4. Brüste kuratiert

Das beginnt mit der Erweiterung des Fundus, aus dem heute üblicherweise geschöpft wird, es geht über die Klassische Moderne hinaus, über jene Teile der deutschen Romantik, die sie mit Fangarmen belegt hält, einige Angelsachsen und Baudelaire, wenn es hoch kommt. Die Spannweite der „Inneren Musik“ aber reicht bis in den Barock zurück: „zwei Brüste die wie Märchenreiche / schwimmen in einem Meer untergegangener / Katecheten, diesen Himmel habe ich // kuratiert mit einem Kuss“ eröffnet den Text, der sich vom Titel an, Beschreibung vollkommener Schönheit, an Christian Hofmann von Hofmannswaldau anschließt (ein kleiner, zweiseitiger Anmerkungsapparat am Ende des Bandes weist zudem darauf hin). Auch Martin Opitz, der Vater der deutschen Dichtung (seinerseits bekanntlich Sohn eines Metzgers)*, wird gewürdigt, Halbvergessene wie Johann Christian Günther und Georg Rudolf Weckherlin. (…)

Von Dichtern wie diesen hat man lange nichts gehört; es wäre wohl ein viel zu frommer Wunsch, zu behaupten, es läge nur daran, dass die einzige ordentliche vorliegende Edition der „Neukirch’schen Sammlung“ so unerhört und unerschwinglich teuer ist**. Einlösbar fromm aber scheint mir der Wunsch, die Einwohner einer von barocken Zügen gesättigten Gegenwart würden sich auf die Taufpaten vieler ihrer Ängste und Wucherungen einlassen. In jedem Falle lotet Tom Schulz vor diesen vielfältigen, teils exotischen Folien die feine Linie zwischen Wiederschreiben und Widerschreiben aus, spürt den Druckwellen der Bücher nach und reiht sich in deren Jahresringe. / Tobias Roth, Fixpoetry

Tom Schulz: Innere Musik. Gedichte. ISBN-13: 9783827010681 19,99 € Berlin Verlag Berlin 2012.

*) aha

**) immerhin gibts jetzt eine kostenlose Pdf des sechsbändigen Werks, so daß auch Studenten und Dozenten der Germanistik die Ausgabe (im Druck sieben Bände für zusammen über 1000 Euronen) lesen können. Was unbedingt empfohlen wird.

3. Inhaftierung eines Dichters

Amnesty International hat die Inhaftierung eines Dichters in Katar vor einem Jahr verurteilt und fordert seine sofortige Freilassung. Mohammed Al-Ajami, auch bekannt als Muhammad Ibn Al-Dheeb, wurde am 16. November 2011 verhaftet. Er wird der „Anstiftung zum Sturz“ des Regimes beschuldigt, worauf in Katar die Todesstrafe stehe, und der „Beleidigung des Emirs“ Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, wofür fünf Jahre Haft drohen. Die Justiz Katars werfe ihm vor, im Jahr 2010 in einem Gedicht den Emir kritisiert zu haben, aber der wahre Grund für seine Festnahme sei sein „Gartengedicht“, im Jahr 2011 geschrieben zur Zeit des „arabischen Frühlings“. Dieses Gedicht ist eine Hommage an die tunesische Revolution und äußert die Hoffnung, dass die Änderung auch andere arabischen Länder erreiche: „Wir alle sind Tunesien und stehen einer repressiven Elite gegenüber.“  / Algerie Liberté

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Leserkommentare sind überall eine eigene Gattung. Ein Leser von Algerie Liberté kommentiert:

diejenigen, die Muslime gegen Muslime bewaffnen, die die Trappe, die Gazellen und andere geschützte Arten dezimieren und die zionistische Verbrechen gegen das palästinensische Volk und die Araber unterstützen, sind verächtliche verabscheuungswürdige Untermenschen, die für ihre Verbrechen bezahlen werden

2. Heilmittel

Aus einer Konzertkritik:

„Heutzutage werden kaum noch Gedichte rezitiert“, fügt er hinzu. Gedichte verlangen jedoch danach, deklamiert zu werden. „Sie bringen Vergnügen und sind eine Art Heilmittel“, so Zischler.

