Wörtertreiben

Die geheime Sehnsucht der (meisten) Germanisten: selber schreiben, hat sich jetzt auch Karl Otto Conrady erfüllt, berichtet die Kölnische Rundschau am 12.11.03

Karl Otto Conrady: „Wörtertreiben“ Landpresse-Verlag ISBN 3-935221-19-3, 18 Euro

Kejn mentsch, kejn licht

In der Warschauer «Folkszeitung», einer jiddischen Tageszeitung, erschienen 1927 die ersten Gedichte von Rajzel Zychlinski. 1910 in Gombin, einem polnischen Schtetl, geboren, ging Zychlinski Anfang der dreissiger Jahre nach Warschau, wo der Jiddische Schriftstellerverband 1936 ihren ersten Gedichtband unter dem Titel «Lider», Gedichte, mit einem Vorwort von Izik Manger, veröffentlichte. Schon damals wurde die Ausdruckskraft ihrer Sprachbilder erkannt, wurden ihre Gedichte als lyrische Miniaturen bezeichnet und ihre freien Verse gelobt. …

Während sie in den dreissiger Jahren in pastoralen Szenen die Landschaft beschrieb und in den vierziger Jahren Episoden aus der Thora in einer säkularen Sprache umformte oder nostalgisch das Schtetl beschwor und die Shoah fast metapoetisch reflektierte, evozierte sie in den späteren Gedichten das Strassenbild New Yorks in verbrämt realistischer Manier. «un chotsch in di frimorgnss / ajln dort gedichte massn mentschn / zu scheper, zu bjuroen – / is baj nacht dort schtil, / kejn mentsch, kejn licht», heisst es in «jene gass» (Diese Strasse dort: Und wenn auch frühmorgens dort / dichte Menschenmengen hasten / zu Fabriken und Büros, / nachts ist es still, / kein Mensch, kein Licht). / Stefana Sabin, NZZ 11.11.03

Rajzel Zychlinski: di lider. Die Gedichte. Jiddisch und Deutsch. Herausgegeben und übertragen von Hubert Witt. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003. 967 S., Fr. 38.-.

Huhn oder Ei, Musik oder Sprache?

Neue biologische Deutungsmuster präsentierte ein Artikel im Boston Globe vom 9.11.03

Far from being abstract, music presents a strange analog to the patterns created by the sounds of speech. „Music, like the visual arts, is rooted in our experience of the natural world,“ says Schwartz. „It emulates our sound environment in the way that visual arts emulate the visual environment.“ In music we hear the echo of our basic sound-making instrument — the vocal tract. The explanation for human music is simpler still than Pythagoras’s mathematical equations: We like the sounds that are familiar to us — specifically, we like sounds that remind us of us.

This brings up some chicken-or-egg evolutionary questions. It may be that music imitates speech directly, the researchers say, in which case it would seem that language evolved first. It’s also conceivable that music came first and language is in effect an imitation of song — that in everyday speech we hit the musical notes we especially like.

Dylan 2: The loon.

In dem viel gescholtenen Büchlein, in dem Wolf Biermann Bob Dylans Poem Eleven outlined epitaphs übersetzt hat, erzählt der wegen seiner demonstrativen Eitelkeit geschmähte Biermann die Geschichte, wie ihm die schöne Deborah die Sache mit dem Loon erklärt. Der Loon, eine bessere Ente, ist das Wappentier von Minnesota, jener Bundesstaat der USA, den Bob Dylan als junger Mann frühzeitig in Richtung New York verlassen hatte. Jedes Jahr, so berichtet Deborah dem Biermann, gebe es in Minnesota einen Loon-Wettstreit, in dem derjenige prämiert wird, der das Vogeltier am besten imitieren kann. Wenn man sich fragt, was der Mann Dylan mit seiner Stimme eigentlich alles so anstellt, so könnte man mutmaßen, dass die neverending tour, auf der sich Dylan nun schon seit Jahrzehnten befindet, nichts weiter ist als die Suche nach einem immerwährenden Sieg im Loon-Wettbewerb. Für diesen Hinweis hätte das kleine Biermann-Bändchen ein wenig mehr Respekt verdient. / Harry Nutt, FR 8.11.03 (Sieben Versuche, ein Bob-Dylan-Konzert zu beschreiben)

