2001 April

Hiob in Wien. Gedichte und Fragmente aus dem Nachlass Ernst Jandls

Ernst Jandl war der Überzeugung, dass die Schöpfung misslungen sei, ganz sicher aber sein eigenes Leben. Sein in den letzten drei Jahrzehnten stetig gewachsener Ruhm, die Anerkennung als einer der großen Lyriker der deutschen Sprache der Gegenwart bedeuteten ihm zwar viel, doch manchmal hatte man das Gefühl, dass ihn das ganz tief innen gar nicht erreichte, und in den Phasen tiefster Depression, die ja gar nicht so selten waren in den letzten Jahren, scheint bisweilen auch noch jener Rest an Zuversicht verschwunden gewesen zu sein, der für die künstlerische Produktion wohl unabdingbar ist. Dann verfluchte er sich noch mehr als sonst: Noch nicht einmal seinen letzten und einzigen Daseinszweck konnte er noch erfüllen. / JÖRG DREWS, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

ERNST JANDL: Letzte Gedichte. Herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand Literaturverlag, München 2001. Sammlung Luchterhand 2001, 124Seiten, 18,50Mark.

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001. 46 Seiten, 24 Mark.

Briefe eines Schiffbrüchigen.

Theobul Kosegarten: der Mann, der Caspar David Friedrich auf Rügens Kreidefelsen aufmerksam machte – eine Entdeckung

Das Schreiben muss ihm rasch von der Hand gegangen sein. Romane und Gedichte entstehen in erschreckend großer Zahl.

Fünfzehn idyllische Jahre bleiben Kosegarten in dem Pfarramt auf Rügen. Dann zieht der Krieg übers Land, von 1806 an. Napoleons Truppen räumen mit dem alten Europa auf. Der Roman- und Hymnendichter, wendig aus Not, wittert eine neue Chance. Kaum sind die Schweden besiegt, wechselt er auf die Seite der Franzosen, der neuen Herren des Landes, und wird von ihnen alsbald auf den Greifswalder Lehrstuhl für Geschichte und griechische Literatur gehoben. Als Dank hält Kosegarten Napoleon eine schöne Geburtstagsrede. / Michael Zeller, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

Die Schneeglöckchen läuten hören.

Eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtwerk des norwegischen Dichters Sigbjørn Obstfelder

„Da ist ein Mann, der die Schneeglöckchen hat läuten hören“, schreibt Rainer Maria Rilke 1904. Gemeint ist der norwegische Schriftsteller Sigbjørn Obstfelder (1866?1900): Rilkes Verleger Axel Juncker war im Besitz der deutschsprachigen Rechte an einer Auswahl mit nachgelassenen Arbeiten Obstfelders, von der 1905 unter dem Titel Pilgerfahrten ein erster Band herauskam (der angekündigte zweite ist nicht erschienen). Auf der Grundlage dieser Texte hatte Rilke über ihn in der Wiener Zeitung Die Zeit einen Aufsatz veröffentlicht. / Süddeutsche 21.4.01

In der Frankfurter Anthologie

vom 21.4. stellt Michael Krüger das Gedicht „Der Mond kniet auf“ von Christine Lavant vor. – Michael Krüger auch in der Rubrik „Das neue Gedicht“ der Welt von heute – als Autor.

 

Welt der Wortkunst.

Das 2. Al-Mutanabbi-Festival der Poesie in Zürich (20.-22.4.)

