Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und – so sah er mit Lessing die Übersetzer – „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben. / ANDREAS ROSSMANN, FAZ
Dieses Gedichtbuch ist leicht lesbar und hat es dennoch in sich. Hier spricht eine überlebende Stimme des zwanzigsten Jahrhunderts. Geschichtliche Räume werden mit knappen Worten umrissen und spürbar gemacht. Die Texte des politischen Publizisten Gerhard Schoenberner enthalten keinen doppelten Boden, weder sprachlich noch inhaltlich; sie sind in ihrer appellativen Symbolik eindeutig: Diese poetischen Notate erschließen sich beim ersten Lesen. Es geht um Krieg und Vertreibung, Flucht und Emigration; es geht um Frieden und Gerechtigkeit, um Menschheitsüberleben und Einzelschicksale. … Stark sind Schoenberners Texte da, wo sie erlebte Geschichte erzählen, das Allgemeingültige im Persönlichen sichtbar machen; banal wirken sie, wo persönliche Impressionen einfach nur registriert werden. Immer jedoch herrscht sprachliche Schlichtheit und Klarheit, eine Brechtsche Knappheit mit didaktischen Botschaften und implizierten moralischen Appellen, nicht selten am Rande des Agitprop. / Martin Jankowski, Fixpoetry
Gerhard Schoenberner: FAZIT Prosagedichte ISBN 3-88619-488-9 Ariadnes Literaturbibliothek Hamburg 2012
Der lyrix-Wettbewerb für Schüler geht in die nächste Runde. Einsendeschluss ist der 31. August 2012. Der DLF erklärt die Aufgabe u.a. mit einem Gedicht von Marcus Roloff:
Auf den zweiten Blick ist alles anders. Ob in der Werbung oder im richtigen Leben: Oft wird einem der schöne Schein vorgespielt. Doch was verbirgt sich dahinter? Und wann reizt es euch, den Vorhang zu heben und mal dahinter zu schauen? Sollte man überhaupt einen Blick riskieren? Oder ist es manchmal vielleicht gut, die Fassade zu wahren? Was kann es unter den verschiedenen Oberflächen zu entdecken geben?
Die Wirklichkeit des Betrachters ist oft nicht identisch mit der Wirklichkeit der Situation oder des Objekts, welches er betrachtet. Wie wir etwas wahrnehmen, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Unterschiedliche Menschen können die gleiche Situation zum Beispiel ganz anders wahrnehmen, das gilt nicht nur in der Kunst. Oder ist es ganz anders und „man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wie Antoine de Saint-Éxupery in seinem „Kleinen Prinzen“ formulierte?
Wir freuen uns auf eure Gedichte und euren Blick unter die Oberfläche!
(…)
Auch der Frankfurter Dichter Marcus Roloff (*1973) hat sich in seinem Gedicht „zyklus“ Gedanken über die Differenz zwischen Sehen und Verstehen gemacht. Es handelt von der Schwierigkeit, Dinge in ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Denn bei der ersten Betrachtung bleibt oft Vieles im Dunkeln.
zyklus
allmählich ging mir der mond auf
ich machte mir meine koordinaten
aber der eindruck vom monat war
zunehmend miserabel obwohl ich schon
weit nach mittag des nächsten tages
noch immer auf wahrnehmung lag & die
nichtverstandene nichthergewandte seite
immer noch hinnahm als eine
dämmerungsabsicht
(© Marcus Roloff/Gutleut-Verlag, aus: „gedächtnisformate“, Frankfurt am Main 2006)
Ein sehr beliebter Dichter der Tangzeit ist Bai Juyi, auch „Pai Chü-i“ geschrieben. Er lebte von 772 bis 846, wurde schon zu Lebzeiten viel gelesen, machte sich aber auch viele Feinde beim Hof durch seine kritische Meinung über soziale Missstände und Krieg.
Es wird erzählt, dass er seine Gedichte einer Bäuerin vorlas und Zeilen änderte die sie nicht verstand.
