Hans Magnus Enzensberger spricht mit der Welt über Sachen von denen er was versteht: Poesie und Internet. Die Spießer sind, wer hätte das gedacht, die „Netz-Gemeinde“, sagt er, Die Welt übersetzt: Piraten (der Welt-Leser nickt). Die Poesie sind Kinderreime, davon hat er (jetzt bin ich im wesentlichen nicht ironisch) Ahnung:
Enzensberger: Das sind ja Gebrauchsgegenstände, Gedichte, die etwas bewirken, die funktionieren – auch heute noch. Es ist nicht wahr, dass das eine verschwundene Tradition ist. Nehmen Sie das Versteckspielen. Wer ist dran? „Ene mene subtrahene divi davi dorimene, ecker, brocka, kasa, nocka, zingele, zangele, duss.“ Und dann muss er das sein.
Welt Online: Ist der Kinderreim ein Vorläufer der Poesie?
Enzensberger: Ja, das sind ja die ersten Erfahrungen, die man mit Reimen macht. Reimen ist Magie, ein Zaubermittel. Er geht ins Ohr hinein und setzt sich fort – bis in den Schlager, den Popsong. Das lebt ja alles. Die Dichter beschweren sich immer über ihre kleinen Auflagen; niemand würde Gedichte lesen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Leute lesen vielleicht andere oder haben andere im Kopf.
P.S. Er spricht auch über Facebook, ist er da drin? Woher hat er seine Informationen? Achso, von der Bewußtseinsindustrie.
P.P.S. Die Welt weiß auch, daß viele Bücher von Enzensberger kostenlos im Netz heruntergeladen werden können. Ogott, das weiß ja noch nicht mal ich! Wo verkehren die nur?
Mozart war fünf, als er sein erstes Menuett komponierte. Mit 16 schrieb Rimbaud avantgardistische Lyrik. Als der 31-jährige Schubert an Typhus starb, hatte er sein Spätwerk schon hinter sich. Heute erscheinen solche Karrieren fast unmöglich. Mangelnde Berufsperspektiven, lange Ausbildungsgänge, die Abhängigkeit von den Eltern – all das lässt junge Künstler später reifen. / Konstantin Richter, Die Welt
Als Zeitzeuge mit der Kraft der Verständigung wird morgen, Sonntag, der Lyriker Tuvia Rübner in Weimar mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung geehrt.
Die Laudatio hält Adolf Muschg.
Die Thüringische Landeszeitung sprach mit dem Autor:
Herr Rübner, Sie schreiben auf Deutsch und auf Ivrit. Welche Sprache empfinden Sie als Ihre Heimat?
Ivrit. – Und Deutsch. Die meisten Gedichte, die auf Deutsch herausgekommen sind, sind meine Übersetzungen, außer dem ersten Band „Wüstenginster“, den Christoph Meckel und Efrat Gal-Ed übertragen haben. Wenn ich übersetze, gibt es natürlich manchmal Änderungen, wo es nötig ist, sprachlich etwas anders zu machen. Außerdem gibt es noch original deutsche Gedichte, die es im Hebräischen nicht gibt. Aber sie sind in der Minderzahl.
Wir kommen langsam ans Ende mit der Durchsicht der Schätze des Frühjahrs. Und weiß Gott waren da Schätze darunter. Sie lagen wie Braunkohle kurz unter der Oberfläche und ihre Gruben sind weithin sichtbar für jeden. Im Grunde brauchte man nur zugreifen und hielt ein Buch in der Hand, dessen Lektüre sich lohnte. Es wäre müßig; Namen zu nennen, denn die Liste ist lang. Über viele der Bücher ist bereits geschrieben worden, über viele aber auch nicht. Doch wir werden uns befleißigen, nicht allzu viele und große Lücken zu lassen.
(Guter Vorsatz!)
Eine, die es nach meiner Meinung jetzt, gleich und sofort zu schließen gilt, ist die Oppenlücke. Im verdienstvollen Wiesbadener Verlag Luxbooks erschien ein zweisprachiger Band unter dem Titel The Materials / Die Rohstoffe. Das Original ist 1962 im Verlag New Directions in New York erschienen. Oppen lebte von 1908 bis 1984 und gehörte zu den Objektivists, die in der amerikanische Literatur von nicht geringem Einfluss waren, und es wäre fatal, würden wir uns diesem Einfluss heute nicht aussetzen.
