»Jene Gang (…) die ungehemmt selbst Mord nicht scheut«, wird wohl der Mossad sein. Vielleicht auch die israelische Regierung oder die Weisen von Zion. In jedem Fall nicht ordinäre Killer, sondern Massenmörder: »(…) der atomare Tod in Bomben – ungezählt«. Da ist er wieder, der Topos aus Grass’ Frühjahrspoem »Was gesagt werden muss«: Die Juden als Bedrohung des Weltfriedens und der ganzen Menschheit.
(…)
Lyrischer Judenhass war schon von besserer Qualität. T. S. Eliot, auch er Antisemit und Nobelpreisträger, hat es in seinem Poem »Burbank with a Baedeker: Bleistein with a Cigar« vorgeführt. Dort heißt es in der sechsten Strophe: »The rats are underneath the piles. The jew is underneath the lot.« Welch’ eindringliche Metaphorik und sprachlich elegante Reduktion. Widerwärtiger Dreck, gewiss, aber von meisterlichem Stil. Wenn wir uns schon beleidigen lassen müssen, dann doch bitte von einem Könner. Grass aber bringt den literarischen Antisemitismus in Verruf. / Michael Wuliger, Jüdische Allgemeine
Tobias Haberl sprach mit Friederike Mayröcker, Süddeutsche Zeitung Magazin:
Sie werden im Dezember 88 Jahre alt. Fällt Ihnen das Leben schwerer als noch vor zehn Jahren?
Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment habe ich eine Arthrose an den Füßen. Ich kann nicht mehr rasch gehen. Dicke Bücher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor. So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?
(…)
Aber Sie zählen zu den ganz großen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004 wurden Sie als Favoritin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt.
Aber meine Bücher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Die großen Herren bei Suhrkamp nehmen mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht. Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele Preise bekommen.
Ist es nicht kränkend, wenn man als hochgelobte Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten kann?
Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren können vom Schreiben leben, auch mittelmäßige. Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.
In einem scheint sich die Literaturkritik sicher: Die jüngsten Gedichte von Günter Grass seien literarisch auf geradezu abenteuerliche Weise missraten. Das heißt: Entweder hat sich das über Jahrzehnte immer hochgelobte lyrische Werk des Dichters zuletzt rapide verschlechtert, oder aber die Literaturkritik hat sich ziemlich verspätet von einer schweren Verirrung befreit. (..)
Die politischen Botschaften sind bei Grass so überaus klar wie in der engagierten Lyrik des 19. Jahrhunderts – mit dem Unterschied, dass in dieser die niederen und profanen Themen des Politischen zumeist mit dem hohen Ton der Klassiker und Romantiker oder dem rustikalen Volkslied kombiniert wurden. (…)
Manchmal schleicht sich in diese unmissverständliche Sprache dann doch noch ein Bild, das über das konkret Bezeichnete hinausreicht. Dann, wenn Grass etwa darüber räsoniert, »was Freude bringt«. Die Kastanien, die man in der Hand hält oder der »Frühtau, / der im August / das Netzwerk der Spinnen versilbert«. Dann ist er vom »Reizklima des Rechthabenmüssens« (Martin Walser) so weit entfernt wie in seinen noch heute unbedingt lesenswerten Gedichtbänden Die Vorzüge der Windhühner (1956), Gleisdreieck (1960) oder auch Letzte Tänze (2003). / Adam Soboczynski, Die Zeit 42
Lasker-Schüler, Frau Else. (Eigentl. Walden.) Halensee. Geb. Elberfeld 11.2. 76.
Steif steht im Teich die Schmackeduzie,
Es dehnt und sehnt sich Fräulein Luzie.
Das hat Else Lasker-Schüler gedichtet. Manchmal dichtet sie auch nach Hofmannsthal, manchmal nach Rilke…, es klingen tausend Klänge von ihr her… und in dem schönen Liede mit der Schmackeduzie auch ein eigener. Sie ist die Anempfinderin in unbegrenzten Möglichkeiten.
