Gehabt hab ich ein Heim

362 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Mordechaj Gebirtig 

(jiddisch מָרְדֳּכַי געבירטיג Mordekhay Gebirtig, ursprünglich kurz auch Mordechaj (Mordche) Bertig beziehungsweise deutsch Markus Bertig; geboren am 4. Mai 1877 in Krakau, Österreich-Ungarn; ermordet am 4. Juni 1942 im Ghetto Krakau)

Gehabt hab ich ein Heim

Gehabt hab ich ein Heim, ein warmes Stückel Raum,
ein bissel Wirtschaft wie für arme Leut;
verband die Wurzeln fest zu einem Baum –
hab an mei'm bissel Armut mich gefreut.

Gehabt hab ich ein Heim, ein Stübel, eine Küch
und habe still gelebt so jahrelang.
Und gute Freunde hatte ich um mich,
ein Stübel voll von Liedern und Gesang.

Mit Feindschaft, Haß und Tod, so kamen sie,
und alles, was mir so am Herzen lag,
was ich errichtet hab mit schwerer Müh,
vernichtet haben sies in einem Tag.

Sie kamen über uns wie eine Pest
und haben uns gejagt mit Frau und Kind –
wir blieben ohne Heim wie Vögel ohne Nest
und wissen nicht: Warum? Für welche Sünd?

Gehabt hab ich ein Heim, jetzt hab ich keines mehr.
Für sie war nur ein Spiel mein Untergang.
Ein neues Heim, man findet es nur schwer, wie schwer –
ich weiß nicht wo und weiß nicht auf wielang.

Mai 1941

Aus dem Jiddischen von Hubert Witt, in: Sinn und Form 1/1962, S. 112

Die erste Strophe im Original

געהאַט האָב איך אַ הײם ,אַ שטיקל רױם
אַ ביסל װירטשאַפֿט װי אָרעמע לײַט
װי צוגעבונדן װאָרצלען צו אַ בױם
האָב איך זיך מיט מײַן ביסל אָרעמקײט
https://lyricstranslate.com/de/mordechai-gebirtig-gehat-hob-ikh-heym-lyrics.html
Gehat hob ikh a heym, a shtikl roym.
A bisl wirtshaft wi bai oreme lait.
Wi tsugebundn wortslen tsu a boym
Hob ikh zikh mit mayn bisl oremkait.

Mordechaj Gebirtig (1877–1942) war ein jiddischer Dichter, Liedermacher und Tischler aus Krakau. Seine Lieder, geschrieben in der Sprache des jüdischen Alltagslebens, verbinden schlichte Melodik mit tiefer Humanität.

Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Lied „’s brennt, Brüder, es brennt“, das zum Symbol des Widerstands gegen Pogrome und Vernichtung wurde.

Gebirtig wurde am 4. Juni 1942 zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern bei der Deportation aus dem Krakauer Ghetto von deutschen Besatzern erschossen – an der Ecke Dąbrówki / Janowa Wola.

An seinem Wohnhaus in der Berek-Joselewicz-Straße 5 erinnert seit 1992 eine Gedenktafel: „Sei gesund, mein Krakau. Mordechaj Gebirtig (1877–1942) – Tischler, Dichter, Sänger.“

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