Veröffentlicht am 3. Oktober 2025 von lyrikzeitung
186 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Walther Eidlitz
B: geboren 1892 in Wien; Studium an der Technischen Hochschule; Teilnahme am Ersten Weltkrieg; lebte als freier Schriftsteller; Reisen; 1938 Emigration nach Indien; Internierung; 1946 Übersiedlung nach Schweden; gestorben 1978 in Uppsala
N: Hölderlin (1917), Der junge Gina (1918), Der goldene Wind (1918), Die Herbstvögel (1921), Bettina (1922), Der Berg in der Wüste (1923)
Aus dem zitierten Werk, s.u., S. 299
Schrei
Eine wilde Lokomotive schrie in der Nacht.
In den Häusern, in den Betten sind die Menschen aufgewacht.
In den Herzen, die sich hoben, zitterte der weiße Schrei.
In der Ebene, der dunkeln, riß sich ein Gefangner frei.
Durch die eisgefrorne Stille sauste er im fahlen Flug,
Roten Rauch auf seiner Stirne, leuchtend bleich, ein Leichenzug.
Mit den Kolben, die sich warfen, bohrte er sich ein mit Gier
In den grenzenlosen Abgrund. Und umarmend wie ein Tier
Schrie er: Du bist mein, du Erde, Meer und Lande, mein, du Nacht!
In den Häusern, in den Betten sind die Menschen aufgewacht.
Aus: Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Hrsg. Armin A. Wallas. Linz, Wien: edition neue texte, 1988, S. 96
Veröffentlicht am 2. Oktober 2025 von lyrikzeitung
585 Wörter, 3 Minuten Lesezeit
David Rokeah
(hebräisch דוד רוקח; geboren am 22. Juli 1916 in Lemberg, damals Österreich-Ungarn, heute Lwiw, Ukraine; wanderte 1934 nach Palästina aus; gestorben am 29. Mai 1985 in Duisburg während einer Lesereise.)
ALLEIN
Wann ich meinen Glauben verlor
wann ich meinen Glauben wiederfand –
kein Vermerk in meinem Tagebuch
keiner in der amtlichen Gazette
Allein mit meinen ketzerischen Grübeleien
allein mit der ungelösten Arithmetik meiner Liebe
allein mit der verstrickten Erbschaft meiner toten Väter
allein mit Jerusalem in der Fremde
allein mit dem Mittelmeer das Gott ist
allein mit der Wüste die Gott ist
Ich bin geboren am Tag der Zerstörung des Tempels
ich bin geboren am Tag von Agnons Geburt
Deutsch von Erich Fried, aus: David Rokeah: Ich wandle Einsamkeit um in Worte. Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Michael Krüger. Berlin: Suhrkamp / Jüdischer Verlag, 2025, S. 96
Anmerkung: Samuel Joseph Agnon (hebräisch שמואל יוסף עגנון Schmuel Joseph Agnon, auch Schai (Shai) Agnon, als Autor meist S. J. Agnon; * 8. August 1887 in Butschatsch, Galizien, Österreich-Ungarn, als Samuel Josef Czaczkes; † 17. Februar 1970 in Rechovot, Israel) war ein hebräischer Schriftsteller. Er begann noch in Galizien auf Jiddisch und Hebräisch zu schreiben. 1908 kam er nach Palästina, 1966 erhielt er als erster hebräischer Autor einen Nobelpreis für Literatur (geteilt mit Nelly Sachs).
David Rokeah war in Deutschland lange Zeit der einzige, der am meisten übersetzte Dichter aus Israel (seit 1962). Unter seinen Übersetzern waren etliche prominente deutsche Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Paul Celan, Nelly Sachs und Michael Krüger, die bis auf Celan kein Hebräisch verstanden. Krüger beschreibt die Entstehung dieser Übersetzungen in seinem Nachwort:
Er hatte seine Gedichte so gut es ging selbst übersetzt, er las also das Original und dann die Übersetzung, er erklärte, ob es sich bei einer seltsamen Wendung um ein offenes oder ein verstecktes Zitat handelte, er beschrieb die Flora und die Fauna, die verschiedenen Wirkungen des Lichts auf die Farben in der Wüste und auf den Mauern Jerusalems, er machte einen auf rhythmische Besonderheiten aufmerksam oder auf sprachliche Tricks. Wenn man so halbwegs begriffen hatte, worum es ging, begann man mit der Überarbeitung seiner deutschen Übersetzungen. Manche Zeilen gelangen auf Anhieb, andere blieben dunkel. Wenn er mit einem Vorschlag zufrieden war, ich aber nicht, wurde es zäh. Manchmal konnte ich beim besten Willen nicht verstehen, was er meinte, obwohl er, gelegentlich auch ungehalten über mein bohrendes Nachfragen, so deutlich wie möglich formulierte. (…) Am Ende (…) war er so müde, dass er sich auf meinem Sofa ausstreckte und sofort in einen tiefen Schlaf fiel.
