Dass es eigentlich nicht gut um die Kultur des Lesens in dem Land steht, das vier Nobelpreisträger für Literatur hervorgebracht hat, ergab eine Umfrage: Demnach haben nur 38 Prozent der Polen, die älter als 15 Jahre sind, im vergangenen Jahr ein Buch gelesen. Die Hauptstadt gab nun ein Pilotprojekt mit dem Namen ‚Republik des Buches‘ bekannt: Aus den verstaubten Bibliotheken sollen Orte der Begegnung werden, die auch für junge Leute interessant sind. / THOMAS URBAN, Süddeutsche Zeitung 11.12.
Wenn Gedichte nicht besprochen werden, muß man es selbst machen. Klaus Grunenberg (wenn ich die Verwandtschaftsbeziehungen richtig interpretiere) tut das, bzw. läßt es die Kritiker Ed Moercke und Mark Beil-Ritzi tun. Am Heiligabend schon zum 100. Mal. Moercke beginnt so:
Wieder so ein Gedicht, wo wir meinen, einiges zu verstehen. Und trotzdem, wenn ein Bild dabei wäre, könnten wir mehr erkennen. Hier nun ist ein Bild vorhanden. Es zeigt einen einsamen Judenfriedhof und sogleich erkennen wir die Zusammenhänge im Gedicht besser.
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Völlig irritiert nahm Ludwig Bechstein 1821 sein erstes Honorar als Lyriker entgegen. Während seiner Apothekerlehre in Arnstadt hatte er erste literarische Versuche unternommen und auch drei Gedichte an die „D’olzische Jugendzeitung“ geschickt, aber keineswegs mit einem Obulus für die Veröffentlichung gerechnet. Kurz darauf erschien sein erstes Buch, „Thüringische Volksmährchen“, und obwohl Bechstein in den folgenden Jahrzehnten weiterhin viele Gedichte, Romane und Erzählungen veröffentlichte, verbinden wir seinen Namen heute doch zuallererst mit den großen Sagen- und Märchensammlungen.
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Als sich ein Gehörleiden verschlimmert, wendet sie sich verstärkt der Lyrik zu und beschließt mit ihrer Rückkehr nach Arnstadt, Schriftstellerin zu werden. Unter dem Pseudonym „Marlitt“ veröffentlicht sie 13 Romane und wird zur gefragtesten Autorin der Zeitschrift „Gartenlaube“.
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Große Beliebtheit genoss auch der Theologe, Philologe und Pädagoge Wilhelm Hey (1789-1854), der 1932 als Superintendent nach Ichtershausen bei Arnstadt berufen wurde. Aus seiner Feder stammen die Kinderlieder „Weißt du, wieviel Sterne stehen“ und „Alle Jahre wieder“, und er gilt, neben Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Friedrich Güll, als Begründer des Genres.
/ Franziska Nössig, Ostthüringer Zeitung 23.12.
Da Weihnachten ist, hier noch ein Gedicht der Marlitt:
Eugenie Marlitt
Schneesturm.
Droben schwarze Wolken jagen
Pfeilgeschwind,
Seine schaurig wilden Klagen
Stöhnt der Wind.
Durch verfall’ner Mauer Spalten
Wirbelt Schnee,
Wie von finst’rer Macht gehalten
Starrt der See.
Und kein goldnes Sterngewimmel
Leuchtet mild,
Wie verschlossen dräut der Himmel
Schwarz und wild…
Da zerreißt der Sturm die mächt’ge
Wolkenschicht
Und ein lichter Stern das nächt’ge
Graus durchbricht!
Strahl ins Herz mir, gold’ner Schimmer,
Lind und sacht. –
Seine Sterne leuchten immer –
Drin ist Nacht!
„Klage der Ceres“ sei die Antwort auf Goethes „Alexis und Dora“ gewesen, ein Poem, das als Liebesgedicht an Schiller gelesen wird.
Die Autorin benutzt den Begriff der Erlebnisdichtung wieder völlig unbefangen und kann sich dafür auf Goethes Selbstverständnis als Lyriker berufen. Vor zwanzig Jahren, auf dem Höhepunkt der postrukturalistischen Intertextualitätsdebatte, wäre sie damit auf wenig Verständnis bei den germanistischen Kollegen gestoßen, inzwischen jedoch hat sich die Einstellung zur biografischen Forschung mit ihrer Konturierung von Erlebnishintergründen wieder entspannt. Goethe habe mit seinem Gedicht „Nähe des Geliebten“ Schiller (und keineswegs einer Frau aus seinem Bekanntenkreis) seine Verehrung signalisieren wollen. Da stehen die bekannten Zeilen, die man früher nicht mit Schiller in Verbindung gebracht hat: „Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,/ Du bist mir nah!“ Nach außen hin hätten die beiden Autoren Distanz gewahrt, sich auch im – für die Nachwelt bestimmten – Briefwechsel zu keinen Gefühlsergüssen hinreißen lassen, doch in der Tarnungssprache der Lyrik sei es ihnen gelungen, verschlüsselte Botschaften der Freundschaft und Liebe zu übermitteln. / Paul Michael Lützeler, Die Welt
Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein, Göttingen. 379 S., 28 Euro.
