Elisabeth Langgässer
(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)
Licht im Februar
Wahrheit ohne Scheinen,
Alles ist noch klar,
Strömend von dem reinen
Licht im Februar.
Fülle der Figuren,
Kronen und Geäst,
Ferne die Lemuren,
Leer ist noch das Nest.
Anbeginn der Worte,
Zeichen, froh und still,
Urkristall der Orte:
Buschlabee, Tripstrill.
Ehemals und Immer
Hörnen durchs Revier,
Eingedenk und Nimmer –
Haimonskinder vier.
Geisterhafter Wonnen
Unzerstücktes Spiel,
Jede kaum begonnen,
Alle schon am Ziel.
Aus: Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Hrsg. Walter Höllerer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1956, S. 29f
Edna St. Vincent Millay
(* 22. Februar 1892 in Rockland, Maine, USA; † 19. Oktober 1950 in Austerlitz, New York)
Grabschrift des Wesens Mensch
Hier liegt, unklagbar außer vor dem Meer
Das bricht unwandelbar in leerer Welt,
Mensch der Höchstvielfache, in Staub gefällt
Um nie zu kehren, — — unzeitig, im Stand
Der Kindheit: und der Riesenschall, der Er
Gewesen; stumm; und all sein einstiger Stolz
Ein eisern Säulenstück, des erzenes Korn
Von Regen höhlig wie ein fauler Baum.
Mensch, bündiger Mensch, wem zolltest Du den Preis,
Den Himmel in Zorn selbst aufgab zu bewegen‚
Den Hebel und das Grabscheit hinzulegen,
Und Staub zu wehn im Staub des Einerleis?
Wes, wes der Einbruch? Wes der Mörderdegen? — —
Ring nicht nach Wort, arm schütterer Mund; ich weiß.
Übersetzt von Rudolf Borchardt, in: Rudolf Borchardt, Gedicht II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985 (Gesammelte Werke in Einzelbänden), S. 327
Epitaph for the Race of Man
XVIII
Here lies, and none to mourn him but the sea,
That falls incessant on the empty shore,
Most various Man, cut down to spring no more;
Before his prime, even in his infancy
Cut down, and all the clamour that was he,
Silenced; and all the riveted pride he wore,
A rusted iron column whose tall core
The rains have tunneled like an aspen tree.
Man, doughty Man, what power has brought you low,
That heaven itself in arms could not persuade
To lay aside the lever and the spade
And be as dust among the dusts that blow?
Whence, whence the broadside? Whose the heavy blade?…
Strive not to speak, poor scattered mouth; I know.
Hedwig Lachmann, verehelichte Landauer, (* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach, Bayern)
Winterbild
In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermißmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.
In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, bloßen Haupts, ein Bettler vor der Türe.
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 15f
Kirti Chaudhury
Was waren das für Zeiten
Als die Dinge vorüberglitten
Und wir verharrten
Als säßen im Zug wir und sähen
Die Landschaft den Blicken entschwinden
Von Augenblick zu Augenblick
Was saß dort auf dem Draht
Nachtigall Kuckuck Spatz?
Hoch droben am Himmel
War das ein Zugvogelpaar?
Das Funkeln dort in der Ferne
War es ein Strom?
War’s eine Fata Morgana?
Manchmal häufiger manchmal seltener
Stellte sich Frage um Frage
Wir suchten verwirrt und benommen
Der Rätsel Lösung zu finden
Doch vorüber glitten die Dinge,
Was waren das für Zeiten
Sie sind längst vorbei
Wir lernten die Hetzjagd des Heute
Und rasen im Fluge dahin
Verändert hat sich die Landschaft
Auf den Zweigen hockten braune Vögel
Blickten uns neugierig an
Wohlig duftend streckte die Luft
Uns ihre Arme entgegen
Wir aber hielten nicht an
Wir vernahmen auch nicht
Das Murmeln und Glucksen der Quellen
Das Raunen und Rauschen der Blätter
Die Lotosblumen im Teich
Ließen die Köpfe hängen
Wir eilten vorüber
Vorwärts — voran
Vorüber an vielem
Was des Findens wert
Für uns gab es nur noch
Dieses eine endlose Jagen
Und mit den schwindenden Tagen
Blieb alles zurück.