Den manchmal heftig ausbrechenden Streit um das richtige Wort (und die richtige Bedeutung) durfte ich nicht besserwisserisch entscheiden, wusste ich doch, dass David Rokeah einen Großvater hatte, der in kabbalistischen Dingen beschlagen war und sich auch mit Malerei und Baukunst beschäftigte: »Seine Vorstellung von der Baukunst gewann er vor allem aus der Bibel und aus dem Talmud, der den Bauplan des Tempels zu Jerusalem genau beschreibt. Diesen Tempel malte er, und es war sein Ehrgeiz, ihn so naturgetreu wie möglich wiederzugeben. Ich erinnere mich noch deutlich der kleinen Brücke, die auf seinen Bildern in den Tempel führte. Über diese Brücke bin ich nach Israel gekommen.« Man braucht also auch im Deutschen ein Schibboleth, um Eingang in den Tempel zu finden. In einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger sagte Rokeah dazu: »Es gibt im Hebräischen viele Ausdrücke, für die wir keine Übersetzung ins Deutsche bereit haben.« Also mussten sie in stundenlanger Arbeit gefunden werden. Am Ende dieser seltsamen Übersetzerei lag sein Werk in sieben Bänden in deutscher Sprache vor und war – jenseits der individuellen Entwicklung des Autors – von einer verblüffenden Einheitlichkeit.
Ebd. S. 131f
Veröffentlicht am 1. Oktober 2025 von lyrikzeitung
547 Wörter, 3 Minuten Lesezeit
Mara Genschel
Aus: Selfies mit Preisgeld
Lob des Geldes I
Heute morgen um 11:39 erschien wie ein Heiliges das Heimrad Bäcker Förderpreisgeld auf meiner Kontostandanzeige und ich machte sofort einen Screenshot. 3474,92 Euro im Plus! Gestern und vorgestern waren schon zwei andere langersehnte Honorare eingetroffen, die mein dürres Dispo von 500, bereits bis fast zum Rand wieder aufgepolstert hatten: so kam es zu dieser überaus erstaunlichen digitalen, schwarzen Zahl. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Schulden und anderes, von dem vielleicht später die Rede sein soll, hierhin und dorthin zu überweisen, inzwischen steht leider keine „3″ mehr an ihrer magischen ersten Stelle.
Da gibt es nichts zu beschönigen!
Ich sprang ins kühle Nass des Arbeitsmarktes, mehrfach und verbissen, aber es hat nicht funktioniert. Dies gilt es weder zu mystifizieren noch zu beschönigen. Ende der Rechtfertigung.
Lebensform
Ich schäme mich für meine Lebensform!
(Ich weiß aber nicht, für welche Lebensform ich mich nicht schämen würde.)
Lob des Geldes II
Wir haben uns das eigentlich alle ganz anders vorgestellt. Desillusioniert, aber gestählt, vergleichsweise erfolglos, dabei aber auf eine gute Weise einig, und uns für unser Durchhaltevermögen gegenseitig auf die Schultern klopfend, gründeten wir unter mehreren Kolleginnen im Dezember 2014 eine Organisationsform, für die uns bis heute keine bessere Bezeichnung eingefallen ist als, etwas grob: „Syndikat“. Ein Testballon, ein kleines Portiönchen an Revolution. Wir sind nicht allzuviele, noch, aber mehr als drei. Eine der Hauptüberlegungen dabei ist das langfristig angelegte und vage formulierte Ziel der „Umverteilung“ durch einige kleine, feste, nämlich konkrete Regeln vorzubereiten und gewissermaßen zu erproben. Die bisher festeste und konkreteste Regel betrifft momentan den Fall der individuellen, nicht an Residenzen oder Wettbewerbe oder andere Bedingungen geknüpften Auszeichnung. Wird eine von uns, aufgrund einer ihr wohlgesonnenen Jury, an einem schönen Tag unter allen anderen hervorgehoben, so soll das Lob ihr allein zuteil – die damit verknüpfte, sicherlich ermutigend gemeinte Summe Geldes, die in einer praktischen Auslegung allerdings nichts als eine allgemeine Vergütung der von ihr als Arbeit verstandenen Arbeit ersetzt, aber, soll von dem Lob getrennt, auf null heruntergekühlt und einem allen gleichermaßen dienlichem Zwecke, der solidarischen Gemeinschaft zugeführt werden. Wird eine von uns an einem schönen Tag unter allen anderen zum Beispiel alleinerziehend schwanger, wird vermutlich ihr ein Hauptteil zugesprochen. Jedes Preisgeld, so heißt es jedenfalls, kommt in einen „Topf“, in ein noch einzurichtendes Konto wird es eingepflegt und von der Würdenträgerin sowie dem Würd- und Ehrereignis selbst getrennt und erst einmal nicht weiter angerührt. Im Zweifel wird es irgendwann/hernach geteilt.
Wenn der „Topf“ aber nun ein Loch hat!
Nach drei Jahren bin ich nun von uns die erste, der so eine unerwartete Zuwendung zuteil wurde, und ich benutze den von Urs Engeler für mich in der Mütze freigeräumten Slot, um den Vorgang öffentlich zu machen. Also den Vorgang, dass das Heimrad Bäcker Förderpreisgeld von 3500 in diesen „Topf“ geht.
Arme Mara!
Verdienst du dein Geld denn mit Lesungen nicht?