Styx, G. 02; Das Peter-Hille-Buch 06; Die Nächte Tino von Bagdads, Nn. 07; Die Wupper, Sch. 08; Meine Wunder, G. 11; Gesichte, Essays 11.
/ Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar: Alexander Duncker Verlag, 1913, S. 316.
Geißler hat 1913! auf 754 Seiten mehr als 2000 lebende Autoren lexikalisch vorgestellt und jeden dieser Dichter auch bewertet. Manches kommt einem grotesk verzeichnet vor, aber man bedenke, was man vor 99 Jahren davon wissen konnte. Die meisten teils herben Verrisse werden nicht völlig willkürlich sein. So verreißt er: „Gelegenheitsdichter, der lokale Ereignisse oder auch dier Sage seiner Heimat in gefällige Verse bringt. Die haben keinen größeren Fehler, als daß sie allen Ernstes für Dichtung gelten wollen.“ (Martin Primbs). „Dichtungen und Reimereien. Der Reimereien sind mehr.“ (Karl Streibel). „Eng wie die thüringische Heimat waren auch die Grenzen seiner Kunst.“ (Johann Heinrich Löffler). „Hübsches poetisches Talent, das 1909 mit einer Sammlung Gedichte an die Öffentlichkeit trat. Anmutige Gedanken und Gefühle in gefälliger Form; Eigenart scheint zu fehlen.“ (Hertha Federmann).
„Scheint“! Ich vermute, daß jeder, auch der (jeder denke sich einen!) beste Kritiker, der heute 2000 lebende Schriftsteller, auch wenn sie gerade erst ein Bändchen veröffentlicht haben, so mit ein oder zwei Sätzen charakterisieren wollte, erstens jämmerlich scheitern und zweitens vom Publikum (je nach Lagerzugehörigkeit jeder wegen anderer wirklicher oder vermeintlicher Fehlurteile) gesteinigt werden würde*. Aber die meisten, die er kritisiert, kennen wir heute nicht mal dem Namen nach. Und bei Lasker-Schüler hat er sich auch nicht schlecht geschlagen, alles in allem. Ein unentbehrliches Nachschlagewerk!
*) Eher würde keiner Lust haben, so viele Bücher zu lesen. „Das soll ich ausforschen?“
Die Lesung der eigenwillig-selbstbewussten Dichterin geriet zum Desaster und spaltete das vor Staunen starre Publikum. Es zeigte sich irritiert und reagierte mit Hohn und Gelächter. Etliche Besucher verließen sogar empört den Saal. Andere waren jedoch fasziniert von der ungewöhnlichen Performance und klatschten demonstrativ Beifall. Die Lasker-Schüler, von der Presse als “Vertreterin der modernen radikalen Lyrik” angekündigt, reagierte verärgert und appellierte an das Publikum: “Ich bitte um Ruhe, ich lese hier das Allerfeinste vor. So geht das nicht weiter, ich bin das anders gewöhnt.” / njuuz
Mary Jo Bang, die für ihren jüngsten Band —Elegy— 2007 den National Book Critics Circle Award erhielt, gibt eine superzeitgenössische („über-contemporary“) postmoderne Übersetzung Dantes. Und, OMG (um eine Wendung zu benutzen, die sie darin hätte benutzen können aber nicht hat), Bang rockt und rollt das Gedicht herum bis es ihr eigenes wird; es ist faszinierend, manchmal schön und auch ein wenig bizarr.
Bang integriert moderne Bezüge aus Populärkultur (eine South-Park-Figur), Technologie (Smart card), Wetterphänomene (El Niño) und Alltagssprache (“Fighting our way up the ladder…”) und flicht Anspielungen auf John Coltrane, Fleetwood Mac, Joseph Cornell und den Wizard of Oz ein, ebenso Zitate von Eliot, Plath, Berryman und Browning.
