Jetzt wollen wir

152 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Heft 56 des Berliner „Abwärts!“ (mit Ausrufezeichen) ist erschienen, mit Gedichten von HEL Toussaint, Tom Riebe, Kai Pohl, Brigitte Struzyk, Charles Plymell und vielen anderen sowie mit Beiträgen zum Tod des Dramatikers Lothar Trolle von Volker Braun und anderen (Mehr zum Inhalt hier). Darin auch das heutige Tagesgedicht.

J. M. Koerbl

Jetzt wollen wir

wozu noch länger warten
die stecken sind geschnitzt
die geier wollen starten
steht in beton geritzt

jetzt wollen wir verbrennen
in einem feuerschmaus
und durch die hölle rennen
denn das ist unser haus

und knieen vor dem schänder
noch als gehäutet kind
im fäulnisgrab der länder
wo wir vergessen sind

denn keine kunst des ekels
hat jemals das gekreisst
was sich aus uns gerekelt
und jetzt die hand zerbeisst

dabei in tiefem schmoren
ein grauen oder sang
hochfährt in das verloren
der ganze menschendrang

mitfliegen die gedichte
und röcke meiner nichte
die sich zum urknall bauschen
im hintergrundrauschen

weniger schrift

165 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Heute vor 80 Jahren, am 27. Oktober 1945, wurde Reinhard Priessnitz in Wien geboren.

Sein Werk gilt als eine der prägnantesten Sprachbefragungen der österreichischen Nachkriegsavantgarde – zwischen Konkretion, Reduktion und musikalischer Sprachauflösung.

Für heute „am offenen mehr“.

Reinhard Priessnitz

(* 27. Oktober 1945 in Wien; † 5. November 1985 ebenda)

am offenen mehr

nu, warum blust de die trompeit?
j. van hoddis

weniger hintern, auge, hirn,
das wär schon alles. weniger hand,
gut. weniger schrift. das bild weg;
weniger worte. keine schaltungen,
ausflüsse, kein dampf! wegtutend
fortschreiben. weniger wellen.
kein papier mehr. weniger auch
arschposaunen. abblasen. kein jetzt!

Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 219

Reinhard Priessnitz war Autor, Lektor, Essayist und eine Schlüsselfigur der österreichischen Avantgarde der 1970er und 1980er Jahre.

Sein Werk gilt als präzise Reflexion über Sprache selbst – zwischen Philosophie, Poesie und Musik. Das kurze, komplex verschaltete Gedicht „am offenen mehr“ spielt mit Auflösung, Klang und Abwesenheit – ein ironisches Echo auf den Expressionismus und eine Selbstverweigerung des Pathos.

Was mir gehört ist meins

301 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Monica Arach

DER TEUFEL SOLL DICH HOLEN

Was mir gehört ist meins
was dir gehört ist deins
meine Nägel gehören mir
wenn ich Lust habe sie blutig anzumalen
schau nicht finster
wir haben alle die Wahl
mein Hintern gehört mir
wenn ich versuche ihn in elastische Bänder zu zwängen
starre ruhig weiter
ich schwinge ihn und schieb ihn dir ins Gesicht
meine Nase gehört mir
wenn ich sie unbedingt anschirren will
brüll ruhig weiter
doch denk dran ich bin kein Hausschwein
auch mein Bauch gehört mir
ich stopfe ihn mit Fetten voll
mit Luft und Babys wenn es mir gefällt
ich mache ihn leer wenn ich Lust dazu habe

Und mach den Mund nicht auf
um was zu sagen
ich bin jetzt schon enttäuscht von dir

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert, aus: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Betrachtet und eingeleitet von Joachim Sartorius. Herausgegeben von Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, Juni 2001, S. 143

DAMN YOU

What is mine is mine
what is yours is yours
my nails are mine
if I desire to paint them bloody
don't frown
we all have choices
my buttocks are mine
if I strive to stuff them in lastic strings
gape on
I'll wiggle them and shove them in your face
my nose is mine
if I am dying to harness it
holler on
but remember I ain't a hog
my belly too is mine
I'll fit it with fats
gas and babies if I want
I'll empty it when I desire

