von Robert Gernhardt, FAZ 12.2.04 In der 10. These stellt der Autor die Plejaden der deutschen Hochkomik vor – es sind die sieben**) Herren Heine, Busch, Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky, Brecht, Jandl – und entwirft eine strahlende – geradezu patriotische***) – Perspektive:
das finstere Bild vom humorlosen, ja zum Humor unfähigen Deutschen in den Herzen aller rechtlich Denkenden für alle Zeiten aufzuhellen.
Hier die
I. Es gibt ernste und komische Gedichte.
Bertolt Brecht unterschied zwei Linien, welchen das deutsche Gedicht der Neuzeit folge, die pontifikale und die profane. Goethe sei der letzte Dichter gewesen, welcher noch beide Stränge in seinem Werk vereinigt habe; schon Hölderlin nehme die „völlig pontifikale“, bereits Heine ganz die profane Linie ein. Der Dichter Brecht deutet an, daß ihm die Zusammenführung beider Linien erneut gelinge; zumindest ist nicht zu bestreiten, daß er den hohen Ton ebenso beherrscht wie den kessen. Beileibe nicht alle Gedichte der profanen Linie sind komisch, doch liegt auf der Hand, daß kein – mit Absicht – komisches Gedicht der pontifikalen Linie zugerechnet werden kann.
Der Band „Hell und schnell – 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten“, herausgegeben von Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer, erscheint Ende März bei S. Fischer
**) Zwar heißen die Plejaden auf Deutsch das Siebengestirn; aber Gernhardt kommt entweder nicht aus seiner alles überstrahlenden Stadt heraus oder kennt sonst die Sterne nur vom Buchstaben her (oder ist kurzsichtig); denn es sind entweder (mit Teleskop) unzählig viele oder – mit scharfem bloßem Auge: sechs (6). Nur mal um genau zu sein.
***) O-Ton Gernhardt: Wir zitieren Heinrich Heine und nicht Ernst Moritz Arndt…
Hier einiges über Hobbydichter, Groß-Anthologien und Bezahl-„Verlage“: Neue Westfälische 12.2.04
Who is the most-read poet in America today? A 13th-century Afghan-born mystic named Jalal ad-Din ar-Rumi, now simply known as Rumi. It’s easy to see why he appeals so powerfully to spaced-out Californians: his thought processes are joyfully anarchic, and his pleasures are all about eating and drinking, joking and making love, and the glories of the natural world. His ideas are perfectly congruent with Zen: „Try to be a sheet of paper with nothing on it/ Be a spot of ground where nothing is growing/ Where something might be planted/ A seed, possibly, from the Absolute.“ / The Independent 11.2.04
Hier gibts das tägliche Rumi-Gedicht
Hier Ausschnitte aus Rumis Rubayyat (englisch)
Hier das Masnavy (Sammlung geistlicher Gesänge, englisch)
Und hier ein Rumirat für die gebildeten Stände:
Wenn du ein Gebildeter bist,
lies etwas Klassisches,
eine Geschichte des menschlichen Strebens,
gib dich nicht mit schlechten Versen ab!
(vollständig Englisch hier)
Dass er in Chlebnikov schnell einen Anverwandten fand, einen, der wie er selbst als Alchemist im Sprachlabor rumort, ein Mitglied der Familie der Wörtlichnehmer, der dichterische Fleißaufgaben dadurch löst, dass Ableitungs-, Kombinations- und Flexionsgelegenheiten der Sprache gierig ergriffen werden, ist begreiflich. Besonders die Abstraktionsmöglichkeiten in Chlebnikovs Lyrik begeisterten Pastior: „Was da alles innerhalb des Russischen passiert; und was das Deutsche, wenn auch anders, aber analog dazu, an Wort- und Syntagmen-Neubildungsmodalitäten bereithalten könnte, sollte, müsste.“ Wahrig, Kluge, Dornseiff und andere Wörterbücher halfen ihm, deutsche Stammsilbenfamilien auf ihre Chlebnikov-Verträglichkeit hin zu untersuchen.
