Politische Gedichte will die Zeit drucken, nein sogar veranlassen. Gestern begann die Serie. DLF befragte Dirk von Petersdorff, der nicht so angetan ist, denn:
Und heute? – Ja, das ist dann teilweise etwas verklausuliert, man muss lange überlegen, versteht es nicht. Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein, das muss sofort sitzen und ziehen.
Über Monika Rinck:
Es ist vielleicht kein im ganz engen Sinne politisches Gedicht, aber ein schönes Gedicht, was, finde ich, eine ganz anders gestaltete Welt vorstellt.
Zu Marion Poschmann:
Ich muss dann zugeben, ich habe das Gedicht nicht so genau verstanden, was diese zwei Körper eigentlich sind. Ich würde sagen, schlicht zu kompliziert für politische Lyrik.
Jan Wagner:
Der macht es ja eigentlich so, dass er sagt, ja, ich erfülle eure Erwartungen nicht, ich schreibe ein Naturgedicht, was man dann indirekt auf Politik beziehen kann, aber es ist kein in direkter Weise politisches Gedicht.
(Verständlich waren gewiß die Stalinhymnen Bechers und tausend anderer, die Führergedichte Agnes Miegels. – Zum Thema Verstehen siehe Volker Brauns Aufsatz „Rose Paal und der Aufstieg der Lyrik“! Kernaussage: Wenn heute wieder etwas gewußt werden soll über uns, muß es nicht „verständlich“ wie bei Brecht, sondern so geschehen wie in zeitgenössischer Lyrik: auch wenn es die Landarbeiterin Rose Paal dann erst mal nicht versteht.)
– Und Braun zitiert (meint) da nicht Braun, Enzensberger oder Rühmkorf, wir es Germanisten tun würden. Er hätte Elke Erb nennen können, nennt aber Hölderlin:
Der Winkel von Hahrdt.
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.
Ist das politisch? Braun scheint zu meinen: politischer als Brecht, wenn man ihn heute imitierte.
“Das ist die fröhliche Saale, das ist der Giebichenstein” schallte es am Donnerstagnachmittag von den Klausbergen ins Saaletal hinab. Einst saß hier der Dichter Joseph von Eichendorff und schrieb sein heute jedem Hallenser bekannte Gedicht “Da steht eine Burg überm Tale”, damals noch ohne Musik (die kam erst später dazu) und unter dem Titel “Bei Halle”. / halleforum.de
Bei Halle
Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.
Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!
Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
Schauten viel schlanke Gestalten,
Gleich wie in der Ritterzeit.
Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus.
Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.
Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh ich jetzt ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.
Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
O Jugend, wie tut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.
Fragt man die Leute in seinem walisischen Heimatort nach dem weltberühmten Sohn, tun ihn immer noch viele als „Dorfsäufer“ ab. Dylan Thomas hat sich sehr um diesen Ruf bemüht. Angeblich waren seine letzten Worte: „Ich hatte gerade 18 Whisky. Ich denke, das ist Rekord.“ / Elke Heidenreich schrieb ein Buch über den Dichter
Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik des Jahres 2011 geht an Peter Waterhouse:
Der 54-jährige Waterhouse wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung bei den Ernst-Jandl-Lyriktagen am 18. Juni in Neuberg an der Mürz erhalten. …