And don't open your mouth
to say a word
I am already disappointed in you

Ebd. S. 142

MONICA ARACH geboren 1979 in Gulu, Uganda. Sie studiert Literatur und Englisch in Kampala und schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Momentan arbeitet sie an ihrem ersten Roman „Spears of Fate“. Ebd. S. 236

Magie in Knittelversen

521 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Das heutige Gedicht wird vielleicht kurios erscheinen. Philosophie in Knittelversen, 2013 aus dem Nachlass des fast 70 Jahre früher gestorbenen Autors von einem kleinen Lyrikverlag erstveröffentlicht. Hier ist der Anfang des Gedichts „Magie in Knittelversen“, 1941 von dem vor den Nazis nach Paris geflüchteten Autor Salomon Friedländer alias Mynona geschrieben. Die Deutschen waren inzwischen in Paris. „Im Juni 1940 besetzten deutsche Truppen kampflos Paris, im Juli 1942 wurden fast 13.000 Juden deportiert (la rafle du vel d’hiv; man sehe Roselyne Boschs Film Die Kinder von Paris, 2010). Seit Ende 1941 verließ Friedlaender anderthalb Jahre lang seine Wohnung nicht. Aus der Phase vor dieser gewiß nicht freiwilligen Isolationshaft des Siebzigjährigen stammt das folgende Werk.“ (S. 4)

MAGIE in Knittelversen
von Mynona.
Paris
VIII. 1941
Freundliche Einladung

Diese Vernunftmagie kam durch Kant zu Wort, 
Sein Thronfolger Ernst Marcus setzte sie fort.
Mög' es fröhlichen Knittelversen gelingen, 
Alle Menschenherzen damit zu durchdringen, 
Um die allgemeine Wohlfahrt heiter herbeizuzwingen!

I

Sie sind doch kein mikrokephalischer Azteke?
Also gehn wir mal in 'ne geistige Apotheke!
Sie mögen sich bequemen, 
Ein paar Pillen zu nehmen, 
Auch wenn die bitter schmecken, 
Denn, statt zu verrecken, 
Werden Sie unsterblich gesunden - 
Bitte streun Sie dies Heilsalz in Ihre Wunden!
Selbstverständlich müssen Sie dosieren, 
Sich allmählich steigern, klug probieren, 
Und eh' Sie sich's versehen, 
Ist es um all Ihr Elend geschehen, 
Ihr Leben wird Ihnen lachen.
Aus lauter klagenden Narren wird diese Kur lachende Weise machen.

II

Das ist aber keine Hokuspokusmagie, 
Kein Ockul- & Spiritismus, weder Alchymie noch Astrologie –
Sondern magische Kraft 
Der Vernunft und Wissenschaft.
Jede andre Magie lügt, 
Der Vernunftwille genügt.
Lernt diesen Willen erst einmal kennen, 
Dann wird er klar leuchten, statt mystisch zu brennen.
Erkennt euch selbst, so wird die äußre Welt 
Durch euer Innen erhellt und besser bestellt.
Kein Wunder, daß über Ohnmacht flennt, 
Wer seine eigene Macht noch nicht kennt.
Der eigene Wille (ich lache)
Ist noch eine geheimnisvoll komische Sache.
Lest mal bei Kant von des Vorsatzes Magie,
Sonst erkennt ihr die eigene Macht nie.
Beherrscht der Wille nicht den eigenen Leib?
Herauszukriegen, wie, ist der beste Zeitvertreib.
Äußere Abenteuer reizen,
Aber's gilt die Begier fürs Innre zu heizen.
Zu Kolumbus, Kopernikus gesellt sich höher auch Kant 
Und eröffnet der Selbsterkenntnis Land.