Vertreibst du nicht professionell(e) Gedicht (e)?
Ich wünschte, ich könnte! In Urs Engelers Mütz'
werd ich's noch mal versuchen, ich hoffe, er druckt's.
Ich träume von dem T-Shirt mit dem heulenden Kopf.
Davon will ich schreiben – und von dem To-hopf.
Im Topfe liegen Euro, fast dreitausend an der Zahl.
Davon will ich schreiben – und von der Moral.
Aus: Mütze #17, herausgegeben von Urs Engeler, 2017, S. 857-859
Veröffentlicht am 30. September 2025 von lyrikzeitung
333 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Diane Wakoski
(geboren 3. August 1937 in Whittier, Kalifornien)
Mies im Sattel
Sich in einen Schnauzbart zu verlieben
ist wie wenn man sagt
man kann sich verlieben in die
Art, wie ein Mann seine Schuhe putzt,
was
selbstredend
zu den Sachen gehört, die meine
aufgemotzte Maschine anmachen
so glatte Schnallen-Boots
(Ich fühle mich wie eine Reklame
für Herrenmode
wenn ich an deine Knöchel denke)
Yeats verfing sich im Antlitz holder Maid
und ich finde mich selbst
eine schlechte Moralistin,
Ästhetin, die scheitert,
eine traurige Lyrikerin,
die deine Arme anfassen will und Muskeln fühlen,
die einen Manneskörper über derart Substanz verfügen lassen,
dass eine Frau
sich lehnen und sehnen lässt
dahin, wo sie schmilzt / sie ist ein Regentag
in deiner Gegenwart
Wachspfütze unterm entflammten Licht
der Schaum eines Wasserfalls
Du bist anmutiger als jede Harley-Davidson
Sie ist der Regen,
wartet darin auf dich,
findet Blut, das ihre Beine sprenkelt
von dem langen Ritt.
Deutsch von Jonis Hartmann, aus: Mütze. Eine literarische Zeitschrift. #36. Mütze (das letzte Heft), 2023, S. 1845
Herausgegeben von Urs Engeler
Uneasy Rider
Falling in love with a mustache
is like saying
you can fall in love with
the way a man polishes his shoes
which,
of course,
is one of the things that turns on
my tuned-up engine
those trim buckled boots
(I feel like an advertisement
for men’s fashions
when I think of your ankles)
Yeats was hung up with a girl’s beautiful face
and I find myself
a bad moralist,
a failing aesthetician,
a sad poet,
wanting to touch your arms and feel the muscles
that make a man’s body have so much substance,
that makes a woman
lean and yearn in that direction
that makes her melt / she is a rainy day
in your presence
the pool of wax under a burning candle
the foam from a waterfall
You are more beautiful than any Harley-Davidson
She is the rain,
waits in it for you,
finds blood spotting her legs
from the long ride.
Ebd. S. 1844
Veröffentlicht am 29. September 2025 von lyrikzeitung
356 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Zum heutigen Gedicht fühle ich die Notwendigkeit einer kurzen Einleitung – aber zugleich warnt mich etwas, dass eine solche zu holzhammermäßig wirken und die verehrten Leserinnen und Leser einschüchtern möchte. Fern liegt mir das. Also denk ich: fünf sind bess als eins. So kann jedeR nehmen, was ihr passt – oder gleich zum Gedicht springen.
1.
Vier Buchstaben reichen aus, um Welten aufzurufen: Namen von Dichtern, Künstlern, Klangsplitter, Datenreste. Konstantin Ames spielt mit dem Register, dem Archiv, der Liste – und lässt daraus ein Quartett entstehen, das zugleich streng und ausgelassen klingt. Zwischen Abgleich und Abwegung blitzen Anrufung, Ironie und Sprachmusik auf.
2.
Vier Namen, vier Silben, vier Takte: Ames’ Vierletternquartette treiben das Alphabet in die Musik. Zwischen Datenabgleich und Dichtergalerie entsteht eine Partitur aus Kürzeln, Klangstücken und unerwarteten Zwischenrufen.
3.
Als kämen sie aus einem alten Karteikasten oder aus einer Datenbank: Namen, komplett oder abgekürzt auf vier Lettern, nebeneinandergelegt und neu kombiniert. Ames’ Gedicht verwandelt das trockene Register in ein Spiel mit Geschichte, Gegenwart und Störung.
4.
Viererreihen von Namen und Kürzeln, streng gesetzt – und plötzlich spricht Alexa dazwischen oder eine Stimme ruft „Stifte nicht essen!“. Ames’ Text hält die Balance zwischen Regelwerk und Ausbruch, zwischen Ordnung und Überraschung.
5.
Ein Spiel mit Kürzeln, Namen, Lauten: streng geordnet, doch voller Brüche und Einfälle. Ames stellt das Gedicht wie eine Liste hin, aber dahinter klingt das Archiv der Literatur, das Chaos des Alltags und das Lachen des Experiments.
(Wer sich aber in dem Gedicht wiederfindet, ist eh frei.)
