191 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ernst Stadler
(* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)
In der Frühe
Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
das weiße Hemd die Brüste niederstreicht . .
Die Strümpfe . . nun den Rock . . das Haar gerafft . . schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt . .
Ich öffne leis die Türe . . küsse dich . . du nickst, schon fern, ein Lebewohl . .
und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.
Lärmen quillt auf . . Musik der Frühe . . sanft in Morgenträume eingesungen
schlaf ich ein.
Aus Die schönsten Liebesgedichte aus 7 Jahrhunderten. Hrsg. Thomas + Mariam Montasser. Hamburg: Xenos, 1993, S. 526
883 Wörter, 5 Minuten Lesezeit
Ich bin kein Fan von Aleister Crowley, der heute vor 150 Jahren geboren wurde.
Ich interessiere mich nicht für Okkultismus oder Satanismus und auch nicht für seine eigene „Thelema“-Religion. Auch die Frage, ob er das ernst gemeint hat oder eher scharlatanisch, lässt mich kalt. Mich fasziniert seine Stimme, seit ich sie zum ersten Mal gehört habe, von Anfang an ausschließlich als poetischer Avantgardismus. Ich kann die Theorien der russischen Futuristen (und auch die Antitheorien der späteren Dadaisten) einigermaßen nachvollziehen, die der italienischen Futuristen schon weniger, eine Anekdote vom Auftritt Marinettis in Moskau vor dem ersten Weltkrieg bringt es auf den Punkt. Auf Marinettis martialisches Postulat vom Krieg als „Hygiene der Welt“ antwortet Alexej Krutschonych: für mich „Hygiene des Halses“. Ich weiß nicht, ob er das wirklich bei Marinettis Vortrag dazwischengerufen hat – zweifellos eine tolle Anekdote –, aber in seinem Buch „Phonetik des Theaters“ (auf Deutsch beim Leipziger Verlag Reinecke & Voß) buchstabiert er es aus: „Unser Ohr und der Hals brauchen nicht weniger als unsere Augen die Mannigfaltigkeit des Materials. Sa-um gibt sie! Die Hygiene des Halses“.In diesem Video spricht bzw. singt Crowley das Gedicht „The Call Of The Second Aethyr“ zunächst auf Englisch und dann nach einer kurzen Pause auf „Enochianisch“.
The Call Of The Second Aethyr
Can the wings of the wind understand your voices of wonder? O ye, the second of the first, whom the burning flames have framed in the depths of my jaws; whom I have prepared as cups for a wedding or as flowers in their beauty for the chamber of righteousness. Stronger are your feet than the barren stone, and mightier are your voices than the manifold winds. For you are become a building such as is not, save in the mind of the all powerful.
Der Ruf des zweiten Äthers
Können die Flügel des Windes eure Stimmen des Staunens begreifen?
O ihr, die Zweiten der Ersten,
die die brennenden Flammen in den Tiefen meiner Kiefer geformt haben;
die ich bereitet habe wie Kelche für eine Hochzeit
oder wie Blumen in ihrer Schönheit
für die Kammer der Gerechtigkeit.
Stärker sind eure Füße als der unfruchtbare Stein,
und mächtiger eure Stimmen als die vielen Winde.
Denn ihr seid geworden ein Bau,
wie er nicht ist –
außer im Geist des Allmächtigen.
Kann man diesen Text in einer der drei Sprachen – Englisch, Enochianisch* und Deutsch – „verstehen“? Diese Frage habe ich an ChatGPt delegiert, hier die Antwort.
Sehr gute Frage — und sie trifft genau das Spannungsfeld, in dem Enochian-Texte (und Crowleys Gebrauch davon) stehen.
Kurz gesagt: „verstehen“ lässt sich dieser Text nicht im rationalen oder diskursiven Sinn, wohl aber symbolisch, mystisch und poetisch.
Hier einige Ebenen, auf denen man ihn verstehend lesen kann:
1. Magisch-visionärer Kontext
Der „Call of the Second Aethyr“ gehört zu den neunzehn sogenannten Enochian Calls, Beschwörungen, die John Dee und Edward Kelley von Engeln empfangen haben wollten. Crowley hat diese im frühen 20. Jahrhundert rezitiert und visionär „bereist“, d. h. er verstand die Aethyrs als aufeinanderfolgende Bewusstseinsebenen oder Sphären der Erkenntnis.
