Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Veröffentlicht am 8. Januar 2026 von lyrikzeitung
113 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ror Wolf
(* 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen; † 17. Februar 2020 in Mainz)
Dritter unvollständiger Versuch
das Leben zu beschreiben
Zweiunddreißig, Juni, nachts zwei Uhr,
als ich nass aus meiner Mutter fuhr,
als ich stumm aus meiner Mutter kroch,
aus dem einen in ein andres Loch,
aus dem Fleisch heraus hinein ins Leben,
sagte man zu mir: So ist das eben.
Im November nachts Zweitausendeins
lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,
tief im Blut und alle Tropfe tropften,
die Kanülen, die Katheter klopften,
alles floß hinein in das Plumeau,
und man sagt zu mir: Das ist halt so.
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 25f
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Aus Mangel an Beweisen, Dritter unvollständiger Versuch das Leben zu beschreiben, existenzielle Lyrik, Gedicht des Tages, Körper und Sprache, Lyrik 21. Jahrhundert, Lyrikzeitung, moderne deutsche Lyrik, Ror Wolf, Ror Wolf Gedicht, Wunderhorn Verlag
Kann zu diesem Blog derzeit keine Informationen laden.
Neueste Kommentare