Der Aufstand gegen Muammar Ghadafi ließ nicht nur die Waffen sprechen, sondern befreite auch das Wort in einem Land, das seit 42 Jahren von der Diktatur erstickt wird.
Dutzende junge Libyer wie Abdallah, Jungen und Mädchen, Studenten, aber auch Arbeitslose entdecken als angehende Journalisten oder Poeten seit dem ersten idealistischen Aufschwung der Rebellion Mitte Februar ihre Berufung.
Der Aufstand rief auch in Benghasi, der Hauptstadt der Rebellion im alten Cyrenaika, ein Aufblühen neuer Zeitschriften und öffentlicher Wortnahmen hervor, oft in Form von Gedichten, die auf dem Platz der Revolution vorgetragen werden. …
Abdallahs Zeitschrift heißt „Tamort“, das heißt in der Berbersprache Amazigh „Heimatland“. Jede Woche gibt er 6 Seiten auf Arabisch und 2 auf Englisch heraus. Die letzte Nummer ehrt das Andenken des letzten Königs Idris Almadhe Al Sonose, der 1969 von Oberst Ghadafi gestürzt wurde, und enthält auch ein Interview mit dem neuen italienischen Konsul, den Rom nach dem Aufstand entsandt hat. / La Depeche 11.6.
Das Politische senkt Gospodinov in die Wendungen seiner Verse ein. So ist es für den Leser stets spürbar, nicht als platte Botschaft, vielmehr als Fluchtpunkt oder als innere Spannung der Gedichte.
Aber was wären Gospodinovs Verse ohne die Liebe? „Ich beginne mit den blonden Frauen / in ihnen ist Leichtigkeit / in ihnen ist Feierlichkeit / als hätten sie Pasternak gelesen / oder auch Burns“. …
Immer tiefer hinab, immer weiter hinein in die Bedeutungsschichten der Sprache führen diese wunderlichen Gedichte. Leider ist die Ausgabe einsprachig gehalten, sodass man als Leser nicht einmal eine Klangspur des Originals erhaschen kann. Doch die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Gospodinovs Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Seine wunderbaren „Elf Definitionen“ etwa, die jenes kleine „es“ umkreisen, das für manche die Kraft ist, mit der das Blatt vom Baum fällt, für andere etwas schlichtweg Göttliches: „es / ist schwindend und brüchig / benennst du es stirbt es / fängst du es geht es fort / und zerschmilzt in Leer-/ es“. / Nico Bleutge, Tagesspiegel
Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. A. d. Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl, Graz 2010. 120 S., 18 €.
Die Sendung Kultur heute im DLF 11.06.2011 17:30 Uhr
u.a. mit
„Lyrik, wo bist Du?“ – Ein geplantes Symposium der Evangelische Akademie Loccum
Brigitte Kronauer: Es gab für mich ein Buch, das mir die Lichter aufgehen ließ, und das war das Lyrikbuch – ich selbst bin keine Gedichtschreiberin gewesen – Museum der modernen Poesie, herausgegeben 1960 von Hans Magnus Enzensberger: internationale Poesie, zweisprachig abgedruckt. Das war für mich eine ziemliche Offenbarung, dass man so Literatur schreiben konnte. Das Buch wurde eine Art Bibel für mich. Da aber klar wurde, dass ich eher zur Prosa neige, war es der „nouveau roman“. Bei beiden Abteilungen der Literatur ist es die große Einfachheit gewesen, die mich bestach.
Standard: Inwiefern ist der „nouveau roman“ eines Claude Simon, eines Alain Robbe-Grillet einfach?
Kronauer: In dem Sinne, dass auf die alten Metaphern verzichtet wurde, auf die alten Betroffenheiten. Man wird natürlich auch im Gymnasium durch die Lektüre geprägt: Die deutsche Nachkriegsliteratur bemühte sich vor allem um die jüngere Vergangenheit, und ich sah kein Durchkommen, das spannend auf mich zu beziehen.
Standard: Ihnen war diese Literatur zu betulich?