III

Ist's banal, daß dein Wille deine Glieder bewegt?
So daß sich keine Verwundrung darob in dir regt?
Und doch ist das kein selbstverständlicher Plunder, 
Sondern magisches Wunder: –
Denn dieser dein Wille ist ein magischer Geist, 
Desgleichen die übrige Natur nichts aufweist.
Natur wirkt blindlings maschinell, 
Der Wille intelligent, prognostisch hell.
Die Muskulatur bliebe verkrampft oder stille, 
Wär ihrer Bewegung Ursache nicht der sie sich vorstellende Wille.
Der bringt die Glieder in gehorsamen Schwung, 
Denn der Wille wirkt physisch als Kraft der Vorstellung.
Das wollende Ich befiehlt deinem Leib, 
Und der gehorcht wie ein sanftes Weib.
Was folgt hieraus? Beachte das recht, 
Vielleicht gelingt's nicht schlecht, 
Diese magische Macht des Willens so zu verstärken, 
Daß du gelangst zu Wunderwerken.

Aus: Salomo Friedlaender / Mynona: Magie in Knittelversen, aus dem Nachlass herausgegeben von Detlef Thiel. hochroth Berlin, 2013, S. 9-11

Erstveröffentlichung nach einem Manuskript von VIII. 1941.

Das Original befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Martin Bernhardt (1961-2000)

409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Heute vor 25 Jahren hat sich der Künstler und Dichter Martin Bernhardt das Leben genommen. Zum Gedenken hier eins seiner Gedichte und ein Gastbeitrag seines Freundes und Verlegers Lutz Wohlrab.

Martin Bernhardt

(22. Januar 1961 Greifswald – 24. Oktober 2000 Ueckermünde)

NUR NOCH DIE BÄUME

Nur noch die Bäume
passen sich der Gedrücktheit
dieses Landes nicht an

Wir stehen unter
dem Wendpunkt der Sonne
zu beiden Seiten
der Nacht

Was siehst du?

Hinter den großen Wäldern
spielt ein Kind

Manchmal liegen wir
im Sand und weinen
Dort wo gestern
noch das Meer
war

(10.5.1980)

Aus: Martin Bernhardt, Das Maß allen Lebens ist die Axt, sagt der Baum. Berlin: Wohlrab, 2009, S. 27

Hier Gedanken von Elke Erb über seine Gedichte.

Meine Erinnerungen an Martin Bernhardt habe ich vor vielen Jahren für ein Feature des studentischen Radios 89,1 mitgeteilt. Falls jemand noch eine Aufnahme davon hat, wäre ich für die Mitteilung dankbar.

Nachstehend ein Beitrag seines Freundes und Verlegers Lutz Wohlrab – mit Martin Bernhard im Film.

Lutz Wohlrab

Am 24.10. jährt sich der Todestag von Martin Bernhardt zum 25. Mal. Aus diesem Anlass wurde unser Film von 1990 auf youtube hochgeladen (aus urheberrechtlichen Gründen hier ohne Ton):

Als Audio wählte Martin den Titel “Bema pamięci żałobny rapsod” von Czesław Niemen. Diesen kann man leicht zuschalten und so dem Film wieder unterlegen: https://www.youtube.com/watchv=CgkWs5p6Nk0&list=RDCgkWs5p6Nk0&index=1

Der letzte gemeinsame Super-8-Film von Martin Bernhardt (1961- 2000) und Lutz Wohlrab (Kamera) entstand 1990 in der Nähe von Ueckermünde am Stettiner Haff. Er trägt den Titel “Der Dampfer” und wurde von uns “ein Gedicht” genannt, weil wir seit langem versuchten, alle Form- und Genregrenzen aufzulösen. Dazu schrieb Michael Gratz 2011: “Ein Lied des polnischen Musikers Czesław Niemen ist auf der Tonspur des Films. Leute meiner Generation sind elektrisiert, wenn sie nur die ersten Takte hören. In dem Film sieht man den Künstler Martin Bernhardt, wie er sich bemüht, einen morschen Dampfer flott zu machen. Kein Helfer nirgends, er muß alles allein machen, zieht das Schiff ins Wasser, streicht den Bug mit ein paar Strichen frischer Farbe und ergreift das Steuerrad – der Dampfer hat gar keins mehr, egal, er nimmt ein großes Abzeichen der DDR-offiziellen vormilitärischen „GST“, Gesellschaft für Sport und Technik, und steuert den Dampfer damit. Ach, Martin. Deine Gedichte lesend überfällt mich Trauer. Wir könnten Leute wie dich brauchen.” aus Lyrikzeitung & Poetry News, 11.1.2011, hier der Link zum ganzen Text: https://www.planetlyrik.de/martin-bernhardt-das-mas-allen-lebens-ist-die-axt-sagt-der-baum/2011/01/

