Langgedicht, noch ohne Titel

Für mich ist Wordsworths Prelude ein Buch des Jahres, wenn nicht das Buch (…). Ist es doch schon mal ein Langgedicht auf 333 Seiten, nimmt philosophische Positionen auf, schildert Geschichte um 1800, also keinen ganz unwichtigen Abschnitt in der Entwicklung Europas und für heutige Zeitgenossen doch überraschend. Zum Beispiel die Bedeutung der Gemeinde Goslar, bekannt durch das untergärige Bier, das auch heute noch in verschiedenen Leipziger Wirtschaften ausgeschenkt wird. (…)

Zum Gedicht selbst kommen Glossar und Nachwort, in dem Wolfgang Schlüter die Prinzipien seines Übersetzens offenlegt. Die vorliegende Übertragung versteht sich als literarische Arbeit, schreibt Schlüter, wobei das Wort literarisch hervorgehoben ist. Faszinierend dabei ohnehin Schlüters Umgang mit dem Blankvers. Denn er rettet die erzählerische Qualität dieses Mediums ins Deutsche, indem er einen Vers entwickelt, der sich nicht sklavisch an die Vorgaben hält, sondern die Anzahl der geforderten Hebungen quasi im Durchschnitt gewährleistet. Das schafft Lesefluss und zumindest bei mir auch gesteigerte Leselust. Ich ließ mich bei der ersten Lektüre forttragen. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge (The 1850 Prelude). Deutsch. Übers. von Wolfgang Schlüter. Berlin (Matthes & Seitz) 2015. 378 Seiten. 39,90 Euro.

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