Kronauer: Die damalige Avantgarde betrieb einen Gestaltauf- und Abbau mit ganz einfachen Bausteinen. Man konnte jeden ihrer Schritte nachvollziehen. Das verstehe ich unter Einfachheit, die auf alle Arabesken verzichtet, die später durchaus für mich wichtig wurden. Damals hatte ich das Gefühl: Ich stehe nicht auf Sumpf, sondern auf festem Boden! Später, bei Autoren wie Gomringer oder Heißenbüttel, geriet ich doch auch in Gefahr, abzuschalten. Wenn eine Seite zur Gänze mit immer demselben Wort vollgeschrieben ist, und irgendwo ist dann ein einziges abweichendes Wort, dann nimmt man das zwar wahr, aber …
/ Ronald Pohl, Der Standard 11.5.
Marco Beckendorf hat dankenswerterweise für unsere Untersuchung zur Zahl der Lyrikdebüts folgende Titel seines hochroth Verlages seit Gründung zusammengestellt:
1) Von den Sümpfen, Konstantin Hanack – Gedichte. hochroth Verlag 2009, 42 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-9812619-1-2
2) Gedichte in zwei Sprachen, G. H. H. – Gedichte. hochroth Verlag 2010, 46 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-01-5
3) Einen Zungenschlag richtig, Tini Anlauff – Gedichte. hochroth Verlag 2010, 26 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-05-3 (ist bereits auf der Seite vermerkt)
4) Am Rande von Irgendetwas, Gerhard Ortinau – Frühe Gedichte & Texte 1970-1978. hochroth Verlag 2010, 34 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-07-7
5) der Schall danach, Ivo Sachs – Gedichte. hochroth Verlag 2011, 28 Seiten, Broschur ISBN : 978-3-942161-12-1
Marco Beckendorf
www.hochroth.de
Auf dem Papier ist es eine Kombination, die auf keinen Fall funktionieren kann. Hier Ernst-Ludwig Petrowsky aus Güstrow, einer der Urväter des Jazz in der DDR. Daneben Uschi Brüning aus Leipzig, die dem legendären Günther-Fischer-Quintett an der Seite von Manfred Krug ihren Stempel aufdrückte. Und dann noch Wiglaf Droste aus Westfalen, vielleicht der scharfzüngigste Satiriker Deutschlands, nebenher aber auch ein Mann, der etwa mit seinem Spardosen-Terzett Peter Hacks-Gedichte vertonte.
„Meine ostdeutschen Adoptiveltern und ihr missratener Sohn aus dem Westen“, hat das Trio ein gemeinsames Album genannt, das im „Theater am Rand“ in Zollbrücke live aufgenommen wurde. / Mitteldeutsche Zeitung
Bei der Lesung in der Alten Schmiede in Wien, im März 2011, liest sie sehr zum Vergnügen des Publikums auch das Gedicht „Schienenersatzverkehr“ aus dem Band „Abenteuer der deutschen Grammatik“: „Werden die Schienen ersetzt oder ist es ein er, der im Verkehr ausgesetzt wird? Ein Satz macht einen großen Satz über fremde Schatten und verkehrt mit dem Sinn des Sagbaren in der umgekehrten Reihenfolge.“
Beim Interview danach sagt sie: „Alle lachen, weil ,Schienenersatzverkehr‘ doch so etwas Normales ist. Aber es ist nicht normal.“ Mit scharfem Blick analysiert und seziert Yoko Tawada deutsche Wortungetüme, spürt Auffälligem und nur scheinbar Logischem in der deutschen Grammatik nach und klopft Wörter auf ihre Doppelbedeutungen und versteckten politischen Botschaften ab. / Judith Brandner, Die Presse 11.6.