/ Jan Kuhlbrodt, Poetenladen
George Oppen
die rohstoffe
Gedichte, zweisprachig
Mit einem Nachwort von Paul Auster
Übersetzung: Norbert Lange
luxbooks 2012
147 Seiten, 22 Euro
Honigprotokolle, das ist eine seltsame Gattung, man darf sagen: Monika Rinck hat sie erfunden. Zuerst hätten da nur Skizzen gestanden, die sich innerhalb von drei Jahren langsam zu dieser Form entwickelt hätten, wie Monika Rinck im Gespräch verrät. Um die sechzig dieser bienenfleißigen Gesänge werden nun als Prosagedichte präsentiert, und fast alle beginnen mit dem nur gelegentlich variierten Vers: ‚Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle …‘.
Schon dieser Einstieg offeriert ein üppiges Binnenreim-Spiel mit Ö und O und I, wie auch im Namen der Autorin ja das O und das I dominieren. Somit gießt sie immer auch ein bisschen Hohn aufs eigene Haupt, dem all das entspringt, ein honigsüßer, zynischer, reizender, abgeklärter, oft auch mild-ironischer Hohn. Das Thema? Alles und nichts. Das Hier und Jetzt und das Gestern. Das ganze Leben, oder besser: die ganze Sprache. Die brauchbare und, ja, die unbrauchbare Sprache, denn eine muss es doch sagen: ‚Das geht so nicht. Denk nach.‘ / Ina Hartwig, SZ 31.5.
MONIKA RINCK: Honigprotokolle. Gedichte. Mit vier Liedern von Bo Wiget. Kookbooks Verlag, Berlin 2012. 80 Seiten, 19,90 Euro.
Sichtbar wird: Walter Buchebner war ein originärer Autor in der österreichischen Literaturlandschaft der 1950er-Jahre – international orientiert (seine Inspirationen kamen von Beat-Poeten wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac ebenso wie von Wladimir Majakowski), suchte er nach eigenen Formen einer Lyrik, die auch zu gesellschaftlichen Diagnosen und politischer Kritik fähig ist. Er war weder an formstrenger Tradition noch an der Trakl-Nachfolge orientiert und stand auch den Sprachexperimenten der Wiener Gruppe kritisch gegenüber. …
Buchebners Gedichte sind nicht im Tageslicht klassischer Poesie angesiedelt, sondern in der Nacht, der von der Romantik konstruierten Gegenwelt zu Ratio, Funktion und Alltagsgetriebe. Sie sind Warnrufe vor Abstumpfung und Konvention, und auch die Eule als Totenvogel ist eine passende Assoziation, denn Buchebners Schreiben ist durchsetzt vom Bewusstsein des nahen Todes – noch bevor seine schmerzhafte Nierenkrankheit ausbricht. / Cornelius Hell, Die Presse 9.6.
WALTER BUCHEBNER
ICH DIE EULE VON WIEN
GEDICHTE, PROSA, TAGEBÜCHER. MIT 28 BILDNERISCHEN ARBEITEN DES AUTORS. HRSG. VON DANIELA STRIGL. 328 S., GEB., € 21,90
(EDITION ATELIER, WIEN)
Die Handlung spielt Anfang der 90er-Jahre, als mit der Sowjetunion alle Gewissheiten zerfallen. Es gibt nur noch die unabhängige Ukraine mit all ihren Widersprüchen: „Mir passte dieses Land, in dem ich lebte, passte die Menge Scheiße, mit der es gefüllt war, und die mir in den kritischsten Momenten meines Daseins bis übers Knie reichte. Ich verstand, dass ich sehr gut auch in einem anderen, viel beschisseneren Land hätte geboren werden können, zum Beispiel mit rauerem Klima oder autoritärerer Staatsform, wo nicht einfach nur Kotzbrocken an der Macht waren, sondern verdammte Kotzbrocken.“ Die Fäkalsprache und der Jugendslang verstärken eine Schwermut, die mit der Leichtigkeit des Seins eine sonderbare Symbiose eingeht, wie sie typisch ist für die regel- und zügellose postsowjetische Ukraine. Das ist Zhadan-Land.