Bangs elegante Worte erinnern uns daran, daß diese jahrhundertealte Geschichte noch immer wahr klingt: “What can hurt me here? What should I fear? / What beast can do me in that doesn’t live within? / One shouldn’t fear what isn’t.” * / Jim Carmin, Philadelphia Review of Books
‘INFERNO’
By Dante Alighieri
Translated by Mary Jo Bang
Drawings by Henrik Drescher
Published by Graywolf, 341 pages, $35
Morgen an der Harvard-Universität:
Wednesday, October 17, 6:00pm
OMNIGLOT SEMINAR: EXPERIMENTS AT THE BORDERS OF POETRY & TRANSLATION
Mary Jo Bang & Jennifer Scappettone
Mary Jo Bang (author of Elegy and the recent variations on Dante’s Inferno) and Jennifer Scappettone (translator of the award-winning Locomotrix: Selected Poetry and Prose of Amelia Rosselli and author of From Dame Quickly) explore the ways that their translation projects intersect with and enlarge their own poetics. The event will include readings and interactive discussions with the audience.
Woodberry Poetry Room, Lamont Library, Room 330.
Auf Deutsch:
Mary Jo Bang: Eskapaden
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Barbara Thimm. Mit Illustrationen von Matt Kindt
luxbooks 2011
*) Die Stelle, vermutlich 2. Gesang 88-90? (hab die Übersetzung Mary Jo Bangs nicht zur Hand). Da spricht Beatrice zu Dantes Begleiter Vergil. In der Übersetzung Karl Wittes:
Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen,
die Schaden uns zu tun die Macht besitzen;
vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.
In der neuen Prosaübersetzung von Hartmut Köhler:
Fürchten soll man sich nur vor solchen Dingen, die einem Schaden bringen können; vor anderen, die einen grundlos ängstigen, aber nicht.
Und bei Rudolf Borchardt:
Fürchten ist solche ding alleine schicklich,
die uns zu übele taugeten gereichen:
die andern nicht, denn sie sind unerschricklich.
An Bescheidenheit leidet er nicht:
Eine offizielle Feier zu seinem 85. Geburtstag hatte sich Günter Grass verbeten. Stattdessen hatte er sich gewünscht, dass sein Werk und dessen Präsentation angemessen gewürdigt werden solle. Dieser Wunsch ist ihm erfüllt worden. Zwei Tage vor seinem Geburtstag am 16. Oktober ist am Sonntagabend in Lübeck das neu gestaltete Günter-Grass-Haus offiziell eröffnet worden. (…)
Eva Menasse erneuert dagegen ihre Kritik an Grass´ israelkritischem Gedicht „Was gesagt werden muss“. „Ich halte das Gedicht für eine Torheit“, sagte sie. Grass konterte: „Ja, es war eine Torheit, das so auszusprechen. Aber es war eine notwendige Torheit.“… / Focus
Vom Freitag 19. Oktober bis Sonntag 21. Oktober sind 40 Dichterinnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol und Finnland zum ersten internationalen Lyrikerinnenfestival nach München in die Pasinger Fabrik eingeladen. Das „Schamrock – Festival der Dichterinnen“ gibt in Lesungen und Perfomances der aktuellen Lyrik ein weibliches Gesicht.
Unter ihnen sind: Marlene Streeruwitz (Österreich), Ilma Rakusa (Schweiz), Ruth Klüger U.S.A.), Swantje Lichtenstein (Deutschland), Sabine Gruber (Südtirol), Martina Hefter, Lydia Daher und Tanja Dückers (Alle drei Deutschland) und neben den Veranstalterinnen natürlich noch eine ganze Reihe Münchner Lyrikerinnen. / Nachrichten München
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
A Kansas poet, Wyatt Townley has written a number of fine poems about the swift and relentless passage of time, one of the great themes of the world’s poetry, and I especially like this one.
Finding the Scarf
The woods are the book
we read over and over as children.