Zum Gedichtband “Das Maß allen Lebens ist die Axt sagt der Baum”.

Mehr Poesie

153 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Johannes van der Sluis

Mehr Poesie

Nach dem Anruf mit der Nachricht
dass Vater in der Kirche einen Herzinfarkt erlitten hatte
und von Mutter wiederbelebt worden war
begann er unverzüglich
die Wohnung zu putzen
in Erwartung genauerer Informationen.
Beim Staubsaugen zerbrach
die kleine Vase mit Blumen
fast, was ihn zu mehr
Poesie inspirierte. Das Leben
ist hart, Gedichte sind
Stromstöße.

Aus: Johannes van der Sluis, Ein Mensch muss auch nicht alles wissen wollen. Aus dem Niederländischen von Andrea Theresia de Koning. hochroth Berlin 2023, S. 19

JOHANNES VAN DER SUIS (Rutten, 1981) ist als Sohn eines Pastors in Maasdam und Numansdorp aufgewachsen, studierte in Amsterdam, arbeitete in Den Haag als Niederländisch-Lehrer, und ist in Italien Dichter geworden. Er lebt und arbeitet in Rotterdam.

Die Originalausgabe dieser Gedichte, Een mens moet ook niet alles willen weten, erschien 2018 unter dem Heteronym Giovanni della Chiusa (1969-2015) beim Lebowski Verlag in Amsterdam.

Eine Frage der Perspektive

390 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Goethe hat das An-die-Wand-schreiben von Gedichten (Wanderers Nachtlied) nicht erfunden. Im 11. Jahrhundert lebte der Dichter Su Shi, bekannt auch unter dem Namen Su Dungpo, der hat es wahrscheinlich auch nicht erfunden, aber von ihm gibt es dieses Gedicht.

Im Hsilin-Kloster auf dem Luschan zur Erinnerung an die Wand geschrieben

Waagrecht betrachtet, werden Gipfel Kämme –
und Kämme Gipfel, senkrecht angesehn.
Und Ferne, Nähe, Tiefe oder Höhe
lassen ein immer neues Bild entstehn.
So kann ich nicht ihr wahres Antlitz sehn,
weil ich inmitten dieser Berge stehe.

Aus dem Chinesischen von Ernst Schwarz, aus meiner ersten Sammlung chinesischer Gedichte: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 151.

Eine vermutlich wörtliche Übersetzung fand ich in einer wissenschaftlichen Arbeit.

Der Mauer des Xilin-Klosters eingeschrieben (Su Dongpo)

Horizontal gesehen eine Bergkette, von der Seite wird es ein Gipfel,
Von fern, nah, oben, unten immer anders,
Das wahre Angesicht des Lu-Bergs ist nicht zu erkennen,
ist man selbst nur in seiner Mitte.

Aus: Sara Landa: Chinesischdeutsche Lyrikdialoge. Annäherungen an die chinesische Dichtung vom Expressionismus bis zur Gegenwart. 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston.