Konstantin Ames
Vierletternquartette
(2079 abgleichen)
Tiek HOLZ Lotz Benn
Seel DICK Scho Zorn
FUES Mund Born Falb
Mpei Popp GOES Gumz
„Alexa! Ist alles erlaubt? – Das weiß ich leider nicht!“
Metz Pitz Lanz GOLL
Kusz RASP Reim Henn
ROST Tran Wühr Zech
Kühn Korf Rühm WOLF
Souverän unterm Minimum:
Can Fäh MON Eyl Erb/ Leß She She Pop/ Voß Amm Zuß
Janz Zapf Hopf Pick
Bach Elze Gräf Danz
Manz JUNG Drux Gnüg
Hell Bail Bánk ZAHL „NEIN! Du sollst die Stifte nicht essen!“
Laar Gräf Pohl OVER
Dove Dorn Roth KOCH
Merz Zing Gräf Gomr
Klin’ Inger Bert CHRIZ Z
Aus: Mütze #31 (2021), herausgegeben von Urs Engeler, S. 1568
Veröffentlicht am 28. September 2025 von lyrikzeitung
228 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Tim Turnbull
Und zum Schluß wieder diese Schlagzeilen ...
Die Opfer eines Gräuels waren sehr aufgewühlt und weinten heute.
Als ein Politiker nicht bei der Wahrheit blieb, empörten sich die Leute.
Die Angst griff um sich, da der Leitzins sich verändert hat;
ein Mann beschuldigte die Großkonzerne, ein anderer den Staat.
Jüngste Studien warnen davor, dass Krankheit zum Tod führen kann.
Froh über den Sieg, doch außer Atem war der Läufer, der das
Rennen gewann.
Strahlender Sonnenschein, hin und wieder Nebelschwaden – so viel
zum Wetter.
Und zuletzt: Süßes Katzenjunges adoptiert von Black and Tan Setter.
Aus dem Englischen von Dagmara Kraus, aus der ersten Ausgabe der famosen Zeitschrift Mütze, herausgegeben von Urs Engeler (2012-2023).
And, finally, those headlines again ...
The victims of a crime, today, got quite upset and cried.
Some people were indignant when a politician lied.
Anxiety was rife about the change in interest rate;
one man blamed big businesses, another blamed the state.
Alarming new research reveals disease can lead to death.
A runner won a race and then was glad but out of breath.
The weather will be cheering sun with some dismaying fog
and, last, a lovely kitten's been adopted by a dog.
Tim Turnbull war auch der Autor des allerersten Roughbooks bei Engeler (Es lebt. roughbook 001, 2009, übersetzt von Norbert Hummelt, Birgit Kempker, Norbert Lange, Ulf Stolterfohl, Hans Thill und Jan Wagner)
Veröffentlicht am 27. September 2025 von lyrikzeitung
361 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Hannes Bajohr
Er (Korpusfabel I)
er war 26 jahre alt
er war, als pionier, abkommandiert gewesen zum dienst an den
lokomotiven
er war anhänger darwins
er war arzt, hatte seine dienste als arzt erboten
er war auch kein sozialdemokrat
er war auch kein utopist
er war auf dem land aufgewachsen
er war auf der börse und beim pferderennen tätig
er war auf der höhe seiner berühmtheit als er nicht weiterkonnte
er war austromarxist
er war bauernsohn, kam in die stadt
er war der entdecker oder veredler eines stoffes, der
VALABLE hiess
er war die verkörperung der idee der heimat
er war doch den gegebenheiten des lebens nicht gewachsen
er war doch kriegsteilnehmer gewesen
er war ein chauvinist, engstirnig
er war ein prachtvoller germane er war eine stunde lang im
kreis gegangen
er war einer der verbannten, wie sie umhertrieben in paris
er war einer unzugehörigkeit ausgeliefert, die tiefer war als jegliche
nationale entwurzelung
er war einmal metaphysiker
er war für die „februar"-revolution
er war geschwächt von der lungenentzündung
er war gewaltsam, hart, rücksichtslos, wollte alles selbst bestimmen
er war ihr bei jedem schritt näher, als sie es ihrem gehör nach
vermutete
er war in seiner jugend ein hervorragender turner
er war ja dort nicht zur schau
er war ja kein radiotelegrafist
er war jetzt im käsegebiet
er war kein bolschewik mehr
er war maler, wusste aber noch nicht, wie er es werden sollte
er war matt gewesen beim antritt der weiterreise
er war mit einer französin verheiratet gewesen
er war nett zu mir, gab mir sein essgeschirr mit resten drin
er war nicht aufzufinden
er war nicht mehr zu erkennen
er war nicht weiter nach süden gefahren, sondern nordwärts
er war nie mitglied der partei
er war noch bei bewusstsein
er war organist in der kirche clotilde
er war sich aber nicht sicher
er war so sehr alleinherrscher
er war weit in den garten geschleudert worden
er war zäh
er war zu mir, als sei er mein sohn
Peter Weiss, Die Notizbücher. 2 Bände, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981–82
als Korpus verwendet, Verbalkonkordanzen zur Phrase „er war“ gesucht
und gelegentlich gekürzt; alphabetisch sortiert.