Über das Zusammenwirken von Klavier und Gesang:

Bei manchen Stücken kippe die Musik. Dabei wechsele sie ihre Rolle von der untermalenden Begleitung zur führenden Kraft. „Diese Herausforderung, den richtigen Zeitpunkt zu treffen, ist aber normal. Das kommt immer vor, wenn man versucht etwas metrisches wie eine Melodie mit etwas ametrischem, den Wörtern, zusammenzuführen“, schildert Tomas Bächli seine Eindrücke.

/ Wiesbadener Kurier

1. Konrad Balder Schäuffelen †

Im Umkreis von Helmut Heißenbüttel, Franz Mon und Ludwig Harig machte er sich als Suhrkamp-Autor und Vertreter der Konkreten Poesie einen Namen.

Schäuffelen arbeitete auch als bildender Künstler, schuf eigensinnige Objekte und Installationen im Grenzbereich zwischen Literatur und Plastik. So ersann er etwa einen Diskus, dessen Kanten so scharf geschliffen waren, dass niemand ihn hätte werfen können. Oder er erfand die Lyrik-Anthologie neu, indem er Gedichte mit Nudeln nachlegte und diese dann in Luftballons abfüllte. So konnte jeder aufs Gramm genau abmessen, wie viel Gewicht manche Goethe-Verse wirklich haben. … Jetzt ist Schäuffelen in München gestorben. / SZ 24.10.

137. Ermordet

Der Humorist Warsame Shire Awale wurde in Somalia ermordet. Er wurde bekannt durch seine Kritik an den islamistischen Shebab-Rebellen. Er arbeitete für die in Mogadischu tätige private Radiostation Kulmiye. Er wurde am Montag von bisher nicht identifizierten Bewaffneten erschossen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen erklärte Somalia zum gefährlichsten Land für Journalisten. Warsame Shire Awale ist das 18. Opfer in diesem Jahr aus dem Bereich der Medien. / Afrik.com

136. Schnipsel

Herta Müller schnipselt eifrig schon seit den 80er Jahren, bewahrt all die zusammengeklaubten Wörter daheim in Schubladen auf, mal alphabetisch sortiert, mal nach Präpositionen geordnet, ein weiteres Mal ganz ohne System. Eine große Wörterwerkstatt ist das, in der Herta Müller arbeitet und sich dabei strengen Strukturen unterwirft: Auf eine Ansichtkarte muss es passen, muss auch grafisch stimmen und letztlich dem Blocksatz folgen. Da werden also lange und kurze Wörter hin- und hergeschoben, und dass am Ende mitunter heitere, inspirierende und bedenkenswerte Verse entstehen, ist das Unglaublichste überhaupt. Daran hat Herta Müller ihre Freude, wenn sie etwa aus der Lufthansa-Werbung das Wort „Fliegen“ ausschneidet und sich dann in ihrem Gedicht in ein Insekt verwandelt. „Ich habe den Eindruck, mir wird mit den Wörtern etwas geschenkt; und ich muss nur etwas mit ihnen machen“, sagt sie. Und: „Der Reim domestiziert, aber er ist auch wild. Er hat seine Verstecke, spielt mit mir.“ / Lothar Schröder, Rheinische Post

135. Euregio-Preis

Für den Euregio-Poesiepreis, der aus einem Geldpreis in Höhe von 1000 Euro besteht, können bis zum 31. Dezember bisher unveröffentlichte Gedichte in Niederländisch, in Deutsch und auch im Dialekt der Euregio-Regionen an der Grenze eingereicht werden. …

Pro Teilnehmer dürfen maximal drei Gedichte eingereicht werden. Einreichungen erfolgen per E-Mail oder Post. Gefördert wird der Euregio-Posiepreis vom Mozerprogramm der Euregio und von der Gemeinde Aalten. Wer diesen Lyrikpreis zum ersten Mal gewinnen wird, soll bei der „Poesienacht Bredevoort (NL) 2013“ im Sommer des nächsten Jahres dem Publikum bekannt gegeben werden. / Münsterländische Volkszeitung

