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Heute vor acht Jahren starb Rainer Kirsch. Hier ein Gedicht, das er im November 1976 schrieb, nachdem die DDR den Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert hatte. Natürlich wurde es in der DDR nicht gedruckt. Mit einem Stempel der Universität Greifswald konnte ich sein im Westen gedrucktes Buch „Auszog das Fürchten zu lernen“ in der Deutschen Bücherei in Leipzig lesen und schrieb mir – da es vor 1990 keinen einzigen Copyshop gab in Leipzig! – die fehlenden Texte von Hand ab.
Notwendige Nachbemerkung: Tatsächlich brauchte man einen Stempel einer Institution, die den wissenschaftlichen Verwendungszweck bescheinigte, um im Westen gedruckte Bücher zu lesen. Und Papier und Stifte, um sie zu „kopieren“.

Zeitung Der geifert seit zehn Jahren Gift und Speie Schreibt eine Zeitung giftend geifernd speiend So ist das Recht. Ich schreibe Zeilen, um Trost auszuteilen, weil das Recht so ist Und der Mensch Trost braucht, wenn ihm sonst zu schwer ist Was ist; das Recht, beschrieben, tröstet Selbst in den schlimmsten Fällen. Wen? Die Leser. Was tröstet mich? Ich lese Spaniens Chronik Und hör Ernst Busch. Wie graue Wölfe schoben Sich die Wolken, brüllt er. Sänger des Menschen Tröster (Die letzte Silbe ist wenn geht zu dehnen) November 1976
Aus: Rainer Kirsch, Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa Gedichte Komödie. Reinbek: Rowohlt, 1978, S. 257
Ernst Busch übrigens, großartiger Sänger und parteitreuer Kommunist, veröffentlichte in der Zeitung wunschgemäß ein kurzes Statement gegen Biermann, das mit den Worten endete, den Sänger anredend: „Und du bist der Klassenfeind“. Selbstverständlich kannte Kirsch das, es stand in der Zeitung und war ja Teil von Gift und Speie. Dialektik des Trosts.
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