124. René Char multimedial in München

Am Ende schmort jede Szene doch im eigenen Saft. Dabei könnten Schnittstellen und gemeinsame Veranstaltungen unterschiedlicher Kunstformen den Horizont erweitern und sich dazu auf Traditionen berufen. Etwa angesichts der Gedichtsammlung ‚Le Marteau sans Maïtre‘ von René Char: Da schuf Pablo Picasso 1945 die Radierungen für eine bibliophile Edition des französischen Dichters, während Pierre Boulez später drei der Texte seiner gleichnamigen Komposition zugrundelegte. / Michael Stallknecht, Süddeutsche 18.2.

 

123. Zwei Anthologien

Wie steht es um die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart? Dass sie die derzeit spannendste Gattung ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern, doch weiß man auch, dass die Leserschar für Lyrik nicht gerade groß ist. Zwei neue Lyrik-Anthologien stellen sich dieser Herausforderung auf ganz unterschiedliche Weise. …

Der Literaturkritiker Michael Braun und der Autor und Übersetzer Hans Thill verantworten im Heidelberger Verlag Das Wunderhorn einen Band mit dem programmatischen Titel „Lied aus reinem Nichts“. Er versammelt „Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“, nimmt also eine willkürliche Zäsur zum Anlass, die „ästhetisch wagemutigsten Schreibverfahren und substantiellsten und eindringlichsten Versuche lyrischen Sprechens“ vorzuführen, wie es recht vage heißt. … Die hierarchiefreie Kommunikation von Motiven und Sprechweisen ist das erklärte Ziel dieser Sammlung, deren muntere Anarchie den Leser dazu einlädt, wie ein schnüffelnder Hund durch die Verse zu streunen.

Michael Braun/Hans Thill (Hg.): Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 246 Seiten, 26,80 €.

„In diesem Land“ ist eine aufregende Mentalitätsgeschichte deutscher Befindlichkeiten, an der gerade der subjektive Blick fasziniert. Die meisten Gedichte beziehen sich gar nicht explizit auf Deutschland, und doch wird in der Art, wie jeder Autor sein eigenes lyrisches Idiom ausbildet, seine Haltung kenntlich.

Im Juni 2000 schrieb Thomas Brasch: „Zersprungenes enges Land ganz wie aus Glas /warst du und ganz aus Glas bin ich/vereinigt wer die Welt; geteilt war sie mein Maß/jetzt ist sie hin WOHIN o Schreck und lächerlich.“

Michael Lentz/Michael Opitz (Hg.): In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990–2010. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2010. 637 Seiten, 18 €.

/ Meike Feßmann, Tagesspiegel

122. Four Quartets

Im Théâtre Lionel-Groulx in Sainte-Thérèse tanzt die Choreographin Deborah Dunn zu den „Four Quartets“ von T.S. Eliot. / Mehr

121. Ein Gedicht, das alle lesen konnten

„Der Aufstand, die Revolution war wie ein Gedicht, das alle lesen konnten. Zum ersten Mal war die Stimme der neuen, jungen Generation lauter als die Stimme der alten.“ So äußert sich der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Abbas Khider im Gespräch mit Denis Scheck in „Druckfrisch“ zur Revolution in Ägypten. … So vergleicht Khider die Revolution in Ägypten mit einem großen Kunstwerk: „Zum ersten Mal gab es in der arabischen Welt das Gefühl, dass nicht nur die Amerikaner oder die Islamisten etwas ändern können, sondern die einfachen Menschen alles ändern können.“ Für Abbas Khider sind die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in Kairo beispielhaft: „Die jungen Männer und Frauen aus der Mittelschicht kümmerten sich um Facebook, um das Radio und die Politiker. Und die armen Jungs und Mädels, besonders natürlich* die Jungs, haben ihre Muskeln gezeigt und alles organisiert.“ / FinanzNachrichten