„Das literarische Schaffen von Peter Waterhouse ist vielseitig und vielgestaltig: Er schreibt Gedichte und Erzählungen, er hat mit ‚(Krieg und Welt)‘ eine umfangreiche und vielbeachtete Prosa vorgelegt, Essays verfasst und Texte für die Bühne geschrieben, und er ist erfolgreich als Übersetzer aus dem Englischen und Italienischen tätig“, so Schmied. „Kern all dieser Arbeiten ist aber die Dichtung und die poetische Weltsicht von Peter Waterhouse, die er Text um Text aufs Neue entwickelt.“ / Der Standard
Der öffentliche Raum heißt so, weil er in Grenzen öffentlich genutzt werden darf. Die Grenzen sind gegeben durch Gesetze und Gewohnheitsrechte, sonst aber durch die Verwaltung. Die bestimmt im Zweifel die Toleranzgrenzen. Shit happens, sagen die Amerikaner, es geschieht auch in Europa. Hundeshit gehört zum öffentlichen Raum, zu Kinderspielplätzen zum Beispiel, da ist die Verwaltung meist machtlos. Wer privat baut, beschert Nachbarn und Passanten Staub, Lärm und dreckige Bauzäune, das gehört dazu, muß also meist hingenommen werden. Werbung, auch dem und jenen bis zum Ekel widerwärtige, gehört zum Geschäftsleben und muß hingenommen werden wie die Gesichter und Parolen der Politiker jeder Couleur. Helmut Seethaler gehört nicht dazu, nicht in Wien. Der als „Zettelpoet“ bekannte Wiener wird seit vielen Jahren von den Wiener Verkehrsbetrieben und der Verwaltung verfolgt. Seine Gedichtzettel und mit Kreide geschriebenen Zeilen überschreiten die Toleranzgrenzen. Der mehrfach Vorbestrafte und noch viel mehr von Strafanzeigen Verfolgte kündigt zum wiederholten Mal Renitenz an. Eben mit einer per Twitter und Facebook verbreiteten SELBSTANZEIGE:
Oeffentliche SELBSTANZEIGE: ich entscheide mich, die verbreitung meiner gedichte trotz vorstrafen weiterzufuehren: ich beschreibe wieder schmutzige gehsteige+desolate bauwaende mit entfernbaren stiften: hseethaler@gmx.at
Alle Freunde der Poesie und überhaupt des freien Wortes und (vielleicht ist das ein Synonym) alle, denen das Konzept des öffentlichen Raums etwas bedeutet, sollten ihm Solidarität erzeigen, seis durch öffentliche Bekundung, durch materielle Zuwendung oder durch ein Lächeln.
(Ein Literaturwissenschaftler sagte mir neulich: aber es sind doch schlechte Gedichte. Mit Verlaub, das ist mir zuviel Zartsinn. Nicht nur weil die Maßstäbe immer strittig und, wo als unstrittig behandelt, immer autoritär sind. Vor allem aber: seit wann ist es Aufgabe des Lesers, die Verwaltung zu unterstützen? Gilt in Wien wie in Preußen, an Isar, Neckar, Pleiße und überall. WIR SIND DIE ÖFFENTLICHKEIT!)
Das Gedicht ist ein seit langem verkanntes Medium. Kaum einer wagt sich ran, und wenn, kommt oft diffuses Gestammel dabei heraus, das meistens nur der Dichter selbst zu deuten weiß. Doch nun ist alles anders, der große Ahne ist vom Berge Ararat gestiegen und hat beim Hinabsteigen einen Sack Gedichte gedichtet! / Frank Willmann, Weltexpress
Ahne: Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe, 94 Seiten, Voland & Quist Verlag, 2011, 14,90 Euro

Donnerstag (31. März)
20 Uhr: „Als ob im Singen die Wörter / das natürliche Denken fänden“ – Lyrik vertont, Clemenskirche.
Freitag (1. April)
16.30 Uhr: Übersetzungsprojekt mit Ben Lerner und Steffen Popp, Theatertreff.
20 Uhr: Ernest Wichner, Nadja Küchenmeister, Dirk von Petersdorff, Kathrin Schmidt, Günter Herburger, Kleines Haus der Städtischen Bühnen.
Samstag (2. April)
11 Uhr: Oskar-Pastior-Projekt, Ernest Wichner und Urs Allemann, Theatertreff.
14 Uhr: Maleen Brinkmann – Frühe Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, Picasso-Museum.
16.30 Uhr: Gehirn und Gedicht, Theatertreff. 20 Uhr: Ron Winkler, Angela Krauß, Raoul Schrott, Christoph Meckel, Patrizia Cavalli, Kleines Haus.