Vgl. auch Die Welt 8.11.03

Dylan 1: Singsang

Es ist nicht verwunderlich, daß sich Bob Dylan nach ihm benannte und daß unter anderem John Cale seine Gedichte vertonte. Es ist vielmehr verwunderlich, daß sich nicht mehr Musiker getraut haben, das zu tun. Dylan Thomas’ Gedichte packen einen zuerst durch ihren Rhythmus und Klang. Zum einen mag das daran liegen, daß Dylan Thomas Waliser war. Obwohl er sich geweigert hat, Walisisch zu lernen, sprach er ein walisisch eingefärbtes Englisch, den typischen Waliser Singsang. Rhythmus war ihm wichtiger als die eingängig korrekte Syntax, die er seinem Takt gefügig machte. Er arbeitete akribisch an der Form seiner Sprache, tagelang an einem einzigen Vers. Während die avanciertesten Autoren nach dem Ersten Weltkrieg das Vertrauen in Sprache verloren hatten, sie reduzierten, veralberten oder auf den Kopf stellten, warf sich Dylan Thomas mit Wonne mitten hinein. / Conny Lösch, junge Welt 8.11.03

Dylan Thomas: Unter dem Milchwald. Frankfurt/Main 1999; Dylan Thomas/Sven Görtz (Erzähler): »Unter dem Milchwald« (Hörsturz), 2 CDs; Dylan Thomas, Klaus Martens (Hg.): Porträt des Künstlers als junger Hund. Frankfurt/Main 1995

Dada-Baroness

Sie schrieb kryptische, erotisch aufgeladene Gedichte, die in der Literaturzeitschrift «Little Review» damals für mehr Aufsehen sorgten als die zeitgleich publizierte Prosa aus dem «Ulysses». / Jürgen Bräunlein, NZZ 8.11.03

Irene Gammel: Baroness Elsa. Gender, dada, and everyday modernity. A cultural biography. Massachusetts Institute of Technology, 2002. 472 S., 90 Illustrationen. Etwas kürzere Fassung auf Deutsch: Irene Gammel: Die Dada-Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven. Edition Ebersbach, 2003. 256 S., Euro 34.-.

Hier satirische Gedichte über zwei ihrer Männer.
Hier ein ganzes Kapitel aus William Carlos Williams´ Autobiographie, Zitat:

„The Baroness pursued me for several years, twice coming to Rutherford, of which more later.“

Hier eine deutsche Biographie.

Und so steht die Baroness in Ezra Pounds Canto XCV [anderswo noch ganz anders]:

The immense cowardice of advertised litterati
& Elsa Kassandra, „the Baroness“
von Freitag etc. sd/ several true things
in the old days /
driven nuts,
Well, of course, there was a certain strain
on the gal in them days in Manhattan
the principle of non-acquiescence
laid a burden.

„Der Neubau“

Für die Frankfurter Anthologie interpretiert Wulf Segebrecht ein (relativ frühes) Gedicht von Günter Grass – „Der Neubau“ / FAZ 8.11.03

Klopoesie

kommentiert und druckt die taz am 8.11.03

Poetische Provinz Prag

Der jüngste Gedichtband des 1970 geborenen tschechischen Dichters Petr Borkovec, „Feldarbeit“, verdankt seinen Namen einem Skizzenbuch des französischen Impressionisten Camille Pissarro. Die detaillierten Zeichnungen von Bauern, ihren Gerätschaften – da habe er Analogien entdeckt. „Dieser Band ist ja auch sehr visuell“, erzählte Borkovec am Donnerstag in der Buchhandlung „Lesezeichen“, wo er daraus und auch aus neuen, noch nicht ins Deutsche übertragenen Gedichten las. Ein weiteres Mal zu Gast in Dresden, nach seiner Poetik-Vorlesung im Frühsommer. …
„Feldarbeit“ – dieser Titel sei auch ein wenig Provokation, erläuterte Borkovec. Weil ja nicht er sich die Hände schmutzig mache, sondern andere dabei beobachte. „Ich bin kein Salon-Revolutionär, sondern ein Salon-Landwirt“, fügte er scherzhaft hinzu.
Borkovec‘ Gedichte schweben nicht frei im Raum, sie sind in der Gegend angesiedelt, wo er wohnt: Cernosice, ein etwas heruntergekommener Villen-Vorort, 20 Kilometer von der tschechischen Hauptstadt entfernt – das „nicht-touristische, nicht-magische Prag“ (Kubista). Einen Ort, wo Jugendstilornamente abbröckeln, macht Borkovec zur poetischen Provinz. / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 7.11.03

Petr Borkovec: Feldarbeit. Edition Korrespondenzen, Wien. 17,70 Euro

Dylan Lives!

by John Hartley Williams
from Poetry Wales
(Gefunden auf den Seiten von Poetry Daily)

In England today few poets are as popular as
Dylan Thomas – his magical poems have corrupted
a whole generation of English poets; yet
he is surely one of the most obscure poets who
ever lived.
Randall Jarrell

It’s a dull time for poetry. When did you last read something that electrified you? It’s a time of women’s poetry, lesbian poetry, gay poetry, black poetry, poetry translated from Moldavian dialects, gypsy poetry, handicapped poetry, computer generated poetry, minorities and majorities poetry, poetry against the war, poetry for the peace, poetry against plastic bags, poetry for creative cyclists. It’s the time of poetry of the writing class. But where are the poets? What happened to poetry?