*) natürlich

120. Lieber von Hartz IV gestützt als von der Kulturstiftung gefördert

Am 9. Februar schrieb der hallesche Schriftsteller Wilhelm Bartsch einen Brief an die Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Manon Bursian. Ein Schreiben, das sich solcherart zusammen fassen lässt: Die Stiftung diene sich selbst mehr als den Künstlern. Der Umgangston sei beleidigend. Kurzum: Lieber von Hartz IV gestützt als von dieser Stiftung gefördert. Den Brief verteilte der 60-Jährige zeitgleich an das Kultusministerium und an die MZ. Angemerkt sei: Der Brief erreichte die Redaktion vor den vorläufigen Prüfergebnissen des Landesrechnungshofes zur Stiftung.

Wilhelm Bartsch ist einer der bedeutendsten und kulturell am meisten engagierten Schriftsteller Mitteldeutschlands. Es gibt keinen zweiten Autor, der über Jahrzehnte in solcher Qualität und Hingabe der Region und ihrem literarischen Nachwuchs gedient hat. Bartsch ist zudem Träger des Landesliteraturpreises. Wenn er also feststellt, dass das Job-Center für ihn die bessere Kunstförderung leiste als die Stiftung, ist das eine Ansage. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung

Offener Brief: Sehr geehrte Frau Bursian

119. Jenseits der Wortzerkrümelei

Beharrlichkeit, so scheint es, ist seit jeher ein guter Rat für die Arbeit am Gedicht. Andreas Altmann, dessen ungewöhnliche Stimme sich von Buch zu Buch zu intensivieren scheint, darf als ein gutes Beispiel dafür gelten, dass man mit heutiger Lyrik auch deutlich jenseits der Wortzerkrümelei am Puls der Sache bleiben kann.

Die Gedichte des Wahl-Berliners, als gebürtiger Sachse dem Humus der mitteldeutschen Dichterschulen entsprungen, sind in der Sichtung der wenigen großen Themen zugleich reich und karg facettiert. Eigentümlich ist dabei ein zunehmend betörender Umgang mit der Stille hinter den Dingen und Worten. …

Jener Mut, eben der Poesie zu vertrauen, er ist selten geworden. / André Schinkel, Mitteldeutsche Zeitung

118. Namen

Richtig, in den 4 Dichternamen

MARA GENSCHEL
NORBERT LANGE
KONSTANTIN AMES
TOBIAS AMSLINGER

steckt META drin. Aber das ist lange noch nicht alles. Hier ein paar weitere Akro- bzw. Meta-Stasen, WOLLTE SAGEN, PARDON: FRAUENNAMEN:

MARA; MARGIT; MARITA; MARIA; MARISA; MARTA; MARTINE; MASCHA

ANNA; ANITA; ANNE; ANNI; ANKE

ARABELLE; AGATE; (…) OLGA (…) SARA, SONIA (…)

(na und immer so weiter. Hätte ich einen Computer, ließe ich ihn jetzt alles rausholen. Ich wünsche euch, daß die alle kommen!)

