14. Fire and Ice

„Manche sagen, die Welt wird im Feuer enden, manche sagen, im Eis.“ So sinnierte der US-Poet Robert Frost in seinem 1920 entstandenen Gedicht „Fire and Ice“ über das Ende des Universums. Jetzt griff das Nobel-Komitee der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften auf Frosts Zeilen zurück, um die Wahl der diesjährigen Physik-Nobelpreisträger zu begründen. / Focus

Frosts Gedicht nach der Erstveröffentlichung

13. Zugekümmert

Ein wenig enttäuscht bin ich schon vom neuen Gedichtband Nora Bossongs, zumal er in der Presse überschwänglich gelobt wurde. Vielleicht hat das und die Aufnahme des ersten Bandes die Latte auch so hoch gelegt, dass sie problemlos zu unterlaufen ist. Durch  „souveräne Leichtfüßigkeit“ vielleicht, wie Tobias Lehmkuhl der Autorin in der Süddeutschen Zeitung bescheinigt. …

Vielleicht sind die  Autoren in einem sehr herkömmlichen Sinne einfach übergebildet und zu viel gereist, bekümmert also eher, zugekümmert, und vielleicht sind es die vielen Stipendienaufenthalte, die eine Stipendiatenliteratur hervorbringen, die vor allem von Metropolen und Kulturgegenden aus zweiter Hand spricht.  / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Gedichte. Hanser Verlag, München 2011.

12. Gestorben

Im Alter von 96 Jahren starb in London Emanuel Litvinoff, ein in England geborener jüdischer Dichter, der mit einer vernichtenden Verskritik am Antisemitismus T.S.Eliot bekannt wurde – und dafür, daß er sie  1951 im Beisein Eliots vortrug. / MARGALIT FOX, New York Times 3.10.

Hier der Text des Gedichts gegen Eliot („Eminence becomes you“), hier liest der 94jährige einen Auszug.

I am not one accepted in your parish.
Bleistein is my relative and I share
the protozoic slime of Shylock, a page
in Sturmer, and, underneath the cities,
a billet somewhat lower than the rats.

11. Preis für Kunert

Günter Kunert erhält den diesjährigen Preis der »Frankfurter Anthologie«. Sie wurde, 1974 gestartet, ein einmalig dauerfähiges Ereignis: Poesiebegleitung durch Deutung. In jeder Samstagausgabe der FAZ erscheint ein Gedicht – mit Interpretation. Der Preis verneigt sich vor Erfühlungstalent und Einfühlungsgabe, also davor, wie man fremde Dichtung weitererzählt, ohne zum bloßen Rezensenten zu werden. / Jan Helbig, ND 4.10.

10. Różewicz 90

Wie soll man nach Auschwitz überhaupt noch Gedichte schreiben? Wie andere Künstler, die das Inferno des Zweiten Weltkriegs überlebt haben, stellte sich Tadeusz Różewicz nach Kriegsende diese Frage. «Antipoesie» lautete die Antwort. «Grund und Antrieb für meine Dichtung ist auch der Hass gegen die Poesie», erläuterte er seinen Ansatz. Er rebelliere dagegen, dass sie das «Ende der Welt» überlebt habe, «als wäre nichts geschehen». Er habe «Poesie für Entsetzte» geschaffen, schrieb Różewicz, der am 9. Oktober 90 Jahre alt wird. Die Kritiker tauften seinen Stil «Geflüster, zum Schrei geworden» und «Poetik der gewürgten Gurgel».

Nach dem Tod von Zbigniew Herbert und Czesław Miłosz gilt Różewicz in seinem Heimatland – neben Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska – als bedeutendster zeitgenössischer Lyriker und Dramatiker. Er ist zugleich einer der meistübersetzten Autoren Polens im deutschsprachigen Raum. / europe online

9. WIDERTEXT

Keine feuilletonistische Trockenübung, keine diskursiven Schwimmhilfen – in dieser Rubrik wird frei hineingetaucht – d.i. zurückgetextet!

Getreu nach dem Motto: „Wenn schon bitchen, dann in Gedichten“ widertexten andere AutorInnen Gedichte aus dem Berliner Fenster.
Zusendungen an bresemann@lettretage.de willkommen!

Ab 1.10. gehts los, im wöchentlichen Turnus – 1 WIDERTEXT!

