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Veröffentlicht am 6. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Auffällig ist, dass die Abwesenheit großer Erzählungen einhergeht mit dem Erblühen einer ukrainischen Lyrik, die sich nicht nur partiell, sondern auffallend flächendeckend auf den Krieg bezieht. Für Andruchowytsch trifft diese Beobachtung unter anderem auf den Band „Letters from Ukraine“ zu, eine Anthologie ukrainischer Dichter, für die er kürzlich das Vorwort schrieb. Viele der Autoren hätten in der jüngeren Vergangenheit selbst an der Front gekämpft und spiegelten in ihren Versen diese gleichermaßen universale wie epochenspezifische Erfahrung wider, sagt er. Darin geht es beispielsweise um die Schwierigkeit, ein Maschinengewehr zu bedienen, wenn man der Geliebten zu Hause gleichzeitig eine SMS als überfälliges Lebenszeichen schicken muss, und um die Ratlosigkeit einer Frau, die sich zu dieser Situation verhalten soll. Gerade in den Gedichten der weiblichen Autoren, allen voran Iryna Tsilyk, sieht Andruchowytsch starre literarische Traditionen aufbrechen, in denen Männer nur als Krieger und Frauen vorrangig als Mütter auftraten.
(…) Seit der Revolution gebe es unter den Literaten, einst aufgeteilt in eine ukrainischsprachige und eine russischsprachige Fraktion, ein gesteigertes Interesse für die andere Seite. Im Zuge dieses Ineinanderfließens, das einen Identitätswandel andeute, verfassten hochdekorierte russischsprachige Autoren neuerdings auch Gedichte auf Ukrainisch. Das trifft etwa auf Boris Chersonskij zu, einen berühmten Dichter aus Odessa. / Jonathan Horstmann, Süddeutsche Zeitung
Kategorie: Russisch, Ukraine, UkrainischSchlagworte: Boris Chersonski, Iryna Tsilyk, Jonathan Horstmann, Juri Andruchowytsch
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