In seiner „Allerleilach“ („Kopfankopf-Koppel“) spielt Pastior in dieser Weise: „Zum Lachen, dass ich nicht lache. Mich lachzig lache, mich lächerig lache, in Auflachungen die Lacher lächerlich lache, mich vor Lachen erlache, vor Lächerlichkeit mich lachend belache, nach Lache lechze vor Gelächter, lachhaft, lachhaft, lachhaftiglich lachhaft, hach.“ Gleichermaßen im „Liebsatz“: „In liebeloher Zulieblichung, liebst Liebstling liebstersten Maßlubst, wie lieb lieb Lub tut.“
Mit dem neuen, bibliophil gestalteten Gedichtband im Verlag Urs Engeler Editor wird Pastiors Chlebnikov endlich wiederentdeckt. 28 Varianten belegen die Wortmagie zweier ähnlicher Dichter. Der eine, Chlebnikov (1885-1922), zählt zum Umfeld der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Der andere, Pastior, 1927 geboren, gehört heute zu den bedeutendsten Lyrikern der Gegenwart. Velimir Chlebnikov suchte als Mathematiker eine Weltformel, mit der zukünftige Ereignisse berechenbar werden, und kreierte als Graphomane eine „Weltsprache“ mit universell lautlicher Gültigkeit, die Oskar Pastior verstanden hat und poetisch beherzigt. „Denn um Chlebnikov in eine andere Sprache überzusetzen“, das erklärt ein kluger Beitext von Felix Philipp Ingold am Ende der neuen Ausgabe, „genügt es nicht und ist es auch nicht möglich, Chlebnikov korrekt zu ,übersetzen‘; Chlebnikov zu übersetzen heißt nach Chlebnikov zu dichten, heißt wie Chlebnikov zu dichten, heißt Chlebnikov fortzuschreiben in der Zielsprache – hier also im Medium des Deutschen.“ / Oliver Ruf, taz 14.2.04
Oskar Pastior: „Mein Chlebnikov“. Russisch/ deutsch, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein/Wien 2003, Hardcover, Compact-Buch, 15 x 20 cm, 64 Seiten mit Audio-CD, 24 Euro
Die Schweiz sind uns schon sehr böhmische Dörfer – (so ausm Gedächtznis zitiert) dichtete Günter Kunert einmal. Was sind uns die kleinen Länder? Die entlegenen Sprachen? Die Minderheiten im eigenen Land? Etc. bis zu: was ist uns der bedeutendste rätoromanische Dichter des 20. Jahrhunderts? Daß die Neue Zürcher Zeitung (vgl. Beitrag Nr. 25) zum Beispiel sorbisch-deutsche oder slowenische Dichter mehr beachtet als unsere Frankfurter Presse mit allen Berliner oder Hamburger Ablegern, liegt sicher mit an Helvetiens Mehrsprachigkeit (Polylingual, Kling, Klang!). Davent cullas metafras bellas!
Im Gedicht «Pisser» (Sorge) kündet der Dichter metapoetisch sein neues Programm in immediater Umsetzung an: «Ün’otra poesia fa dabsögn: / davent cullas metafras bellas! / Meis cour, tü laschast, / giond amunt, / striblas cotschnas aint il verd.» (Ein neues Gedicht tut not: weg mit den schönen Metaphern! Mein Herz, du ziehst, im Aufwärtsgang, rote Streifen in das Grün.)
Mit den Gedichten Andri Peers wurde der rätoromanischen Lyrik der Gegenwart ein neuer Weg bereitet; durch diesen schönen und sorgfältig edierten Band kann er nun erneut beschritten werden. / Mevina Puorger Pestalozzi, NZZ 10.2.04
Andri Peer: Poesias 1946-1985. Gesamtausgabe. Hg. von Clà Riatsch. Desertina, Chur 2003. 583 S., Fr. 48.-.
