Adieu, lyrisches Ich,

von dem die gesamte zählebige Sparte der Befindlichkeitslyriker zehrte. Vielleicht ist ja der Dichter nichts weiter als eine Aäolsharfe, durch die der Wind streicht?

So beendet Dorothea von Törne ( Die Welt 25.5.02) eine Besprechung von

Brigitte Oleschinski : Reizstrom in Aspik. DuMont, Köln. 132 S., 16,90 E.

Märkischer Konstantin

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch das Gedicht „Märkischer Konstantin“ von Günter Kunert vor. / FAZ 25.5.02

Do Poets Matter?

fragt Robert Bové – und gibt auch Antwort:

The short answer is, Yes—but only to them. That’s a fact, Jack. Poets are about as solipsistic a bunch as you can find. …
Most poets are exiled from their families as soon as the tendency is identified. Some great poets have been exiled from whole countries ( Ovid), others have chosen exile ( Eliot ) or have been exiled within their countries ( Akmatova ). In the future, great poets will be exiled from the planet (Kubrick’s Hal).

(Was so vielleicht spaßig beginnt, endet wirklich böse!) / The Texas Mercury , vol. I issue 38  may 2002

Universaler Witzpoet

Universal zu sein, war das Mass eines Gesamtkünstlers, der die Poesie des Gedruckten für das Bild entdeckte und die grafische Form für die Poesie. Aus den am Rande der Ausstellung präsentierten Texten des Schriftstellers Kurt Schwitters leuchtet die Einbildungskraft zwingender Banalität, ein Adel der Tieferlegung, der den Dichter Schwitters zum volksmundtauglichen Witzpoeten gemacht hat und ihn selbst in den Augen Berufener wie Helmut Heissenbüttel zum Begründer der Trivialpoesie erhöht. / Paul Jandl, NZZ 24.5.02

Dichtung und Philosophie

Über eine Begegnung zwischen Dichtung (Grünbein ) und Philosophie (Honneth) in Essen berichtet die FR vom 24.5.02:

Denn Grünbein will kein Unterhalter sein, kein bloßer Experte für verbale Dekorationen. Ihm genügt nicht, dass er – wie sein jüngster Gedichtband Erklärte Nacht abermals belegt – Rhythmen von komplexer Eleganz zu schaffen vermag. Die Freude, die er mit einem diskreten Binnenreim entfacht, stellt ihn nicht zufrieden. Er will „wahrsprechen“. Deswegen wohl wimmeln manche Gedichte von humanistischem Bildungsgut. Und deswegen der Groll gegen die Philosophen.

Wochenendgespräche

Die Presse aus Wien (24.5.02) informiert über eine illustre Begegnung in Innsbruck:

Bedeutende Autorinnen und Autoren aller Generationen und (fast) aller Stilrichtungen aus dem ganzen deutschen Sprachraum haben die Wochenendgespräche seit einem Vierteljahrhundert nach Innsbruck geholt, darüber hinaus Lars Gustafsson, Margriet de Moor, Tuvia Rübner . . . Heuer werden über das Thema „Jetzt Gedichte schreiben“ u. a. Oskar Pastior (der die Festrede zum Jubiläum hält), Heidi Pataki, Anne Duden, Franz Hodjak, Robert Schindel, Christoph W. Aigner, Dragica Rajcic, Marcel Beyer miteinander sprechen.

Inger Christensen

Beim 9. Inselfestival in Hombroich las auch die dänische Lyrikerin Inger Christensen :

In Hombroich las Inger Christensen einige ihrer Gedichte akzentfrei in Deutsch, anschließend in Dänisch. Endlos erschienen die Wortreigen. Sie trug sie nahezu ohne Betonung vor. Es gab keine Sätze mehr, keine Pausen, kein Höhepunkte. Alle Wörter schienen plötzlich gleich bedeutsam, so dass man völlig in den Sprachstrom hineingesogen wurde. Zeitreise der Erinnerung Die Wirkung der Gedichte als Lied verstärkte sich noch im Klangerlebnis der Originalsprache und in den refrainartigen Wiederholungen einzelner Passagen.