1968
Deutsch von Annemarie Bostroem
Aus: Seufzend steift de Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976. S. 176f
Schah Faqir Allah Affrin
Lebte als Derwisch an der Tür einer Moschee in Lahore, wo er 1741 starb
Auch mit dem Schwerte kannst du nicht die Rebellen bessern: Noch stärker brennt die Kerze, schlägst du ihr den Kopf ab.
Aus dem Persischen
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 112
Shahryar
(eigentlich Akhlaq Muhammad Khan, * 1936)
Qual bei Tagesanbruch Tau auf kühlen Ästen noch immer verträumt Doch die Sonne lenkt ihren Streitwagen
In: Gelobt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Alokeranjan Dasgupta. München: Schneekluth, 1986, S. 166
KAVITA SINHA
Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus
Nur wir beide Eben noch hunderttausend Lügen gesagt wir beide sechs Tassen Tee wir beide, sechs Tassen Tee und eben noch hunderttausend Lügen! Hunderttausend Lügen, sechs Tassen Tee und wir beide eben noch. Was kann draus werden? Was wird? Was hätte werden können? Was noch? Wie, hunderttausend Lügen und wir beide? Ohne die sechs Tassen Tee — Was noch? Oder wir beide, sechs Tassen Tee und hunderttausend Lügen sagen — was noch? Nein, nur hunderttausend Lügen nein, nur sechs Tassen Tee was noch? Was noch? Wie, nur wir beide? Hunderttausend Lügen nicht. Sechs Tassen Tee nicht. Noch nicht. Nur wir beide?
Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30
Goethe
Will ich die Blumen des frühen, die Früchte des späteren Jahres, Will ich was reizt und entzückt, will ich was sättigt und nährt, Will ich den Himmel die Erde mit Einem Namen begreifen; Nenn ich Sakontala dich und so ist alles gesagt.
An F.H. Jacobi, Weimar, 1.6.1791
Erstdruck: Deutsche Monatsschrift 1791
Georg Forster hatte das indische Drama Sakontala (von Kalidasa) aus dem Englischen übersetzt und Goethe gesandt
Schah Abdul Karim von Bulrri
(Geboren 1636 Sind, gestorben 1694)
Am Fluß-Ufer lebend, sterben die Toren vor Durst – Sie schweigen voll Qual und ergreifen nicht den Moment.
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 203
Man schlägt auf viererlei Art:
Mit dem Handrücken,
mit der ausgestreckten hohlen Hand,
mit der Faust,
mit der flachen Hand.
Die aus den Schlägen erwachsenden Schmerzen äußern sich in pfeifenden Wehlauten, deren man acht Abarten unterscheidet:
Den Laut „Him“,
das Donnern,
das Girren,
das Weinen,
den Laut „Phut“,
den Laut „Phat“,
den Laut „Sut“.
Außerdem gibt es noch bestimmte Ausrufe, Worte wie „Mutter!“, dann jene, welche „genug!“, „nein!“, Schmerz oder Lob bedeuten, dann den Schrei der Turteltaube, des Kuckucks, des Papageis, des Sperlings, des Flamingos, der Ente, den Ruf der Wachtel, das Summen der Biene. Alle diese Laute sind bei derartigen Anlässen zu verwenden.
Asien. Höhepunkte erotischer Literatur berühmter Autoren. Von Valmiki, Vatsyayana und vielen anderen Autoren aus schriftlicher und mündlicher Überlieferung. Mit einem Vorwort des Verlags. Gütersloh : Prisma-Verlag, 1980, S. 75
(Kamasutra, Zweiter Teil, Siebentes Kapitel)
Aus einer englischen Übersetzung
Moaning arises out of this, since it expresses pain, and moaning takes several forms. There are eight kinds of screaming: whimpering, groaning, babbling, crying, panting, shrieking, or sobbing. And there are various sounds that have meaning, such as ‚Mother!‘ ‚Stop!‘ ‚Let go!‘ ‚Enough!‘ As a major part of moaning she may use, according to her imagination, the cries of the dove, cuckoo, green pigeon, parrot, bee, nightingale, goose, duck, and partridge.
