52. Reineckes poetisches Verfahren

Einem Stoß über­einander gestapelter Manuskripte vergleichbar, bieten Reineckes Montagen Text­aus­schnitte, die von andern Text­auss­chnitten über­lappt werden. Auf diese Weise ent­steht, in gesuch­tem Kon­trast zum klas­sischen Cento, kein kon­tinuier­licher Fließtext, sondern ein Text mit dauern­den Abbrüchen und Neu­ein­sätzen. Die Bruch­stellen sind allerdings kaum zu bemerken; allenfalls markieren minimale syntaktische Ver­wer­fungen den frag­men­tarischen Cha­rakter des Textes.

Trotz ihrer Sprünge wirken Reineckes Montagen niemals willkürlich oder beliebig; sie folgen einer asso­ziativen Logik, die suggestiv mit ihrem déjà vu spielt. Dem Leser begeg­nen die Figuren einer prächtigen barocken Rhetorik, poetische Bilder, die wie Wolken Gestalt annehmen und sich wieder auflösen, aber auch abge­brochene Reden, verstört und stam­melnd wie die Zeilen des späten Hölderlin. Einmal wird mit stärkstem Effekt die Schluss­zeile eines Gedichts auf­genommen und mit einer winzigen Variante als eigen­ständiger Text wiederholt. Das wirkt wie ein Einspruch gegen das Vergessen, eine Beschwörung dessen, was sich in den Texten unauf­hörlich zeigt, um ebenso unauf­hör­lich zu verschwinden. Reineckes poetisches Verfahren scheint mir auf der Höhe der Zeit; seine fragmentarischen Rekon­struktionen wirken wie ein Abge­sang auf das Versinken einer lite­rarischen Über­lieferung, der Epilog eines Poeten, dem der ganze Reichtum dieser Tradition noch einmal zu Gebote steht und der sie zugleich beschwört und deutlich macht, dass ihre Sprache unwieder­holbar ist.  / Jürgen Buchmann, poetenladen

Bertram Reinecke
Sleutel voor de hoogduitse Spraakkunst
roughbook 019
Herausgegeben von Ulf Stolterfoht
Editon Urs Engeler 2012

3 Comments on “52. Reineckes poetisches Verfahren

  1. nein nein, ich mag den fritz selber gern lesen
    und den bertram auch:
    „Wie Hinken hängt dies flatternde Wühlen“
    z.b. fetzt doch wohl phonetisch und metrisch
    es ist nur dieses zusammenspiel aus:

    ‚auf der höhe der zeit und klassisch
    aber eben nicht doch, doch nicht, eher so:
    von einem nerd in 200 jahren wiederzuentdecken
    trotzdem aber auf der höhe der zeit‘

    find ich einfach ungeschickt.

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  2. o es gibt viele schöne zeilen beim späten hölderlin: „narzissen ranunklen und Syringen aus persien … gezogen perlenfarb“, „bauen möcht // und neu errichten“ „es fehlet aber das geld, denn zuviel ist ausgegeben heute“ „politisch sorgen herzungewisse“, „klopstock gestorben am jahrtausend“ „immer, liebes! gehet / Die Erd und der Himmel hält.“ ich könnt jetzt ne stunde weiterschreiben. war der auf der höhe der zeitz? über zeitgeist schrieb er als staatlich anerkannter geisteskranker: „so wie der wechsel ist, ist übrig vieles wahre, daß dauer kommt in die verschiednen jahre.“ und über den schnee: „wenn blaicher schnee verschönert die gefilde“, das fällt mir jeden winter ein, wenn ichs seh. haltbare zeilen nenn ich das. nicht bei jedem dichter würden mir so viele davon einfallen.

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  3. „…wie die Zeilen des späten Hölderlin.“
    und
    „…scheint mir auf der Höhe der Zeit;“
    schrecken mich eher ab, als mich zu locken.

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