Wie kaum ein zweiter Lyriker der Gegenwart kommt Wagner einem Ideal von Dichtung nahe, nach welchem Gehalt sich nicht diskursiv durch das Wort vermittelt, sondern evokativ in und mit dem Wort.
Ein Glücksfall sind Wagners Gedichte aber auch darin, dass diese Lyrik sich nicht im Elfenbeinturm von Dichtung als in sich kreisender, selbstgenügsamer Formübung einschließt – sowenig wie im Palastbau preziös verrätselter Innerlichkeit wie so häufig in zeitgenössischer Lyrik. Mit allen Sinnen öffnet die seine sich zur Welt. So nah bei den Dingen, so gesättigt mit Wirklichkeit ist Lyrik selten – ohne dass diese Gedichte sich in Formfragen auch nur im Geringsten etwas vergäben, im Gegenteil: Der Versvirtuose Jan Wagner ist ein Formkünstler erster Güte. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 24.12.
Jan Wagner: Australien. Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2010, 106 Seiten, 18 Euro.
Diese Lyrik ist auf Verständnis aus – und im Grundton versöhnlich. Ungezwungen reimt Fels, Jg. 1946, Herz auf Schmerz, beschwört die Liebe, ruft Gott und die Engel an und freut sich über das Leben. / Kirstin Breitenfellner, Falter 22.12.
Egal wo das Ende der Welt liegt
Ludwig Fels
2010 | Jung und Jung, Salzburg
136 Seiten
EUR 20,00
Uljana Wolf las zusammen mit den Autoren Maggie Nelson, Guy Bennett and Stephen Motika aus Los Angeles in der Villa Aurora in Venice/ Cal. in einer Veranstaltungsserie, die lokale Autoren und Musiker mit internationaler und Avantgardekunst vereint. Uljana Wolf war im Herbst Poet in Residence im Haus. Ihr jüngster Gedichtband Falsche Freunde erscheint 2011 bei der Ugly Duckling Press unter dem Titel DICHTionary (Übersetzung Susan Bernofsky). / Goetheinstitut New York
| Warten auf Hornissen
(Tonabnehmer über dem Hirn)Ich mache mal wieder nichts. Die Fliegen sind da, es ist Sommer. Eigenartig, sie machen keine Töne. Sie fliegen unter der Lampe. Immer wieder stoßen zwei scheinbar zusammen, dann erweitert sich der Raum um weniges. Er ist ein Zylinder, tiefer als breit. Meine Nachbarin wird dreißig, übermorgen, sie ist gereizt. Sie hat Fliegengitter angebracht, und dabei die Fliegen eingesperrt. Wie lange leben Fliegen, sind ja keine Eintagsfliegen. Und sich dabei verletzt. Ich warte auf die Hornissen von gegenüber, die sind laut. Die verfliegen sich nachts mit einem Ton: urrr, so verfliegen die sich, daß ich immer an einen Besuch denken muß. Wenn ich davon meiner Nachbarin erzähle, macht die auch urr, durch den ganzen Körper geht der Ton, und dann schaut sie mich an wie ein unanständiges Präparat in einer Sammlung. Die Merian hätte sie auch mit diesem Ton angeschaut, denke ich mir. Urrgeziefer. Aber die Hornissen gehören bestimmt nicht zu den Fliegen und Mücken, die sind so einzeln. Mein Großvater sagte: sieben erlegen ein Pferd. Um die Fliegen zu beobachten, darf ich mich nicht bewegen, da bin ich ein bewegungsloses Beobachtungsschiff. Manchmal bringe ich sie mit einem Gedanken an einen Fliegenfänger in Unordnung, auch ein Zylinder, ein Fangzylinder im Bewegungszylinder. Einmal habe ich einen Indianer gefragt, ob diese Fangmethode nicht grausam sei. Er fand nichts dabei. Besser als sie in einer geputzten Wohnung verhungern zu lassen. Jetzt umkreisen sie diesen imaginären Zylinder, oder umgekehrt, ich habs durcheinander gebracht. Und kann nur noch auf die Hornissen warten. Ihr alten Hornnasen, hoffentlich ist euch nichts passiert. Die alte Mauer steht noch. Die daneben ist abgerissen, Grundstücksgrenzbereinigung. Ach ja, es ist Sommer, fast hätte ich vergessen dies zu bekräftigen. Für Dagmar zum Geburtstag, die sich mal ein Gedicht gewünscht hat, in dem sie vorkommt. Jetzt wird sie sich ärgern, und sagen so hätte sie sich das nicht gedacht… |
Der österreichische Schriftsteller Erwin Einzinger erhält den H.-C.-Artmann-Preis 2010. Einzingers Gedichte würden durch die Vielfalt der Töne, ihren Witz und die Breite ihrer Themen bestechen , urteilte die Jury. Die von der Stadt Wien im Zweijahresrhythmus vergebene Auszeichnung für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik ist mit 10 000 Euro dotiert. / NZZ 20.12.