Die nun vorliegende Anthologie holt ein Versäumnis nach, und sie tut es mit schlechtem Gewissen oder geziemendem Respekt, denn der Band ist nobel aufgemacht, Druck und Layout können als vorbildlich gelten: Die Farbe Rot spielt die ihr gebührende Rolle, korrespondiert aber mit dezentem schwarzem Karton; der Satz ist luftig, die Autorenzeilen prangen vertikal (und in Rot) neben den Texten. Diese sind für ihren Teil in zeitgeschichtliche Gruppen gegliedert, beginnend mit dem Vormärz (1842) und endend 1932 mit der Weimarer Republik. Neunzig Jahre, in denen sich Motive und Appelle notgedrungen wiederholen; und doch findet sich manch überraschend Frisches, Zündendes: Erich Mühsams Satire auf den Lampenputzer-Revoluzzer von 1909 etwa oder Paul Zechs expressionistisches Sonett – es ist Else Lasker-Schüler gewidmet – über die «schwarze» Fabrikstadt an der Wupper (1914) mit ihrem «gespenstischen Schieferdachdunkeln» / Martin Krumbholz, NZZ 9.2.04
Arbeiterlyrik 1842-1932. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Heinz Ludwig Arnold. Parthas-Verlag, Berlin 2003. 255 S., EUR 34.-.
Freitag, 13.02.2004
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For thousend of years holy speaker in asia have reached the Transcendental
Realm of super-consciousness by vibrating sacred words. Now J. Krishnamurti
brings this consciousness to the west in an performance of words.
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Beginn: 21.00 Uhr (doors open at 8 p.m.)— Eintritt:3 Euro —
anschl.: Musik und Getränkeausschank
Fräulein Charlotte Brown, Bibliothekarin, schnappt über
Von Felix Jung
Heute habe ich beschlossen
Jedes Gedicht zu lesen, das je einer schrieb
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Ich weiß, es ist sehr egoistisch,
zu lesen. Jedes Gedicht, das je einer schrieb
hat seine guten Vorsätze. Ich weiß,
Ich weiß, es ist sehr egoistisch.
Ich möchte das glauben. Poesie
hat ihre guten Vorsätze. Ich weiß,
Gedichte lesen hilft nicht wirklich.
Ich möchte glauben, daß Poesie-
Bücher die Antwort sind. Ich beginne
Zu lesen. Poesie hilft nicht wirklich
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Bücher sind die Antwort. Ich beginne
Heute, hab ich beschlossen.
In der Tat: heute habe ich beschlossen… – nicht nur weiterhin alle Gedichte zu lesen, die je einer schrieb**), sondern auch meine Anthologie wieder aufzunehmen. Die aufwendige Lyrikzeitung hat mein früheres Lyrik-Web-Projekt erst ausgebremst und dann völlig zum Erliegen gebracht. Meine private Anthologie war begonnen als eine Art Tagebuch (Blog) in Gedichten, die mich bei meiner täglichen Lektüre anspringen. Einige habe ich irgendwo notiert zur späteren Verwendung, die meisten aus den letzten zwei Jahren sind einfach verlorengegangen (manche freilich auch in die Lyrikzeitung eingegangen). Warum also nicht gleich für L&P?
Hier also ein Gedicht, das mich nicht wirklich heute, aber vor zwei Tagen spätnachts beim Suchen in der umwerfenden Sammlung der Wanderung Minstrels ansprang. Der Autor ist garantiert nicht Deutscher, sondern Amerikaner. Nach deutschen Feuilletonmaßstäben eher ein sog. „experimenteller“ Dichter. Im Netz sind ein paar visuelle Gedichtpräsentationen zu finden. Die Gedichte, soweit ich sie kenne, sind eher traditionell als experimentell, so auch dieses (von mir übertragen; Original unten). Es ist ein Pantoum – eine malayische Gedichtform, von Franzosen (u.a. Victor Hugo und Charles Baudelaire) und Briten bzw. Amerikanern (neuerdings auch ein paar Deutschen, wie Oskar Pastior) adaptiert. Unter den (Reim-)-Spielformen (Sonett, Sestine, Villanelle etc.) vielleicht die extremste.
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Miss Charlotte Brown, Librarian, Goes Mad
Today, I have decided
to read every poem ever written
in the short history of our civilization.