Aus: Mütze #8. Hrsg. Urs Engeler, S. 403f
Veröffentlicht am 26. September 2025 von lyrikzeitung
Angelika Janz
Der Gefangene
Ich will nichts,
mich will nichts,
ich lebe es vor.
Ich will niemanden,
keinen, ich schwör
dass ich still war bevor
sie mich fanden.
Dass ich nichts will,
verheißt, dass ich eigene
vor fremder Stärke
beschwor.
(1981)


Angelika Janz, Autorin und Künstlerin, geboren in Düsseldorf, lebt in Aschersleben in Vorpommern.
Veröffentlicht am 25. September 2025 von lyrikzeitung
Die September/Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form birgt im Innern 5 Beiträge mit Russland-Bezug – von Franz Fühmann („Kennen Sie Rußland?“*), Fjodor Dostojewski (auf Deutsch erstveröffentlichte) Notizen für ungeschriebene Romane) und Gedichten von Iwan Bunin und Alexander Gelman.
*) Fühmann sagt Russland, er meint – und kennt – bis dahin aber ausschließlich die ukrainische Sowjetrepublik, in der er als deutscher Soldat im Einsatz war.
Über die Ausgabe an anderer Stelle mehr. Hier ein Gedicht des 1933 im damaligen Königreich Rumänien, in dem Teil, der ein paar Jahre später die moldauische Sowjetrepublik wurde) geborenen, in Moskau lebenden Alexander Gelman. Der jüdische Autor beschreibt in diesem 2013 in Moskau erschienenen Gedicht einen apokalyptischen Alptraum, in dem das gesamte russische Volk in einem nicht zu stoppenden Zug ins Ungewisse reist – während der Sprecher, als einziger Jude an Bord, verzweifelt versucht, die Katastrophe aufzuhalten und die besorgte Menschheit zu beruhigen.
Alexander Gelman
ALPTRAUM
Ich hab’ geträumt von einem Zug.
Nacht war’s. Und in diesem Zug fuhr
das ganze russische Volk weg, irgendwohin,
ich auch, der einzige Jude.
Das riesige Territorium menschenleer, keine Seele weit und breit,
die Schienen glitzern, überall freie Fahrt,
der lange, überlange Zug rast dahin,
so viele Waggons, nicht zu zählen,
keiner weiß, wohin wir fahren.
Irgendwohin.
Wenn aber das russische Volk sich irgendwohin auf den Weg macht,
wird die Bevölkerung anderer Länder unruhig:
»Womöglich kommen sie zu uns, wollen sich bei uns niederlassen?«
Ich denke, ich muß den Zug anhalten, bevor es zu spät ist,
muß die Menschheit beruhigen.
Aber ich kann ihn nicht anhalten,
ich ziehe die Notbremse – einmal, noch einmal.
Er bleibt nicht stehen.
Stellen Sie sich meine Situation vor:
Das russische Volk fährt in unbekannte Richtung,
die ganze Welt ist in Panik
und ich kann den Zug nicht anhalten!
Über Rußland aber gehen in dieser Zeit
heftige Regenfälle nieder,
aus dem Land wird ein Sumpf, dann ein Meer,
aus dem Zug ein Schiff.
Und da fahren wir nun auf dem Meer „Rußland“
und wissen nicht, was tun, wo anlegen,
und an alledem bin ich schuld –
der einzige Jude auf diesem Schiff,
Alexander Isaakowitsch Gelman.
Aus dem Russischen von Susanne Rödel, aus: Sinn und Form 5/2025, S. 659f. Ursprünglich aus dem Gedichtband „Kostyli i krylja“ (Krücken und Flügel), Moskau 2013. Ein paar Monate später fuhr der Zug an.
Veröffentlicht am 24. September 2025 von lyrikzeitung
316 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Die Anthologie der Lyrikzeitung ist keine Straße der Besten und auch nicht das persönliche Poesiealbum des Herausgebers. „Ich lese verschiedene Arten von Gedichten“ (M.G. frei nach E.J.). Von Oliver Behnssen, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, kenne ich ein einziges Gedicht. Man kann es mal lesen. (In Bayern wird sich einiges mehr finden.)
Name: Oliver Behnssen. *24.09.1925 in Breslau, †14.10.1992 in München.
(Literaturportal Bayern https://www.literaturportal-bayern.de/nachlaesse?task=lpbestate.default&id=211 )
Beruf: Lyriker.
Geboren wurde Oliver Behnssen am 24. September 1925 in Breslau. Er besuchte die Finanzschule in Herrsching am Ammersee. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in russische Gefangenschaft. Zeit seines Lebens war er in verschiedensten Berufen tätig: vom Zeitungsverkäufer über Tellerwäscher bis zum Auslandsvertreter für Rosenthal-Porzellan. Oliver Behnssen schrieb lyrische Texte und Aphorismen. Seit den 70er Jahren war er aktiv im Münchner Werkkreis. Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller. Oliver Behnssen starb am 14. Oktober 1992 in München.
Eine seltsam diskrete Reihe
Ich saufe steil vor mich hin.
Ich weiß, es hat keinen Sinn, dich zu trösten.
Meine Geliebten: übersehbar und sicherlich
von mir unterschätzt: eine seltsam diskrete Reihe.