Das folgende Gedicht ist jedoch gar nicht so einfach, weil es eine tiefgehende Kulturkritik ausdrückt, die auch uns noch angeht. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de
Gesellschaft
Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: Wie seid Ihr zufrieden gewesen?
„Wären’s Bücher, sagt‘ er, ich würd‘ sie nicht lesen.“
Johann Wolfgang Goethe
In: Gedichte 1800 – 1832. Hg. Karl Eibl (Sämtliche Gedichte in 2 Bänden), Hg. Karl Eibl, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 418.
Auch im Dschungel der „Kleinverlage“ brauchts Ordnung, deshalb beginnt der Artikel von Christina Eickhorn so:
Literaturkritiker Michael Braun hält ihn für den „derzeit wirkungsmächtigsten unabhängigen Lyrikverlag im deutschsprachigen Raum“. Den Luxbooks-Verlag mit Sitz in Wiesbaden.
Darin heißt es:
Das erste Programm erschien dann im Frühjahr 2008. Die Nische, die sie sich gesucht hatten, war die, amerikanische Lyrik auf Deutsch herauszubringen. „Eine ganze Ära von Literatur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht übersetzt worden und somit in Deutschland nicht rezipierbar. Daran wollten wir etwas ändern“, sagt Kühn.
Mittlerweile gehören Gedichtbände von John Updike, H.D. (Hilda Doolittle) oder George Oppen zum Verlagsprogramm. Zu der Reihe „luxbooks.americana“, in der nach wie vor Werke der US-amerikanischen Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts präsentiert werden, sind weitere Reihen hinzugekommen. Sie widmen sich unter anderem experimenteller Lyrik, Lyrik aus Lateinamerika, aber auch verstärkt deutschen Texten.
(Der letzte Satz gibt zu denken.) Geld machen kann man damit nicht. Erfolg läßt sich offenbar vor allem beim Fernsehen beobachten:
Und so ist „Luxbooks“ weiter auf Erfolgskurs. Der vor knapp zwei Jahren in dem kleinen Wiesbadener Verlag erschienene Lyrikband „Ein weltgewandtes Land“ von John Ashbery schaffte es auf Platz eins der SWR Bestenliste und wurde in der ARD-Sendung „Druckfrisch“ besprochen.
Der Ausblick:
Und auch in diesem Jahr wartet der Independent-Verlag mit einer Besonderheit auf: Im Herbst soll der von Kritikern und Rezensenten lang erwartete erste Band der in Berlin lebenden und erst vor wenigen Wochen mit dem Wiesbadener Orphil-Debüt-Preis ausgezeichneten Lyrikerin Simone Kornappel bei „Luxbooks“ erscheinen.
Der Dichter Du Fu war befreundet mit Li Bai und sie werden oft in einem Atemzug genannt. Wie viele andere Menschen mit Herz beklagte er die unstete Zeit mit ihren vielen Scharmützeln und es sind von ihm einige Gedichte gegen die Unmenschlichkeit des Krieges bekannt.
(…)
Er verband Gedanken über die Natur mit seinem eigenen Los, auf eine natürliche Weise, so wie in dem Gedicht:
Der Fluss ist grün | am Himmel Vögel weiß
Gebirge blau | und Blüten grad erglüh‘n
Nun diesen Lenz | auch ihn seh‘ ich vergeh’n
An welchem Tag | wird sein mein Heimkehrjahr?
Die ersten zwei Zeilen beschreiben eine Szene: der Fluss, vielleicht der Große Fluss, der Yangtze, ist grün, und Kraniche oder Reiher ziehen am Himmel vorbei. Kraniche werden oft auf Faltschirmen oder Rollbildern abgebildet. Wie für ein Plakat werden die Farben eingesetzt: Grün, Weiß, Blau und Rot. Kühle Farben und eine warme.
(…)
Ist der Anfang eine große breite, hohe, deutliche Skizze, so ist auch das Ende groß und breit, aber tief im Gefühl.
