gelesen und in Übersetzungen.
Ted Berrigan
(* 15. November 1934 in Providence, Rhode Island; † 4. Juli 1983)
10 SACHEN, DIE ICH
JEDEN TAG MACHE
wache auf
rauche pot
sehe die Katze
liebe meine Frau
denke an Frank
esse zu Mittag
mache Lärm
singe Lieder
gehe raus
treibe mich in
den Straßen rum
gehe nach Haus
zum Abendessen
lese die »Post«
mache Pipi
zwei Jungen
grinsen
lese Bücher
besuche meine Freunde
kriege die Nase voll
trinke eine Pepsi
verschwinde
Aus: Silver screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 5. Der Übersetzer dieses Gedichts, das dem Buch als Motto voransteht, wird nicht genannt, vielleicht war es der Herausgeber? Als Übersetzer Berrigans werden Peter Behrens und Carl Weissner genannt, aber ohne diesen Titel.
10 THINGS I DO EVERY DAY
wake up
smoke pot
see the cat
love my wife
think of Frank
eat lunch
make noises
sing songs
go out
dig the streets
go home for dinner
read the Post
make pee-pee
two kids
grin
read books
see my friends
get pissed-off
have a Pepsi
disappear
Ishigaki Rin (jap. 石垣りん; * 21. Februar 1920 in Tokio; † 26. Dezember 2004) war eine bekannte zeitgenössische Dichterin in Japan, die Teil der zweiten Welle der modernen Renaissance der Frauenlyrik im Nachkriegsjapan war. Sie beschrieb mit den Mitteln einer einfachen, klaren Sprache und Alltagsmotiven die Frau als Individuum in Familie und Gesellschaft. Einige ihrer Werke wurden in japanische Schulbücher aufgenommen. https://de.wikipedia.org/wiki/Ishigaki_Rin
Vor mir Pfanne und Topf und loderndes Feuer
Immer
seit alter Zeit
hatten wir Frauen sie vor uns:
eine Pfanne von jener Größe
daß unsere Kraft ausreichte damit zu hantieren
einen geeigneten Topf um darin
den Reis weißglänzend aufquellen zu lassen
So vor dem von Anbeginn ererbten Feuer
saßen unsere Mütter und Großmütter und wieder deren Mütter.
Welches Quantum
Liebe und Aufrichtigkeit mögen diese Frauen
in die Gefäße gegeben haben?
Bald waren es rote Karotten
bald schwarzer Kombu-Tang
oder zerhackter Fisch.
Pünktlich
bereiteten sie in der Küche die Speisen
für Morgen Mittag und Abend
Vor der Zubereitung jedoch saßen sie
die warmen Schöße und Arme aneinandergedrängt
mit der oder jener anderen zusammen.
Ah wären diese anderen nicht gewesen
um bei ihnen zu sitzen
wie hätten die Frauen das Einerlei vor Pfannen und Töpfen
so fröhlich auf sich genommen?
Ein Dienen, das nie nachlassende Zuneigung
unvermerkt ins Alltägliche verwandelte.
Seltsam: wie sich dabei die Küchenarbeit verteilte
Auch daß sie Frauenpflicht war
hielt niemand für ein Unglück.
Mag sein daß wir daher ein wenig zurück sind
in puncto Wissen und gesellschaftlicher Stellung
aber zu spät ist es nicht
Denn was wir da vor uns haben:
Pfanne und Topf und loderndes Feuer –
vor diesen vertrauten liebwerten Gefäßen
gedenk ich mit dem gleichen Eifer
mit dem ich ein Gericht aus Kartoffeln und Fleisch bereite
Politik und Wirtschaft und Literatur zu studieren.
Und nicht aus Ehrgeiz oder Stolz
Nein
um das alles den Menschen darzureichen
um damit für den Gegenstand meiner Liebe zu sorgen.
Deutsch von Siegfried Schaarschmidt, aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Herausgegeben von Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008 (Erweiterte Neuauflage. 1. 1992), S. 74ff
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
VORSPIEL II
Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot.
Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort.
Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.
Ich bin der Sterbewitz. Ich bin der Mord-
versuch, jaja, ich weiß. Auch der macht Spaß,
weil er sich reimt und ist nicht so gemeint,
denkt ihr. Ihr denkt? Sieh an, seit wann denkt Aas.