Irgendwo am Letzigraben 49 muss Aladins Wunderlampe versteckt sein: Aussenstehenden jedenfalls dürfte dies als ein geringeres Wunder erscheinen denn die Tatsache, dass es dem Leiter des dort beheimateten Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums, dem Schriftsteller und Journalisten Ali al-Shalah, zum zweiten Mal gelungen ist, aus eigener Initiative ein dreitägiges Lyrikfestival mit internationaler Beteiligung zu organisieren. Mit zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Nahen Osten und dem Maghreb ist am Festival al-Mutanabbi – stimmigerweise, da es nach einem grossen arabischen Dichter des 10. Jahrhunderts benannt ist – die orientalische Dichtung stärker vertreten als die europäische; als besonders bedeutende Gäste werden István Eörsi aus Ungarn und der syrische Dichter Adonis erwartet, der seit längerer Zeit als Kandidat für den Literaturnobelpreis gilt. / NZZ 20.4.01

Der Genfer Pianist Jacques Demierre

hat sich der Gedichte von Eugène Guillevic angenommen.

gmn. «Pas la peine / De pavoiser. / Le soleil / Va se lever.» So lautet eines der meist knappen, lakonischen, Aphorismen nahe kommenden Gedichte des 1907 im bretonischen Carnac geborenen Lyrikers Eugène Guillevic, die den Genfer Pianisten Jacques Demierre zu seinem neuen Soloalbum «Avec» (Plainisphare) inspiriert haben. Dabei handelt es sich nicht um eine eigentliche Vertonung des geschriebenen Wortes, sondern eher um spontane Variationen darüber. Entstanden sind diese spröde anmutenden Klangskizzen im Mai 1997. Nach der musikalischen Umsetzung der Worte durch Demierre erhielten die Zuhörer die entsprechenden Texte zugesteckt, so dass sie einen unmittelbaren Einblick in den laufenden Transformationsprozess gewinnen konnten. Diese Möglichkeit bietet sich nun auch durch die CD, in deren Booklet die Verse von Guillevic abgedruckt sind. Eine etwas andere Art, in das Werk eines hierzulande nicht sehr bekannten Poeten einzutauchen. / Der Bund 20.4.01

Wusste Paul Celan ganz genau,

was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“?

PAUL CELAN – GISELE CELAN-LESTRANGE: Briefwechsel. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, hrsg. und kommentiert von Bertrand Badiou, in Verbindung mit Eric Celan. Suhrkamp Verlag, Frankfurt /M 2001. Zwei Bände, zusammen 1207 Seiten, 168 Mark.

A L’IMAGE DU TEMPS – Nach dem Bilde der Zeit. Gisèle Celan-Lestrange und Paul Celan. Katalog zur Ausstellung im Tübinger Hölderlinturm (bei der Edition Isele), 165 Seiten, 38 Mark. / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01 / Auch besprochen in der FAZ, 21.4.01

 

FAZ vom 19.4. bespricht

u.a.: Roos, Martin: „Stefan Georges Rhetorik der Selbstinszenierung.“ Grupello Verlag, Düsseldorf 2000, ISBN 3933749395 Broschiert, 226 Seiten, 48,00 DM –

Die Zeit vom 19.4.01 zum Thema

Hund: 1. das Gedicht „Hund und Mann“ des Japaners Kazuko Shiraishi, 2. das Kinderbuch „ottos mops“ vo Ernst Jandl und Norman Junge

Friederike Mayröckers «Requiem»

ist ein «Andenken» an die Orte einer Beziehung und der Geographie. Grado oder Meran, der Attersee. Momentaufnahmen des Erlebten, «es geht wie ein Film ununterbrochen durch meinen Kopf». Und immer wieder liess man sich in gemeinsamen Sommerferien photographieren. Friederike Mayröcker und Ernst Jandl auf Holzbalkonen und in ungemähten Wiesen, zufrieden mit dem schlichten Anspruch des Landlebens. Immer für Wochen ziehen beide im Sommer aufs Land. «Ernst Jandl hat auf diesen Urlauben immer geschrieben, ich nie.» In Puchberg am niederösterreichischen Schneeberg entstehen die rustikalen «Stanzen», Gedichte von brachialer Vitalität.

Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt an Main 2001. 48 S., Fr. 22.-. / Paul Jandl, NZZ 18.4.01 – In der taz vom gleichen Tag bespricht Elke Schmitter ebenfalls das Requiem-Buch , außerdem u.a. Ted Hughes: „Wie Dichtung entsteht“.