134. Prinzip der Skepsis

Die viele Jahrzehnte umspannende Auswahl macht deutlich, wie stark sich die Autorin in Stil und Methode bis zu ihrem Tod treu blieb. In Szymborskas Werk herrscht die Lust am Zweifel, der Drang, alles in Frage zu stellen bei klarem Eingeständnis des eigenen Nichtwissens. Seit ihrer kurzzeitigen Verstrickung in den stalinistischen Literaturbetrieb der frühen 50er-Jahre verabscheute die Dichterin unwiderlegbare Wahrheiten, zerstörte sie systematisch und doch in jedem einzelnen Fall überraschend. Es ist das Prinzip der Skepsis, des ganz genauen Hinsehens, mit dem sie auch in diesem neuen Band den Leser verunsichert und in den Bann schlägt. So geschieht es zum Beispiel mit der „Glücklichen Liebe“ in dem gleichnamigen Gedicht. Die Lyrikerin polemisiert nach Kräften gegen diesen Zustand. Er sei nicht ernst zu nehmen, unnütz, die Gerechtigkeit beleidigend, mit gefährlichen Folgen im Falle massenhaften Auftretens. Am Ende heißt es, wer mit dieser Auffassung an die glückliche Liebe herangehe, sterbe leichter – eine ironische Wendung, aber keine ins banale Gegenteil. …

In dem Zyklus „Es ist genug“, an dem Wislawa Szymborska bis zu ihrem Tod arbeitete und den sie nicht mehr zum Abschluss brachte, verhält es sich genau so. Selbst dort, wo auf einmal Interesse am politischen Alltag aufscheint, geht es um die Betrachtung der grundlegender menschlicher Eigenschaften. „Jemand, den ich seit einiger Zeit beobachte“, heißt ein Gedicht, in dem sich Szymborska mit den in Polen letzthin beliebten Massendemonstrationen des nationalkatholischen Lagers beschäftigt. Bierflaschen, Scherben, Rosenkränze, Trillerpfeifen und Präservative zählt sie auf. Der Text ist ein Protest gegen die Straßenumzüge, indes artikuliert von einem schweigsamen Müllmann, indem der die Überbleibsel des an Pathos reichen Aufmarsches kommentarlos einsammelt. / Martin Sander, DLR

Wislawa Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius
Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
100 Seiten, 19,50 Euro

133. Hier und nebenan

„Kommse näher, kommse ran, hier wernse genauso beschissen wie nebenan!“

Warum fällt mir der Spruch beim Lesen einer Lyrikrezension ein?

Die Antwort darauf fällt mir nicht schwer.

Daß man über Autoren und Werke spricht, indem man im Guten oder Bösen vergleicht, ist nicht neu. Das Prinzip ist einfach – wer Peter Huchel erheben will, muß nur Wilhelm Lehmann runterhängen. Und wer meint, daß das nicht auch umgekehrt geht, irrt sich vielleicht – sehr. Um die (umstrittene) Zielgruppe akademisch Gebildeter anzusprechen: man hat vielleicht gelernt, daß Schiller in „Über Bürgers Gedichte“ mit einer ihm nicht genehmen Richtung abgerechnet hat. Schillers Kritik an Bürger: „Eine der ersten Erfodernisse des Dichters ist Idealisirung, Veredlung, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen.“ – „Der unschickliche Ausdruck: die Nase schnaubt nach Aether, und ein unächter Reim: blähn und schön, verunstalten den leichten und schönen Gang dieses Liedes.“ Nun, Herr Schiller saß vielleicht im Glashaus, und seine Balladenklassik ist auch nicht der absolute Maßstab.