Für „Fluss“ kann man auch „Bucht“ lesen. Die Zeichen für die Farben „Grün“ und „Blau“ sind eigentlich „jadefarbig“ und „Farbe der Natur“; beide können sowohl Grün als Blau bedeuten. „Am Himmel“ nicht im Original, wo es heißt: „ziehen vorbei“, wodurch es auch Wasservögel sein könnten, aber die Bewegung geht von dem Fluss unten, zu den Vögeln, zu den weiten Bergen die naturgemäß trübe gefärbt sind, hin zu einer inneren Welt der Gedanken. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de
Nachtrag
Dank Internet findet man bei Regionalzeitungen Übersetzungen chinesischer Gedichte! Verzichtet auf was ihr könnt (Rainer Kirsch). Ich sage danke. Und suche. Eine Ausgabe der 300 Tang-Gedichte findet man bei buchhandel.de nicht. Immerhin dieses:
Im Zeitmaß des Mondes. I. Frühling
Eine Auswahl chinesischer Lyrik vom 3. bis zum 13. Jahrhundert. Ausgewählt und übersetzt von Frank Kraushaar.
München : Stiftung Lyrik Kabinett 2003. ISBN: 978-3-9807150-2-7
geheftet
27 S. – 21,8 x 14,7 cm
Ebenso eine Auswahl für Sommer und Herbst, je 4 Euro. [Winter vergriffen]
Wer das Ganze will, ist auf die chinesische und englische Sprache angewiesen. Und auf hunderte Enthusiasten (vor allem in diesen beiden Sprachen), die in wenigen Jahren gewaltige Materialmengen angehäuft haben. Welch ein Gewinn an Freiheit.
Zu diesem Gedicht weiteres Material:
Jueju, No. 2 of 2 (The River’s Blue, The Bird a Perfect White)
Du Fu
jiāng bì niǎo yú bái
shān qīng huā yù rán
jīn chūn kàn yòu guò
hé rì shì guī nián
Wort-für-Wort-Übersetzung:
River blue bird exceed white
Hill green flower about to ignite
This spring see again have
What day be return year
Nachdichtung:
The river’s blue, the bird a perfect white,
The mountain green with flowers about to blaze.
I’ve watched the spring pass away again,
When will I be able to return?
This poem is volume (juàn) 228, no. 21 in the Complete Tang Poems (quán táng shī). It is translated on p. 439 of Owen, and p. 86 of Hinton, and as poem 94 in Watson, p. 112, and poem CCCVII in Hung, p. 244.
Günter Eich, selber studierter Sinologe, übersetzt so:
Fremde
Nie war der Fluß so grün, das Weiß der Vögel weißer,
So blau der Berg, das Rot der Blüten heißer,
Und doch vergehts, das Jahr, gleich allen, wies auch brennt,
Und niemand ist, der mir den Tag der Heimat nennt.
In: Lyrik des Ostens: China. München: dtv 1962, S. 92
(vorher bei Hanser, 1958)
Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestaltung, wiege es in der Hand, in der das leinengebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Überraschung darstellen. Das erste Wort: Bekenntnisse. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragungen der Confessiones des Augustinus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang begleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Seite Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Gedicht in lyrischer Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum album finden sich 3.650 von diesen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. (…)
In einer späten Septembernacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsierenden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahnsinn, und lese weiter und weiter und weiter. Ich weiß von der ersten Zeile (Es ist wahr: ich bin stark, ich habe Lunge und Arm, und ich atme), vom ersten Vierzeiler an: Das ist mein Buch, das ist ein Buch zum Mit-Haut-und-Haar-Verspeisen, zum Lesen, bis mir die Augen überlaufen von Wörtern und Bildern und
Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmelhin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsichtbaren Insassin der Schemen mehr innehat als ihren Schatten. Der Kirschkernbeißer, ein Unholdvogel, als hornbeschnäbelter Zerschrotter dürrster Samen und durch die heftig ankeifenden Spuckkerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! Bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie
/ Theo Breuer, KuNo
- Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
- Oswald Egger, nihilum album. Lieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
- Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte, 36 Seiten, handfadengebundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.