117. Kleines Bestiarium

Konstantin Ames schreibt zur Ankündigung

115. Lyrikoffensive bei KREUZWORT

Über Mara Genschel
Ich werde mir doch noch auch einen Hut zulegen müssen. Immer diese vielen Redensarten. Mara Genschel gehört zu jener kleiner werdenden Gruppe von Kollegen, die die eigens gemutmaßte Menschenkenntnis irritieren. Ich weiß noch, wie ich von ihrer impulsiven und nonchalanten Art wenig begeistert war 2007. Da setzte wer Thesen über mich an die Lagerfeuerluft; und nur eines war da klar: Du bist jetzt am Zug, Junge! Weißt Du, worüber Du sprichst und schreibst oder schwafelst Du nur? Alle wollen das ja voneinander wissen: Ist das Gegenüber Dampfplauderer oder kompetent? „Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.“ So der Röckenphilosoph. Mara Genschel ist (was immer sie sonst noch ist, noch sein wird) eine junge Dame mit Rückgrat. [An dieser Stelle steht normalerweise ein für besonders aussagekräftig gehaltenes Zitat, möglichst aus dem Zusammenhang gerissen … Lest doch am besten ihren Band Tonbrand Schlaf.] Die Haltung, die Stimme verrät die Dichterin, aber nicht eine aus dem Muséo Romantico, so der Titel eines ihrer Poeme. Schade, dass es so wenige Tonaufnahmen gibt. Es wirkt nichts, was ich von ihr kenne, bedächtig-erwägend, modellierend und strategistisch. Mut. Ich habe sie einmal in der Nähe existentialistischen Kitsches gewähnt. Es ist aber doch so: Die menschelnsten Verse der Menschen sind die Mara Genschelschen. Schapoh, Mamsell! (K. Ames)

Über Norbert Lange
Norbert Lange, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, gebar 1978 das Licht der Welt in Gdingen, wo er im Rheinland denn auch aufwuchs (danach). Meines Wissens hatte er nie, wie ich ihn hatte, den regen Kontakt zu Fohlen, Pferden und Hengsten. Aus diesem Grunde ist seine Dichtung bis heute geprägt durch Verlustbekenntnis und Ausschreitung.

Ich traf ihn (herrje, wir waren beide noch Stuten!!) rauchend in der sogenannten Cafeteria und das ist bis heute so geblieben.

Viel mehr vermag ich zu ihm nicht zu sagen, denn: ich verstehe seine Dichtung nicht und wüsste auch niemand, der sich dessen rühmen täte. Vielmehr: rühmen zu trauen täte. Wie auch? Jedesmal, wenn ich denk, der Dreh trete nun deutlich zutage, dreht sich der Dreh um die Achse und tritt mich. Manche sagen, das hängt am Klang, aber ich weiß nicht. Wenn er seine Dichtung spricht, kehrt der klingende, mich tretende Dreh mir sogar den Rücken und geht, wenn das überhaupt geht.

Dennoch würde ich für Norbert Lange meine Hand in das Feuer der Schönheit legen, denn anders als bei den anderen, liegt seine Erkenntnis nicht im See begraben, wo Sie mit Ihren kleinen Booten achtlos darüber schaukeln und so tun, als blickten Sie in die Tiefe. Nein, Norbert Langes Drehbewegungen streben an die echte Luft und da müssen Sie erst mal gucken, ob Sie die zu erfassen, was sag ich, zu fressen überhaupt fähig sind… Dabei bleib ich. (M. Genschel)

Über Konstantin Ames
Ich traf eins und fragte es, was Poesie sei. Es versetzte mir, Nützlichkeit sei das Letzte. Und dieses heißt Reißwolf und jenes heißt Ökoöl. Oder Poesie per Livestream. Oder Life Conditioner. Eine selteneSäure. Jeder Engel geht einem schrecklich auf die Nerven. AndereGerichte sind Elegien. Viel Glück beim Sampling! Oder bei der Engführung. Da falle ich aus den Wolken. Wir, das Volk, Ich das Ich, lebendig und auf jedem Dokuspaßkanal. Wer Geschichtsknoppers liebt, sollte jetzt besser gehen. Zu wünschenswert. Sagt „Tschüss“ dem dreifach gesattelten Pferd. Manche tragen das Eiserne Kreuz auf der Brust, andere auf ihrem Rücken. Doch kein Spitzenkönner hat es mehrverdient: Konstantin Ames. (N. Lange)