Der Kölner Schriftsteller Jürgen Becker erhält den Thüringer Literaturpreis 2011. Der Lyrik-, Prosa- und Hörbuchautor wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) würdigte Becker, 78, der einige Jahre seiner Kindheit und Jugend in Erfurt lebte, als einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. / SZ
Als Sohn eines entwurzelten Bauern und als Weltkind versteht sich Richard Pietraß. Der Dichter feiert am 11. Juni seinen 65. Geburtstag. Bei FIGARO spricht er über seine Kindheit, Heimat und Fernweh, seine Weltsicht …
Æri Tobbi (im Buch auch so: Æri-Tobbi) ist ein isländischer Dichter des 17. Jahrhunderts. Es ist nicht leicht, außerhalb Islands etwas über ihn zu erfahren. Der isländische Wikipediaeintrag verzeichnet keine Versionen in anderen Sprachen. Der 22bändige Kindler kennt ihn ebensowenig wie das kleine Lexikon Nordeuropäischer Literatur aus dem DDR-Verlag Enzyklopädie. Aber in diesem Jahr erschien (oder erscheint?) ein Band „Isländische Lyrik“ als Insel Taschenbuch im Rahmen des Island-Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse. Bei einer Serie von Veranstaltungen im Netzwerk der Literaturhäuser, in die, wie man hört, das Greifswalder Koeppenhaus hineingerutscht ist, weil München abgewunken hat, wird den Besuchern am Ausgang ein Vorabexemplar überreicht, das so vorgestern in meinen Besitz kam. Danke, München!
Über die Veranstaltung werde ich noch berichten.
Hier eine erste Lesefrucht, die in meine Anthologie drängt. Leider leider (erste und bislang einzige Mäkelei) haben die Herausgeber und/oder Verleger nicht nur nicht daran gedacht, die Gedichte zweisprachig zu drucken, was vielleicht aus ökonomischem Kalkül verständlich ist, sondern nicht einmal eine einzige klitzekleine Probe der isländischen Originale wenigstens aufgenommen. (Die alten und neuen Gedichte auf der Lesung im Koeppenhaus wurden dagegen durchweg in beiden Sprachen vorgetragen und einige sogar gesungen, was wunderbar klang und Neugier weckte. Zum Beispiel auf Sigtryggur Magnason, der zusammen mit der Schauspielerin Svandís Dóra Einarsdóttir die Anthologie vorstellte, der Dichter ist leider nicht in der Anthologie enthalten, trug aber zu Beginn ein paar eigene Texte vor!).
Von Æri Tobbi enthält die Sammlung zwei kurze Texte:
Über den Dänen als solchen
Zipfel Zapfen und zappzarapp gut Axt mit Zähnen,
zerschrauben zerklauben ein Torso in Tränen,
loben darf nur der Deiwel die Dänen.
Über Katzen
Rumpel die Pumpel beißen und kratzen,
warum sind hier so viele Katzen?
Schmurgel die Gurgel ein Grün sich zu laben,
schlimm ists, ihrer viel auf dem Hof zu haben.
(Deutsch von Jón Bjarni Atlason und Alexander Sitzmann)
Über Katzen gibts natürlich verschiedene Ansichten, vielleicht auch über Dänen (man muß hierzu nur wissen, daß Dänemark jahrhundertelang über Island herrschte). Aber verflucht nochmal, so leichtfüßiges Wortspiel gibts bei uns nicht im 17. Jahrhundert! Da gibts viel Gutes und Spannendes und wie immer auch Langweiliges, es gibt Gewichtiges, Graziles und Gestelztes, aber sowas! Wie klingt das wohl auf Isländisch?
Google brachte mir bislang als einzige Spur den isländischen Wikieintrag:
Æri Tobbi er skáld frá 17. öld, fæddur árið 1600. Hann hét réttu nafni Þorbjörn Þórðarson. Um ævi hans og búsetu er fátt vitað, en hann virðist hafa dvalist mest sunnanlands og vestan og starfað að járnsmíðum. Talsvert hefur varðveist af undarlegum vísum og kviðlingum eftir hann. Hér er eitt dæmi.