Sonntag (3. April)
11 Uhr: Verleihung des Preises für Poesie an Ben Lerner und Steffen Popp, Erbdrostenhof.
Presse: Münstersche Zeitung / Westfälische Nachrichten /
Der Luxemburger Jean Krier ist der erste „reine“ Lyriker seit zehn Jahren, der den Chamisso-Preis erhält, vor allem für seinen jüngsten Gedichtband „Herzens Lust Spiele“ (2010) – Gedichte, die die deutsche Sprache bereichert haben, so die Jury. Es sind wilde, sperrige Gedichte, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, rücksichtslos manchmal auch gegen die Grammatik. Motivisch sind sie einer starken Naturbildlichkeit verpflichtet, oft bestimmt vom Meer, von französischen Inseln und den menschlichen Relikten dort; kleine Apokalypsen aus Müll und Tod, mit einem düsteren Blick auf die menschlichen Befindlichkeiten, der trotz allem eine gallige Komik, eine verquere Lebenslust behält. …
Warum schreibt er seine Gedichte in Deutsch, mit französischen Einschlüssen? Krier erklärt, auf Luxemburgisch könnte er solche Gedichte nicht schreiben, „weil gewisse Substantive einfach nicht existieren, die müssten umschrieben werden, das würde dann sehr schwerfällig werden“. …
Die deutsche Lyrik – er nennt den späten Günter Eich – ist ihm wichtiger als die französische, die ihm zu preziös erscheint, zu sehr in der Tradition von Mallarmé; allerdings sind Beckett und Proust wahrscheinlich seine meistzitierten Autoren, auf die er unentwegt anspielt, und er sagt, er müsse täglich ein paar Seiten Proust lesen. Kriers Literatur ist schon „authentisch“ hybrid, zwischen dem Französischen und dem Deutschen, das er auch nicht ungerupft lässt: seine Abschlussarbeit hat er über Hans-Henny Jahnn geschrieben, ergreifend, aber völlig humorlos; heute unlesbar für ihn.
/ Sven Hanuschek, FR 9.3.
Die strahlenden Beispiele gegenwärtiger Dichterinnen und Dichter; von denen es weiß Gott einige gibt unter den vielen Ruderern der Armada; ihre Leuchtkraft beschränkt sich fast ausnahmslos auf ihr Profil und die Seitenansicht. Auch sie haben zumeist den Faden der Ariadne verloren oder ihn nicht aufgenommen; sie sind Einzelunternehmen mit keiner Haftung für irgendetwas.
Ihre Kunstübungen sind von stupender Art, doch meistens ohne Ausrichtung, ohne die Idee einer wahrhaft humanen Kondition. Empfinden äußert sich vornehmlich in Ironie und Kühle; eine ethische, moralische oder politische Haltung gilt als verpönt. Anstelle einer rettenden Schönheit hat sich eine Form von coolem Ästhetizismus entwickelt wie ein Wurmfortsatz.
Zum Glück ist dies wenig beklagenswert, und wenn ich es doch tue, dann eingedenk der Epochen deutschsprachiger Dichtung, die mir aus der Ferne erstrebenswert und ernst, um das Leben ringend und nicht dieses verhöhnend, vorkommen. Ich möchte mich von der Gegenwart abwenden, würde ich sie nicht selbst bevölkern; so bleibt mir kein Ausweg, als mit den Staren zu singen, ein Gesang, der zu nichts nutz ist und mir gefällt, betend zum Hanf und zu den Laternen, verbittert womöglich am Ende mit dem Gedanken an den verlorenen Stolz eines Volkes auf seine Dichterinnen und Dichter.
…
Vielleicht nützt es, sich Gedichte unter das Kopfkissen zu legen. In Nächten, in denen einzig der Mond einen anschaut. Gedichte von Gertrud Kolmar und Karoline von Günderrode, von Marianne Moore oder Elizabeth Bishop. Man sollte Bettine von Arnim nicht vergessen, Else Lasker, Anna Achmatowa. Oder die Droste, wenn der Mond feindselig werden sollte. Verse der Englischen Romantik könnten hilfreich sein, sogar Klopstock oder Brentano. Tröstlich sind die Verwandlungen von Ovid. Emily Dickinson hilft immer, wenn der Mond bereits im Zimmer ist, voll wie das kenternde Boot.