(sagt der Autor und lobpreist Dylan Thomas) / 7.11.03

Letters from Lowell to Bishop

Aus der Fülle ihres Archivs präsentierte die New York Review of Books im November einen Geleitartikel (aus ihrer ersten Ausgabe von 1963) und zwei Briefe von Robert Lowell. / 6.11.03

Charles Causley

was one of the best-loved and most widely anthologised poets of the 20th century. He was also one of the most underrated and marginalised when it came to the literary pecking order. / The Independent 6.11.03

Ein Gedicht des englischen Lyrikers Charles Causley, der im Alter von 76 Jahren starb.

Eden Rock

They are waiting for me somewhere beyond Eden Rock:
My father, twenty-five, in the same suit
Of Genuine Irish Tweed, his terrier Jack
Still two years old and trembling at his feet.
My mother, twenty-three, in a sprigged dress
Drawn at the waist, ribbon in her straw hat,
Has spread the stiff white cloth over the grass.
Her hair, the colour of wheat, takes on the light.
She pours tea from a Thermos, the milk straight
From an old H.P. sauce-bottle, a screw
Of paper for a cork; slowly sets out
The same three plates, the tin cups painted blue.
The sky whitens as if lit by three suns.
My mother shades her eyes and looks my way
Over the drifted stream. My father spins
A stone along the water. Leisurely,
They beckon to me from the other bank.
I hear them call, „See where the stream-path is!
Crossing is not as hard as you might think.“
I had not thought that it would be like this.
Charles Causley

Eminem is a berserker

and the music curls and drums, races and swells to meet the sharpness of his reportorial eye, the spring of his rhymes. „He has sent a voltage around a generation,“ said Seamus Heaney this past summer, admiring him for his „verbal energy“ and for creating a „sense of what is possible.“

So who’s bringin‘ the guns into this country? (Hmm?)
I couldn’t sneak a plastic pellet gun through customs over in London
And last week, I see a Schwarzenegger movie
Where he’s shootin‘ all sorts of these motherfuckers with an Uzi
I see these three little kids, up in the front row,
Screaming „Go,“ with their seventeen-year-old uncle
I’m like, „Guidance—ain’t they got the same moms and dads
Who got mad when I asked if they liked violence?“
And told me that my tape taught ‚em to swear
What about the make-up you allow your twelve-year-old daughter to wear?
(Hmm:) So tell me that your son doesn’t know any cusswords
When his bus driver’s screamin‘ at him, fuckin‘ him up worse
(„Go sit the fuck down, you little fuckin‘ prick!“)
And fuck was the first word I ever learned
Up in the third grade, flippin‘ the gym teacher the bird (Look!)
So read up about how I used to get beat up
Peed on, be on free lunch, and change school every three months.

Andrew O´Hagan, NRB 6.11.03

6 Millionen Haikudichter (die deutschen nicht gerechnet)

In der BLZ vom 2.11.03 spricht Verena Mayer mit einem (online ungenannten) Vertreter der Deutschen Haikugesellschaft über den jüngsten Haikuwettbewerb (LP vom Oktober).

Die ausgezeichneten Haiku sind unter www.haiku.de zu finden oder in

Haiku mit Köpfchen. Anthologie zum 1. Deutschen Internet-Wettbewerb. Hamburger Haiku Verlag, 2003. 127 Seiten, 9,80 Euro.

Amerikanische Sestine

The sestina, an intricate verse form created and mastered by the Provençal poets, is a 39-line poem consisting of six six-line stanzas and one three-line envoi (or „send-off“). The six end-words are repeated in a prescribed order, as end words in each of the subsequent stanzas. The concluding tercet brings together all six of the end words. The numerological scheme, which once may have had magical significance, has the precision and elegance of musical (or mathematical) form:

Stanza one: 1, 2, 3, 4, 5, 6

two: 6, 1, 5, 2, 4, 3

three: 3, 6, 4, 1, 2, 5

four: 5, 3, 2, 6, 1, 4

five: 4, 5, 1, 3, 6, 2

six: 2, 4, 6, 5, 3, 1

envoi: 5, 3, 1 or 1, 3, 5

Nach dieser Einführung in die Form der Sestine kommentiert Edward Hirsch eine amerkianische Sestine (von Anthony Hecht) / The Washington Post 30.10.03