→ In diesem Sinn ist der Text ein Schlüssel zu einer Schau, nicht ein rationaler Text.
2. Symbolische Sprache
Begriffe wie „Flügel des Windes“, „Kelche für eine Hochzeit“, „Kammer der Gerechtigkeit“ oder „Bau im Geist des Allmächtigen“ sind Bilder aus alchemistischer, biblischer und mystischer Symbolik:• Wind = Geist, Inspiration, göttlicher Atem.
• Kelch/Hochzeit = Vereinigung von Gegensätzen, alchemistisches coniunctio.
• Kammer der Gerechtigkeit = Ort der Läuterung, des inneren Gerichts.
• Bau im Geist = spirituelle Welt oder göttliche Ordnung.Das sind Metaphern für spirituelle Transformation – nicht logische Aussagen.
3. Poetische Funktion
Auch losgelöst vom okkulten Hintergrund wirkt der Text als lyrischer Ausdruck des Erhabenen. Er spricht in einer Sprache, die eher Ergriffenheit und Größe erzeugt als Information vermittelt – wie viele Passagen in prophetischer oder visionärer Dichtung (etwa bei Blake oder Hölderlin).
4. Crowleys Deutung
Für Crowley war die Enochianische Sprache ein Werkzeug der Bewusstseinserweiterung. „Verstehen“ hieß für ihn, die Schwingung der Worte auf sich wirken zu lassen, nicht sie zu übersetzen. Er meinte: „The words are not to be reasoned with, but vibrated.“
→ Der Sinn entsteht im Erleben, nicht im Nachsprechen.
Fazit:
Verstehen kann man den Text nur, wenn man akzeptiert, dass er nicht erklären, sondern erwecken will. Er ist weniger Mitteilung als Beschwörung einer inneren Erfahrung, eine Art poetischer Zauberspruch zwischen Gebet, Liturgie und Vision.
Möchtest du, dass ich den Text danach zeilenweise kommentiere – also erkläre, was jede Bildgruppe symbolisch bedeutet?
(Darauf habe ich denn verzichtet.)
* ) Wenn man das also als „Poetizität“ wahrnimmt, warum nicht gleich auf Enochianisch.
Die sogenannte Enochianische Sprache entstand im späten 16. Jahrhundert aus den magischen Arbeiten des englischen Gelehrten John Dee und seines Mediums Edward Kelley. Sie behaupteten, diese Sprache in Visionen direkt von Engeln empfangen zu haben – als die „Sprache Adams“ vor dem Sündenfall. Enochianisch besitzt ein eigenes Alphabet, eine eigentümliche Grammatik und eine Reihe liturgischer Texte, vor allem die neunzehn „Keys“ oder „Calls“, die den Zugang zu Engelsreichen eröffnen sollen.
Aleister Crowley griff die Enochian-Sprache in seinen magisch-mystischen Schriften auf und integrierte sie in die Rituale des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ und später seiner „Thelema-Lehre“. Für ihn war Enochianisch nicht bloß eine Erfindung, sondern ein Instrument zur Kontaktaufnahme mit transzendenten Bewusstseinsebenen – eine poetisch-magische Sprache zwischen Offenbarung und Erfindung. Jedenfalls hat er das behauptet. Für mich aber ist das poetische Glossolalie, wie sie die russischen Futuristen oder später die Dadaisten und andere Klangpoeten praktizierten.
273 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Conrad Ferdinand Meyer
(* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich)
Eines der schönsten Gedichte des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat nur 8 Verse, jeder 8 Silben kurz außer dem letzten, achten, der nach nur noch 4 Silben das Klangwunder zum Stehen bringt. Ein Dinggedicht in 60 Silben, nur anders als das Ding selber, der beschriebene römische Brunnen in der Villa Borghese, plätschert es nicht endlos fort, sondern hat ein merkliches Ende, durch das das Gedicht überhaupt erst ein eigenes wahrnehmbares Ding wird.
Diese Perfektion in 60 Silben war hart erarbeitet. Nicht weniger als 7 Fassungen in 22 Jahren brauchte es, bis alles stimmt. Hier die erste Fassung von 1860 und dann die gültige von 1882.
SPRINGQUELL
Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schaal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein Jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild.
Das sind nur 2 Zeilen / 12 Silben mehr als in der letzten Fassung (Zwischenfassungen griffen dann noch weiter aus), aber wirkt im Vergleich fast geschwätzig. Man kann untersuchen, warum das so wirkt. Der harte Paarreim scheint daran mitzuwirken, überflüssige Wörter werden gestrichen.