Leider ist mein Isländisch nicht perfekt, aber es bedeutet ungefähr soviel:
Æri Tobbi ist ein Dichter (Skalde) des 17. Jahrhunderts, der um 1600 geboren wurde. Sein eigentlicher Name ist Þorbjörn Þórðarson. (…) Hier ist eine Probe.
Vambara þambara þeysingssprettir
því eru hér svona margir kettir,
agara gagara yndisgrænum,
illt er að hafa þá marga á bænum.
Vambara þambara? Agara gagara? Das klingt wie Wortspiel und ist es auch. Und „kettir“ in Zeile 2 heißt vermutlich Kater, „að hafa“ in der 4. bestimmt auf dem Hofe, „þá marga“ also so viele… Nehme ich die Wortspiele dazu, wird fast klar, das muß es sein, das Katzengedicht haben wir! (Vielleicht findet sich jemand, der das über die Dänen besorgen kann? Oder Wiki weiter übersetzen?)
Musik und Fragen zur Person
Im Gespräch mit Michael Langer
Hans Thill, Jahrgang 1954, der für seine Gedichte u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, ist nicht nur Lyriker und Übersetzer, sondern auch Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn.
Außerdem leitet er das Künstlerhaus Edenkoben sowie die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. Hans Thills Lyrikbände tragen so schöne Titel wie „Gelächter Sirenen“ oder „Kühle Religionen“. Zuletzt erschien von ihm der Band „Museum der Ungeduld“. / DLF
(…)
Manche Rezension endet hier. Diese nicht. Diese hier möchte, wo andere Kritiken ganz und gar in ihren selbstreferenziellen Leseerlebnissen herumdümpeln oder geschmäcklerisch (!) und intuitiv (– –) und seitenweise (……..) definieren, dass dieses gefiele und jenes schon längst „durch“ sei, am Rande auch noch etwas Inhalt mit. Man lese und staune.
Und nun in die Vollen. Die Sammlung ist heterogen, das mögen wir (.), die Sammlung ist brav nach Themen geordnet, das mögen wir auch, auf jeder Seite steht nur 1 Text, das mögen wir ganz besonders. Noch mal Klappentext:„Die Gedichte sind so geordnet, dass sie miteinander in Dialog treten, sich ins Wort fallen, einander thematisch oder formal umkreisen. Die Lust an der Erkenntnis hat ebenso Raum wie die Sprachlogik oder das Spielerische. Auch die poetologischen Nachbemerkungen zeigen an, wie unterschiedlich die Zugänge zum Gedicht sein können, was seine unvergleichlichen (:-/) Möglichkeiten und seine Gefährdungen (=o\) sind. Allen jedoch ist eines gemein: das Nachdenken darüber, was das denn ist, ein erkenntnisschweres oder alles riskierendes oder welthaltiges oder einfach nur ein gelungenes Gedicht.“ …
Da an dieser Stelle nur ein komisches (?!?) Gedicht geht, da vorher unverschämt gealbert worden ist, sollte hic et nunc zur Komik noch ein Satz kommen, ein Sätzchen: dass nämlich in diesem Band die Komik, auch wenn sie komisch ist, nicht allein Komik um der Komik willen ist, sprich Bespaßung zum Selbstzweck, die sich hübsch wie ein verschluckbares Schokoklein teil feinster Confiserie verkonsumieren lässt. Denn jeder weiß doch, dass wahre Komik nur an der Oberfläche lachen macht, aber im Grunde sehr ernste Bereiche berührt. Die Wurzel habe tief(er) zu sitzen. Humor hat immer auch etwas Anarchisches, Demaskierendes, in aller „harmlosen“ Schalkhaftigkeit auch etwas Vernichtendes, unter Umständen Böses (^,^); durch Komik wird auch manches Tabu zugänglich; man kann drüber reden. Man lacht. Manchmal unter Schmerzen, aber man lacht. Und, pardon, Lyrik ist nichts zum Lachen. Und gleichzeitig ist sie irrsinnig anregend, erheiternd, witzig! Wobei sie – wenn sie gut ist – niemals lächerlich ist. Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Es gibt kaum Gedichte in dieser Sammlung, bei denen man sich nicht an einer Stelle mindestens beim Schmunzeln ertappt, nicht aus Gründen der unfreiwilligen Komik, sondern aus Gründen, einer pfiffigen, gewieften, eleganten Idee aufgelaufen zu sein: da ist etwas, was einen in Bereiche entführt, oder nennen wir es: hin zu neuen Aspekten, Betrachtungswinkeln und anderen Perspektivchen, die man bisher so von selber noch nie gewonnen, oder sagen wir: erreicht hat und zu denen man sich kraft der eigenen Fantasie auch nie hinzudenken erkühnt hätte. Weil es so smart, so klasse ist – um es volksnah auszudrücken. …
Nein, ach woher, gelangweilt hat man sich nicht. Der Band ist eine Auswahl, die mit Sicherheit auch ohne Namen funktionieren würde. Gewisse Stimmen der Poeten sind eigen, artig und unartig, unverkennbar, typisch, charakteristisch, Poetinnen nicht zu vergessen. Die beiden Herausgeber präsentieren durchaus neue Dichter mit neuen und bisher unerhörten Stimmen, Dichterinnen nicht zu vergessen. Und es ist auch nicht so, dass die bereits bekannten Stimmen mit ihren bereits bekannten Anliegen sich nur noch selbst reproduzieren würden; sozusagen zum karikaturhaften (:|) Abklatsch ihrer selbst geworden, immer dasselbe Gedicht schrieben. / Armin Steigenberger, Poetenladen
[…]
Im Folgenden aber werde ich, wenn man so will, eine weibliche und komparatistische Hölderlin-Linie nachzeichnen. Der philosophische Kronzeuge und Stichwortgeber wird dabei nicht Wittgenstein, sondern Simone Weil sein. Zu entdecken in der Linie von Emily Dickinson, Simone Weil, Nelly Sachs, Ilse Aichinger und Sujata Bhatt ist ein engagiertes Schweigen, das dem literarischen Kanon nicht inhärent ist, sich ihm vielmehr zu widersetzen versucht. Wer sich aber schweigend dem Kanon zu widersetzen versucht, dem ist der eigentliche Erfolg literarischer Arbeit, das Aufnehmen in den Kanon, strenggenommen ein Scheitern. Wer etwas sagt, muss damit rechnen, dass das Gesagte vielleicht tradiert wird. Das Tradierte ist möglicherweise Teil des Kanons. Wer aber schweigt? Ziel des engagierten Schweigens ist die Nichtaufnahme in den Kanon, nicht aber unbedingt ein Vergessen des Schweigens. Im Gegenteil ist das sich widersetzende Schweigen umso mehr geeignet, in Erinnerung zu bleiben.
[…]
Engagiertes Schweigen ist demnach ein bewusstes, ausdrücklich gewolltes und herbeigeführtes Schweigen, kein Schweigen aus Verlegenheit und Nichtwissen, sondern aus einem Wissen und aus einem Engagement heraus. Unter diesem Engagement hat man sich ein fundamentales Misstrauen gegen Bestehendes, einen Widerstand gegen alles Konforme und Festgelegte vorzustellen. Aichinger führt entsprechend in ihrer Dankrede weiter aus: „Im Namen von Nelly Sachs mit der Freude konfrontiert zu werden, heißt aber zugleich, mit einer Angst konfrontiert zu werden, die sich durchsteht, mit Finsternis, die sich nicht ausweicht, mit Trauer, die allem offenbleibt.“ Aichinger legt mit ihrer Dankrede eine überaus treffende Analyse und Interpretation des Schweigens bei Sachs vor.