/ Neuß-Grevenbroicher Zeitung 24.5.02 ( Dort auch ein Bericht über die Lesung von Anne Duden )

Marble, Stone and Steel vomits

Gernhardt: … Meine deutschen Lieblingsschlager sind: „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher und „Hier ist ein Mensch“ von Peter Alexander.

SZ: Was halten Sie denn eingedenk dieser großen Tradition davon, dass der deutsche Beitrag zum gesamteuropäischen Schlagerfestival auf Englisch gesungen wird?

Gernhardt: I answer in English because I want the whole world to understand me: It’s a crying shame that we Germans don’t use our beautiful motherlanguage anymore.

/ Süddeutsche 24.5.02 (dort spricht der gebürtige Tallinner Robert Gernhardt auch über Reimtechniken und die Verdienste seiner Familie um das estnische Liedgut)

Alfred Kolleritsch

Das längste Gedicht ist dem früh verstorbenen Grazer Dichterkollegen Gunter Falk , einer charismatischen Figur, gewidmet. Darin befinden sich die verzweifelten Verse, die die Grenzen der Dichtung markieren: „Etwas herbeizulügen und schöne Namen/ für seine Wunden, erklärt die Wunden nicht.“ Skepsis den schönen Namen gegenüber auch hier. / Thomas Rothschild über Alfred Kolleritsch, Freitag 22/2002

Alfred Kolleritsch : Die Verschwörung der Wörter. 70 ausgewählte Gedichte. Mit einem Vorwort von Hans Eichhorn. Residenz, Salzburg – Wien – Frankfurt 2001, 96 S., 17,90 EUR

Alfred Kolleritsch: Die Summe der Tage. Gedichte. Mit einem Nachwort von Arnold Stadler. Jung und Jung, Salzburg 2001, 88 S. 16,40 EUR

Kurt Drawert

In der „Freitag“-Textgalerie stellt Michael Braun ein Gedicht von Kurt Drawert vor. / Freitag 22/2002

Michael Buselmeier zitiert den Poeten Kinski

„Dann pisste Gott mir in die schwarzen Venen ! ! ! / ich konnte mich nicht mal nach Christus sehnen, / der selber wie ein Irrenhäusler lachte.“

und urteilt:

Doch soll keineswegs der Eindruck entstehen, der Verfasser dieser steilen Gedichte sei unbegabt gewesen, im Gegenteil: Sie sind ein Talentbeweis. Es gibt zwischen all dem gespreizt Bedeutsamen und rhetorisch Überladenen Momente echter Poesie und Verzweiflung. Kinski (Harlan oder wer auch immer) hätte nur selbstkritisch weiterschreiben müssen, mit jener Demut, zu der einer wie er, der sich als Genie mit Napoleon und Christus verglich, nicht fähig war. „Ich suche mich“, schreibt er einmal, „und wenn ich mich gefunden habe, bin ich mein größter Feind.“ / FR 23.5.02

Klaus Kinski : Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen. Gedichte, hrsg. von Peter Geyer. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001, 128 Seiten, 25,90 .

Mrs. T. S. Eliot I

„For my dearest Vivienne, this book, which no one else will quite understand.“ Thus Eliot inscribed a copy of his Poems, 1909–1925 . One of his biographers asserts that

without knowledge of Eliot’s first, tragic marriage, a complete appreciation of his poems is impossible. No matter what Flaubert, Valéry, and Eliot may have said about the objective impersonality of art, the full heartrending meaning of The Waste Land and „Ash-Wednesday“ depends on it. / New York Review of Books 23.5.02 (sic)

Painted Shadow: The Life of Vivienne Eliot, First Wife of T.S. Eliot, and the Long-Suppressed Truth About Her Influence on His Genius
by Carole Seymour-Jones
Nan A. Talese/Doubleday, 698 pp., $35.00