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

117 Wörter, 1 Minute Lesezeit
In einer Reihe von Gedichten über Kunstwerke von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Albrecht Dürer und anderen erkundet Nicolai Kobus die Beziehung von Bild und Sprache – veröffentlicht in Mütze #15 (2017).
Nicolai Kobus
almost a squaremeter of face
warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht
morgens im spiegel der finger
zieht einen sehr bestimmten
strich durchs kondenswasser
wie beim verwerfen der negative
auf kontaktabzugsstreifen
identität vielleicht in seriellen
nuancen zwischen cyan yellow
und magenta fast schwarz nur
der schlagschatten im hinter
grund eine zweite oberfläche
Andy Warhol, The Shadow, 1981
Siebdruck auf Papier, 96,5 × 96,5 cm
Aus: Mütze #15/ 2017, S. 740
344 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Friedrich Hölderlin (1770–1843)
An die Parzen
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt’ ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Quelle: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, herausgegeben von D. E. Sattler. Frankfurt am Main: Luchterhand, Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 162
Uwe Kolbe (geb. 1957)
Kein Glaube an das Gedicht
Ich glaube nicht mehr ans Gedicht.
Ich glaube an Geld und Gericht,
Anwälte, Juristen, an die Macht,
abstrakte Institutionen, aber an dich,
Gedicht, glaube ich nicht.
Ich glaube an Engel, an Liebe,
an Schönheit, doch nicht an dich,
Gedicht. Ich glaube an Freunde
gewiß, lebendige Tote, ja, glaube
an Tote, an fallende Grenzen
und Reisen ins Unbekannte,
doch an, das mir am Herzen liegt,
glaube ich nicht. Oh Finanz und
oh Amt und oh Untergang,
oh Grundumsatz eines Hauses
oder der menschlichen Zelle,
ich glaub an die Wissenschaft,
sogar an die Macht des Wortes,
das in dem Gespräch fällt,
doch an das Heilige nicht, Gedicht.
Quelle: Poesiealbum 394: Uwe Kolbe. Auswahl Jürgen Theobaldy. Bilder von Klaus Dennhardt. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 23
Poesiealbum (gegründet 1967) erscheint wieder, in der alten Aufmachung (nicht zu verwechseln mit dem Leipziger „Poesiealbum neu“ in gleicher Aufmachung, aber mit anderem Konzept), und auch nach fast 400 Heften ist noch lange nicht Schluss und lohnt sich ein Abonnement mit den preiswerten Lyrikausgaben von Altbekanntem, Neuem und Überraschendem. Wer 2025 eingestiegen ist, erhielt:
391: Klaus Möckel
392: Günter Bruno Fuchs
393: Oskar Maria Graf
394: Uwe Kolbe
Angekündigt 395: Heinz Czechowski
Im Jahr davor:
383: Jochen Grünwaldt
384: Elsa Asenijeff
385: Leo Heller
386: Rainer Malkowski
387: Ulrike Draesner
388: Ludwig Tieck
389: Fritz Grünbaum
390: Emmy Hennings
Oskar Maria Graf (1894–1967)
DIE VERLORENE GENERATION
Sie leuchten nicht mehr, jene Bilder,
die wir so lang in uns getragen.
Sie sind wie alte Straßenschilder,
verwittert und mit Rost beschlagen.
Sie klingen nicht mehr, unsre Lieder,
die wir gedichtet und gesungen.
Wir finden nur die leeren Worte wieder,
die Melodie ist längst verklungen.
Wir schworen blind auf große Thesen.
Sie sind wie Wind im Nichts zerblasen.
Und über allem liegt ein lähmendes ›Gewissen‹,
wir gleiten haltlos in sein Treibenlassen.
So leiden wir das dumpfe Weiterleben
und werden von der Zeit zerrieben.
Was in uns war, was wir dem Tag gegeben,
ist ohne jede Spur geblieben.
Und während wir mit kranken Sinnen
schmerzlich zurück ins Innre fliehn,
erheben sich rundum erstarrte Mienen,
die geisterhaft vorüberziehn.
Auch sie entschwinden wie verwischte Zeichen
aus jenen unerschöpften Jahren,
in die wir wie ein ständiges Verweichen
hineingeboren waren.