Wenn der Mond anfangen sollte, die letzten Zigaretten, die man besitzt, aufzurauchen, greife man zum Barock. Der Mond hat ein Loch in den Boden geraucht. Sind dies bereits erste Halluzinationen?
Einer der beiden Schlegel könnte Abhilfe schaffen, Freund Heine oder doch Oswald von Wolkenstein? Ich ziehe Mechthild von Magdeburg vor, höre ich den Mond sagen. Der Mond rollt durchs Zimmer, reißt die Schrankwand mit den Blümchentassen mit sich. Dylan Thomas, zur Rettung. Bitte. Ganze Jahrhunderte reißt der Mond mit sich aus den Regalen. Animus hilf. Heiliger Mandelstam zu Hardenberg von Lohenstein!
…
Letztendlich geht es auch um einen Restfunken Subversion und zwar nicht allein aus ethischen und moralischen, sondern aus ästhetischen Gründen.
Um Dichtung, voll verrücktem Pathos und einer Unbedingtheit, Wildheit und Zärtlichkeit, mit bunten Fischen, Korallen und Muschelbänken, mit lang gestreckten Dünen und Regenpfeifern.
/ Tom Schulz, Poetenladen
Agnes Miegel und „politische Lyrik“
Von Axel Kutsch
Die Agnes-Miegel-Gesellschaft veranstaltet am 11. und 12. März 2011 im niedersächsischen Bad Nenndorf wieder ihre Agnes-Miegel-Tage. Ein zentraler Programmpunkt wird dabei ein Vortrag über jüngere Diskussionen um die Dichterin sein. (agnesmiegel.wordpress.com)
Die aus Ostpreußen stammende und vor allem durch Balladen bekannt gewordene Autorin steht wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus und Verehrung Adolf Hitlers immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. So wurden inzwischen mehrere Schulen, die ihren Namen trugen, umbenannt.
Agnes Miegel (1879 – 1964) gehört zumindest mit ihren Balladen, die abseits der Moderne entstanden sind, zum Kanon der deutschsprachigen Poesie. Aber es gibt auch eine andere literarische Seite der Dichterin, die gerade in jüngerer Zeit für heftige Debatten gesorgt hat – ihre hymnische Hitler-Lyrik, die einen nicht auszulöschenden Schatten auf das Gesamtwerk wirft. So widmete sie dem Schlächter in ihrem Lobgesang „An den Führer“ aus dem Jahr 1940 unter anderem folgende Zeilen: „Übermächtig/Füllt mich demütiger Dank, daß ich dieses erlebe,/Dir noch dienen kann, dienend den Deutschen/Mit der Gabe, die Gott mir verlieh!“
Die beschwichtigenden Worte der Agnes-Miegel-Gesellschaft, daß man den „grenzdeutschen Patriotismus“ der Dichterin auch heute nicht mit einem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie verwechseln dürfe, wirken wenig stichhaltig, wenn man sich einige Fakten aus finsterer Zeit vor Augen führt: 1933 Mitglied der NS-Frauenschaft und Unterzeichnung des Gelöbnisses treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler, 1939 Entgegennahme des HJ-Ehrenzeichens, 1940 Mitglied der NSDAP. Trotzdem kein Bekenntnis zur NS-Ideologie? Da ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens.
Ob es jedoch angesichts der in mehreren Gedichten bekundeten Verehrung für den Diktator und der wohl kaum zu leugnenden Verstrickung in den Nationalsozialismus angebracht ist, mancherorts posthum zur Jagd auf Agnes Miegel zu blasen, scheint mir fragwürdig. Gewiß – ihre Hitler-Hymnen sind widerwärtig. Aber müßten wir dann nicht auch den Stab über Gottfried Benn brechen, der sich den Nazis im April 1933 mit seiner ominösen Rundfunkrede „Der neue Staat und die Intellektuellen“ regelrecht an den Hals geworfen hat?