Der elsässische Autor André Weckmann, ein großer Verfechter der Zweisprachigkeit, starb am Sonntag in Straßburg im Alter von 87 Jahren an einer Lungenembolie. Nach einem Sturz in Österreich vergangene Woche lag er in Straßburg im Krankenhaus, aber sein Zustand verschlechterte sich rapide.
Er veröffentlichte mehr als 30 Bücher in drei Sprachen, Französisch, Deutsch und Elsässisch. „Aus dem Dialekt schuf er ein hochwertiges Instrument poetischen Schaffens und bewies, daß Elsässich mehr als eine Sprache der Straße sein kann“, erklärte M. Woehrling, Präsident der Association Culture et bilinguisme d’Alsace-Moselle. / Dernières Nouvelles d’Alsace
Weckmann in der Alemannischen Wikipedia. Zitat:
1943 ésch´r wie àlli Elsasser én sinem Àlter vun de Ditsche Wehrmacht zwàngsrekrutiert wore (de „Malgré Nous“); e Johr spoter ésch´r vum Hitlerkriej desertiert. Nochher het´r én de US-amerikanisch Armee gedient. Nooch´m Kriej het de Weckmann studiert un ésch Lehrer f´r Ditsch wore. Bis 1989 als Professeur d´études (Studienrat) am Lyzeum ze Strosburi.
De Weckmann ésch zitt´r 1970 én de (alternativ) elsassisch Kültürpolitik engagiert un ésch öi én d´Umweltbewegung, bispielswiis geje´s Atomkraftwerk Wyhl aktiv wore.
Ebendaher:
| speak white | speak white |
|---|---|
| redd wiss | Sprich weiß |
| nêger | Neger |
| wiss ésch scheen | Weiß ist schön |
| wiss ésch nôwel | Weiß ist nobel |
| wiss ésch gschît | Weiß ist gescheit |
| wiss ésch fránzeesch | Weiß ist Französisch |
| fránzeesch ésch wiss | Französisch ist weiß |
| wiss un chic | Weiß und schick |
| elsasser | Elsässer |
| elsassisch degaje | Elsässisch dagegen |
| net | nicht |
| zall ésch brimidîv | Das ist primitiv |
| vülgêr | vulgär |
| pfùi! | Pfui! |
| . | . |
| . | . |
| . | . |
| . | . |
| drum redd wiss | Deshalb sprich weiß |
| nêger | Neger |
| dáss d wiss wursch! | damit du weiß wirst |
| andli | endlich |
| wiss un gschît | Weiß und gescheit |
| nêger | Neger |
| wiss un chic! | Weiß und schick |
| wiss wi z báriss | Weiß wie in Paris |
Bei aller Liebe zur deutschen Sprache fällt doch unangenehm auf, wie viele unserer Wörter auf der hässlichen Nachsilbe -zeug enden: So sagen wir Werkzeug, Spielzeug, Flugzeug, Schlagzeug, wo etwa das Englische tool, toy, plane und drums verwendet. Allein der Verlust für die Lyrik ist unübersehbar, wenn man überlegt, dass sich auf die genannten englischen Wörter etwa fool, boy, insane und bums reimen, womit jede Menge Assoziationen geweckt, ja ganze Pop-Opern angedeutet werden.
Auf Bettzeug, Badezeug, Fahrzeug, Flickzeug, Handwerkszeug, Regenzeug, Schreibzeug, Schuhputzzeug, Unterzeug, Zaumzeug usw. jedoch reimt sich eigentlich gar nichts. Sie sind lyrische Sackgassen. / Alan Posener, Die Welt
„Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, stellte er [Mosebach] fest – und bekam wütende Reaktionen.
Allerdings erging es dem examinierten Volljuristen wie gelegentlich kirchenkritischen Satirikern, man verstand ihn nicht. Er forderte nicht den Staat auf, Gotteslästerung unbedingt härter zu strafen, sondern mahnte vor allem die Künstler zu einer Kunst, die eine solche Strafbarkeit respektieren würde. Nicht alles aussprechen zu dürfen, könne auf die Fantasie überaus anregend wirken, schrieb er, Zensur verfeinere den Stil und inspiriere „zu den kühnsten Lösungen“.