Mit den linden Lüften, die ja nicht nur
in diesem Jahr, sondern immer wieder auf's Neue
erwachen und säuseln und weben,
umschwärmt mich geschwätzig die Wiederholbarkeit
der spontanen Erniedrigungen, die mir noch bevorstehen.
Wahrscheinlich wird meine bisherige Einsamkeit
– im nun folgenden Schluß bediene ich mich
ausschließlich der Technik der intuitiven Evidenz –
dagegen ein Flohstich gewesen sein.
Aber wer kratzt sich schon an seiner Existenz.
Jeder vernünftig denkende Mensch
befriedigt doch dieses gelegentliche Bedürfnis
mit der viel privateren Sensation,
sich an seinem Bewußtsein zu kitzeln.
Und so döse ich denn auch ausgiebig steil vor mich hin:
meine Geliebten, eine diskrete Reihe.
Ich weiß, es hat keinen Sinn, dich zu trösten.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Sigbert Mohn Verlag, o.J. 1965), S. 428
(Viele große Verlage brachten damals Lyrik).
Veröffentlicht am 23. September 2025 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 22. September 2025 von lyrikzeitung
952 Wörter, 5 Minuten Lesezeit
Diese deutsche Fassung eines Gedichts des iranischen Dichters Hafez Mousavi mutet auf den ersten Blick seltsam an, bis man den Trick durchschaut. Für den Fall, dass jemand ein bisschen drin herumlesen und selber suchen mag (diese Fassung mag auch ihre Reize haben, mir hat sie Spaß gemacht), sage ich jetzt nichts mehr dazu (Fortsetzung sowie Anmerkungen des Verfassers und des Nachdichters weiter unten unter der persischen Fassung).
heißt vogel traurige dieser wie
zurück parsin die kehrt, beginnt sonne die als, morgens
an atem den hält, kinds des taufe der von
baucis und philemon von hütte der reste verbrannten die passiert
knochen ihre verkohlt)
gäste ihrer knochen die verkohlt
(auf rauch der noch steigt
faust schaut, bewegung in herz das, feucht augen die
grenze ohne gebiet sein auf, aus turms des spitze der von
liegt blick im ihm sieg sein wie, sieht
himmel europäischen am, ihm über
freude die an ode die läuft
worte die deutlich
himmelsgedicht heines aus blick im mädchens des augen die
:ab stift den setzt, satz letzten den goethe schreibt
»hinan uns zieht / ewig-weibliche das / getan ist’s hier«
*
himmel dem hinter ode die verschwindet dann
schwarz in bühne die dame alte eine betritt
hervor toten der geister die holt
sind grau die, noten der regen im saal der dunkel
ton den kennen, geister die zittern
ergreift schultern ihre der, todesfuge der
singt chor der
schiller ach
schiller lieber
bekam haare weiße nie mutter dessen, dichters eines geist der ist das
trank frühe der milch schwarze die der, er)
(wassersarg einem in fuhr
toten der geister die sind das
knochen aus flöten
tod der sie schnitzt es
prostituierte ist andre die
schauern eisigen in die
gebiert totes ein
weber schlesischen die sind das
leiche die für tuch das weben sie
kultur unsrer
ferne der in ufern den an nachts des narren sind andern die
antwort einer harren
gab nie und gibt nicht es die
stäben den hinter, panther einzelnen die
elefanten wann und dann
kreis im weiße
meer am stehen, mädchen sind jene und
aufhört sonne die wie, sehen
verlernt seufzen das haben
weiß ihnen von keine
vogel traurige dieser dass
heißt glauben, entflogen herzen
Nachdichtung: Tristan Marquardt (Interlinearübersetzung: Susanne Baghestani) Aus: Ein neuer Divan. Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West. Hrsg. Barbara Schwepcke und Bill Swainson. Berlin: Suhrkamp, 2019, S. 125/127


Natürlich haben Sie den „Trick“ schnell durchschaut. Der Nachdichter orientiert sich an der arabisch/persischen Konvention und ordnet die Wörter von rechts nach links an. „heißt vogel traurige dieser wie“ wird dann zu „wie dieser traurige vogel heißt“, und immer so weiter. – Das Buch enthält im übrigen sehr interessante Essays und weiteres Material zum Thema Übersetzen.
Hier die Anmerkungen aus dem englischen Originalbuch und zusätzlich vom Übersetzer Tristan Marquardt.
Zu dem Gedicht von Hafez Mousavi
morgens als die sonne beginnt, kehrt die parsin zurück von der taufe des kinds
Anspielung auf folgende Verszeilen aus Goethes »Parsi-Nameh/Buch des Parsen« im West-östlichen Divan: »Regt ein Neugeborner fromme Hände / Daß man ihn sogleich zur Sonne wende …«
(A.d.Ü.: Vermächtnis altpersischen Glaubens. Als Parsen werden die Anhänger des Zoroastrismus bezeichnet, ihre Stammländer sind Iran und Indien.)
philemon und baucis
Anspielung auf das alte Paar, dessen Hütte Mephisto in Goethes Faust II in Brand setzt
(A.d. Ü.: Faust II, Akt 5).
ode an die freude
Anspielung auf Friedrich Schillers Ode »An die Freude«.