Benn hat sich allerdings wenig später ins Schneckenhaus der inneren Emigration zurückgezogen, während des Teufels Dichterin eifrig an ihrer Schriftstellerkarriere bastelte. Da sie jedoch keinem direkt geschadet hat und weder rassistische noch judenfeindliche Äußerungen von ihr bekannt sind, sollte man sie nicht in die Hölle moralischer Verdammnis katapultieren. Sie war eine Mitläuferin wie viele Deutsche, von denen ein nicht geringer Teil nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Justiz, Kultur, Politik oder Wirtschaft Karriere gemacht hat – eine Mitläuferin mit dem Schatten ihrer literarischen Hitlerverehrung. Der bleibt.
Politische Lyrik ist tot, seit Jahrzehnten schon, abgesehen von Autoren wie Volker Zastrow, dem Politik-Verantwortlichen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Texte schreibt, zuletzt über Karl-Theodor zu Guttenberg, die in Form und Inhalt so speziell sind, dass man sie dichterisch nennen kann. Die Zeit, die wie die FAS einmal in der Woche erscheint, druckt auch oft spezielle Artikel, aber einen Zastrow hat sie nicht. Vielleicht auch deshalb startet sie nun eine ungewöhnliche, in jedem Fall beachtenswerte Kampagne: für politische Lyrik.
Elf deutsche Dichter – sechs Frauen und fünf Männer – sollen sich beginnend mit der Ausgabe von dieser Woche und mindestens bis Ende des Jahres mit Politik beschäftigen. Es sind: Marion Poschmann, Daniela Danz, Michael Lentz, Hendrik Rost, Ulf Stolterfoht, Nora Bossong, Ann Cotten, Herbert Hindringer, Jan Wagner, Monika Rinck und Uljana Wolf. Bekannt sind sie alle, in Dichterkreisen, allerdings noch nicht für eine irgendwie politische Beobachtungsgabe.* …
‚Selig sind die Lyrikerinnen, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen‘, beginnt einer der Texte, er stammt von Monika Rinck. Wie schreibt Zastrow: ‚Eine neue Zeit hat begonnen.‘ / MARC FELIX SERRAO , Süddeutsche
*) ganz im Gegensatz zur poetischen Beobachtungsgabe der Presse also

Serbien ist Schwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse 2011. Konsequent folgt die Messe damit ihrer Akzentuierung auf Südosteuropa (2007 Slowenien und 2008 Kroatien). Eine deutschsprachige Seite http://literatur.rs/ liefert viel Material.
Ich grübele ein wenig über den Eingangssatz von Mihajlo Pantić zu einem Überblicksartikel über „Die neue Gestalt der serbischen Literatur“:
Die zeitgenössische serbische Literatur, Prosa und Drama mehr als Poesie, folgt ihrem Lebenselement, schwimmt mit dem Strom und gegen ihn, hält den Kopf über Wasser, ruft manchmal um Hilfe, verführt dann und wann, mitunter gilt sie als weise und inspirierend, manches mal in seichten Wassern planschend.
Heißt das, Prosa und Drama würden stärker als die Poesie „ihrem Lebenselement folgen“, „mit oder gegen den Strom schwimmen, um Hilfe rufen, verführen und mal weise sein, mal seicht“? Oder daß, wie andernorts auch, andere Gattungen wichtiger sind?
Etwa 10 Millionen Menschen sprechen die serbische Sprache, „nochmal so viele verstehen sie“, lesen wir, und mehrere Tausend neue Bücher erscheinen jedes Jahr. Vertraut mutet uns die Beschreibung an, die serbische lyrische Szene sei „sehr zergliedert und kaum kritisch erfasst“. Und wie viele Gedichtbände sind unter den tausenden Neuerscheinungen? Wenn wir die Übersichtlichkeit der Szene in Deutschland bedenken, wo uns immer mal wieder von Kennern mitgeteilt wird, es erschienen „ungefähr 17 Debüt-Gedichtbände“ im Jahr, von denen ja ohnehin nur ein Bruchteil in die überregionale Presse kommt, und der geschätzt höchstens Mitte 20 an Titeln überhaupt, die es in die Debatte schaffen, stehen bzw. sitzen wir in Ehrfurcht vor der Zahl von „einigen Hundert“ lyrischen Neuerscheinungen pro Jahr im viel kleineren serbischen Sprachraum. Pantić hat gedämpftere Vorstellungen von der Dimension dieses angenähert Zehntels der Buchproduktion, er spricht davon, daß „die Poesie sich, auf ihren ‚Kapillarwegen‘, wie eine Art Geheimwissen, trotzdem unter den restlichen selten interessierten Lesern (und Kritikern)“ ausbreite. Was uns wieder vertraut vorkommt.