Aktuell: RICHARD DURAJ zu “die gegend” (Berliner Fenster)

8. Hymnenfrage

Das Jahr 1950 neigte sich dem Ende zu. Im Radio sprach Theodor Heuss, Präsident der noch jungen Bundesrepublik, über die vergangenen zwölf Monate: Wiederaufbau, Rechtsreformen, Sozialprodukt. Erst am Schluss kam der Knalleffekt: “In der Presse lasen Sie, der Bundespräsident werde heute eine neue Nationalhymne anordnen”, hob Heuss an. Und mit sonorer Stimme las er vor, wie diese “Hymne an Deutschland” aussehen sollte: “Land des Glaubens, deutsches Land, Land der Väter und der Erben, uns im Leben und im Sterben Haus und Herberg, Trost und Pfand.” Danach intonierte ein Knabenchor die Komposition. “Tief bewegend”, fand Theodor Heuss diese Zeilen, die er selbst einige Monat zuvor bei dem Bremer Dichter Rudolf Alexander Schröder, Autor von Gedichtbänden wie “Elysium” und “Heilig Vaterland”, in Auftrag gegeben hatte. Doch damit war er ziemlich allein. Die Mehrheit der Deutschen hatte gar keine Lust auf eine neue Hymne und wäre am liebsten bei dem 1841 von Fallersleben verfassten “Deutschlandlied” geblieben. Das schien jedoch kaum möglich. Vor allem dessen erste Strophe, die mit der Zeile “Deutschland, Deutschland, über alles” begann, erinnerte Anfang der Fünfziger nicht nur die Alliierten zu sehr an den nationalsozialistischen Größenwahn. Also wurde improvisiert. Zu offiziellen Anlässen erklangen in den ersten Jahren der Bundesrepublik abwechselnd Beethovens “Ode an die Freude”, das Studentenlied “Ich habe mich ergeben, mit Herz und Hand” oder auch “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien”. Mit dem Kölner Karnevalslied hatte der gelernte Bäcker Karl Berbuer 1949 einen bundesweiten Überraschungserfolg gelandet. Nur konnten Zeilen wie “Wir sind zwar keine Menschenfresser / doch wir küssen um so besser” die fehlende Nationalhymne auf Dauer natürlich nicht ersetzen. Spätestens als ein peinlich berührter Konrad Adenauer bei einem Staatsbesuch in Chicago mit dem Schlager “Heidewitzka, Herr Kapitän” begrüßt wurde, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte – dennoch sollte es bis zu einer Einigung im Hymnenstreit noch zwei Jahre dauern. / Karin Seethaler, Spiegel

Volksdichter machten sich flugs ans Werk und sandten Texte ein wie diesen:

Einst von eitlem Wahn betöret,
liefst du fremden Götzen nach.
Nun von Feindes Macht verheeret,
traf dich wohlverdiente Schmach.
Doch gesühnt ist, was verbrochen
und gefrevelt war zuvor:
Wie ein Phönix aus der Asche,
neuverjüngt steig nun empor.

7. Gedicht zum Tag

Auf eine zarte Erinnerung aus der Schweiz benutze ich die Gelegenheit und kopiere das Gedicht zum Tag aus Urs Engeler roughblog, Wiedervereinigung als Textvereinigung:

REUNITED

 

BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber:
Einsilbiger nie als im August ’61. Erlebnis Formulierung Tat –
Ueber Schafe und Kühe im außermoralischen Sinne, schreib:
Neu: neunundfünfzig Bitterfelder, neu: ’89 Erzähllungenkranker.
Ich lerne, ich bereite vor, ich übe mich. Klar: Segelfliegerei!
Tatütata! Der Segelflug hat Glück bei den Alraunen. Schreib:
Einer flog schlenkrig drüber rüber. Las 2006: Schwarz, rot, geiler
Dô wuohs in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen, was

Vögeln, schwarzen, roten, gelben, den schon freien Versehen, Speise war, in der Luft

 

 