Und eine andere
Shamsher Bahadur Singh
Verhangener Himmel
Verzweifelt starr ich empor zum verhangenen Himmel:
Tief in das Wolkendickicht verkriecht sich der Mond;
Und von allen Seiten
Schleicht sich leise lachend die Nacht heran.
1951
Deutsch von Annemarie Bostroem
In: Seufzend streift der Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78
Ganz unerwartet zieht die junge Frau den alten Gatten an den Haaren
zu sich, umarmt ihn heftig und küsst ihn: hierzu wird sie einen besondern
Grund haben.
Aus: Indische Sprüche, Sanskrit und Deutsch. Böhtlingk, Otto von [Hrsg.] Band 1: A-Na. St. Petersburg, 1863.
Qadi Qadan war ein Richter, qādi, in Sehwan im unteren Industal, wo er 1551 starb. Seine dōha, zweizeilige Verse im indischen Stil, gelten als erste Kunstform der Sindhi—Literatur. Sie sind von mystischer Erfahrung getönt.
Laß die Grammatik den Leuten! Ich studier’ den Geliebten, und eine einzige Letter les’ ich und les’ immer wieder. Würdest hunderttausend Bücher du studieren — Wisse eins: zum Liebsten wird dich das nicht führen!
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 201
KAVITA SINHA
Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus
Eva an Gott
Ich wußte
als erste
einer Münze
oben und unten
sind Kopf und Adler
Ich wußte
als erste
Licht und Dunkelheit
sind beide
von Dir erschaffen
Ich wußte
als erste
zu gehorchen
und nicht zu gehorchen
ist ein und dasselbe
Ich berührte
als erste
den Baum
der Erkenntnis
ich biß als erste
in den leuchtenden Apfel
ja, das war ich
Ich begriff
als erste
unter Lachen
und Weinen
kann aus Deinem Antlitz
das Gesicht des Kindes
geschnitten werden
Ich begriff
als erste
herrlich ist es
gut im Laster
und verderbt in Reinheit
zu leben
Ich zerbrach
als erste
das Goldgeschmeide
nur so
aus Spaß
Denn
es gefiel mir nicht
Marionette
Deiner Hand
zu sein, während er
der arme Adam war
Ich stiftete,
die erste
Unruhe
auf Deiner Erde
jawohl, das war ich
Ich schuf
als erste
Himmel-und Hölle
als ich die Wand
zwischen Scham und Blöße
mit dem Feigenblatt
errichtete
Ich war
die erste
die mit Spiel und Schmerz
Deine Puppe aus eignem
Fleisch formen konnte
ich: la femme fatale
Mein Geliebter
mein Sklave
ich war
die erste
die erfuhr
was es bedeutet
vom Himmel
verbannt zu sein
Ich erlebte es
als erste
wie ein Mensch zu leben
und das Leben zu lieben
mehr als den Himmel
Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30-33
A TELUGU WORLD
RāmarājabhŪsana (ein Dichter des 16. Jahrhunderts)
mahi mun vāg-anuśāsanundu srjiyimpan kundalîndrundu tan-
mahanīya-sthiti-mŪlamai niluva śrīnāthundu provan mahā-
mahulai somudu bhāskarundu vělayimpan sômpu vātillun ī
bahulândhrokti-maya-prapañcamuna tat-prāgalbhyam‘ Ūhiñceědan
Live the exuberance of language,
first created by the Maker of Speech.
A thousand tongues at the root,
moon and sun above,
God himself within:
a whole world inheres
in what Telugu says.
Aus: Narayana Rao, Velcheru, and David Shulman, translators, editors, and with an introduction by. Classical Telugu Poetry: An Anthology. Berkeley, Calif: University of California Press, c2002 2002. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/kt096nc4c5/
Meine Übersetzung aus dem Englischen mit Anmerkungen aus der Anthologie von 2002:
Lebe die Fülle der Sprache,
vom Schöpfer der Rede erschaffen.