Trotzdem muss er nun dulden, dass die „Titanic“ in ihrer neuen Ausgabe – neben einem erneuten Papst-Titelbild – auch ihn aufs Korn nimmt. Sie druckt eine Porträtkarte Mosebachs zum Ausschneiden mit dessen Unterschrift und dem Text: „Liebe Muslime. Allah ist ein ziemlicher Eumel. Herzlichst, Ihr Martin Mosebach“. Kunst soll wieder gefährlich werden, meint „Titanic“. Sie wolle helfen, Mosebach zu „inspirieren“. / Tagesspiegel
Die britische Clitheroe Advertiser and Times berichtet über eine Anthologie von Gedichten über das Essen:
“Flavoured as Much as Coloured: 13 Poems About Food”, hg. Jo Harding und Theresa Robson, Clitheroe Books Press.
Darin Gedichte von Rachel Davies, die einen Wissenschaftsgrad hat, der in Deutschland wohl nicht existiert: „MA Poetry“. Erworben hat sie ihn an der Manchester Metropolitan University, unterrichtet wurde sie von führenden Dichtern, darunter Poet Laureate Carol Ann Duffy und Simon Armitage.
Clitheroe Books Press has published two previous anthologies: “Slip Through the Silence: Facing Adversity with Verse” (2008) and “Here is Where the Candy Sticks: Poems About Shopping in Clitheroe” (2010).
Its next anthology, “The House at Black Moss: 13 Poems Commemorating the Lancashire Witches”, will be published in October.
In einer angestrengten Satire schreibt ein gewisser Laf Überland über Lyrik und die Olympiade. Jeder Satz hämedurchtränkt: über die Briten (sie sind zu dick und nennen die Turnhalle „gymnasium“, oder andersrum?: „schließlich heißt ‚Gymnasium‘ auf Englisch ja ‚Turnhalle'“) und ihre verrückte Idee, zur Olympiade auch Lyrik aufzubieten, über die Dichter und die hehre Kultur. Kostprobe:
Ja, die Engländer sind das wahre Volk der Dichter, die BBC hat einen „Poet in residence“, und in Wimbledon rezitierte 2010 dieser Tennispoet.
Und erst recht zur Olympiade brauset ein Sturm der Lyrik über das Land! In komplizierten Verfahren ausgewählte Verse wurden auf Mauern, an Bäume und Skulpturen im Olympischen Park geheftet – zur Erbauung der gestählten Athleten wie der wabbeligen Besucher gleichermaßen.
Immerhin enthält die folgende Passage eine fast neutrale Information, hart gerahmt von Häme:
Viel, viel Mühe gab sich deshalb jetzt im olympischen Umfeld der schottische Verein „Written World“, und jetzt sendet die BBC noch bis zum 4. August jeden Tag ein oder zwei Gedichte aus jedem der 204 teilnehmenden Länder: Das sind Poeme des irischen Dichters Matthew Sweeney über das Erdbeeren-Pflücken im Garten ebenso wie das des nigerianischen Englischprofessors Niyi Osundare über die Freude zur Ankunft der Regenzeit. Vorgetragen werden die Poeme von Landsleuten der Dichter, ergänzt um zwei, drei Minuten über ihre Heimat – wie die Malediven, woher Farah Didis „Wirklichkeit des Insellebens“ stammt.
Wir, die KREATIVEN, liegen am liebsten mit der EVOLUTION im Bett. Jeden Morgen wachen wir bei IHR auf. Wir lieben SIE und SIE mag uns wohl auch sehr. Wie die Geliebte in Rainer Kirschs „Sonett“ antwortet SIE auf unsere Frage nach IHREM Befinden: „Genug, .., ist“s nie“. SIE sagt uns also, wo es lang geht. SIE will, dass wir SIE immer wieder fassen, auf dass SIE uns stets mit IHREN Ideen erreicht und erregen kann. SIE versetzt uns damit immer wieder in die unternehmerische Lage und in die Stimmung, uns erneut zu versuchen und aufzubrechen. Auf IHRE Genialität kann man bauen. Auf die „Genialität-in-den-Dingen“ wie Goethe diese Realität benannte, auf die „Genialität-im-Evolutionsprozess“, wie ich sie erfahren habe, habe ich mich seit 25 Jahren verlassen können. SIE hat mir schon zu Beginn meiner kreativen Widerstandskarriere die evolutionsprozess-aktuelle Geniepunkt-Innovation verraten.