 

aus: Konstantin Ames, Alsohäute, roughbook 011

6. „zuviel Krolowsche schönheit“

wie unterschiedlich die einer innertextuellen formstrenge oft gleichgültig gegenüberstehenden poeme »aus der inkubationszeit« des dichters aufgenommen wurden, erhellt das nachwort von Maleen Brinkmann als auch der sehr sympathische, weil einmal nicht überhöhende essay pläne: schreiben von Michael Töteberg. postuliert Brinkmann 1960 noch, in seinen gedichten »jenseits einer manieristischen artistik und automatischem schreiben wahrnehmungen sichtbar« machen zu wollen mithilfe einer »metapher für die stille (die ja durchaus nicht ›harmonisch‹ im überlieferten sinne zu sein braucht)«, muss er im folgenden und darauffolgenden jahr feststellen, dass er seinem anspruch nur durch zahlreiche umarbeitungen und liquidationen (also einfach: streichungen ganzer gedichte) näher kommt: »zuviel Krolowsche schönheit und zuviel an lyrischem sperma.« – »der poetische aufputz wurde eliminiert«, schreibt Töteberg. der märchenton wird ersetzt durch bilder von zerstörung, verwesung, tod und lehnt sich jetzt eher an Villonsche vagantendichtung an. 1963 hat Brinkmann dann bereits einen sehr sicheren, beinahe standardisierten stil, frühere motive fallen nun ganz drastisch aus: »es sind wieder vögel/ in der luft, die stürzen als worte/ in brücken/ und uhren.« / Crauss, Titel

Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände
Frühe Gedichte
Herausgegeben von Maleen Brinkmann
Hamburg: Rowohlt 2010. 94 Seiten. 16 Euro.

Außerdem: Stefan Heuer über

Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm
Verlag Reinecke & Voß 2010. 48 Seiten. 8 Euro

5. Hamlet & Cher

Zumal die absurden, stellenweise surreal anmutenden Gedichte sich nicht auf einen Bereich beschränken. Hoch- und Trivialkultur tauchen nicht als Oppositionen auf, als Gegenpole, die miteinander in Verhandlung treten – sie werden schlicht ignoriert. Superman tritt auf, er steht direkt neben Hamlet; Mickey Mouse findet Erwähnung dort, wo Cher „clad as Cleopatra“ („gekleidet wie Kleopatra“) die Bühne besteigt. Bang hat spät angefangen, zu publizieren, und ihre Texte zeugen davon, dass sie vieles bereits hinter sich gelassen hat, sie verzichtet auf Experimente. Kein Ringen um eine poetologische Standortbestimmung, die Texte verlegen sich eher auf die Parodie:  „The role of elegy is / To put a death mask on tragedy“ („Die Rolle der Elegie ist, / Der Tragödie eine Sterbemaske aufzusetzen“) beginnt das letzte Gedicht von „Eskapaden“ und relativiert die eigene Behauptung mit dem Abschlussvers „One hears repeatedly, the role of elegy is.“ („Man hört des Öfteren, die Rolle der Elegie sei.“). / Kristoffer Cornils, Fixpoetry

Mary Jo Bang: Eskapaden. Gedichte. Übersetzt von Barbara Thimm, mit Illustrationen von Matt Kindt. Luxbooks, Wiesbaden 2011

4. Zwischen Prag und Paris

Auf der Documenta 4 war Kolář einer derjenigen Künstler aus Ost- und Mitteleuropa, die das Publikum faszinierten. Ausstellungen in New York im Guggenheim Museum, in Paris und in nahezu allen Metropolen folgten, und Kolář wurde in den siebziger Jahren zu einem gefragten internationalen Künstler. Aus der ehemaligen Tschechoslowakei musste er 1979 zwangsweise emigrieren. Er ging nach Paris und erhielt dort 1984 die französische Staatsbürgerschaft. …

Es ist eine poetische Welt, in die Kolář die Besucher der Galerie führt. In ihr spielen Texte eine ebenso große Rolle wie Motive aus der Kunstgeschichte. Unzählige Variationen über die Gemälde von Botticelli hat Kolář angefertigt, und in Köln sind auch einige davon zu sehen. Der Künstler, der ursprünglich als Dichter begonnen hatte und erst nach Publikationsverbot und einem Gefängnisaufenthalt ganz zur bildenden Kunst fand, war – gemessen am internationalen Kunstbetrieb und den jeweils vorherrschenden Moden – immer ein Außenseiter.

In Prag und in Paris hat man ihn zweifellos am besten verstanden: Die Surrealisten und die konkreten Lyriker standen Kolář nahe. Wie viele seiner Landsleute war er intellektuell ein Wanderer zwischen den beiden Kulturen dieser Städte. In Köln bietet sich die seltene Chance, das Werk dieses eigenwilligen Künstlers auf hohem Niveau zu sehen. / FAZ

Ein Sammelband mit Gedichten und Collagen erschien 1971 bei Suhrkamp:

  • Jiři Kolář: Das sprechende Bild. Poeme – Collagen – Poeme

Er ist auch enthalten im Band

  • Höhlen tief im Wörterbuch. Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte. Ausgewählt und kommentiert von Urs Heftrich und Michael Špirit. München: DVA 2006 (Tschechische Bibliothek)

3. Luxus-Lyrik

Welt am Sonntag: Mr Carcelle, „We are Poems“ steht über uns an der Fassade Ihres zukünftigen deutschen Headquarters geschrieben, also „Wir sind Gedichte“. Wer ist wir?