(A.d. Ü.: Zugleich Europahymne in der Instrumentalfassung. Sie basiert auf der von Ludwig van Beethoven vertonten Fassung von Schillers Gedicht = letzter Satz der 9. Symphonie.)
die augen des mädchens im blick aus heines himmelsgedicht
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Ich glaub nicht an den Himmel«.
(A.d.Ü.: Gedichtzeile »Ich glaub nur an dein Auge / das ist mein Himmelslicht«.)
»hier ist’s getan / das ewig-weibliche / zieht uns hinan«
Die letzten drei Verszeilen von Goethes Faust.
todesfuge
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.
geist eines dichters, dessen mutter nie weiße haare bekam
Paul Celans Mutter wurde als junge Frau von den Nazis ermordet.
schwarze milch der frühe
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.
flöten aus knochen
Anspielung auf das Gedicht »Chor der Geretteten« von Nelly Sachs.
prostituierte, die in eisigen schauern ein totes gebiert
Anspielung auf das Gedicht »An die Verstummten« von Georg Trakl.
(A.d. Ü.: Gedichtzeile »Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.«)
die schlesischen weber
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Die schlesischen Weber«
(A.d.Ü. über den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844).
narren des nachts an den ufern
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Fragen«.
(A.d.Ü.: Hier das vollständige Gedicht aus Heinrich Heines Buch der Lieder, eine unverkennbare Anspielung von Hafez Mousavi auf die Flüchtlinge aus Nahost und Afrika, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.)
Fragen
Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
»O löst mir das Rätsel,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.)
die einzelnen panther
Anspielung auf das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke.
elefanten weiße im kreis
Anspielung auf das Gedicht »Das Karussell« von Rainer Maria Rilke.
mädchen, stehen am meer
Anspielung auf das Gedicht »Das Fräulein stand am Meere« von Heinrich Heine.
dieser traurige vogel
Anspielung auf das Gedicht »Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit« von Forugh Farrochsad
(A.d.Ü.: Die iranische Dichterin lebte eine Weile in Deutschland, das Gedicht findet sich in dem Band Jene Tage.)
Veröffentlicht am 21. September 2025 von lyrikzeitung
408 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Gonzalo Rojas
(*20. Dezember 1916 in Lebu, Chile; † 25. April 2011 in Santiago de Chile)
KONZERT
Sie alle schrieben das BUCH miteinander, Rimbaud
malte das Summen der Vokale; keiner
wußte, was der Christus
diesmal in den Sand schrieb! Lautréamont
heulte lange, Kafka
loderte wie ein Scheiterhaufen in seinen Papieren: Was
vom Feuer für das Feuer ist; Vallejo
starb nicht, das Steilufer
war von ihm erfüllt wie das Tao
voller Leuchtkäfer; andere
blieben unsichtbar; Shakespeare
inszenierte das Schauspiel mit zehntausend
Schmetterlingen; wer jetzt durch den Garten ging, mit sich
selbst redend, das war Pound, ein Ideogramm besprechend
mit den Engeln, Chaplin
filmte Nietzsche; aus Spanien
kam mit dunkler Johannisnacht
durch den Äther: Goya,*
Picasso
im Clownskostüm, Kavafis
aus Alexandria; weitere schliefen
wie Heraklit in der Sonne schnarchend
von den Wurzeln weg: Sade, Bataille,
Breton selbst; Swedenborg, Artaud
und Hölderlin grüßten
traurig das Publikum vor
dem Konzert:
Was
machte dort der blutende Celan
zu dieser Stunde
an den Fensterscheiben?
Aus dem Spanischen von Tobias Burghardt, aus: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Hrsg. Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, 2001, S. 93.
*) An dieser Stelle finde ich die Übersetzung nicht perfekt, weil sie eine direkte Anspielung auf die „Noche oscura del alma“ des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz (Heiliger Johannes vom Kreuz) verdeckt. Statt „mit dunkler Johannisnacht“ steht dort eher „Aus Spanien / kam mit der dunklen Nacht des Johannes vom Kreuz: Goya“ oder vielmehr zwar beides, aber das direkte Zitat „en una noche oscura“ und die Anspielung auf den Namen des Mystikers sollten nicht unter den Tisch fallen.
CONCIERTO
Entre todos escribieron el Libro, Rimbaud
pintó el zumbido de las vocales, ¡ninguno
supo lo que el Cristo
dibujó esa vez en la arena! Lautréamont
aulló largo, Kafka
ardió como una pira en sus papeles: – Lo
que es del fuego al fuego; Vallejo
no murió, el barranco
estaba lleno de él como el Tao
lleno de luciérnagas; otros
fueron invisibles; Shakespeare
montó el espectáculo con diez mil
mariposas; el que pasó ahora por el jardín hablando
solo, ése era Pound discutiendo un ideograma
con los ángeles, Chaplin
filmando a Nietzsche; de España
vino con noche oscura de San Juan
por el éter: Goya,
Picasso
vestido de payaso, Kavafis
de Alejandría; otros durmieron
como Heráclito echados al sol roncando
desde las raíces: Sade, Bataille,
Breton mismo; Swedenborg, Artaud,
Hölderlin saludaron con
tristeza al público antes
del concierto:
¿qué
hizo ahí Celan sangrando
a esa hora
contra los vidrios?