Das alles, wie gesagt, ist normale bare Münze des Kritikergeschäfts. In der letzten Zeit beobachte ich aber eine übersteigerte Anwendung des Verfahrens. Ein mit einer Marketingstrategie einhergehendes simplifizierendes Schema will uns einreden, es gebe zwei Arten von Lyrikern. Zwei, nur zwei? Hunderte* träfe es besser. Dieses Buch enthalte hundert Autorpoetiken, schrieb Günter Kunert vor Jahrzehnten über eine Sammlung, und alle seien richtig. Diese Haltung scheint es nicht mehr zu geben. Die stalinistische Formel „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ hat sich in der Lyrikszene durchgesetzt. „Sie“ schreiben akademische, komplexe, unverständliche, das Publikum verscheuchende Gedichte und kassieren dafür auch noch die Preise, während „wir“ verständliche, einfache, „reale“, ein größeres Publikum verdienende Gedichte anbieten. Uns stünden die Preise zu, sagen die Leute, die gleichzeitig behaupten, die staatliche Subventionierung sei von Übel**. Klar doch: die der anderen.

Aber es gibt nicht zwei Schulen, sondern, Kunert und Mao haben Recht, hundert. Und der Bedeutungsverlust der Lyrik hat nicht vor sieben Jahre eingesetzt, sondern vor mindestens 200 – die romantischen Kritiker wußten es schon. Er ist auch nicht aus einer einzigen Ursache zu erklären, sondern verdammt komplex. Mindestens so komplex wie die bunte (nicht zweifarbige, wie schlechtgelaunte Kritiker dem wenig informierten Publikum hartnäckig einreden) Lyrikszene. Man lese selbst die „Top 20“, die Politycki für das Jubiläumsheft von Leitners „Das Gedicht“ zusammengestellt hat. Diese Gedichte von Autoren wie Karl Krolow, Walter Helmut Fritz, Günter Kunert, Gerhard Rühm, Matthias Koeppel, Fitzgerald Kusz, Franz Hodjak, Robert Schindel, Jean Krier usw. sollen die neue Leitner-Politycki-Schule der nichtkomplexen, nicht(gottseibeiuns!)akademischen „klaren“, „realen“ Lyrik sein? Da lachen ja die poetischen Windhühner (ogott, wo komm‘ die her? Wie irreal, Teufel!).

Das alles muß ich mit wachsendem Verdruß immer wieder, mehrmals im Jahr lesen. Muß in der Agenturwerbung und in den Editorials der Weßlinger Zeitschrift erfahren, daß ich, Käufer, Abonnent und Leser von Anfang an, als akademischer Verderber der Lyrik beschimpft werde***. Leute, ich zahle doch dafür, ihr solltet mir schmeicheln!

Ach ja. Soeben lese ich in einer Rezension eines sicher schönen Lyrikkalenders, den ich noch nicht kenne – was zu ändern mich diese mich ohrfeigende Rezension eher abschrecken will**** – dies:

„Poesie Agenda“ ist das Gegenteil von Lange­weile. Der Kalender aus dem Appen­zeller Berg­land dürfte auch Lesern liegen, die das, was sie lesen, ver­stehen wollen und vor Gedicht­bänden oder Gedicht-Antho­logien ansons­ten zurück­schrecken, weil sie krypti­sche Fein­staubl­yrik zwischen den Buch­deckeln vermuten.

Mensch, entspannt euch doch mal. Lest doch mal einfach Gedichte, die euch gefallen und freut euch dran, ohne den Teufel gleich dazuzumalen. Und wenn ihr kritisieren wollt, dann konkret und nicht im Schema-F-Nebensatz. Aber das können die nicht mehr?

_____________________

*) „Vorsicht, auf der A1 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen.“ – „Einer? Hunderte!“

**) Wer hat eigentlich die große Jubelfeier mit 60 Autoren in München bezahlt, die der BR aussenden wird? Leitners Portokasse, nehme ich an.

***) Nicht ich persönlich, sondern ich als Typ – als grundverderbter Leser vielerart über- wie unterkomplexer Lyrik.

****) Ich als der grundverderbte pp. s.o.

132. Pound 125

It’s the birthday of Ezra Pound, born 125 years ago today in Hailey, Idaho (1885). He was known as „the poet’s poet“ because he was so generous about promoting the work of other writers — including James Joyce, William Carlos Williams, D.H. Lawrence, Marianne Moore, Hilda Doolittle, and T.S. Eliot.