Now trees lie at angles, felled
by lightning, torn by tornados,
silvered trunks turning back
to earth. Late November light
slants through the oaks
as our small parade, father, mother, child,
shushes along, the wind searching treetops
for the last leaf. Childhood lies
on the forest floor, not evergreen
but oaken, its branches latched
to a graying sky. Here is the scarf
we left years ago like a bookmark,
meaning to return the next day,
having just turned our heads
toward a noise in the bushes,
toward the dinnerbell in the distance,
toward what we knew and did not know
we knew, in the spreading twilight
that returns changed to a changed place.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by Wyatt Townley from her most recent book of poems, The Afterlives of Trees, Woodley Press, 2011. Poem reprinted by permission of Wyatt Townley and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
in der Lyrikzeitung? Nicht daß ich wüßte. Weder hab ich welche geordert noch jemals gesehn. Da mir aber bereits mehrere Leser berichteten, daß neuerdings unter den Nachrichten Werbung zu sehen ist (ich hab gute Werbeblocker, die schneiden alles weg!), muß es sich um ein neues „Feature“ von WordPress handeln. Und tatsächlich, auf ihren Seiten lese ich, daß ich gegen Extragebühr die Werbung loswerden kann. Das ist neu und wurde mir nicht mitgeteilt. Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig. Im November, wenn ohnehin neue Gebühren (dafür daß ich Bilder hochladen und einen eigenen Namen benutzen kann) anfallen, werde ich wohl ein teureres Paket nehmen. Bis dahin, und überhaupt, empfehle ich Werbeblocker.
In diesen Tagen erschien von Ralf Willms der Gedichtband Phobos. In der Mythologie ist Phobos der Sohn des Kriegsgottes Ares und der Liebesgöttin Aphrodite; die Texte spüren indessen dem Ephemeren – als Bestandteil von umfassenden Zusammenhängen – nach. Ulrich Schödlbauer schreibt dazu:
Phobos, oft mit Schaudern übersetzt, gelegentlich auch mit Furcht, entspricht jenem inneren Zittern, das Menschen befällt, die sich plötzlich einem Stück Welt gegenüber befinden statt, wie üblich, in Welt eingebunden zu sein durch Kontexte, die für sie die Wahrnehmungssteuerung übernehmen und ihr Handeln in geeigneten Bahnen verlaufen lassen. Das muss nichts landläufig Schreckliches sein. Die kleinste Wahrnehmung kann zum Auslöser werden, eine Email, eine Szene im Café oder der Anblick einer Ente im Park. Das seismographische Schreiben, das dieses Zittern aufzeichnet, folgt einer langen Tradition. Es kann also nicht so tun, als sei jede seiner Gebärden frisch und jede Vokabel neu. Die Kunst besteht darin, den Einsatz zu finden, Schnitte zu setzen und rechtzeitig auszusteigen, bevor das Bedürfnis, Zusammenhänge herzustellen, die Führung übernimmt. Am Ende ist das die einzige Opposition, die Willms gelten lässt: der vernutzten Welt stellt er nun nicht eine Welt ohne Nutzen gegenüber – wo wäre die zu finden? –, doch mit einer gewissen Entschlossenheit den Anflug der Unvernutztheit: unerwartet, unvermittelt, folgenlos, wenigstens in der Zeitfolge, dabei selbst eine Folge bildend, die vermutlich allem, was wahrnehmend lebt, den letzten Grund zur Empfindung gibt, da zu sein.
Die Phobos-Texte erschienen bereits – mit den Möglichkeiten des Internets aufbereitet – bei Acta Litterarum. Mit der Buchfassung handelt es sich um eine erweiterte Ausgabe; es finden sich 13 weitere Texte und Fotografien darin.
Ralf Willms: Phobos, Manutius Verlag, Heidelberg 2012
St. Veit veranstaltet am 12. und 13. Oktober schon den achtzehnten Jahrgang der Thomas-Bernhard-Tage. Im Ort gibt es einen Thomas-Bernhard-Wanderweg. Was sagen Sie zur neuen Konkurrenz in Goldegg?
Der Bernhard hat mit Goldegg wenig zu tun. In späteren Jahren ist er manchmal mit der Stavianicek im Postauto, selten im Taxi – dazu war sie zu sparsam – hinaufgefahren und zurückspaziert. Manchmal ist er auch zum Essen hinauf, aber eine echte Beziehung zu dem Ort hatte er nie.
