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Zum 3. Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine ein Gedicht des ukrainischen Dichters Serhij Zhadan, der aus der Oblast Luhansk stammt, von der Russland große Teile besetzt hält, die widerrechtlich an Russland angeschlossen wurden und die offensichtlich jetzt von Trump endgültig verraten und verkauft werden soll. (Und von der auch viele in Westeuropa sagen, das seien ja ohnehin Russen und dergleichen.) Ein Gedicht aus der ersten Phase des Krieges, 2014.
Serhij Zhadan (ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, Serhij Wiktoriwytsch Zhadan, englisch Serhiy Zhadan; * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk)
Milizschule. September 2014.
Sie sitzen an der Wand, im Schatten, in den der
Scharfschütze nicht vordringt.
Ziegelschutt, Konservendosen, gefüllt mit Regenwasser.
Draußen vor dem Schultor Straßen, aus denen sich der
Sommer zurückzieht.
Einer sitzt zur Sonne hin, schwarz wie sein eigener Grabstein.
Den Rücken an die heißen Kacheln der Milizschule gelehnt.
»Sing mit uns«, lachen wir ihm zu, »was ist? Na, komm schon!«,
sagen wir zum schwarzen Schatten, dessen Augen man
nicht sieht.
Doch er winkt ab. »Ich bin kein Sänger«, sagt er lässig,
»Ich bin ein Mörder.«
»Ich bin ein Mörder«, wiederholt er, es klingt wie: »Ich
bin Briefträger,
ich arbeite als Briefträger.«
»Singt ohne mich«, sagt er lächelnd und mustert uns.
»Ihr singt, ich höre zu und halte Wache.«
Der schwarze Herbst 2014. In den Schulkasernen sitzen
Freiwillige.
Auf den Feldern vor der Stadt faulen die Sonnenblumen
und die Gefallenen.
Die Sonne ist heiß wie eine Melone in der verbrannten
Schwarzerde.
»Singt ohne mich«, sagt er müde,
und alle singen.
In seinem Rücken die Stadt mit den zerbombten Schulen.
In seinem Rücken das Feld,
von dem schon die zweite Woche keiner die Gefallenen
räumt.
In seinem Rücken die Sonne, die Sonne des frühen
Septembers,
eine erstarrte Sonne, die hier keinen mehr wärmt.
Er schaut zu uns und sieht Bäume in unserem Rücken.
Rote Kiefern im glitzernden Sand.
In unserem Rücken ist nur süßer Nebel.
In unserem Rücken ist kein Toter.
Wir können ihn noch so oft ansingen,
können ihn noch so oft in unsere Runde rufen,
ihn mit unseren Stimmen aus der Dunkelheit ziehen,
wir werden nie wieder mit ihm singen,
die verlorene Stimme schmerzt wie ein abgetrenntes Glied.
Die Sonne steht über den roten Kiefern.
Wir wissen genau, woraus unsere Geschichte gemacht wird.
Die Geschichte ist der Schatten, den die Lebenden werfen.
Und der Schatten, den die Toten werfen, das ist auch
Geschichte.
Aus: Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 130f
(In der deutschen Wikipedia schreibt man seinen Namen Schadan. Das ist unglücklich, weil es im Deutschen dann meist stimmlos wie in Schaden gesprochen wird. Es ist aber stimmhaft wie im französischen génie oder jour. Bei Suhrkamp schreibt man deshalb Zhadan, wie im Englischen. Viele aus diesen Sprachräumen benutzen diese Schreibweise in ihren Pässen. Vielleicht könnten wir das zh zur Unterscheidung zwischen stimmhaftem und stimmlosem Laut in unsere Sprache einführen, weil die Buchstabenkombination zh sonst nicht vorkommt. Wir schreiben ja auch nicht Schenie, Schurnal… – In der DDR schrieb man sh für den stimmhaften Laut, das war jedenfalls genauer. Solshenizyn (Ost) vs. Solschenizyn (West). Beim s machen wir das ja schon oft und unterscheiden zwischen stimmhaftem s wie im Deutschen Suse und stimmlosem ss wie in Jessenin, Odessa, wo im Russischen bzw. Ukrainischen nur einfaches stimmloses s steht. Bloß am Wortanfang machen wir das nicht, Herz, serdze, müsste genauer sserdze oder ßerdze lauten. – Ich weiß, es wird keiner auf mich hören, aber ein bisschen Augenmerk auf eine etwas genauere Aussprache bewiese schon Respekt, finde ich.)
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