Eintausend Zungen an der Wurzel,
Mond und Sonne darüber,
Gott selbselbst inmitten:
eine ganze Welt steckt
in Telugus Rede.
Ich bilde mir keineswegs ein, aus der englischen Fassung dieses Gedicht zu verstehen. Aber es spricht mich an. Es verkörpert tatsächlich eine Telugu-Welt, eine zum Zeitpunkt seiner Niederschrift schon 500 Jahre alte Literatur mit viel weiter zurückreichenden Wurzeln in der Sanskrittradition. Ich bin kein Anhänger der Meinung, Poesie sei nur dann „echte“ Poesie, wenn sie nicht erklärt werden muß. Man kann das für Teile der Gegenwartsliteratur gelten lassen (ich sage Teile, weil ich nicht vergesse, daß eine hochspezialisierte Kunst Spezialistenwissen und -können braucht, womit nicht literaturwissenschaftliches Wissen gemeint ist – eher im Sinne von Brechts Bestreben, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Schnee von gestern, leider.).
Ohne Erklärungen werden wir in den Kunstwerken entfernter Räume und Zeiten immer nur uns selber finden. Das ist okay, man kann mit ein wenig Übung seinen Spaß an Haikus und Minneliedern haben. Aber wenn ich mehr als mich darin sehen und daraus verstehen will, brauche ich Erklärungen. Was ich aus den Anmerkungen in der Quelle verstanden habe, vermittelt eine Ahnung, was jener ferne RāmarājabhŪsana aus Südindien im Sinn hatte und warum heutige Teluguleser es schätzen mögen.
Dieses Gedicht feiere eine lebendige und kontinuierliche literarische Überlieferung der Andhra in Südostindien. Der Dichter, der in einer Zeit intensiver Kreativität lebte, verweise auf einen ganzen vorliegenden Kanon. Jeder Dichter, der genannt oder auf den angespielt wird, sei paronomastisch (durch Zusammenstellung lautlich gleicher oder ähnlicher Wörter oder Wörter von gleicher Herkunft) mit einem Gott gleichgesetzt.
Zuerst Vāg-anuśāsanundu, der „Schöpfer der Rede“ (identisch mit Brahma im klassischen Hindu). Er hat die Göttin Vāc (Sprache oder Rede) sowohl erschaffen als auch geehelicht. In der Telugutradition ist das aber auch der Titel, der dem ersten Dichter Nannaya verliehen wurde, er lebte im 11. Jahrhundert. Wie der Gott die Sprache, so erschuf der erste Dichter die Dichtung und den poetischen Stil.
Die tausend Zungen gehören der Schlange Kundalîndrundu-ādiśesa, die die Welt auf ihren tausend Hauben* die Welt trägt. ādiśesa deutet auch auf den großen Sanskritgrammatiker Patañjali, Autor eines berühmten religiösen Kommentars.
Für weitere Spuren ein Auszug aus dem zitieren Werk:
After the creation of speech itself, one needs grammar at the root of language. But the same title applies to the second great Telugu poet, Tikkana, who is said to have performed a sacrifice known as kundali (thus explaining his title here). The moon, Soma, is probably Nācana Somanātha, the author of the Telugu [Uttara-]harivamśamu (fourteenth century).
[3] The original title was probably Harivamśamu; later generations prefixed Uttara- to distinguish his work from Ěrrāpragada’s Harivamśamu.
Bhāskara, the sun, is Hulakki Bhāskara, who produced a Telugu Rāmāyana (late thirteenth to early fourteenth centuries). And God himself, the Lord of Prosperity, is śrīnātha, the fourteenth-century poet who revolutionized Telugu taste. Together, and also no doubt accompanied by other, unnamed poets, these figures created and maintained— in the eyes of the poet who sang this verse—an entire universe, rich with life and feeling, fashioned in and by language. And it is to this language, imagined as a goddess, that the poet pays tribute.
Eine Teluguwelt in wenig Zeilen.
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