Quelle: Poesiealbum 393. Oskar Maria Graf. Auswahl Ulrich Kaufmann. Bilder von Karl Arnold. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 17
Ulrich Koch
DIESES EINE LANGE GEDICHT, IN DEM WIR AUFGEWACHSEN SIND
Dieses eine lange Gedicht, in dem wir aufgewachsen sind,
begann an einem sonnigen Tag
kurz nach der Mitte des Lebens.
Die erste Hälfte war so groß gewesen,
dass wir sie heimlich lasen.
Dann wuchsen die Pfade hinunter zum Fluss allesamt zu.
Auf den Klingelschildern erblindeten die Namen
durch gepanschten Schnaps.
Je müder wir wurden, umso näher
kamen die Tiere
an uns heran.
Um wach zu bleiben, rochen wir
an den Mänteln der Abwesenden.
Wir kommunizierten mit ihnen über Rückkopplungen,
wie Berge.
In den Mittagspausen standen wir an Stehtischen
und saugten das Gift aus Bisswunden.
In den gestrandeten Walen wuchs der Zweifel:
Sie lagen in zugeparkten Alleen und atmeten schwer
unter blühenden Kastanien.
In den aufgegebenen Gärten
standen die Schaukeln in ihren Betonschuhen
und sahen aus wie Richtstätten
wie früher die Richtstätten wie Schaukeln.
Hatte jemand sein Hemd schief geknöpft,
gab es Schnee.
Manchmal war es so still, wir hörten
jemand auf dem Mond auf einen Zweig treten.
Abends bildeten unsere Sätze Schlafgesellschaften,
Fetzen, die zu schwarzen Wolken verwehten
und trieben, bis sie sich niederließen
in einem unserer abwegigsten Gedanken.
Unsere Gesichter auf den alten Gruppenfotos drehten sich ins Licht
wie Sonnenblumen.
Der Weizen wuchs auf Augenhöhe der Beichtstühle.
Wir waren blass vom Nachtlicht der Telefonzellen
und dufteten nach Sonnenöl.
Wenn von der Bahnlinie hinter dem Forst die Züge zu hören waren,
gab es am nächsten Morgen Regen.
Die Birken neben dem Bahndamm
hörten auf die Geburtsnamen schlesischer Mädchen.
Aus: Ulrich Koch, Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text. Gedichte. Salzburg: Jung und Jung, 2021, S. 17f
365 Wörter, 1 Minute Lesezeit pro Sprache
Roberto Juarroz
(* 5. Oktober 1925, heute vor 100 Jahren, in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires; † 31. März 1995 in Temperley, Provinz Buenos Aires)
JEDES GEDICHT MACHT DAS VORHERIGE VERGESSEN,
radiert die Geschichte aller Gedichte aus,
radiert seine eigene Geschichte aus
und auch die Geschichte des Menschen,
um ein Gesicht aus Worten zu gewinnen,
das der Abgrund nicht ausradieren kann.
Auch jedes Wort eines Gedichts
lässt das vorherige vergessen,
löst sich einen Moment
vom vielgestaltigen Baumstamm der Sprache
und trifft sich danach mit den anderen Worten wieder,
um den unumgänglichen Ritus zu erfüllen,
eine andere Sprache zu begründen.
Und auch jede Stille des Gedichts
lässt die vorhergehende vergessen,
geht in die große Amnesie des Gedichts ein
und umhüllt Wort um Wort,
bis sie später hervorkommt und das Gedicht einhüllt
wie eine Schutzhülle,
die vor den anderen Sprecharten bewahrt.
Das alles ist nichts Außergewöhnliches.
Im Grunde
lässt auch jeder Mensch den Vorgänger vergessen,
alle Menschen vergessen.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind alle Dinge letzte Dinge.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind sie auch erste Dinge.
(im Gedenken an Antonio Porchia)
Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Burghardt, aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 372
Cada poema hace olvidar al anterior,
borra la historia de todos los poemas,
borra su propia historia
y hasta borra la historia del hombre
para ganar un rostro de palabras
que el abismo no borre.
También cada palabra del poema
hace olvidar al anterior,
se desafilia un momento
del tronco multiforme del lenguaje
y después se reencuentra con las otras palabras
para cumplir el rito imprescindible
de inaugurar otro lenguaje.
