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270 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Richard Kralik
(1852-1934)
Der Traum
Ich war im Traum, ich weiß nicht wo;
Bin noch des seligen Traumes froh.
Ich dachte, was ich einst schon sann;
Doch ach, ich weiß es nicht mehr, wann.
Es leuchtete, weiß nicht, wovon;
Es war nicht Stern, nicht Mond, nicht Sonn'
Ein Zauber lenkte meinen Sinn,
Ich weiß nicht, wohinaus, wohin.
Es wallt' um mich noch immer mehr
Und heller, ich weiß nicht, woher.
Ich spür' den Duft noch, weiß nicht, welchen,
Aus wundersüßen Blumenkelchen.
Da tönt' es also süß und leise,
Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise,
So unbestimmt und doch so zart,
Ich weiß nicht mehr, auf welche Art.
Ich weinte, weiß doch nicht warum;
Das All umgab mich still und stumm.
Ich fühlte mich in stolzer Ruh'
Bestimmt, ich weiß nicht mehr, wozu.
Ich sah daselbst, ich weiß nicht, wen;
So Hehren hab' ich nie gesehn.
Es sprach zu mir, ich weiß nicht, wer,
Ein Wort so tief, so innig her.
Ich fühlte drob, ich weiß nicht, was;
War's Furcht, Entzücken, Liebe, Haß?
Ich schlug, ich weiß nicht mehr, womit,
Ein Ungeheur, das mich bestritt.
Nun aber bin ich wieder hie
In dieser Welt und weiß nicht, wie.
Aus: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Hrsg. Gotthart Wunberg. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 370f
Richard Kralik (eigentlich Richard Ritter Kralik von Meyrswalden, Pseudonym Roman; * 1. Oktober 1852 in Eleonorenhain, Böhmerwald; † 4. Februar 1934 in Wien) war ein österreichischer Schriftsteller und Kulturphilosoph aus der Familie Kralik von Meyrswalden. Als Schriftsteller nannte er sich Richard Kralik; nach 1919 wurde dies aufgrund des Adelsaufhebungsgesetzes auch sein offizieller Name. https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Kralik
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