Der Dichter vermag dieses Lebensgefühl auch anders in Worte zu kleiden, lyrisch, etwa in dem Poem „Leben heißt sterben“. Dort heißt es: „Nach dem Tod trittst du einen halben Schritt zur Seite und siehst durch die Nähte der Luft, wie geheimnisvolle Filmvorführer einen großen Himmelsprojektor auf deinen Körper richten, damit die Seelen der Toten und die smaragdfarbenen Schatten der Käfer gegen sein Licht fliegen.“
Kritiker haben Zhadan für seine Gedichte früh als „Arthur Rimbaud der Ukraine“ gefeiert. / FR
Der Orphil-Preis wurde speziell für Lyriker von Ilse Konell gestiftet. Die Witwe des in Wiesbaden 1991 verstorbenen Dichters George Konell hatte bereits zwei in Wiesbaden vergebene Literaturpreise gestiftet; der „Orphil“, benannt nach einer Figur aus dem Werk ihres Mannes, wird künftig alle zwei Jahre an Konells Geburtstag, dem 6. Juni, verliehen. Er ist mit 10 000 Euro dotiert. Ursula Krechels Lyrik wurde von der Jury, bestehend aus dem Kritiker Michael Braun, der Schriftstellerin Silke Scheuermann und dem Literaturredakteur Alf Mentzer von hr2, als preiswürdig befunden, weil sie, so Laudatorin Scheuermann, „aus allem herausragen, was die zeitgenössische Lyrik zu bieten hat“. „Wortfindungslust pur“ kennzeichne die Gedichte der Literatin, die in zwei Bänden veröffentlicht wurden…
Der zweite Preis des Abends, der Orphil-Debütpreis, ging an die ebenfalls in Berlin lebende Autorin Simone Kornappel, deren erster Gedichtband, „raumanzug“, für den Herbst angekündigt ist. Sie erhielt aus der Hand von Stadtrat Wolfgang Herber den mit 2000 Euro dotierten Debütpreis für ihren kreativen Umgang mit Sprache: Ihre Gedichte sind „visuelle Poeme“; sie schreibt sie teilweise spiralförmig aufs Papier, erschafft „heftig pulsierende Sprachorganismen in den grellsten Klangfarben“, sagte Juror Michael Braun. / Anja Baumgart-Pietsch, Wiesbadener Tagblatt
Splendeurs et miséres des courtísans
Autor: Ferdinand Hardekopf
Aus der steilen, transparenten Nudel –
Quillt ein Quantum Quitten-Quark empor,
Ballt sich, physisch, zum gewürzten Strudel,
Kreist: ein Duftballon aus einem Rohr.
Wann (und wo?) war Schweben delikater?
In der Spannung wird man blass, wie Chrom,
Lehr- und Schüler folgen dem Theater,
Doch der Stern genießt sich autonom.
Hohe Hirnkraft wallt zu diesem Gase,
Da bestülpt der sachliche Adept
Das Gestirn mit einem Stengelglase,
Darin dottrig etwas Ei verebbt.
Vor gewagten Konstruktionen scheut er sich nicht, zum Beispiel: „Lehr- und Schüler“. Was den „Sinn“, die „Aussage“ der einzelnen Verse des Kurtisanengedichts angeht: Man kann suchen und finden; verzichtet man darauf, bleibt immer noch: Atmosphäre und Reine Musik. Oder anders: „Wann (und wo?) war Schweben delikater?“
Vielleicht spürt man im Kurtisanengedicht die Nüchternheit der Hardekopfschen Poesie, ihr Anti-Pathos, nicht so deutlich wie in anderen Gedichten von ihm. Ein Beispiel („Notiz“): Nach einer detaillierten Beschreibung (hier in freien Versen) einer zerrütteten Nacht, nah am Wahnsinn, die folgenden letzten Prosazeilen: „ … Übrigens bin ich durchaus imstande, den Ablauf solcher Empfindungen brüsk zu unterbrechen, `Amerikanismus’ anzuordnen und, mit einer Zigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen in Henrì Beyles ‚Le Rouge et le Noir’. Selbstverständlich. / Die Lampe brennt ja noch“.
Das darf man nicht unterschlagen: Im Kontext eines genuin ironischen Werks empfindet der Leser manchmal auch die „ernsten“ und „ernstgemeinten“ Passagen als ironisch. Mit anderen Worten: Missverständnisse gibt es im Terrain der Lyrik immer (manches lebt davon). Und im kanonisierten Werk der großen Dichter findet man gelegentlich auch „Unfreiwilliges“, unfreiwillige Komik, unfreiwilliges Pathos, auch unfreiwillige Ironie. Manchmal ist eben der Empfänger sensibler, aufmerksamer als der Sender.
Bei allem, was man über Gedichte lesen und schreiben kann, sollte man sich daran erinnern, dass Lyrik eine „Spezialdisziplin“ ist (Nooteboom), eine Angelegenheit der Spezies „Sprachmenschen“, und die ist nicht sehr verbreitet. / Maximilian Zander, fixpoetry
Heute [28.5.] begann in Madrid das Gerichtsverfahren gegen den Liedermacher Javier Krahe wegen eines 54 Sekunden kurzen Videos aus dem Jahr 1978! In diesem Film wird erklärt, wie ein Christus zuzubereiten ist. Der gerichtliche Vorwurf: Beleidigung der Gefühle der Gläubigen.