In his early 20s, he started teaching literature at a small college in the Midwest, until he caused a scandal by allowing a stranded vaudeville actress to sleep over at his place and was fired. But the college gave him the rest of his year’s salary, and he headed off to Europe with it.

He believed that Yeats was the greatest poet writing in English, and he was determined to make himself an apprentice to Yeats. He found him, befriended him, worked as his secretary, and later, he married the daughter of Yeats’s former lover.

In 1914, Pound met T.S. Eliot, and he campaigned to get „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ published in Poetry magazine. He’s sometimes credited as „discovering“ Eliot because of this.

He spent most of his writing life on The Cantos, a modern epic. There are 109 completed Cantos; the first of The Cantos begins:

„And then went down to the ship,
Set keel to breakers, forth on the godly sea, and
We set up mast and sail on that swart ship.
Bore sheep aboard her, and our bodies also
Heavy with weeping, and winds from sternward
Bore us out onward with bellying canvas
Circe’s this craft, the trim-coifed goddess.“

/ Garrison Keillor, The Writers‘ Almanac

131. DANIELA SEEL, MARTINA HEFTER UND ANDREA HEUSER

MEINE DREI LYRISCHEN ICHS: DANIELA SEEL, MARTINA HEFTER UND ANDREA HEUSER

1. November 2012 @ 20:00 – 21:30
Kulturzentrum Einstein
Einsteinstraße 42
81675 München
Preis: € 5/3

Münchens neue Lesereihe geht in die zweite Runde und freut sich, drei Dichterinnen begrüßen zu dürfen, die längst nicht mehr nur szeneintern auf sich aufmerksam machen. Alle drei spielen mit den Grenzen lyrischen Ausdrucks in Text und Lesung, Konventionalität wird man vergebens suchen. Passend dazu beginnen wir unsere Zusammenarbeit mit der jungen Kunstszene: Eine eigens konzipierte Ausstellung sowie die Installation „Westalgy“ umrahmen den Abend.

Daniela Seel, geb. 1974 in Frankfurt/Main, lebt in Berlin. 2003 gründete sie mit dem Grafiker Andreas Töpfer den Verlag kookbooks, der bis heute einer der wichtigsten Independent-Verlage im deutschsprachigen Raum ist. 2011 erschien dort ihr zahlreich prämierter Debütband ich kann diese stelle nicht wiederfinden.

Martina Hefter, geb. 1965 in Pfronten/Allgäu, lebt in Leipzig. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin veröffentlichte nach mehreren Romanen 2010 den GedichtbandNach den Diskotheken bei kookbooks, wo im kommenden Frühling ein weiterer folgen wird. Sie beschäftigt sich neben der literarischen Arbeit mit tänzerischen Projekten an der Schnittstelle von Text und Bewegung.

Andrea Heuser, geb. 1972 in Köln, lebt in München, wo sie neben zahlreichen anderen literarischen Aktivitäten die Autorenwerkstatt des Lyrik Kabinetts gründete. 2008 erschien ihr Lyrikdebüt vor dem verschwinden bei onomato. Nebst anderen Auszeichnungen erhielt sie 2007 den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt.

Andreas Chwatal, geb. 1982 in Regensburg, lebt in München, wo er seit 2008 an der Akademie der Bildenden Künste bei Prof. Markus Oehlen studiert. Ausstellungen u.a. in München, Berlin und New York.

Tilmann Severin, geb. 1985 in Hamburg, lebt in München. Er ist als Übersetzer russischer Gegenwartslyrik tätig und seit 2009 Mitherausgeber der Reihe „Unbedingte Universitäten“ im diaphanes Verlag. Arbeiten an der Grenze von bildender Kunst und Literatur.

Moderation: Walter Fabian Schmid und Tristan Marquardt.