I know it is a selfish thing
to read. Every poem ever written
has its good intentions. I know,
I know, it is a selfish thing.
I want to believe that. Poetry
has its good intentions. I know
reading poems can’t help much.
I want to believe that poetry
books have the answer. I’ll start
reading. Poems can’t help much
in the short history of our civilization.
Books have the answer. I’ll start
today. I have decided.
Felix Jung
**) Zur Zeit bin ich bei: Hebräischer Dichtung aus drei Jahrtausenden (leider nur Englisch) – kommt bald auch in die Anthologie! – und gesammelten Werken der Herren Toys, Himmelfahrt, Virglich etc. (zur Auflockerung gelegentlich unterbrochen durch die Damen Sorglos, Szöhn, Greiffenberg und Cruz). / 11.2.04
Zwei davon stecken im Titel von Allemanns Band, und mit zweien (doch! doch!) beginnt die Rezension von Samuel Moser, NZZ 10.2.:
Es gibt doch ein politisches Gedicht in Urs Allemanns neuem Gedichtband! Und es gibt doch erotische Gedichte zuhauf! Eines endet mit den Versen: «dass über diese Wange sichs und nützt / doch dem nicht der nicht dir nicht wie du brüllst». Über drei Strophen führt das Sonett, das nach (fast) allen Regeln der Kunst Metrum und Körperteile verzahnt, auf seinem Höhepunkt ins bekannte postkoitale Desaster. Das vorweg für die, die fälschlicherweise den Eindruck haben sollten, es gehe Allemann nur darum, in «schoen! schoen!» mit unseren schönen lyrischen Traditionen zu brechen. Die mit seinem eigenen Vers «Das ist doch nicht Literatur was da / dir aus der Brust bricht dieser öde Brocken» gegen ihn in Stellung gehen möchten. Das Gegenteil ist der Fall. Allemann führt die Traditionen gar weiter, als uns lieb ist. …
Babylonisch durcheinander redend, überrennen seine Verse die Zeilen und Strophen, da bringt er kaum einen Fuss dazwischen. Vielleicht noch ein Komma am falschen Ort: «Aber wenn die Schwester / o ist mir eine! das Unpflügbare den o des Einbruchs des Überstiegs / Furchenmusik! / Glückszeitacker freispreizt / dann erscheint dort wenn des Greis, ach, glatzschädels nimmer / Abergotts Abglanz.»
Urs Allemann: «schoen! schoen!». Gedichte. Urs Engeler Editor, Basel 2003. 71 S., Fr. 29.-.
Im YinYang Media Verlag erscheinen seit einigen Jahren die Nachdichtungen orientalischer Lyrik von Hans Bethge im Nachdruck (zum Teil gar erstmals aus dem Nachlaß). Die Originalausgaben erschienen zwischen 1907 und 1941 und sind heute antiquarische Raritäten. Die Nachdruck-Reihe wird ergänzt durch eine Biographie des Dichters. Anfang März kommen Hans Bethges Nachdichtungen der Lieder und Gesänge des Hafis heraus. Auf der Homepage des Verlages findet sich reiches Material in Wort, Bild und Ton über Hafis (und Bethge). / 10.2.04
Hans Bethge
Die Lieder und Gesänge des Hafis
Nachdichtungen
2. Auflage seit 1911 (1941 – 31. Tausend)
148 Seiten, Euro 12,50, ISBN 3-935727-03-8
Aus dem „Diwan“ des Hafis sammelte Hans Bethge die schönsten Perlen. In ihrer Verherrlichung der Liebe, die Allah und die Geliebte und die ganze Natur umschließt, in den Spottversen gegen die Buchstabenfrommen spiegeln die Verse den tiefen und freien Geist des großen persischen Dichters wider, der sich mit feiner Ironie gegen alle Anfeindungen behauptete. Hafis ist bis heute der Lieblingsdichter des persischen Volkes und wird weit über die Grenzen des Iran und Orients geliebt und verehrt. Die liebestrunkenen Verse des Hafis inspirierten Goethe zu seinem „Westöstlichen Divan“. Die Nachdichtungen Hans Bethges wurden u.a. von Karol Szymanowski und Viktor Ullmann vertont.