Das Gehirn ist wie ein Muskel. Es bleibt nur fit, wenn man es beständig trainiert. Wichtig ist allerdings, dass man etwas Sinnvolles lernt – etwas, das einen erfüllt. Auch sollte man sich nicht zu hohe Ziele stecken. Denn Erfolgserlebnisse sind für den Lernprozess von grosser Bedeutung. Ich selber begeistere mich für Poesie und lerne daher Gedichte auswendig. Gedichte haben den grossen Vorteil, dass sie zentrale Menschheitsereignisse wiedergeben: Trauer, Freude, Tod, Lust und Liebe sind Themen, mit denen sich viele Dichter beschäftigt haben. Wenn ich ein Gedicht spreche, kann ich mich auf jemanden beziehen, der die gleichen Erlebnisse hatte wie ich. Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Bevor es die grossen Schriften gab, wurde das ganze Menschheitswissen in gebundener Sprache überliefert.
/ Der Hirnforscher Ernst Pöppel, NZZ 18.12.
Die Frage ist für den Iraner Khalfani, der in Deutschland lebt, von besonderer Relevanz: „Der Dichter fängt an Gedichte zu schreiben / wenn er schweigen muss“. In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, in dem die Dichter zwar schreiben dürfen aber nicht gelesen werden, herrscht lyrische Grabesstille. In Iran, wo die Dichter geknebelt und mit Berufsverboten belegt aber gelesen und gehört werden, ist das Schweigen unendlich laut: „Der laute Dichter / versteckt sich dann / hinter seinem Schweigen“. …
Khalfanis Verse kommen trotz ihrer Schwermut sehr leichtfüßig daher – wie der Vogel, der sie symbolisch durchfliegt und der bisweilen an jenes wundervolle Gedicht von Forough Farrochsad erinnert, das den Blick aus den Gitterstäben des Gefängnisses beschreibt. Bei Khalfani ist das Gefängnis die Konformität der Wahrnehmung, die er aufzubrechen versucht mit einer enorm starken Symbolik in einer ruhigen und nachdenklichen Sprache. / Gerrit Wustmann, cineastentreff.de
Salem Khalfani: Nachtschwimmer (Gedichte, Sujet Verlag 2010)
| 64 (2001)
Scott Mignola have a private talk with a live naked girl You know, when I was You’re prettier than I In the words of Scott Mignola: Poems come sporadically, sometimes years apart. At present life centers around raising two little ‚uns in a crowded San Francisco apartment with a view of roses and a neighbor’s bewildering attempts at a vineyard. Between jobs writing about sharks, toilet brushes and whatever else pays the bills, I hammer out seemingly unpublishable novels. Gumball Poetry Magazine |
Scott Mignola private gespräche mit nackten girls aus deiner umgebung Weißt du, als ich Du bist schöner als ich Am 4.7.2001 – Independence Day – im Newsletter des Gumball Poetry Magazine gefunden deutsch von Michael Gratz |
| 63 (2001)
Jetzt werde ich die Welt beschreiben
DAS MEER Soweit so blau DIE LANDSTRASSE Die Landstrasse hat der Mensch gemacht, DIE STADT Die Stadt hat ein Stadttor und das Dorf nicht. DER STRAND Der Strand ist eine äußere Begrenzung des Wassers. DER GLETSCHER Sehr kaltes Wasser wird steif. DER HAGEL Hagel ist ebenfalls Eis, aber in der Luft. manuskripte 150/ 2000 S. 59-61 |
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