Doch ist in Aichingers Ausführungen zu Sachs mindestens genauso sehr sie selbst als Dichterin angesprochen. Aichinger sieht sich offenbar als eine der „Wachen an den Rändern der Welt“, als eine von Sachs’ genauen Lesern. In der Tat hatte Aichinger schon 25 Jahre vor ihrer Dortmunder Dankrede zu einem fundamentalen Misstrauen und zu Widerstand aufgerufen. „Sich selbst müssen Sie mißtrauen!“ heißt es in ihrem „Aufruf zum Mißtrauen“. Anders als beim Misstrauen gegen das Ich bei Simone Weil steht das Ich bei Aichinger nicht in Frage, weil es gilt, die Anwesenheit Gottes zu ermöglichen, sondern das Vertrauen, das Gespräch, schließlich das Leben nach dem Krieg wieder möglich zu machen. Dieses frühe Misstrauen gegen das Ich und der generelle Widerstand gegen Bestehendes finden sich in allen Texten Aichingers und führen wie bei Sachs und Weil zu einem engagierten Schweigen.
[…]
Einige Auszüge aus einem ihrer bekanntesten Gedichte, „Search for My Tongue“, verdeutlichen exemplarisch ein übersetzendes und wie schon bei Sachs körperlich existentielles Schweigen und Suchen: „Days my tongue slips away. / I can’t hold on to my tongue. / It’s slippery like the lizard’s tail / I try to grasp / but the lizard darts away. // (mari jeebh sarki jai chay) / I can’t speak. I speak nothing. / Nothing. // (kai nahi, hoo nathi boli shakti) / I search for my tongue. / (paranthu kya shodhu? Kya?) / (hoo dhoti dhoti jaoo choo) / But where should I start? Where? / I go running, running, / (nadi keenayray pohchee choo, nadi keenayray) / reach the river’s edge. / Silence.“
Dies sind nur Auszüge aus dem dreiteiligen, mehrstrophigen Langgedicht, das sowohl Passagen in Bhatts Muttersprache Gujarati als auch die Übersetzung dieser Passagen ins Englische, ihrer zweiten Sprache, enthält. Das Gespräch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, das Übersetzen der Philosophie Weils in die eigene Poetik durch Sachs etwa, dieses Übersetzen ist hier Teil und Thema ein und desselben Gedichts. Das notwendige, unhintergehbare Übersetzen führt jedoch innerhalb des Sprechens einer Person immer wieder zum Schweigen: „I speak nothing. / Nothing.“
[…]
Florian Strobl / literaturkritik.de
Dass der lyrische Blick etwas freilegen kann, was auf den üblichen Wegen der Wirklichkeitsbeobachtung verborgen bleibt, kann man derzeit an einem Projekt im Politik-Teil der „Zeit“ beobachten. Elf renommierte Lyriker hat die Redaktion gebeten, ein Jahr lang das aktuelle politische Geschehen zu verfolgen und zu bedichten.
Was man nun jede Woche lesen kann, ist keine agitatorisch-appellative Gebrauchslyrik im Retro-Look, sondern sind ebenjene verschobenen, irritierenden, manchmal lustigen Beobachtungs- und Reflexionsgeflechte, die offenbaren, was den üblichen Blick- und Datenkonstellationen entgeht. Ein produktives „Sich-aus-dem-Konzept-bringen-Lassen“ nennt der Redakteur Bernd Ulrich das. Und die Gegenwartslyrik bekommt eine Bühne jenseits ihrer üblichen Auftrittsorte.
Lassen wir uns also aus dem Konzept bringen – nicht unbedingt inhaltlich, sondern strukturell. Oder, wie es in dem soeben erschienenen Band „Helm aus Phlox“ vorgeschlagen wird, einer lustigen, irrwitzig verdrehten und in ihrer scharfsichtigen Reflektiertheit famos erhellenden Poetologie, die mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck fünf der eigenwilligsten und besten jungen Lyriker gemeinsam verfasst haben: „Lassen wir uns in den Kleingärten unseres Hirns metzeln!“ Und bitte die Dame mit der Lyrik schnell vergessen.*) / Wiebke Porombka, FAZ (vgl. auch vorige Meldung)
*) Welcher Dame? Welcher Lyrik? Vexierbild.
Neueste Kommentare