题西林壁 (东坡)

横看成岭侧成峰
远近高低无一同
不识庐山真面目
只缘身在此山中

Die chinesische Form hat auch für Schriftunkundige ihre Schönheit, so ein schönes (Fast-)Quadrat mit 4 Zeilen von je 7 Silben. Das müsste auch rhythmisch zu spüren sein, eine Folge von 7 Schlägen – bam bam bam bam bam bam bam! in Googles Transliteration:

Héng kàn chéng lǐng cè chéng fēng 
yuǎnjìn gāodī wú yītóng
bù shí lúshān zhēnmiànmù
zhǐ yuán shēn zài cǐ shānzhōng

Noch zwei Versionen von Google nachgetragen:

Von der Seite betrachtet, wird ein Berg zum Gipfel. 
Aus der Ferne, aus der Nähe, von oben oder von unten sieht alles gleich aus.
Ich kann das wahre Gesicht des Mount Lu nicht erkennen.
Das liegt einfach daran, dass ich mich in ihm befinde.

Su Shi (chinesisch 蘇軾 / 苏轼, Pinyin Sū Shì, * 8. Januar 1037; † 24. August 1101) war ein Dichter, Maler, Kalligraf und Politiker der chinesischen Song-Dynastie. Er ist bekannter unter seinem Pseudonym bzw. Ehrennamen Su Dongpo (蘇東坡 / 苏东坡, Sū Dōngpō – „Su vom Osthang“), den er sich gab, als er während seiner Verbannung nach Hubei auf einem Anwesen in Dongpo („Osthang“) lebte. Eine Namensvariante ist Dongpo Jushi (東坡居士 / 东坡居士, Dōngpō Jūshì – „Eremit vom Osthang“). / https://de.wikipedia.org/wiki/Su_Shi

In der englischen Wiki-Version ist die Liste der Berufe eindrucksvoll länger: „calligrapher, essayist, gastronomer, pharmacologist, poet, politician, and travel writer“, während die französische ergänzt: „homme politique (mandarin)“. Ein Mandarin als Kneiper, Apotheker und Dichter.

Die Zeitung braust

129 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Riina Katajavuori

Ausatmung

Eine schöne Frau blickt
spöttisch hinterm Tresen,
das blonde Haar geschoren wie ein Schaf.

Ein Lächeln breit wie die Neue Welt,
in den Augen hackender Spiegel und Spiel.

Ein Bubenpaar küsst sich mit vorgeschobenen
Hüften, es ist die erste Nacht
des Sommers.

Am Vormittag zeigt das Thermometer
vierzig, die Laken verwickeln sich
rollen sich.

Die Zeitung braust,
eine Verwandte ist gestorben,

hat die Überlieferung, die Daten
und liebevollen Geschichten mit sich gezogen
wie ein Tischtuch mitsamt dem Gedeck.

Aus: Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke. Bielefeld: hochroth, 2018, S. 9


Riina Katajavuori (*1968) hat bisher sowohl mehrere Gedichtbände, als auch drei Romane, eine Kurzgeschichtensammlung und mehr als ein Dutzend Kinderbücher veröffentlicht. Ihre Gedichte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Zu was Poesie gut sei

190 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Raquel Nobre Guerra

Das war, als sie mich fragten, zu was Poesie gut sei.
Um Motten anzulocken. Keine Ahnung.
Sie wollten mein Horoskop erstellen:
Ich würde mich so gern ins Leben einmischen.

Und wenn du keine Dichterin wärst, fragten sie,
was wärst du dann? Ich schlug eine beliebige Seite auf –
Athletin, Staffelläuferin, Wirtin, spielsüchtig
nach allem, was mich von der Buchhaltung befreit.

Und ein gutes Gedicht? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
Und was bewegt dich? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
(Es geht hier kein bisschen um Metaphysik, die schwarzen
Flecken haben mich schon immer schwach gemacht.)

Sie wollten sogar wissen, was ich
mir als Grabinschrift wünsche.
Was ich einem Politiker schicken würde.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, will ich den Sterbenden loswerden
ein in die Jagd verliebtes Raubtier muss so etwas wollen.

Kommt, spielt mit mir,
bis auf weiteres, bis auf weiteres
steht es geschrieben.

