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Und wieder ein 80. Geburtstag. Wir gratulieren dem australischen Dichter Robert Gray (* 23. Februar 1945)! Gray schreibt manchmal sehr kurze Gedichte. Dies ist ein langes (Lesezeit 4 Minuten, sagt die KI).
Das Leben eines chinesischen Dichters
Er wurde in Tai-yuan geboren und erlebte die Herrschaft
sechs verschiedener Kaiser,
und schrieb in neunundachtzig Jahren fünftausend Gedichte, in
reimender Prosa oder als Lieder für die ch'in.
Es könnte scheinen, daß er alt war von Geburt an. Sein Leben war
völlig ereignislos,
abgesehen von der stets erinnerten Liebe, die er für eine gewisse
Kurtisane empfunden hatte.
Seine Mutter untersagte ihm, dieses Mädchen zu heiraten, das
»Duftende Jade« hieß,
und bald darauf wurde er als kleiner Beamter in die ferne Provinz
Fukien versetzt.
Dort entdeckte er von Zeit zu Zeit den Trost der Natur – ihre
Lebhaftigkeit und ihre unausdenkbare Wirklichkeit.
Er schreibt von den wilden Bergen, die Zacken hatten und wie
Hundezähne glitzerten
und die man durch die hängenden Blumen der weißen Wege
hindurch sehen konnte.
Er bewunderte auch den Fluß, von dem er sagte, er sei wie der große
Drache des Ch'i,
der sich in alle zwölf Richtungen verzweigte, wenn er die fünf
Elemente unterwarf.
Von Jugend an war es sein Traum, sich in Waffen gegen die
Goldenen Tartaren zu erheben,
aber die nördlichen Grenzen waren nun gesichert; es gab keine
Kämpfe mehr, nur eine endlose Langeweile.
Mit vierundfünfzig Jahren ging er in sein Heimatdorf zurück, ohne
jemals befördert worden zu sein,
besorgt über das, was er vom Luxus und von der Zügellosigkeit am
Hofe gehört hatte.
In seinem Werk träumte er vom »gewaltigen Rauch« der Kampfwagen,
die über die Ebene rasten;
er beschrieb die nächtlichen Reisen zu fernen Vorposten, auf einem
Fluß, der vom weiß starrenden Mond in Ketten gelegt war.
Obwohl er sich selbst zum »Eremiten vom moosigen Grund« stilisierte
und von sich behauptete, er sei wild, jähzornig und trunken,
schien er sich nach der Gesellschaft anderer Dichter zu sehnen.
Er hatte ein Mädchen aus dem Dorf geheiratet, als dieses fünfzehn
war, und verbrachte die meiste Zeit still in seine Bücher verloren.
Sein Studium der taoistischen und zen-buddhistischen Lehren
steigerte sein Entzücken an der Natur.
Berge, Blumen und Bäume wurden seine Gefährten.
Bei regnerischem Wetter legte er seine Studien beiseite und stapfte
zur Wirtschaft, um mit den Landarbeitern zu trinken.
»Die Wirtschaft in unserem Städtchen verkauft Tag für Tag
eintausend Gallonen Wein. Die Leute sind glücklich, warum
sollte ich allein traurig sein?«
In seiner Liebe zur Schönheit war er vollkommen aufrichtig. Das
Ding, das er gesehen hatte, erschien auf dem weißen Papier. Ein
Gefühl überbordenden Lebens.
Ein chinesischer Kritiker sagte: »Seine Poesie hat die Einfachheit des
täglichen Sprechens. In ihrer Einfachheit ist Tiefe, in ihrer
Wehmut Ruhe.«
Als er einundachtzig Jahre alt war, erhoben sich einmal mehr die
Mongolen und ritten eine Attacke gegen die Himmlische Horde;
die Armeen der Sung wurden in einem fort besiegt und sogar aus
Szechuan vertrieben.
Einmal mehr meldete er sich freiwillig für den Eintritt in die Armee,
aber im Tumult in den Korridoren der Provinzhauptstadt wurde er
zur Seite geschoben und nicht weiter beachtet.
Er gab die Hoffnung auf, sich vor seinem Tod im Kampf zu sehen,
und kehrte angeekelt in sein Dorf zurück
Seine Lieder wurden nun von Maultiertreibern auf fernen Pässen
gesungen, von Mädchen, die Seide in den Flüssen wuschen.
In der Hauptstadt wurden sie bei Weingelagen deklamiert, und
geflüstert an den Ufern des Kaiserlichen Sees.
Er wurde, auch wenn er sich kaum zeigte, in seinem Dorf verehrt,
doch eines Morgens sprach sich herum, daß er hoffnungslos
erkrankt sei.
Alles wurde vorbereitet – der schmale Sarg, die zwei dicken Decken
und das Geld für die Mönche;
die Erde aus seinem Grab wurde auf den Hügel geworfen, und auch
der Weihrauch wurde gekauft, der zwischen den Gräbern
hier glimmen würde.
Doch dann, am nächsten Morgen, setzte er sich auf dem Lager auf
und bat, ihm Wein vom Markt zu bringen;
er hatte die Jalousie hochgerollt für einen freien Blick nach Süden
und schrieb einige tadellose Verse, in tonal regelmäßiger,
siebensilbiger Form.
Deutsch von Joachim Sartorius, aus: Schwindendes Licht. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe: deutsch-englisch. Aus dem Englischen von Joachim Sartorius. Mit sechs Kaltnadelradierungen von Claudia Berg. (= Edition Refugium Band 4), S. 59ff
Bei Lyrikline gibt es einige Texte im Original vom Autor gelesen und in Übersetzungen.
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