Ebd. S. 92
Veröffentlicht am 20. September 2025 von lyrikzeitung
Heute wäre Adolf Endler 95 geworden.
Verse echter Dankbarkeit
Eine Magistratsangestellte Mitte der Siebziger zum Autor:
"Ich höre, Sie sollen jetzt auch eine Wohnung bekommen...
Ihre Gedichte werden dann hoffentlich anders aussehen!"
Bald fünfzig; und nicht länger nur Gekrächz und Poescher Rab' ich;
Denn eine Wohnung endlich, eine eig'ne Wohnung hab' ich!
Ein and'rer Kerl scheint man geworden: Vorwärtsstürmend gab ich
Mein Ehrenwort, daß künftig keinen einz'gen weiter'n Stab ich
– Auch Staates Sicherheit nie wieder untergrab' ich... –
Über die Heimatstadt zu brechen wagen will, Frau Zapich!
Ja, durch die Straßen als ein nagelneues Wesen trab' ich;
Mich an der Interessantheit blühender Hauptstadt lachend lab' ich;
Mit reif'rem Werk lob' unser'n Alex (nicht den Baobab) ich;
Plumps! war im Eimer meine Lust auf Plowdiw oder Plöhn...
Ich han min Lehen!, Leute, eine Wohnung, Wohnung hab' ich!
(Tönt's nicht schon kräftiger, mein Lied, nicht fast schon wunderschön?)
(1975/1984)
Aus: Adolf Endler: Der Pudding der Apokalypse. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1999, S. 152
Veröffentlicht am 19. September 2025 von lyrikzeitung
387 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Heute mal ein Gedicht mit Interpretation – durch die Autorin selbst.
Kerstin Hensel
DER SOLDAT
Das ist das Feld.
Da gehörst du hin, sagt der Feld-
Webel. Hier ist dein Platz, wo
Dem Feind die Kugel durch's Hirn
In's All, verstanden? Verstanden.
Die Schläfenblume geht auf
Der Stahlknarre Mündung.
Zuerst war der Holzstich. Der Künstler Karl-Georg Hirsch schuf ihn als »Totentanz«. Hirsch und ich trafen uns vor knapp zwanzig Jahren in Leipzig und erkannten, unter manch anderen Gemeinsamkeiten, die Gemeinsamkeit unserer Weltsicht: sie war vor allem antisoldatisch, vom Ekel vor allen dumm-zerstörerischen Mächten geprägt.
Das Gedicht beginnt zunächst harmlos: Das ist das Feld. Das Wort Feld schlägt Assoziationsbögen vom agrarischen über den sportlichen, poetischen, Forschungs- bis zum militärischen Begriff: auf dem Ackerland wächst das zum Leben notwendige Getreide/das Spielfeld ist bereitet/das Gefilde fordert die Phantasie/ das Arbeitsgebiet ist bestimmt/ und der Platz des Soldaten wird der Kriegsschauplatz sein. Der Feldwebel (der Teilungsstrich am Versende läßt den »Kehrt-Marsch!«-Ton des Militärs erkennen) gibt Befehle. Sein Ton ist wie an einen gerichtet, der nicht weiß, was er auf dem Schlachtfeld soll. Im Enjambement von Vers 3 wird die Sprache des Feldwebels als die eines Militäridioten entlarvt: der Kerl weiß selber nicht, wo sein Platz ist. Sein (Un)Verstand ist aufs globale Morden ausgerichtet. In Vers 5 folgt die Frage an den Soldaten, ob er den Schwachsinn seiner Orts- und Handlungsbestimmung verstanden habe.
Der Soldat antwortet, wie er es gelernt hat, und der Leser erwartet seinen gehorsamen Gang in die Schlacht. Die beiden Schlußverse aber lassen vermuten, daß etwas mit dem Soldaten geschehen ist, das eine andere als die erwartete Richtung nimmt: das oszillierende Bild der Schläfenblume läßt an die verletzliche, über der Wange gelegene Stelle denken, hinter der das »Blut pocht«. Ein Schuß durch die Schläfe bedeutet den sicheren Tod, aber die Schläfe steht hier im Zusammenhang mit Blume. Blumen, die Soldaten beim Einzug in den Krieg auf ihren Gewehren getragen haben. Blume und Stahlknarre als Gegensatzpaar assoziieren auch den Sieg des Lebens über den Krieg. Das Gedicht freilich ist, wie Hirschs Holzstich, fern jeder Idylle.
Grafik und Gedicht illustrieren einander nicht. Sie bedingen sich in der Aussage und arbeiten aneinander, so wie der Betrachter/Leser daran zu arbeiten hat.
Aus: Die Hölderlin Ameisen. Vom Finden und Erfinden der Poesie. Herausgegeben von Manfred Enzensperger. Köln: DuMont, 2005, S. 89/91 (dort auch der Holzstich).
Kann zu diesem Blog derzeit keine Informationen laden.
Neueste Kommentare