Gott dem Ohnmächtigen

ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01

Die hintersinnigen Sprachspiele

kommen in dem Band mit nachgelassenen Gedichten von Ernst Jandl erst später. Auf den ersten Seiten begegnet dem Leser ein Autor, der um seinen nahen Tod weiß und seine Verzweiflung nicht verbirgt. „ich beginne den mißglückten tag“, schreibt er und setzt fort: „mit der bitte um geistige umnachtung./ suche unsterbliche seele;/zahle höchstpreis“. Im Juni letzten Jahres war der beliebte österreichische Lyriker und Sprachexperimentierer gestorben. In der Sammlung Luchterhand wird jetzt ein Band mit seinen letzten Gedichten vorgelegt.

Ernst Jandl, Letzte Gedichte, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01

»Einer der größten Lyriker «

4bändige Brecht-Ausgabe in der Pleiade-Bibliothek

Zu diesen Außenseitern zählte der Theatermann Terzieff, der auch heute noch begeisternd Brechts Werke aufführt, vor allem auch seine Gedichte auf die Bühne bringt. Mit der Revue »Bertolt Brecht, der Dichter« ist er derzeit in Frankreich auf Tournee. »Brecht ist einer der größten Lyriker des Jahrhunderts. Seine Gedichte handeln von der Innerlichkeit des Menschen, die in seinem Theater nicht existiert«, meint Terzieff, »er hatte das Sichtbare und Unsichtbare im Blick, und zu ihrer Umsetzung in Poesie musste er eine neue Sprache erarbeiten. Er ist im Umgang mit den klassischen Versmaßen ebenso geschickt wie mit den freien Versen«.

Den »großen Poeten der Verfremdung« nennt die französische Presse den deutschen Dichter und begrüßt seine Aufnahme in den Kreis der französischen Klassiker einstimmig. »Endlich ist Brecht in das Pantheon der großen Erzieher des neuen Europas eingetreten«, hieß es dazu etwa. dpa, Reutlinger General-Anzeiger 18.4.01

Ein neuer Wiener Verlag

bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammer-bachers „Edition Korrespondenzen“.

Auf der Leipziger Buchmesse im März konnte Franz Hammerbacher seine neue „Edition Korrespondenzen“ der ganzen Branche vorstellen. Am Donnerstag, dem 19. April, präsentiert er sein erstes Programm in Wien – in der Buchhandlung Leporello (IX., Liechtensteinstraße 17, 19.30 Uhr). Die Altmeisterin Ilse Aichinger wird dort vorlesen. Eine noble Patin der so ambitionierten wie risikoreichen Neugründung! Im Herbst darf der 33jährige Neo-Verleger einen Titel von der Aichinger herausbringen. Auch der slowakischen Lyrikerin Mila Haugová, dem Österreicher Franz Weinzettl („Das Glück zwischendurch“ heißt sein Buch) sowie Christa Rothmeier, Übersetzerin von Gedichten des Tschechen Petr Borkovec, ist am Premierenabend zu begegnen. Franz Hammerbachers verlegerische Ziele sind schon aus seinen ersten sechs Titeln ablesbar: Poesie, Prosa wie auch Gedichte, in vielen Zungen, vorrangig aus den östlichen Nachbarländern, Übersetzungen mit dem Originaltext auf der jeweils linken Buchseite, die Bücher auf erstklassigem Papier gedruckt und fadengeheftet. Die deutsche Literatur ist vorerst durch den Bachmann-Preisträger Kurt Drawert vertreten. / Die Presse 17.4.01

John Ashbery remains

one of the best examples. His Charles Eliot Norton Lectures, Other Traditions, were published last year, and contains six sweetly playful pieces on five „minor“ poets and Raymond Roussel. Why is David Schubert more important to Ashbery than Eliot or Pound? What is a minor poet? How did William Carlos Williams and Ashbery end up writing exactly the same line? Will Ashbery explain what the hell he was really talking about in Flow Chart? I advise you to go find out. / The New Republic 17.4.01

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