Ich bin mein eignes Volk. Ihr seid vereint
in dem Verein, der richtet und der henkt.
Ich will, daß ihr euch hier zu Tode lacht,
voll faulem Mitgefühl das Herz verrenkt,
ersauft in Tränen mitten in der Nacht.
Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt.
Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt.
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 7
Geschrieben vermutlich 1990. Erstdruck 1991, zuvor Vorspruch des Stücks LIEBE MACHT TOD, das am 8. November 1990 uraufgeführt wurde. „Wir sind das Volk“ war ein Slogan der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989, die Wiedervereinigung erfolgte wenige Wochen vor der Premiere.
Von Thomas Brasch gibt es zwei Gedichte in Prosa mit dem Titel Chlebnikow 1 / Chlebnikow 2. In dem Nachlassband der Gesammelten Gedichte, „Die nennen das Schrei“ (2013) kam ein drittes mit Bezug auf den russischen Dichter dazu.
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
1. FÜR JUTTA LAMPE
Menschen, wenn sie warten,
sind Versteinernde, blicklos Hockende;
Tiere, wenn sie warten,
sind Streunende, sprungbereit Zitternde;
Kinder, wenn sie warten,
sind Weltenknetende, lässig Hingeworfene.
Von Kindern lernen
Von Tieren lernen
Lernen gegen die Menschen.
(5.7.85 – Antwort auf Chlebnikow)
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 653.
Die Zahl 1 verweist auf die Zugehörigkeit zu zwei weiteren kurzen Gedichten, die er an den folgenden beiden Tagen schreibt. Die 3 Gedichte stehen zusammen auf einem Blatt, das in der Nachlassausgabe im Faksimile wiedergegeben wird. Im Faksimile sieht man, dass statt Kinder in der 5. und 7. Zeile ursprünglich Götter stand.
Ich vermute, dass „Antwort auf Chlebnikow“ sich direkt auf das erste oder beide der folgenden Gedichte bezieht, die beide in der Chlebnikowausgabe bei Rowohlt und auch in dem 1976 in Ostberlin relativ leicht erhältlichen Poesiealbum 107 stehen. Alle drei Gedichte setzen vergleichend das Verhalten von Menschen und Tieren parallel, bewerten es aber teilweise entgegengesetzt.
Welimir Chlebnikow
(* 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Oblast Nowgorod)
WENN PFERDE STERBEN
Wenn Pferde sterben, schnaufen sie
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie
Wenn Sonnen sterben, verlöschen sie
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
Übertragen von Hans Christoph Buch. Poesiealbum 107. Welemir (sic!) Chlebnikow. Ostberlin: Neues Leben, 1976, S. 19.
WENN DER HIRSCH SEIN GEWEIH
Wenn der Hirsch sein Geweih aus dem Gras erhebt,
denkt man: ein verdorrter Baum.
Wenn der Unterdrückte sein Herz aus der Stummheit erhebt,
denkt man: ein Verrückter.
Übertragen von Chris Bezzel, aus: ebd.
Hier noch im russischen Originaltext.
Когда умирают кони — дышат,
Когда умирают травы — сохнут,
Когда умирают солнца — они гаснут,
Когда умирают люди — поют песни.
<1912>
Когда рога оленя подымаются над зеленью,
Они кажутся засохшее дерево.
Когда сердце н<о>чери обнажено в словах,
Бают: он безумен.
<1912>
Anmerkung aus einer russischen Onlineausgabe: Das Wort н<о>чери (n<о>tscheri) in der vorletzten Zeile ist ein Neologismus Chlebnikows. Seine Bedeutung ist unklar (im Originaltext stand „serdze boschije“, „Herz Gottes“, in der Ausgabe Izb., p. 8, „Herz der Natscheri“). Es scheint eine Umwandlung der Form „der Tochter“ , „dotscheri“, zu sein.
DeepL-Übersetzung des ersten Gedichts
Wenn Pferde sterben, atmen sie,
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie,
Wenn die Sonne stirbt, geht sie aus,
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
des zweiten
Wenn sich das Geweih eines Hirsches über das Grün erhebt,
erscheint es wie ein verdorrter Baum.
Wenn das Herz eines Mannes in Worten offenbart wird,
sagt man, er sei verrückt.