Vertraut auch seine Beschreibung der Szene:
Mit dem Abgang der bedeutendsten und bedeutenden serbischen Lyriker im letzten Jahrzehnt des vergangenen und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, ist in der heutigen serbischen Poesie die offene, nicht-hierarchische Situation, in der die Prozesse der mythenbezogenen Reinterpretation der Kultur, die konstante Revitalisierung der Tradition und das Erproben der expressiven Macht der Sprache andauern, wiederhergestellt. Ich sehe keine Grund, einem aktuellen poetischen oder thematischen Konzept serbischer Poesie Vorrang einzuräumen: Alles ist im Spiel und hängt vom individuellen Talent und der erfolgreichen sprachlichen Realisierung ab.
Vielleicht wird man im deutschen Sprachraum trotz gewichtiger Verluste (ich nenne nur Wolfgang Hilbig, Thomas Kling und Ernst Jandl) kaum insgesamt vom „Abgang der bedeutendsten und bedeutenden“ Lyriker sprechen können. Wenn wir eine vergleichbare neue Unübersichtlichkeit haben, dann wohl eher durch das massive Auftreten zahlreicher neuer und neuartiger Stimmen in den letzten beiden Jahrzehnten. Trotzdem ein vergleichliches Bild, in dem kein einzelnes Konzept unbestritten herrscht und „alles im Spiel“ ist. Pantić:
Das Problem entsteht erst, wenn man eine Kanonisierung der Gegenwart vornehmen muss. Wer hier falsch beurteilt, verliert für immer. Ich bin glücklich, dass in diesen Verwicklungen, in denen es nicht leicht ist, sich zurechtzufinden, junge Autoren ihren Weg gehen, und dass die alten, ererbten Geschichten sie weder behindern noch zu stark binden. Die Gegenwartslyrik ist das Beste, das zur Zeit in der serbischen Literatur entsteht.
(Das meine ich ja von der deutschen auch).
L&Poe berichtet weiter.
Er gehört zu jenen wichtigen Dichtern des vergangenen Jahrhunderts, die schon zu Lebzeiten Ruhm, aber auch Vergessen erfuhren: Alfred Wolfenstein. Als im September 1945 eine Straße in seiner Geburtsstadt Halle nach ihm benannt wurde, war über den ein halbes Jahr zuvor verstorbenen Autor so gut wie nichts mehr bekannt. Denn zwölf Jahre NS-Regime hatten die Erinnerung an den jüdischen Erfolgsschriftsteller verdrängt. Während sein Werk inzwischen längst vollständig herausgegeben wurde, liegen viele Lebensabschnitte Wolfensteins nach wie vor im Dunkeln. …
Nachdem seine ebenfalls jüdische Lebensgefährtin Andrée Weil aufgegriffen und deportiert worden war, lebte Wolfenstein ganz allein. Er soll ein zweites Mal inhaftiert gewesen sein, in Scheunen und Ställen gehaust haben, doch nichts davon ist verbürgt. Im Februar 1944 tauchte Wolfenstein wieder im besetzten Paris auf. Dort lebte er unter dem Namen Albert Wörlin in ärmlichen Verhältnissen. Herzkrank wurde er in das Rothschild-Krankenhaus eingewiesen, wo er sich, depressiv und nervenschwach, am 22. Januar 1945 das Leben nahm. Der hallesche mdv-Verlag arbeitet derzeit an einem Lesebuch, das an Alfred Wolfenstein erinnern soll. / BERNHARD SPRING, Mitteldeutsche Zeitung 7.3.
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