Aus: Raquel Nobre Guerra: Senhor Roubado. Hochroth Frühjahr 2019 (Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel), S. 23

RAQUEL NOBRE GUERRA, geboren 1979 in Lissabon, ist Lyrikerin und Philosophin. Sie promoviert über die Kategorie des Fragments bei Fernando Pessoa. (Aus dem zitierten Band).

also diesmal. alors cette fois

282 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Das folgende Gedicht aus der bei hochroth Berlin (2017) erschienenen zweisprachigen Broschüre ist ein „Résumé“ einer Liebesgeschichte, die zugleich zärtlich und schonungslos ist.

Isabelle Sbrissa

also diesmal
ists eine
eine
eine geschichte
von liebe eine geschichte
von großer liebe von liebe
die verrückt ist von liebe
die mordet maßlos
ist nicht zu leben dauert
für immer
vor allem bis
der tod kommt
schnell
wie so oft
vor allem kommt er vor dem ende
des buches
die geschichte
einer liebe einer traurigen
also die endet
die endet schlecht.

Aus: les résumés de littérature. kurzgefasste bücherei. Acht Gedichte von Isabelle Sbrissa. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von G. H. H. hochroth Berlin, 2017, Nr. 5 (unpag.)

alors cette fois
c’est une
une
une histoire
d’amour une histoire
de grand amour d’amour
fou d’amour
meurtrier démesuré
invivable qui dure
toujours
surtout jusqu’à
la mort qui vient
vite
comme souvent
qui vient surtout avant la fin
du livre
l’histoire
d’un amour triste
donc qui finit
qui finit mal.

Isabelle Sbrissa (*1971), Dichterin und Theaterautorin, lebt in Genf und Undervelier (Schweizer Jura). Seit 2012 betreibt sie einen Selbstverlag, die Éditions disdill. Mehrere Bücher und Broschüren sind dort veröffentlicht, darunter ihr erster Band poèmes poèmes‘, in dem «falsche Übersetzungen» gesammelt sind. Diese verlegerische Alternative koexistiert mit üblicheren Pubikationsweisen. Zuletzt ist 2016 Produits dérivés, reverdies combinatoires bei den Éditions du Miel de l’Ours erschienen, eine Publikation, die Gedichte, Zeichnungen und eine gesungene Lesung umfasst. Seit 2016 nimmt Isabelle Sbrissa an mehreren Schreibgruppen teil, in denen die einzelne Stimme im Gespräch mit Anderen angereichert wird. Als Erweiterungen ihres Schreibens sieht Isabelle Sbrissa das Zeichnen und Stricken, alles Möglichkeiten des Flechtens von Form und Sinn.

(Aus dem zitierten Band)

Es ändert nichts

Joochen Laabs

(* 3. Juli 1937 in Dresden)


Nun steh ich starr in meinem kleinen Jammer
Und tu, als stünd die ganze Welt in Flammen,
als bräche alles, was sie hielt, zusammen,
und ist doch bloß in meiner Rippenkammer

die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.

Und sollt es doch geschehen, wie es manchmal geht,
es ändert nichts, denn dann ist es zu spät.

Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 41

Nach den Revolutionen

Jan Kuhlbrodt

Seite 60 aus Kuhlbrodt / Hefter / Hefter: Wäsche im Wind und Polizisten (Gans Verlag 2025)

Aus: Jan Kuhlbrodt / Maria Hefter / Sofia Hefter: Wäsche im Wind und Polizisten. Texte und Zeichnungen. Berlin: Gans Verlag, 2025. (Buchreihe: Gegenwarten, Band 27)

deppat gscheit

Daniel Böswirth

sam ma a bisserl deppat

sam ma a bisserl deppat
sam ma a bisserl gscheit

sam ma a bisserl gonz deppat
sam ma a bisserl gonz gscheit

sam ma a bisserl gonz deppat im hian
sam ma a bisserl gonz gscheit im hian

na dea is gscheit deppat
na dea is deppat gscheit

na dea is deppat wia gscheit

Aus: Daniel Böswirth: vexierkavalier. moritaten, lieder, psychogramme. Wien: Edition Melos, 2025, S. 125

Daniel Böswirth, geboren 1968 in Kaltenleutgeben, lebt als freier Autor, Grafiker und Fotograf in Wien. Arbeiten für den Österreichischen Rundfunk sowie Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien und im Wildleser Verlag. Arbeitsstipendium der Stadt Wien für Literatur 1999 und 2020.