130. Forklift, Ohio

Forklift, Ohio ist ein Ort. [Auf Anfrage ergänzt:] Ein seltsamer und sonderbarer Ort, an dem Gedichte und Kurzgeschichten auf Bilder stoßen, die mit Kochrezepten kollidieren, die auf Abhandlungen über die Sicherheit an Leichtindustrie-Arbeitsplätzen prallen. Also Und eine Zeitschrift – „“Forklift, Ohio: A Journal of Poetry, Cooking & Light Industrial Safety“. Herausgegeben wird sie von Eric Appleby, Matt Hart und Tricia Suit.

Sie tun das, weil sie Lyrik lieben und eine Gemeinschaft Gleichgesinnter bilden wollen. Weil sie glauben, Lyrik ist wunderbar genug um ernst genommen zu werden. Aber auch nicht zu ernst.

„Lyrik ist fremdgemachte Sprache. Wörter aus ihrem Kontext nehmen.“, sagt Hart. „Forklift, Ohio, das ist wirkliche Poesie (real poetry, Realpoesie) von wirklichen Dichtern auf ungewöhnliche Art dargeboten.“ / Cincinnati.com

NB Zur Vorsicht die Googleübersetzung nachgereicht:

Gabelstapler, Ohio ist ein Ort. Eine seltsame und wunderbare Ort, wo Gedichte und Kurzgeschichten stoßen Bilder, die mit Rezepten stoßen, dass Knall in Abhandlungen über Licht-Industrie die Sicherheit am Arbeitsplatz.

Alles klar?

129. Des Ostens

Ist schon eine Weile her, aber immer noch doof:

Die doofe taz diffamierte den unlängst verstorbenen Lyriker Wolfgang Hilbig in ihrem Nachruf als „Charles Bukowski des Ostens”. / webmoritz

Wer das nicht glauben mag, hier:

4. Juni 2007 – Es war nur eine Frage der Zeit, dass Wolfgang Hilbig, dieser Charles Bukowski des Ostens, im Westen entdeckt werden musste. Er stieß dort 

Das ist nicht nur doof, das ist der größte denkbare Blödsinn zum Thema. Dank Netzverbreitung nun aber unsterblich.

Geht natürlich auch mit anderen:

16. Sept. 2009 – Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan ist der Charles Bukowski des Ostens: hart, abgründig und unendlich ehrlich, wenn es darum geht, 

Ich probiere das auch mal, ah:

Die taz ist die Junge Welt* des Westens

Naja, mäßig. Aber immer noch treffender als der ihr Scheiß.

*) Natürlich die bis 1989

Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak.

128. Kaum eine andere

Mascha Kaléko konnte Gedichte schreiben wie kaum eine andere Frau im 20. Jahrhundert. Doch ein Satz wie dieser – derartig lobend – war zu ihren Lebzeiten, also von 1907 bis 1975, kaum einmal zu hören. / Guido Pauling, NDR

Ja natürlich. Denn alle oder fast alle Frauen im 20. Jahrhundert, von Else Lasker-Schüler bis herunter zu Emma Schmitz haben andere Gedichte geschrieben, manche auch gar keine. Nur „certain men quite possibly may have“, sagt Cummings. Aber der ist selber ein Mann und vielleicht befangen.

Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak

127. Fundsache

Dem Weinliebhaber, der bisher meinte, er bliebe von dem Genuss dessen verschont, was bei höheren Lebewesen „Fäkalien“ genannt wird, wird eine herbe Enttäuschung nicht erspart bleiben. „Beim Wein, so scheint es, ist die Enzymbehandlung schon Alltag, glaubt man der Firma Röhm: ‘Enzyme sind mittlerweile fester Bestandteil ökologischer Verfahren und werden sowohl zur Gütesteigerung als auch zur Kostenersparnis eingesetzt.“
Jetzt ist der Aromazusatz schon Bestandteil der Ökologie! Das nenne ich Real-Poesie: die positive Umdeutung in das Gegenteil. Der Weintrinker wird am besten diese Positivierung übernehmen, sonst kommt vielleicht ab dem dritten Viertel zum Alkohol-Schwindel noch der Öko-Aroma-Schwindel ! / purania.com (Quelle:  Grimm, H.-U.: „Die Suppe lügt“; Klett-Cotta 1997)