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Veröffentlicht am 25. September 2025 von lyrikzeitung
Die September/Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form birgt im Innern 5 Beiträge mit Russland-Bezug – von Franz Fühmann („Kennen Sie Rußland?“*), Fjodor Dostojewski (auf Deutsch erstveröffentlichte) Notizen für ungeschriebene Romane) und Gedichten von Iwan Bunin und Alexander Gelman.
*) Fühmann sagt Russland, er meint – und kennt – bis dahin aber ausschließlich die ukrainische Sowjetrepublik, in der er als deutscher Soldat im Einsatz war.
Über die Ausgabe an anderer Stelle mehr. Hier ein Gedicht des 1933 im damaligen Königreich Rumänien, in dem Teil, der ein paar Jahre später die moldauische Sowjetrepublik wurde) geborenen, in Moskau lebenden Alexander Gelman. Der jüdische Autor beschreibt in diesem 2013 in Moskau erschienenen Gedicht einen apokalyptischen Alptraum, in dem das gesamte russische Volk in einem nicht zu stoppenden Zug ins Ungewisse reist – während der Sprecher, als einziger Jude an Bord, verzweifelt versucht, die Katastrophe aufzuhalten und die besorgte Menschheit zu beruhigen.
Alexander Gelman
ALPTRAUM
Ich hab’ geträumt von einem Zug.
Nacht war’s. Und in diesem Zug fuhr
das ganze russische Volk weg, irgendwohin,
ich auch, der einzige Jude.
Das riesige Territorium menschenleer, keine Seele weit und breit,
die Schienen glitzern, überall freie Fahrt,
der lange, überlange Zug rast dahin,
so viele Waggons, nicht zu zählen,
keiner weiß, wohin wir fahren.
Irgendwohin.
Wenn aber das russische Volk sich irgendwohin auf den Weg macht,
wird die Bevölkerung anderer Länder unruhig:
»Womöglich kommen sie zu uns, wollen sich bei uns niederlassen?«
Ich denke, ich muß den Zug anhalten, bevor es zu spät ist,
muß die Menschheit beruhigen.
Aber ich kann ihn nicht anhalten,
ich ziehe die Notbremse – einmal, noch einmal.
Er bleibt nicht stehen.
Stellen Sie sich meine Situation vor:
Das russische Volk fährt in unbekannte Richtung,
die ganze Welt ist in Panik
und ich kann den Zug nicht anhalten!
Über Rußland aber gehen in dieser Zeit
heftige Regenfälle nieder,
aus dem Land wird ein Sumpf, dann ein Meer,
aus dem Zug ein Schiff.
Und da fahren wir nun auf dem Meer „Rußland“
und wissen nicht, was tun, wo anlegen,
und an alledem bin ich schuld –
der einzige Jude auf diesem Schiff,
Alexander Isaakowitsch Gelman.
Aus dem Russischen von Susanne Rödel, aus: Sinn und Form 5/2025, S. 659f. Ursprünglich aus dem Gedichtband „Kostyli i krylja“ (Krücken und Flügel), Moskau 2013. Ein paar Monate später fuhr der Zug an.
Kategorie: Rußland, RussischSchlagworte: Alexander Gelman, Alptraum-Motiv, Apokalypse, Dichtung nach 2010, Fjodor Dostojewski, Flucht, Franz Fühmann, Gedichte über Russland, Heimatverlust, Iwan Bunin, jüdische Dichter, jüdische Literatur aus Osteuropa, Kostyli i krylja, Krücken und Flügel, Moldauische Sowjetrepublik, Politische Poesie, russische Lyrik, Russlandkrieg, Russlandkritik, Sinn und Form, Sinn und Form 5/2025, Sowjetunion, Susanne Rödel, ukrainisch-russische Geschichte, zeitgenössische russische Dichtung, Zug als Metapher, Zugmotiv in der Lyrik
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