Y también cada silencio del poema
hace olvidar al anterior,
entra en la gran amnesia del poema
y va envolviendo palabra por palabra,
hasta salir después y envolver el poema
como una capa protectora
que lo preserva de los otros decires.
Todo esto no es raro.
En el fondo,
también cada hombre hace olvidar al anterior,
hace olvidar o todos los hombres.
Si nada se repite igual,
todas las cosas son últimas cosas.
Si nada se repite igual,
todas las cosas son también las primeras.
(en la memoria unitiva de Antonio Porchia)
Magnus William-Olsson
Welches Gewicht Sappho den Knien beimisst,
wie deren Gelenke
sich lösen, wie sie hirschkalbflink in den Tanz ein
treten, wie sie nicht tragen,
wenn das Beben, das Zittern, die Erschütterung
kommt
Magnus, kaum mehr als ein Blatt
am Espenzweig bist du, ein Gebet auf deinen
spastisch zuckenden Lippen. Der Schlusssturm. Glaubst du,
den Tod kümmern
deine Knie, du Idiot, deine Liebe, deine erotischen Reptilienstiche? Sein
Kuss ist roh und fleischig, nur Fetzen bleiben
von deiner Wange, deine Lippen hängen wie zerrissene Riemen, die Zunge
ein blutiger Stumpf. Sehnst,
sehnst du dich nach der schwarzen Erde? Weine! Nein,
weine nicht, kleines Kitz, deiner Mutter Zitze… oder? Ach, diese Zitze ritzt
wie ein trockenes Blatt im
Nicht-Wind
Aus dem Schwedischen übersetzt von Peter Zimmermann, aus: Mütze #31, 2021, S. 1603
Den vikt Sapfo lägger vid knäna,
hur dess leder
löses, hur de hjortkalskvicka tråder
i dansen, hur de inte
bär när skälvningen, darret, skakningen sätter
in
Magnus, inte stort mer än ett löv
på aspkvist är du väl med en bön på dina
spastiskt ryckande läppar. Slutstormen. Tror du
döden bryr sig
om dina knän din idiot, din kärlek, dina erotiska kräldjurssting? Dess
kyss är rå och köttig, slamsor bara blir
det kvar av kinden, dina läppar hänger som trasiga remsor, tungan en blodig
stump. Längtar,
längtar du till den svarta jorden? Gråt! Nej,
gråt inte, lilla kid, din moders spene … väl? Ack, den spenen rister som ett
torrt löv i
ingen vind
Ebd. S. 1602
Magnus William-Olsson, geb. 1960 in Stockholm hat zahlreicche Gedichtbände veröffentlicht und Gedichte von Sappho, Kavafis und anderen übersetzt. Das vorliegende Gedicht ist keine Übersetzung, aber es bezieht sich auf Sappho, zumindest auf das Fragment 58 Voigt, ein Altersgedicht, in dem es heißt, die einst schwarzen Haare sind weiß und die Knie tragen nicht mehr. Falls jemand ein zweites Gedicht lesen mag, hier ist es auf Deutsch, Englisch und Griechisch.
Sappho 58 Voigt


Aus: SAPPHO, GEDICHTE. Griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Andreas Bagordo. ARTEMIS & WINKLER, 2009
Aus: If not, Winter. Fragments of Sappho, translated by Anne Carson. Vintage Books, 2003
547 Wörter, 3 Minuten Lesezeit
Mara Genschel
Aus: Selfies mit Preisgeld
Lob des Geldes I
Heute morgen um 11:39 erschien wie ein Heiliges das Heimrad Bäcker Förderpreisgeld auf meiner Kontostandanzeige und ich machte sofort einen Screenshot. 3474,92 Euro im Plus! Gestern und vorgestern waren schon zwei andere langersehnte Honorare eingetroffen, die mein dürres Dispo von 500, bereits bis fast zum Rand wieder aufgepolstert hatten: so kam es zu dieser überaus erstaunlichen digitalen, schwarzen Zahl. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Schulden und anderes, von dem vielleicht später die Rede sein soll, hierhin und dorthin zu überweisen, inzwischen steht leider keine „3″ mehr an ihrer magischen ersten Stelle.
Da gibt es nichts zu beschönigen!
Ich sprang ins kühle Nass des Arbeitsmarktes, mehrfach und verbissen, aber es hat nicht funktioniert. Dies gilt es weder zu mystifizieren noch zu beschönigen. Ende der Rechtfertigung.