Über Tobias Amslinger
Ein Neuzugang zu Schöneberg. So heisst, mit Andreas Koziol gesprochen, eine Art von Dichtersmann. Nicht zu verwechseln mit dem Poeten von der Stange. Man könnte hier den Ort suchen, an dem der Text Wasser lässt –ein Kniff, der nicht ganz damit getan ist, daß man beim Lesen die Augenschließt und der Musik folgt. Und sie warfen sich über das Schweigenund rissen ihm das eine aus dem Mund und zogen ihm die andere weg undstellten das Wort auf die Beine. Und es fühlte sich endlich aufgehobenund hochgenommen, und wenn die Schatten Wort halten, dann fällt es nurnoch in lichten Momenten. Aber das steht auf einer anderen Axt: Tobias Amslinger. (N. Lange)

116. FIXPOETRY stellt Beyoglu Blues, Gedichte von Gerrit Wustmann vor

Lesung Beyoglu Blues

Sonntag, 27. Februar · 19:30 – 22:00

Bühne der Kulturen, Arkadas Theater, Platenstr.32, Köln-Ehrenfeld

FIXPOETRY stellt Beyoglu Blues, Gedichte von Gerrit Wustmann vor.

Deutsch-Türkische Lesung mit Gerrit Wustmann und Oya Erdogan. Außerdem lesen Andrea Karimé, Frank Milautzcki und Amir Shaheen. Moderation:Julietta Fix, Musik: Thomas Lebioda.

Vgl. hier

115. Lyrikoffensive bei KREUZWORT

Montag, 28. Februar · 20:00 – 22:30

Primitiv Bar
Simon-Dach-Straße 28, S- und U Warschauer Straße
Berlin, Germany

Beim nächsten Mal wird es mit diesen vier Gästen… nicht lyrisch, lyrisch, lyrisch, sondern irgendwie meta, meta, meta:

 

  • MARA GENSCHEL
  • NORBERT LANGE
  • KONSTANTIN AMES
  • TOBIAS AMSLINGER

Mehr unter:

http://kreuzwortberlin.wordpress.com/2011/02/24/der-nachste-kreuzwort-abend-am-28-02/

Zu uns:

KREUZWORT ist die neue Off(ene) Lesebühne im Schatzi Neuberg in Berlin-Kreuzberg.

Von Lyrik, Prosa, Drama, Slam-Poetry bis hin zu essayistischen Texten – jeden 2. und 4. Montag im Monat sorgen sowohl namhafte als auch noch unbekannte Autoren für Gesprächsstoff. KREUZWORT ist ein Non-Budget-Projekt, das sich Experimente erlauben kann und auf rege Beteiligung setzt.

 

114. Wolfgang Fienhold gestorben

Der Schriftsteller Wolfgang Fienhold verstarb am 19. Februar an Krebs. Er wurde 1950 in Darmstadt geboren und lebte in Frankfurt am Main. Neben Prosa veröffentlichte er auch die Gedichtbände Zombies Welt und Über den Tod hinaus.

Auf der Homepage wolf-fienhold.de steht über sein letztes Buch:

2011 wird das witzigste Krebsbuch der Welt erscheinen

Der Autor mag keine Krebsbücher und keine Todesmeldungen, die mit den Worten beginnen: Nach schwerem, langem Kampf hat der Krebs gesiegt.

Krebsbücher werden oft von Prominenten, eher aber von Semi-Prominenten verfasst, die anderen Mut machen sollen. Das ist eine Standardaussage, natürlich auch über sich selbst. Andere jammern oder langweilen. Alle kämpfen wirklich, mit Bestrahlungen, dem Verzehr von kiloweise Himbeeren und anderen hilfreich erscheinenden Nahrungsmitteln.

Nicht so Wolfgang Fienhold. Wenn er mal nicht aufstehen kann, findet das Sektfrühstück eben im Bett statt. Ein Leben ohne Genuss, auch wenn es dann ein paar Tage oder Wochen länger dauert, wäre für ihn kein Leben. Er kämpft nicht, sieht die skurrilen und aberwitzigen Seiten des Sterbens. Auch wenn Humor, Ironie und Sarkasmus keine Heilmittel sein mögen, Fienhold, der seit 2007 an Krebs erkrankt ist und seit 09 fast jede Metastase persönlich kennt, lebt, mit einigen Einschränkungen, weiter wie bisher. Auch die Endphase hat noch positive und witzige Tage.