Ist das dann nicht Trittbrettfahrerei?
Na ja. St. Veit konzentriert sich auf Vorträge über Leben und Werk des Dichters, in Goldegg machen sie jetzt Lesungen. Das war uns zu teuer, ein guter Schauspieler kostet einfach. Außerdem verlangt der Suhrkamp Verlag Tantiemen für eine Lesung – was für mich widersinnig ist. Aber so sind die einfach. Es wird die Frage sein, ob Goldegg das auf Dauer durchhält, ob die Veranstalter genügend Subventionen bekommen. Bei uns haben ein paar Leute aufgeschrieen, aber an und für sich ist nichts dagegen einzuwenden. Den Termin hätte man allerdings besser abstimmen können.
/ FAZ
Vom 14.10. – 18.10. 2012 wählt Urs Engeler das Fixpoetry-Gedicht des Tages aus. Gestern den französischsprachigen Schweizer Frédéric Wandelère:
Lyrik aus der Schweiz? La suisse n’existe pas, damit hat ein Künstler namens Ben vor Jahren den biederen Teil der Schweizer schockiert. Schockierender ist, „plötzlich“ einen solchen Giganten unter den Schweizern zu wissen. La poésie existe même en suisse!
Die vergangenen Beiträge werden temporär in der Rubrik Fixative archiviert. Dort findet man auch noch die Auswahl von Beat Brechbühl: den Ungarn Sándor Weöres, den Griechen Kavafis, den Amerikaner William Carlos Williams und dreimal den Türken Orhan Veli Kanık. (Vorsicht, Weltlyrik!)
Fratzen sickern aus Händen, Mythomanen manteln sich am Tor zu Prozessionen, wir finden Pyramidenschwestern, Würzwürfel, pomadiges Stochern, Bremsbahnen der Hirngespinste. etc.
Jinn Pogys erster Gedichtband, unter dem Titel „Golems Totems – Million-Dollar-Kirschen und verstimmte Vögel“ beim Verlagshaus J. Frank erschienen, birst vor Einfällen. Manche gefallen, zumal wenn sie gewitzt sind: „gestecknadelte Ahnen“. Daneben gibt es auch eingängige Zeilen wie „unterm Satellitenhimmel ein schwerer Mai“, „Rastest du an unseren räudigen Morgenden und dem Lächeln aus Licht“ oder gar etwas problematischer: „schnitzen wir Totenköpfe in die zagen Augenblicke“. Dann wieder findet man ron-winkler-like Zeilen wie „tageswürdiges Abseilen“ oder „ein Huf in die Magengrube“. Einige „soundarten“ klingen an, die man von kookbook-Autoren kennt. Wie bei diesen ist ihre Dichtung eine Synthese aus Abstraktem und Bildreichem, aus thematisch Konzentriertem und sprachtechnisch kunstvoll Abdriftendem. Mal befindet man sich einer „Scheichschleife“, nachdem zuvor surreal ein Hyänenkopf schräg auf der Erdkugel haftete. Dann ein plötzliches „Ficken“ am Anfang eines Gedichts, während das nächste, fast romantisch, beginnt mit „Die Nacht wächst heran“.
So oszilliert der Band zwischen in Demiurgenfeier zusammengeschlackten Sprachkreaturen („Golems“) und den Beobachtungen einer scheinbar seit jeher tumb dastehenden Welt, die aber mehr magische Kräfte besitzen soll, als ihr gemeinhin zugestanden wird („Totems“).
Man wird durchgeschüttelt in dieser Art von Poesie: in der Vielfalt der Themen ebenso wie der Intonationen, saloppen Einsprengsel und exzentrischer Brechungen. / Hendrik Jackson, lyrikkritik.de
Jinn Pogy, Golems Totems – Million-Dollar-Kirschen und verstimmte Vögel, Quartheft 32, 120 Seiten, Verlagshaus J. Frank
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