Timo Brandt
Für C.
Wie viele Instrumente der Regen hat,
überall klingt er anders.
Vermutlich könnte man die Welt neu errichten
mit sämtlichen Gebäuden und Landschaften,
hätte man nur ein Archiv der Regengeräusche
an sämtlichen Orten.
Aber es bräuchte auch jemanden, der zuhört.
Zwei sogar.
Man braucht nur einen Regen,
einen Ort mit Baum und Strauch.
Und einen zweiten Menschen.
Diesen zweiten braucht es auch.
Aus: Das Gedicht #32/2024. Menschlichkeit. Die Poesie der Nähe. S. 99
Heure vor 425 Jahren wurde Giordano Bruno in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. „Am 12. März 2000 erklärte Papst Johannes Paul II. nach Beratung mit dem Päpstlichen Rat für die Kultur und einer theologischen Kommission, dass die Hinrichtung nun auch aus kirchlicher Sicht als Unrecht zu betrachten sei.“ (Wikipedia). Nun ja. Hier ein Gedicht von Volker Braun sozusagen zum Thema. Brauns Vokabular und besonders ein Trick in der letzten Zeile machen aber klar, dass er von seiner Zeit und seiner Gesellschaft spricht: „Schwieriger Umgang mit dem Abweichler“ mit seinem „feindlichen Standpunkt“, „die Vernehmer glauben sich zu verhören“. Der Trick liegt natürlich darin, dass bei jemandem, der verbrannt wurde, das Verbrennen als „Lösung“ ausscheidet. – Das Buch erschien drei Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, gegen die auch Braun protestiert hatte. Wahrscheinlich lag es wie alle seine Bücher ein oder zwei Jahre (bei manchen dauerte es auch viel länger) auf Eis. Übrigens finde ich es falsch zu sagen, das sei Sklavensprache. Da ist gar nichts versteckt, auch die Zensoren wussten genau was gemeint war. Es ist einfach ein literarisches Verfahren.
Giordano Bruno (* Januar 1548 in Nola als Filippo Bruno; † 17. Februar 1600 in Rom)
Volker Braun
(* 7. Mai 1939 in Dresden)
BRUNO
Schwieriger Umgang mit dem Abweichler
Es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen:
Er hat sie beschrieben
Er beharrt auf seinem feindlichen Standpunkt
Daß sich die Erde bewegt
Die Vernehmer glauben sich zu verhören
Im Knast agitiert er die Mönche
Als wüßten sie nicht wo Gott wohnt
Die Folter verfängt nicht: er singt ein Tedeum
Wohin mit ihm? die Hölle nimmt ihn nicht auf
Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu
Aus: Volker Braun, Texte in zeitlicher Folge. Band 5. Die Tribüne. Training des aufrechten Gangs. Guevara. Großer Frieden. Schriften. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 73f. Zuvor in: Training des aufrechten Gangs. Gedichte. Halle-Leipzig 1979.
Miedya Mahmod
(Geboren 1996 in Dortmund, lebt im Ruhrgebiet)
sonntag, 19. februar
es gibt das vergessenhaben
und das wieheißtesnochmal
sich nicht erinnern können
wieheißtesnochmal
es gibt deutsche
und das deutschsein
es gibt die brd, ddr, die wiedervereinigung
es gibt das wir und es gibt das
wieheißtesnochmal
Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Solingen
noch vor Rostock: Schwerin, Wismar,
jahre, südlicher, wärmer, wärmer, brandanschlag
Duisburg'84, es gibt sie
diese jahre
mal bist du die fackel
mal der gejagte
Aus: Sprache im technischen Zeitalter 251, September 2024, S. 258
Jochen Grünwaldt
(Geboren 1938 in Schwerin, lebt in Bremen)
Auf Rilkes ›Torso Apollos‹
Toll,
dieses Standbild von dem Gott Apoll!
Ohne Kopf zwar, hat auch keine
Arme oder Beine.
Aber dafür sooo viel Seele
in der Achselhöhle,
in der muskulösen Brust
oder in dem abgebrochnen Lust-
Spender; ja sogar noch an den Außenrändern
der Figur: Ich muß mein Leben ändern!
Aus: Poesiealbum 383. Jochen Grünwaldt. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2024, S. 19
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