Lebenslauf, erste, zweite, fünfte Fassung

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Württemberg; † 7. Juni 1843, heute vor 180 Jahren, in Tübingen)

Handschrift der „Kurzode“ bzw. epigrammatischen Strophe vom April 1798:

Lebenslauf.

Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
    Schön ihn nieder; das Laid beugt ihn gewaltiger,
          So durchlauf ich des Lebens
                Bogen und kehre, woher ich kam.

Hölderlin

Gedruckt möglicherweise erst im November 1799 in Neuffers Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1799.

Neufassung und Entwurf von 4 weiteren Strophen, April 1800:

Lebenslauf.
1-4 Hohem nahte sein Geist, aber aus Liebe mußt 
Er hernieder und bald hatte der Abgrund ihn. 
So durchflog er des Lebens 
Bahn, und kehrte woher er kam.

5-8 Aufwärts oder hinab! wehet in lezter Nacht 
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, 
Weht ein lebender Othem 
Nicht im untersten Orkus auch?

9-12 Diß erfuhr ich, denn oft wenn die Begegnungen 
Meiner Lieben mich einst, deine Gesänge mich  
In den Lüften des Maitags 
Rührten liebendes Bild

13.14 Wenn der Pfeile des Schiksaals 
Einer brennend mich traff sah ich den Gott oft nah

17-20 Nicht wie Meister auf Erden führen des ebnen Pfads 
Erziehen
daß für
alles danken lerne der 
Daß er lerne die Freiheit 
Aufzubrechen, wohin er will.

Textfassung in der Stuttgarter Ausgabe:

Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
    All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
          Doch es kehret umsonst nicht
                Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
    Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
          Herrscht im schiefesten Orkus
                Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
    Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
          Daß ich wüßte, mit Vorsicht
                Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
          Und verstehe die Freiheit,
                Aufzubrechen, wohin er will.

Vorige Textstufen (Auswahl) nach der Frankfurter Ausgabe, Stroemfeld / Roter Stern, Bd. 20, 2008. Die Überschrift dieses Beitrags ist nicht wörtlich, sondern nur metaphorisch wahr.

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