Den Zuschauern wird empfohlen, den Körper Christi vom Kreuz zu lösen, ihn gründlich trocknen zu lassen, Zutaten nach Geschmack beizugeben und für drei Tage in den Backofen zu stellen. Nach Ablauf dieser Frist soll Christus dann selbst dem Backofen entsteigen. Dieser 34 Jahre alte Film wurde erst zum Stein des Anstosses, als ihn der Fernsehsender Canal+ 2004 einem Interview unterlegte, das man mit Javier Krahe führte. / Uhupardo
manche kommen aus dem Staunen nicht heraus /
manche nie hinein
Elfriede Gerstl
Berlin, den 6.6.12
Ihr dunkelen Haufen!
Trauert nicht um gewesene Zustände, sondern zielt auf das Poetisch-Neue und gegen das jetzt Herrschende!
Den Ballast konditionierter Erinnerung dabei nicht verwerfen, sondern sanguinisch-leicht überwinden!
Nein, das ist keine Affirmation des up to date, sondern die Präsenz des Utopischen.
„Alles ist machbar“ – so heißt die Devise derjenigen Ästhetik, die nicht an liberal-politischen Krücken geht, sondern um die Notwendigkeit des Objektiven weiß.
Gleichzeitig ist die Bewegung einer umherschwankenden Ungewissheit – Eklektizismus – die einzige Bewegung, zu der das apodiktisch Junge überhaupt fähig ist.
Verharrt nicht dort, wo keiner die Poesie erwartet.
Unsere Poesie kennt kein Gesetz; ohne Auftrag begleitet sie uns dorthin, wo sie gebraucht wird.
Los! Gebt euch Äxte! Exempel! Exhalationen! Exkurse! Exzerpte! Experimente! Exzesse! Exegesen!
Sendet Texte! Zur Aufnahme in die Jubiläumsausgabe der floppy myriapoda, Heft 20!
Reduktionsschluß ist der 7.7.12 (Expressannahme!) bzw. der 8.8.12 (Deadline!)
floppy myriapoda
Subkommando für die freie Assoziation
–> http://www.floppymyriapoda.de
WAS ES MUSS
Anmoderation: Gerne hat man immer wieder gesagt, was es muss. Und ich nehme mich keineswegs aus. Hier ist eine kleine Auswahl.
Es folgen zweiundzwanzig Texttafeln zur freien Verfügung.
Abmoderation und mehr bei LOST IN POSTPOETRY ⋅ 06/06/2012
Der Torwart der Autoren-Nationalmannschaft im Fußball, Jahrgang 1967, ist einer der wesentlichen deutschen Lyriker und Dramatiker. Mit »Schwarze Sonne scheine« erschien (wie alle seine Bücher bei Suhrkamp) vor Monaten einer der erregendsten Romane jüngerer Zeit. Natürlich schreibt er auch Fußball-Gedichte. Noch unveröffentlicht die untenstehende Ode auf den Trainer Hans Meyer – drei Mal mit dem FC Carl Zeiss Jena FDGB-Pokalsieger, später Coach von Enschede, Nürnberg, Mönchengladbach. / Hans-Dieter Schütt, ND
Albert Ostermaier im ND-Gespräch sehr poetisch über Büchner und Bayern München:
In «Dantons Tod« hilft ein Bürger dem anderen über die Pfütze. «Man muss mit Vorsicht auftreten.«Es könnte die «dünne Kruste« der Erde brechen und sich der alles verschlingende Abgrund auftun. Was bedeutet diese Szene, was bedeutet diese Fantasie für den Fußballrasen?
Büchner ist der Messi der deutschen Dramatik, jede Bewegung ist ebenso brüchig wie formvollendet, es sind Traumpässe in die Tiefe des Seelenraums. Ein genialer Spieler läuft immer auf dünnen Eis, er weiß um seinen Körper, jede Bewegung weiß um die Gefährdung. Er ist immer vorbereitet auf die Risse im Eis und weiß, dass er schneller sein muss. Man kann auf Eis wie ein Tänzer glänzen, aber auch elendig einbrechen und mit den Armen um sein Leben rudern. Das Schöne, zugleich Bittere ist: Beides kann von einem Augenblick zum nächsten passieren.
So beginnt die Meyer-Ode:
gehen sie davon aus dass
er über links kommt wo
sein herz flügel aber sein
hirn einen knöchel hat
mit dem er blind in die tiefe
des freien raums zwischen
den augenbrauen traum
pässe spielt …
Metre, an Irish poetry magazine edited by David Wheatley and Justin Quinn between 1995 and 2005, has now digitised its back issues and made them available for free on a dedicated website: http://metre.ff.cuni.cz/
The magazine was roughly contemporaneous with Thumbscrew and shared many contributors, publishing poems and reviews by many writers including Seamus Heaney, Samuel Beckett, Paul Muldoon, Sean O’Brien, Michael Longley, Edna Longley, Michael Donaghy and Glyn Maxwell.
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