Lebensform
Ich schäme mich für meine Lebensform!
(Ich weiß aber nicht, für welche Lebensform ich mich nicht schämen würde.)
Lob des Geldes II
Wir haben uns das eigentlich alle ganz anders vorgestellt. Desillusioniert, aber gestählt, vergleichsweise erfolglos, dabei aber auf eine gute Weise einig, und uns für unser Durchhaltevermögen gegenseitig auf die Schultern klopfend, gründeten wir unter mehreren Kolleginnen im Dezember 2014 eine Organisationsform, für die uns bis heute keine bessere Bezeichnung eingefallen ist als, etwas grob: „Syndikat“. Ein Testballon, ein kleines Portiönchen an Revolution. Wir sind nicht allzuviele, noch, aber mehr als drei. Eine der Hauptüberlegungen dabei ist das langfristig angelegte und vage formulierte Ziel der „Umverteilung“ durch einige kleine, feste, nämlich konkrete Regeln vorzubereiten und gewissermaßen zu erproben. Die bisher festeste und konkreteste Regel betrifft momentan den Fall der individuellen, nicht an Residenzen oder Wettbewerbe oder andere Bedingungen geknüpften Auszeichnung. Wird eine von uns, aufgrund einer ihr wohlgesonnenen Jury, an einem schönen Tag unter allen anderen hervorgehoben, so soll das Lob ihr allein zuteil – die damit verknüpfte, sicherlich ermutigend gemeinte Summe Geldes, die in einer praktischen Auslegung allerdings nichts als eine allgemeine Vergütung der von ihr als Arbeit verstandenen Arbeit ersetzt, aber, soll von dem Lob getrennt, auf null heruntergekühlt und einem allen gleichermaßen dienlichem Zwecke, der solidarischen Gemeinschaft zugeführt werden. Wird eine von uns an einem schönen Tag unter allen anderen zum Beispiel alleinerziehend schwanger, wird vermutlich ihr ein Hauptteil zugesprochen. Jedes Preisgeld, so heißt es jedenfalls, kommt in einen „Topf“, in ein noch einzurichtendes Konto wird es eingepflegt und von der Würdenträgerin sowie dem Würd- und Ehrereignis selbst getrennt und erst einmal nicht weiter angerührt. Im Zweifel wird es irgendwann/hernach geteilt.
Wenn der „Topf“ aber nun ein Loch hat!
Nach drei Jahren bin ich nun von uns die erste, der so eine unerwartete Zuwendung zuteil wurde, und ich benutze den von Urs Engeler für mich in der Mütze freigeräumten Slot, um den Vorgang öffentlich zu machen. Also den Vorgang, dass das Heimrad Bäcker Förderpreisgeld von 3500 in diesen „Topf“ geht.
Arme Mara!
Verdienst du dein Geld denn mit Lesungen nicht?
Vertreibst du nicht professionell(e) Gedicht (e)?
Ich wünschte, ich könnte! In Urs Engelers Mütz'
werd ich's noch mal versuchen, ich hoffe, er druckt's.
Ich träume von dem T-Shirt mit dem heulenden Kopf.
Davon will ich schreiben – und von dem To-hopf.
Im Topfe liegen Euro, fast dreitausend an der Zahl.
Davon will ich schreiben – und von der Moral.
Aus: Mütze #17, herausgegeben von Urs Engeler, 2017, S. 857-859
333 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Diane Wakoski
(geboren 3. August 1937 in Whittier, Kalifornien)
Mies im Sattel
Sich in einen Schnauzbart zu verlieben
ist wie wenn man sagt
man kann sich verlieben in die
Art, wie ein Mann seine Schuhe putzt,
was
selbstredend
zu den Sachen gehört, die meine
aufgemotzte Maschine anmachen
so glatte Schnallen-Boots
(Ich fühle mich wie eine Reklame
für Herrenmode
wenn ich an deine Knöchel denke)
Yeats verfing sich im Antlitz holder Maid
und ich finde mich selbst
eine schlechte Moralistin,
Ästhetin, die scheitert,
eine traurige Lyrikerin,
die deine Arme anfassen will und Muskeln fühlen,
die einen Manneskörper über derart Substanz verfügen lassen,
dass eine Frau
sich lehnen und sehnen lässt
dahin, wo sie schmilzt / sie ist ein Regentag
in deiner Gegenwart
Wachspfütze unterm entflammten Licht
der Schaum eines Wasserfalls
Du bist anmutiger als jede Harley-Davidson
Sie ist der Regen,
wartet darin auf dich,
findet Blut, das ihre Beine sprenkelt
von dem langen Ritt.
