Kategorie: Europa

Die Nacht streckt ihre Finger aus

SARAH KIRSCH (* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide, Holstein) Die Nacht streckt ihre Finger aus Die Nacht streckt ihre Finger aus Sie findet mich in meinem Haus Sie setzt sich unter meinen Tisch Sie kriecht wird… Continue Reading „Die Nacht streckt ihre Finger aus“

die müssen doch wohl eine macke habn

Gabriele Stötzer ich bin nicht rosa luxemburg du bist nicht clara zetkin uns ham se nicht die köpfe geschorn uns ham se nicht die köpfe geschorn ich bin kein dünner darmverschluß du bist kein schienbeinmuskel uns ham se nicht vor die köpfe geschlagen uns… Continue Reading „die müssen doch wohl eine macke habn“

in der pathologie

Auch 100 Jahre nach Benn keine leichte Kost. In dessen „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ zeigt ein Mann seiner Frau, wo er arbeitet. Ein Gedicht wie das von Gabriele Stötzer wäre vor 100 Jahren kaum möglich gewesen. Bei ihr ist es eine… Continue Reading „in der pathologie“

Waldmeister

Barbara Köhler

Lagergebet aus Ravensbrück

Urszula Wińska Lagergebet (Pacierz obozowy) Vater unser, der Du bist im Himmel Und siehst unser heimatloses Leben, Nimm uns in Obhut, Deine treuen Kinder, Stille die Tränen, die unsere Seele trüben. Geheiligt sei Dein Name hier auf fremder Erde, Wo wir dem Vaterhaus gewaltsam… Continue Reading „Lagergebet aus Ravensbrück“

Wetterzeichen

Johannes Bobrowski (* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Berlin) WENN VERLASSEN SIND Wenn verlassen sind die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist unter den Füßen… Continue Reading „Wetterzeichen“

Meine Dichtungen, deklamiert

Else Lasker-Schüler An mich Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem… Continue Reading „Meine Dichtungen, deklamiert“

Im Walde von Katyn

April 1940: Beginn des Massakers von Katyn, bei dem tausende polnische Offiziere und Intellektuelle hingerichtet und im Walde von Katyn verscharrt werden. Erst 1990 gab die sowjetische Führung die sowjetische Verantwortung für das Verbrechen zu. Friederike Mayröcker IM WALDE VON KATYN im Walde von… Continue Reading „Im Walde von Katyn“

Wiedersehen mit Berlin

Mascha Kaléko Wiedersehen mit Berlin Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise, Seit man vor tausend Jahren mich verbannt. Ich seh die Stadt auf eine neue Weise, So mit dem Fremdenführer in der Hand. Der Himmel bläut. Die Föhren lauschen leise. In Steglitz sprach mich… Continue Reading „Wiedersehen mit Berlin“

Ankunft im Regen

Anna Krommer (* 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei), deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit) Aus: Ankunft im Regen Ich kam von fern in diese tiefe Nacht, Trag als Gepäck des ganzen Lebens Last, Kam ungebeten, bin bei keinem Gast, Und habe keinem etwas… Continue Reading „Ankunft im Regen“

Heut roth und morgen todt

Luise Hensel (* 30. März 1798 in Linum, Mark Brandenburg; † 18. Dezember 1876 in Paderborn) Unbegreiflich Sie rechnen viel und zählen, Und Eins ist doch nur noth. Sie sorgen stets und quälen Sich nur um’s Erdenbrod. Sie schaffen, tauschen, wählen, Und bald doch… Continue Reading „Heut roth und morgen todt“

Bettelsong

Jo Mihaly (eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern), Tänzerin, Schauspielerin, Schriftstellerin Bettelsong Ach quatsch mich nicht an, Mensch Mit deinem Sermon lehr du mich die Welt verstehn! Wat weisst denn… Continue Reading „Bettelsong“

Selbst den Untergang

Amanda Aizpuriete (* 28. März 1956 in Jūrmala, Lettland) Selbst den Untergang nicht erflehn –, Wie Centimes Sekunden scheppern, hufspurbittres Sumpfwasser keine Verwandlung mir bringt. Mit Fäusten schlag ich den Brustkorb der Zeit. Aderngedröhn bis endlich der Friedensbote kommt, ein Bluthund – die Knie mir… Continue Reading „Selbst den Untergang“

An einen Baum am Spalier

Sophie Mereau-Brentano (* 27.03.1770, † 31.10.1806) An einen Baum am Spalier Armer Baum! – an deiner kalten Mauer festgebunden, stehst du traurig da, fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer in den Blättern freier Bäume weilt und bey deinen leicht vorübereilt. O! dein… Continue Reading „An einen Baum am Spalier“

Da verwandelte sich Rilke

  Aus: Melanie Katz: Silent Syntax. Gedichte. Wiesenburg: hochroth, 2018