Achim Reichels Balladen & Mythen

Auch die «Ballade von der Loreley» vertonte Reichel auf typische Art mit festem Rhythmus und warmer Melodie: «Es ist im Ausland das mit Abstand bekannteste deutsche Volkslied.» Als «Bauchmensch» nahm er nur Gedichte in die engere Wahl, die ihn emotional berühren. «Wenn ich sie singen soll, will ich was dabei empfinden. Nur so kann ich den Texten Leben einhauchen. Klingt hochgestochen, ist aber so.» Der Norddeutsche neigt zu Understatement.
Mit seinen empfindsamen Liedern will der langgediente Fahrensmann des Deutsch-Rocks eine Lücke füllen: «Für die älteren Radiohörer gibt es nur Oldies, die dürfen sich nur noch ans Leben erinnern, so als lebten sie gar nicht mehr. Mir ist es wichtig, meine Generation anzusprechen und auf die Wurzeln unserer Kultur hinzuweisen.» / Berliner Morgenpost 22.5.02

  • Achim Reichel: «Wilder Wassermann – Balladen & Mythen», WEA
  • Konzert am 11.6.02 im ColumbiaFritz, 20 Uhr, Kartentel.: 61 10 13 13

Meraner Lyrikpreis geteilt

Der erste Preis (7750 Euro) wurde ohne Not geteilt. Denn neben Tellkamp ragte weit aus dem Feld der Mitbewerber der bereits wohlreputierte Lyriker Oswald Egger heraus. Ein ganzes Blumen- und Pflanzenuniversum erschafft Egger neu, indem er eine überaus suggestive Privatsprache kreiert, die immer um einige Phoneme neben dem Duden liegt, dafür aber eine berückende und auch komische Sinnlichkeit entfaltet. Zu wenig Wirklichkeitskontakt – fand die Jury, und so musste sich Egger den Meraner Lyrikpreis mit Sylvia Geist teilen. / IJOMA MANGOLD, Süddeutsche 21.5.02

… Neue Hoffnung?
Warum Tellkamp nur den zweiten Förderpreis erhielt und der Hauptpreis zu gleichen Teilen an Sylvia Geist und Oswald Egger ging, wird wohl der Jury ungelüftetes Geheimnis bleiben. Tellkamp, eine neue Hoffnung in der lyrischen Landschaft, wird – daran ist kein Zweifel – auch so seinen Weg machen. / Hans Christian Kosler, NZZ 21.5.02

… Weltbenenner
Mit Uwe Tellkamp verbindet Oswald Egger die ambitionierte große Form. Egger schreibt nicht Gedicht für Gedicht, sondern verlegt sich auf das ausufernde Riesengebilde, das der Fülle und der Überfülle das Wort redet. Er schafft sich einen enzyklopädisch ausgreifenden Sprachgarten aus realen und erfundenen Pflanzen, er vermag es damit, „Weltbenennung“ (Ulla Hahn) zu betreiben, die Welt zu ordnen, indem er ihren Erscheinungen Worte und Namen gibt: „Komm, auf Lenzglastwiesen, Unhornbecher, Phloxknospen pflücken. / Täler, die erhöht werden, Bergkofel und Kornellen, ebern Kranewitten.“
Bei Sylvia Geist geht es da schon übersichtlicher zu. Sie schreibt Gedichte, die für sich in Anspruch nehmen, einen eigenwilligen Blick auf unsere Welt zu werfen, wobei Kurt Drawert das Alltagsvokabular beeindruckte. Das Gedicht werde zu einer „Regenerationsmaschine von Sprachschlacke“. / Anton Thuswaldner, FR 24.5.02

Radio- bzw. Fernsehtips

  • Kerouac speaks – 1. New York City – Horace Silver, George Shearing, T. Monk und John Coltrane – Von Stephan Meier Di 21.5.02 23:05 NDR4 – weitere Folgen Mittwoch bis Freitag jeweils 23:05!
  • „Maulid Al Nabawi – Geburtstag Mohammeds“ – Mit Suleman Taufiq Fr 24.5.02 14:05 DLR