Deutsch von Jonis Hartmann, aus: Mütze. Eine literarische Zeitschrift. #36. Mütze (das letzte Heft), 2023, S. 1845
Herausgegeben von Urs Engeler
Uneasy Rider
Falling in love with a mustache
is like saying
you can fall in love with
the way a man polishes his shoes
which,
of course,
is one of the things that turns on
my tuned-up engine
those trim buckled boots
(I feel like an advertisement
for men’s fashions
when I think of your ankles)
Yeats was hung up with a girl’s beautiful face
and I find myself
a bad moralist,
a failing aesthetician,
a sad poet,
wanting to touch your arms and feel the muscles
that make a man’s body have so much substance,
that makes a woman
lean and yearn in that direction
that makes her melt / she is a rainy day
in your presence
the pool of wax under a burning candle
the foam from a waterfall
You are more beautiful than any Harley-Davidson
She is the rain,
waits in it for you,
finds blood spotting her legs
from the long ride.
Ebd. S. 1844
356 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Zum heutigen Gedicht fühle ich die Notwendigkeit einer kurzen Einleitung – aber zugleich warnt mich etwas, dass eine solche zu holzhammermäßig wirken und die verehrten Leserinnen und Leser einschüchtern möchte. Fern liegt mir das. Also denk ich: fünf sind bess als eins. So kann jedeR nehmen, was ihr passt – oder gleich zum Gedicht springen.
1.
Vier Buchstaben reichen aus, um Welten aufzurufen: Namen von Dichtern, Künstlern, Klangsplitter, Datenreste. Konstantin Ames spielt mit dem Register, dem Archiv, der Liste – und lässt daraus ein Quartett entstehen, das zugleich streng und ausgelassen klingt. Zwischen Abgleich und Abwegung blitzen Anrufung, Ironie und Sprachmusik auf.
2.
Vier Namen, vier Silben, vier Takte: Ames’ Vierletternquartette treiben das Alphabet in die Musik. Zwischen Datenabgleich und Dichtergalerie entsteht eine Partitur aus Kürzeln, Klangstücken und unerwarteten Zwischenrufen.
3.
Als kämen sie aus einem alten Karteikasten oder aus einer Datenbank: Namen, komplett oder abgekürzt auf vier Lettern, nebeneinandergelegt und neu kombiniert. Ames’ Gedicht verwandelt das trockene Register in ein Spiel mit Geschichte, Gegenwart und Störung.
4.
Viererreihen von Namen und Kürzeln, streng gesetzt – und plötzlich spricht Alexa dazwischen oder eine Stimme ruft „Stifte nicht essen!“. Ames’ Text hält die Balance zwischen Regelwerk und Ausbruch, zwischen Ordnung und Überraschung.
5.
Ein Spiel mit Kürzeln, Namen, Lauten: streng geordnet, doch voller Brüche und Einfälle. Ames stellt das Gedicht wie eine Liste hin, aber dahinter klingt das Archiv der Literatur, das Chaos des Alltags und das Lachen des Experiments.
(Wer sich aber in dem Gedicht wiederfindet, ist eh frei.)
Konstantin Ames
Vierletternquartette
(2079 abgleichen)
Tiek HOLZ Lotz Benn
Seel DICK Scho Zorn
FUES Mund Born Falb
Mpei Popp GOES Gumz
„Alexa! Ist alles erlaubt? – Das weiß ich leider nicht!“
Metz Pitz Lanz GOLL
Kusz RASP Reim Henn
ROST Tran Wühr Zech
Kühn Korf Rühm WOLF
Souverän unterm Minimum:
Can Fäh MON Eyl Erb/ Leß She She Pop/ Voß Amm Zuß
Janz Zapf Hopf Pick
Bach Elze Gräf Danz
Manz JUNG Drux Gnüg
Hell Bail Bánk ZAHL „NEIN! Du sollst die Stifte nicht essen!“
Laar Gräf Pohl OVER
Dove Dorn Roth KOCH
Merz Zing Gräf Gomr
Klin’ Inger Bert CHRIZ Z
Aus: Mütze #31 (2021), herausgegeben von Urs Engeler, S. 1568
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