Mehr dazu und Lesekostproben auf der Verlagshomepage: http://www.yinyang-verlag.de/BethgeHafis.htm
Ebenfalls im Yin Yang Media Verlag erschien die erste deutsche Gesamtübersetzung Hafis´ von Joseph von Hammer (1812/13), die Goethe für den West-Östlichen Divan benutzte. Im Buchhandel sind auch andere Übersetzungen, wie die von Friedrich Rückert oder von Cyrus Atabay (dem persischen Prinzen, der ein deutscher Dichter war). Heiliger Hafis! Ich weiß, sie werden es mir nicht glauben, aber: Deutschlands Dichter (vor allem die jungen & junggebliebenen) sollten das Material studieren. Ebenso wie den Divan samt Kommentar. Hier ein Gedicht von Goethe zum Thema:
Offenbar Geheimnis
Sie haben dich, heiliger Hafis,
Die mystische Zunge genannt
Und haben, die Wortgelehrten,
Den Wert des Worts nicht erkannt.
Mystisch heißest du ihnen,
Weil sie Närrisches bei dir denken
Und ihren unlautern Wein
In deinem Namen verschenken.
Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.
«Mit dem Auge genau in der Wasserlinie / zwischen Schlaf und Wachen, wo niemand / sonst wohnen kann und die all die andern / rasch durchqueren».
So beschreibt Lars Gustafsson einen Standpunkt. Nico Bleutge, NZZ 10.2.04, über
Lars Gustafsson: Auszug aus Xanadu. Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hans Magnus Enzensberger und Verena Reichel. Verlag Carl Hanser, München 2003. 104 S., Fr. 27.20.
Wie eine Mappe mit zehn Druckgraphiken von Markus Retzlaff aus Meißen und zehn im Zinkhochdruck gefertigten Gedichten von Thomas Eichler in den Regalen der Gauckbehörde landete, erzählt die Sächsische Zeitung am 10.2.04.
Nein, nicht das zwanzigste (mörderische). Erstaunliches nämlich berichtet Andreas Dorschel, SZ 9.2.04:
Ein unscheinbar daherkommender Band enthält einiges vom Eindringlichsten, das in jüngster Zeit in deutscher Sprache zu lesen war: Gedichte Francisco de Quevedos (1580 bis 1645), ausgewählt und aus dem Spanischen übersetzt von Werner von Koppenfels. Aus dem schwarzen siebzehnten Jahrhundert ragt ja manches in die Gegenwart des einundzwanzigsten hinein, strenge und gefährliche Bücher, die deren Denken fesseln und anhaltend fesseln werden – Thomas Hobbes’ „Leviathan“ etwa oder Baltasar Graciáns „Oráculo manual“. Gegenüber diesen beiden Zeitgenossen sind Quevedos Aussichten aus seinem Turm, der in Madrid und in der Hölle stand, jedoch ein Drittes; anders als mit Staatslehre und Kalkül der Klugheit reagiert Quevedo auf die Schrecken der Zeit, obschon die eine wie das andere in seinem Werk gelegentlich bemerkenswerte Auftritte haben. … Man könnte Quevedos Gedichte mit gelehrten Kommentaren über barocke Emblematik neben sich studieren. Doch nicht einzig so. „De todo lo que ignoras te aprovechas“, sagt der Dichter einmal, „Nichtwissen ist Gewinn, den du empfängst“, wie Koppenfels übersetzt. Man dürfte sich demgemäß auch unbelehrt in Quevedos Rätsel stürzen, bis der Kopf dröhnte von denselben: ein Zustand nicht ohne Missverständnis, in den man so wohl geriete, doch produktiven Missverständnisses, wie ich selbst erfahren zu haben glaube.
FRANCISCO DE QUEVEDO: Aus dem Turm. Moralische und erotische Gedichte, Satiren und Grotesken. Zweisprachige Ausgabe: Spanisch – Deutsch. Ausgewählt und übertragen von Werner von Koppenfels. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2003. 303 Seiten, 20 Euro.