Wie Ihr wißt, ist es der EPIKUR-Projektlohn – ein energie- und sachkapital-steuerfinanziertes Zweit-/Grundeinkommen für Jedermann. Der EPIKUR-Lohn wird alle weiteren Tariflohnerhöhungen in Deutschland ersetzen und dadurch ein Momentum auslösen, das den Exodus aus der globalen Wachstumszwang-Tyrannei starten wird. Auf diesen Exodus will SIE hinaus. Danach wird unser aller göttliches Genug-ist“s-nie-Weibwesen mit Namen EVOLUTION uns helfen, die Weltherrschaft des KREATIVEN über den Globalisierungsprozess aufzurichten:
„SIE hat geschickte Lippen.“
Wenn die 68er diese KREATIVE Genug-ist’s-nie-DRITTE schon so wahrgenommen, erkannt, erlebt und kommuniziert hätten …
Es grüßt Euch ganz herzlich,
Euer Rüdiger
Erlangen, am 11./15.1.2008
Mehr (mit dem Text des Sonetts)
Afghanistan ist auch das Land der Poeten. Selbst Menschen, die sonst mit Waffen sprechen, schreiben Gedichte. Sie fassen das Elend der jüngeren Geschichte in Verse – auf Persisch, Paschtu, Usbekisch, Tadschikisch, Turkmenisch oder Belutschisch. Ein Besuch. Von Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 20.7.:
Mehrdad sagt, die afghanische Dichtung müsse sich von alten Formen lösen, Dichter müssten nach neuen Wegen suchen, wie seinerzeit Partaw Naderi. Als es dunkel wird, entdeckt Mehrdad ausgerechnet diesen Partaw Naderi im Keller des Schriftstellerhauses. Der Meister sitzt im Schneidersitz in einem grün beleuchteten Raum neben der Bibliothek und spricht etwas müde zu einer Handvoll Zuhörer über die Besonderheiten altpersischer Dichtung. ‚Wollen Sie etwas mit uns trinken?‘ Er verspricht, sich am nächsten Tag interviewen zu lassen.
Unter den Sowjets verbrachte Naderi drei Jahre im berüchtigten Pul-e-Charkhi-Gefängnis, im Bürgerkrieg blieb er im zerbombten Kabul. Er sah, wie eine der islamistischen Milizen Hunderte Bücher aus den Beständen des Schriftstellerverbandes verbrannte. Im Juni 1994 schrieb er ein kurzes Gedicht mit dem Titel ‚Verwüstung‘: ‚In die Linien deiner Hände / haben sie das Schicksal der Sonne hineingeschrieben / Steh auf / erhebe deine Hand – / die lange Nacht erstickt mich.‘ (…)
Ein englischer Verlag hat kürzlich eine Sammlung von Taliban-Poesie herausgegeben. Die Autoren sind keine PEN-Mitglieder, sie veröffentlichen ihre Gedichte auf der Internetseite der Taliban.
‚Die süßen Augenblicke des süßen Lebens gehen sehr schnell vorbei‘, schreibt ein Abdul Hai Mutma’in. Er schildert eine Menschenmenge, die den Sonnenuntergang genießt. ‚Die Sonne ist wie ein Geist in der bunten Mischung des späten Nachmittags. / Wenn die Sonne geht, bleiben die Menschen nicht mehr beieinander. / Dieser gelbe Nachmittag ist ein Beispiel des süßen Lebens. / Wenn der Geist geht, bleibt alles zurück.‘
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