Zuletzt erschienen: von den bösen viechern (fürth ohne thVerlag/ Nachtbilder. Ö1, 2024).

Was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben?

361 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Mary Oliver 

(* 10. September 1935 in Maple Heights, Ohio; † 17. Januar 2019 in Hobe Sound, Florida) 

Der Sommertag

Wer machte die Welt?
Wer machte den Schwan und die Schwarzbärin?
Wer machte die Heuschrecke?
Diese Heuschrecke hier meine ich –
die sich selbst aus dem Gras katapultiert hat,
die jetzt Zucker aus meiner Hand frisst,
die ihre Kiefer vor- und zurückschiebt statt auf- und abwärts –,
die ringsumher starrt mit ihren riesigen, komplexen Augen.
Jetzt hebt sie die Vorderbeine und wäscht ihr Gesicht.
Jetzt klappt sie die Flügel auf und gleitet davon.
Ich weiß nicht genau, wie ein Gebet aussieht.
Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich sonst machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?

Aus: Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Jürgen Brôcan. Mit einem Vorwort von Doris Dörrie. Zürich: Diogenes, 2023, S. 300

The Summer Day

Who made the world?
Who made the swan, and the black bear?
Who made the grasshopper?
This grasshopper, I mean –
the one who has flung herself out of the grass,
the one who is eating sugar out of my hand,
who is moving her jaws back and forth instead of up and down —
who is gazing around with her enormous and complicated eyes.
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face.
Now she snaps her wings open, and floats away.
I don't know exactly what a prayer is.
I do know how to pay attention, how to fall down
into the grass, how to kneel down in the grass,
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields,
which is what I have been doing all day.
Tell me, what else should I have done?
Doesn't everything die at last, and too soon?
Tell me, what is it you plan to do
with your one wild and precious life?

Die Zunge wird uns verraten

231 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Tomasz Różycki

Kreolen, Mestizen

Dass du wunderlich bist und ich wunderlich bin,
trifft sich fabelhaft, gemeinsam verwundern wir
die Welt. Spaziernde Familien werden mit
dem Finger auf uns zeigen, wir werden berühmt

werden und geheimnisvoll sein, sie werden auch Filme
über uns drehen, alles unwahres Zeug. Wir ziehen
mitten im Dezember des Nachts in irgendeine Bude ein
und machen da Liebe und ansonsten soll nichts

anderes geschehen. Wir hatten das Glück, einander
in dieser riesigen Welt zu treffen, man kann uns nur an
der Zunge erkennen. Zeig’ die Zunge her, Kätzchen.
Ich erzähl’ dir ein Märchen. Wir bleiben zusammen,

das trifft sich fabelhaft, und die Zunge wird uns verraten,
die Welt töten, uns in Tau und Asche verwandeln.

Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, in: Mütze #26, 2020, S. 1327

Kreole, metysi

Skoro ty jesteś dziwna i ja jestem dziwny,
to się wspaniale składa, razem zadziwimy
świat, będą pokazywać nas palcem rodziny
wychodzące na spacer, staniemy się słynni

i bardzo tajemniczy, nakręcą też filmy
o nas, zupełnie nieprawdziwe. Wprowadzimy
się w nocy, w środku grudnia do pewnej meliny
i będziemy tam robić miłość i nie będzie innych

spraw ani zajęć. Przyszło nam się spotkać
w takim ogromnym świecie, można nas rozpoznać
jedynie po języku. Pokaż język, kotku.
Opowiem ci bajeczkę. Będziemy już razem,

tak się wspaniale składa, i język nas zdradzi,
świat zabije, zamieni na rosę i popiół.

Ebd. S. 1326