Hier das Gedicht über die Vorzüge des Nichtwissens im Original.
Über die laut Verleger (Haffmans bei Zweitausendundeins) „definitive deutsche Oscar-Wilde-Werkausgabe für dieses Jahrhundert“ (Zürcher Ausgabe in 5 Bänden) informiert News.ch am 9.2.04
Einige Seiten aus dem Notizbuch „Pfingstrose“ vom Juni und Juli 1952 (Größe 16 cm x 10cm), auf denen sich später publizierte Texte und Entwürfe dazu befinden, werden in dieser Ausgabe der SZ Wochenende zum ersten Mal gezeigt. Noch auf Wunsch Thomas Bernhards wurde es von dessen Bruder und Erben Peter Fabjan Bernhards Verleger Siegfried Unseld zum Geschenk gemacht. Erst jüngst fand es sich im Verleger-Nachlass, im Frankfurter „Siegfried Unseld Archiv“, an einem anderen als dem angenommenen Ort.
Es enthält in seinem ersten Teil vor allem Gedichtentwürfe und Gedichte. Eines davon ist das 1955 in einer „Anthologie junge Salzburger Lyrik“ mit dem Titel „Die ganze Welt in meines Herzens Enge“ veröffentlichte und hier faksimiliert abgebildete „Heimkehr“ (Bild 1), ein Gedicht, aus dem noch die Sehnsucht nach Geborgenheit in einer ländlich geprägten Heimat spricht. / Martin Huber, SZ 7.2.04
Martin Huber, 41, leitet das Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden, Österreich. Gemeinsam mit Wendelin Schmidt-Dengler gibt er zudem für den Suhrkamp Verlag die Werkausgabe heraus.
Thomas-Bernhard-Special, Süddeutsche Zeitung 7.2.04. U.a. Louis Begley über das Quartett Kafka – Gombrowicz – Celine – Bernhard und eine Spurensuche im Kaffeehaus. Darin ein schöner Bericht über eine Suche nach der Neuen Zürcher Zeitung:
Einmal hatte ich die Neue Zürcher Zeitung haben müssen, ich wollte einen Aufsatz über die Mozartsche Zaide, der in der Neuen Zürcher Zeitung angekündigt gewesen war, lesen und da ich die Neue Zürcher Zeitung, wie ich glaubte, nur in Salzburg, das von hier achtzig Kilometer weit weg ist, bekommen kann, bin ich im Auto einer Freundin und mit dieser und dem Paul um die Neue Zürcher Zeitung nach Salzburg, in die sogenannte weltberühmte Festspielstadt gefahren. Aber in Salzburg habe ich die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen. Da hatte ich die Idee, mir die Neue Zürcher Zeitung in Bad Reichenhall zu holen und wir sind nach Bad Reichenhall gefahren, in den weltberühmten Kurort. Aber auch in Bad Reichenhall habe ich die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen und so fuhren wir alle drei mehr oder weniger enttäuscht nach Nathal zurück. Als wir aber schon kurz vor Nathal waren, meinte der Paul plötzlich, wir sollten nach Bad Hall fahren, in den weltberühmten Kurort, denn dort bekämen wir mit Sicherheit die Neue Zürcher Zeitung und also den Aufsatz über die Zaide und wir sind tatsächlich die achtzig Kilometer von Nathal nach Bad Hall gefahren. Aber auch in Bad Hall bekamen wir die Neue Zürcher Zeitung nicht. Da es von Bad Hall nach Steyr nur ein Katzensprung ist, zwanzig Kilometer, fuhren wir auch noch nach Steyr, aber auch in Steyr bekamen wir die Neue Zürcher Zeitung nicht. Nun versuchten wir unser Glück in Wels, aber auch in Wels bekamen wir die Neue Zürcher Zeitung nicht. Wir waren insgesamt dreihundertfünfzig Kilometer gefahren nur um die Neue Zürcher Zeitung und hatten am Ende kein Glück gehabt.
[Pommerland grüßt Salzburger Land. Ich bin heute nur 10 Minuten zum Bahnhof gelaufen – aber der Kiosk war schon zu!]
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