Yves Carcelle: Jeder. Indem wir die Kunst in die Luxuswelt einführen, wollen wir eine zusätzliche Emotion erzeugen, und vielleicht liest der eine oder andere den Satz und entdeckt, dass etwas Poetisches in ihm steckt.

Welt am Sonntag: Ist dieses Kunstwerk ein gutes Beispiel dafür, wie der Imagetransfer von der Kunst in die Luxusbranche funktioniert?

Yves Carcelle: Wir engagieren uns in der Kunstwelt, zum einen wegen der Geschichte des Hauses und zum anderen, weil meine Definition von Luxus ist, dass ein Luxusprodukt eine emotionale Erfahrung verschafft, ob du es kaufst, es verschenkst oder es geschenkt bekommst. / Die Welt

2. Alles Störfälle

Wenn Zehra Cirak etwas aufregt, dann die ewige Frage nach ihrem »Migrationshintergrund«. Die Autorin, eine mondäne Frau mit schwarzem Kurzhaarschnitt und knallrot geschminkten Lippen, wurde 1961 in Istanbul geboren, kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Deutschland und wuchs in Karlsruhe auf. Mittlerweile hat sie eine Reihe preisgekrönter Bücher veröffentlicht, darunter Bände mit Gedichten, Prosaminiaturen und Erzählungen. Sie liebt das Knappe, die kurze Form, das Paradoxe und den Wortwitz. So amüsiert sie sich in »Sprachspiel für eine Dramaturgin und eine Türkin« über Identitätsklischees: »Manchmal bin ich/meine eigene Dramatürkin«. Und aus »Stadt – Land – Fluss« wird bei ihr »Stadt – Land – Flucht«. …

Dennoch ist der wichtigste Literaturpreis, den Cirak bislang erhalten hat, der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der von der Robert-Bosch-Stiftung an deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft verliehen wird. Andere prominente Preisträger sind Emine Sevgi Özdamar, Ilija Trojanow, Terezía Mora, Sudabeh Mohafez, Artur Becker, Vladimir Vertlib und Feridun Zaimoglu. Natürlich hat sie sich über den angesehenen Literaturpreis gefreut, doch wie ihr Kollege Zaimoglu kritisiert sie, dass man aus dem »Ghetto der Migranten« in Deutschland nicht ausbrechen könne, selbst dann nicht, wenn man im angeblich so offenen, multikulturellen Kulturbetrieb tätig ist. Sie kontert in einem Gedicht mit dem Satz: »Das Salz kennt keine Nationalgerichte«. Es sei erstaunlich, erklärte der Lyriker Joachim Sartorius in seiner Laudatio auf Cirak, »wie gering der Anteil an ›türkischen‹ Themen an ihrem Gesamtwerk ist«. Vergeblich suche man in ihren Texten nach türkischen Traditionen und Einflüssen. Als Vorbild hat die Schriftstellerin einmal die jüdische Dichterin Hilde Domin genannt. Joachim Sartorius meint, dass Ciraks Gedichte »im Grunde eigentlich alles Störfälle« seien. So bezeichnet Cirak in einem Text einen Künstler, der es zu gesellschaftlichem Erfolg gebracht hat, nicht als »berühmt«, sondern als »verrühmt«. / TANJA DÜCKERS, Jungle World

1. Lyriker oder Amerikaner

Die Spekulationen um den Literaturnobelpreis sind in vollem Gang: Wenn die Stockholmer Juroren Anfang Oktober nach Proporz entscheiden, wären die Lyriker oder die US-Literatur dran. Vielleicht gibt es aber wieder eine Überraschung wie 2009 mit Herta Müller.

Günter Grass wünscht sich den Israeli Amos Oz, die Zocker glauben an den syrisch-libanesischen Lyriker Adonis (oder an Tomas Tranströmer). / Süddeutsche Zeitung

142. Ausgezeichnet

Er schöpft in Lyrik, Prosa, Drama stets aus dem Vollen. Für seinen Mut zum expressiven, reichen Ton bekommt Albert Ostermaier den „Welt“-Literaturpreis. / Die Welt