38. Pounds Forschung

Mehr als ein Dutzend lebender und toter Sprachen werden verwendet, Zitate aus den Verwaltungsakten der Renaissance-Republik Venedig stehen neben einem Abriss der Zinsentwicklung in Britisch-Indien, Imitationen von Homers „Odyssee“ und Dantes „Divina commedia“ neben Nachahmungen des Minnesangs provenzalischer Troubadours, der Vortragskunst altenglischer Balladensänger, des bildreichen Philosophierens im Alten China.

Dabei alle Motive ineinander verschlungen, Bildblock türmt sich auf Bildblock, Gedankensprung reiht sich an Gedankensprung.

Ezra Pound, geboren 1885 im US-Bundesstaat Idaho, gestorben 1972 in Venedig. Bevor ich sterbe, will ich das größte Gedicht schreiben, das jemals geschrieben worden ist, hatte bereits der 22-Jährige seinen Eltern mitgeteilt. Eine erste deutsche Gesamtausgabe von „The Cantos“ ist nun auf dem Markt, eben wurde die Leistung der Übersetzerin Eva Hesse mit dem Preis der Leipziger Buchmesse gewürdigt. Zwei Kilo Poesie, herausgegeben und kommentiert von den Literaturwissenschaftlern Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. (…)

Die „Cantos“ sind Zeugnisse einer verschlungenen, weit ausgreifenden Forschung. Ihr Autor wandert durch den zeitlichen und geografischen Raum der menschlichen Geschichte, er durchforscht die Dokumente der Kulturen, ihre Chroniken, religiösen und wissenschaftlichen Systeme, ihre Lieder, getrieben von der Suche nach Ordnungen im Prozess. Er interessiert sich für Kulturen, die vollendete ästhetische Formen schufen, für Orte, an denen Menschen friedlich miteinander leben konnten, für die klugen Lenker der Staaten.

Wo immer er auf seiner Reise Gelingen oder lehrreiches Scheitern entdeckt, nimmt er es auf in seinen Gesang. In größtmöglicher Authentizität will er die Funde bergen, durch Zitat, Imitation von fremden Stimmen, Rückgriff auf Originalsprachen. Der Leser soll gleich ihm hinabsteigen in eine Zone des Geistigen, wo Begriff und Idee sich aus der sinnlichen Anschauung erst formen. Wahre Poesie, so Pound, schafft sinnliche Zusammenhänge, die die Motorik des Geistes in Gang setzen, das Denken in ein lebendiges, energetisches Schwingen verwandeln. / Tom Peuckert, Tagesspiegel

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..