Hier wird nicht gejammert und auch kein Mut gemacht. Hier wird genial unterhalten und Spaß verbreitet. Das macht dieses Buch einzigartig.

Der Autor ist der Überzeugung: Wer das Leben nicht so ernst nimmt, braucht den Ernst auch beim Sterben nicht.

„Tumoreske“ erschien kürzlich bei Alisha Bionda im Sieben Verlag

Die Trauerfeier mit anschließender Beerdigung findet am Mittwoch, den 02. März um 10.30 auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt, Eckenheimer Landstrasse statt.

113. Literarischer März mit 12 Autoren

Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt am 25. und 26. März in der Centralstation – 12 junge Autorinnen und Autoren stellen sich der Jury

Zwölf junge Autorinnen und Autoren hat das Lektorat des Literarischen März 2011 unter insgesamt 482 Bewerbungen ausgewählt: Am 25. und 26. März werden sie in öffentlichen Lesungen in der Darmstädter Centralstation mit dem Ziel antreten, sich den bedeutendsten Nachwuchspreis deutschsprachiger Lyrik, den Leonce-und-Lena-Preis, zu sichern.

Nominiert wurden Ann-Kathrin Ast (Speyer, *1986), Tom Bresemann (Berlin, *1978), Tobias Falberg (Wittenberg, *1976), Sascha Kokot (Osterburg, *1982), Thilo Krause (Dresden, *1977), Nadja Küchenmeister (Berlin, *1981), Steffen Popp (Greifswald, *1978), Jan Röhnert (Gera, *1976), Andre Rudolph (Warschau, *1975), Walter Fabian Schmid (*1983), Jan Skudlarek (Hamm, *1986) und Levin Westermann (Meerbusch, *1980).

Mit dem Leonce-und-Lena-Preis ist ein Preisgeld von 8.000 Euro verbunden. Vergeben werden auch die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise, die insgesamt auch mit 8.000 Euro dotiert sind. Der Eintritt für das Publikum ist frei, Einlass ist an beiden Tagen jeweils dreißig Minuten vor Beginn und in den Pausen.

Bereits zum 17. Mal richtet die Wissenschaftsstadt Darmstadt den Literarischen März aus. Bewerben konnten sich Nachwuchslyriker, die nicht älter als 35 Jahre sind. Die Entscheidung über die Preisvergabe trifft die Jury, der Sibylle Cramer, Kurt Drawert, Jan Koneffke, Monika Rinck und Raoul Schrott angehören, nicht öffentlich und unter Ausschluss des Rechtsweges.

Dem Lektorat gehörten Fritz Deppert, Christian Döring und Hanne F. Juritz an.

Das Literarische-März-Wochenende in Darmstadt beginnt am Freitag (25. März) um18 Uhr im Kulturwerk Centralstation im Carree. Zur Eröffnung spricht Oberbürgermeister Walter Hoffmann, Kulturdezernent der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Nach der Vorstellung der Autorinnen und Autoren und der Auslosung der Lesereihenfolge wird es in diesem Jahr wieder eine Diskussionsrunde geben, bei der die Lyriker Nico Bleutge, Andrea Heuser und Judith Zander zu Wort kommen. Es moderiert Hajo Steinert, Chefredakteur „Kulturelles Wort und Literatur“ beim Deutschlandfunk in Köln. Thema der Diskussionsrunde ist die Gegenwartslyrik. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, was dichterisches Sprechen auszeichnet, was Dichtung ist und was sie sein kann?

Am Samstag (26. März) startet um 9 Uhr der erste Leseblock mit vier Autorinnen und Autoren, um 11.15 und um 15 Uhr schließen sich die weiteren Lesungen an. Nach jeder Lesung wird die Jury öffentlich diskutieren. Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann wird schließlich um 20 Uhr die Entscheidungen der Jury verkünden und die Preise vergeben.

Mehr Infos zu den Autoren, deren Lebensläufe und Gedichte finden Sie unter: www.literarischer-maerz.de

 

112. Ein ganz famoses Haus

Die Aberkennung des Doktortitels durch die Universität Bayreuth zeige, „dass zu Guttenberg mit seiner Selbsteinschätzung richtig liege“, sagt die Kanzlerin. Also daß man ihm den Doktortitel nimmt, beweist, was für ein toller Kerl das ist. Darauf muß man erst mal kommen.

Falsch. Darauf ist Wilhelm Busch gekommen:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Die besten Satiren schreibt immer noch das Leben. Wilhelm Busch zählt zum humoristischen bürgerlichen Realismus. Das kleine Bürgertum, das er liebevoll karikierte, las damals die Gartenlaube. Heute BILD und Privatfernsehen. Der Adel ist auf den Busch gekommen. Was heißt hier „Unterschichten-Fernsehen“? Die verächtliche Formulierung funktioniert nur, wenn man sie durch „Unterschichten-Politik“ ergänzt. Das ist ja keine Politik für die unteren Schichten (denen man gerade nach monatelangem Tauziehen 5 Euro in den Rachen wirft), sondern eine Politik, die das Volk, von dem man sich wählen läßt, dann am Nasenring durch die Prärie zerrt.

In Ostdeutschland fehlt das Bildungsbürgertum, wird gern gesagt. Und wie ist es in Bayern? Wo ist es in der Partei, die sich zuschreibt, die politische Mitte zu sein? Wenn es das dort gibt, hält es sich sehr bedeckt.

Können wir tiefer sinken? (Paar Vorstellungen hätte ich schon, sie sind ziemlich erschreckend.)

111. Great Seducer

John Wilkes is an unlikely candidate. He was a radical MP, journalist and later Lord Mayor of London who wrote pornographic poetry. And he was described as the ugliest man in England. But his charm was extraordinary: „With the start of a quarter of an hour,“ he said, „I can get the better of any man, however good-looking, in the graces of any lady.“ (He later amended this to half an hour modestly.) In an exchange with the Earl of Sandwich, who declared „Sir, I do not know whether you will die on the gallows or of the pox,“ Wilkes replied: „That, sir, depends on whether I embrace your principles or your mistress.“ His technique? Unfettered charm. / Mark Wilson, Independent 14.9. 2008

110. Alfred Kolleritsch 80

Zum Glück für die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit gab es nicht nur die ‚Gruppe 47‘ mit ihren Großwesiren. ‚Graz, Stadtpark 1‘ hieß seit dem Ausgang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts und für lange Zeit die erste Adresse der jüngeren deutschsprachigen Literatur, bekannt auch als deren ‚Genie-Ecke‘. In dieser Grenzregion, wo eine Peripherie an die andere stößt, mit Reibungszonen, die selbst jeden Vers konkreter Poesie zum umkämpften Politikum machten, hier wollte man Avantgarde sein, hier war man einer experimentellen Literatursprache verpflichtet, und anders als in Berlin, München oder Wanne-Eickel wäre hier auch niemand auf die Idee gekommen, so zu schreiben wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Das alles begann mit der ‚Revolution im Stadtpark‘ und Alfred Kolleritsch, der heute achtzig Jahre alt oder besser – wovon seine wasserklaren, klugen und neugierigen Augen zeugen – jung wird, war ihr Prophet. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 16.2.

‚Das schönste Fremde ist bei dir.‘ (Alfred Kolleritsch zum 80. Geburtstag, hrsg. von Andrea Stift und Andreas Unterweger, Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2011, 192 Seiten, 25 Euro.)