86. Elke Erb erhält Ernst-Jandl-Preis für Lyrik 2013

Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb wird dieses Jahr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Wie Kulturministerin Claudia Schmied heute, Donnerstag, in einer Aussendung mitteilte, wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung der Autorin am 15. Juni im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage in Neuberg an der Mürz überreicht.

Für Schmied gehört Erb „seit geraumer Zeit zu den bedeutenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte fordern uns dazu auf, uns vorbehaltlos zu öffnen und uns auf ihre sensible, ästhetische, souveräne, oft mehrdeutige Sprache einzulassen.“ Der Preis wird Erb für ihr lyrisches Gesamtwerk verliehen, mit dem sie „uns die unendliche Vielfalt von Welt und Sprache“ vermittle, so die Ministerin weiter. Die Jury bezeichnete Erbs Lyrik als „ein Schreiben an der Welt entlang, ein offener Prozess, in dem die Formen der Wahrnehmung ebenso überprüft werden wie ihre sprachlichen Mittel“.

Elke Erb wurde 1938 in Scherbach (Eifel) geboren und studierte in Halle Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik. Nach ihrem Lehrerexamen arbeitete sie beim Mitteldeutschen Verlag als Lektorin und ab 1966 als freiberufliche Autorin. Neben regelmäßigen Veröffentlichungen von Kurzprosa, Lyrik und prozessualen Texten machte sich Erb auch als Übersetzerin und Nachdichterin russischer Poesie einen Namen. Seit dem Mai des Vorjahres ist sie auch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik wurde nach dem Tod des Autors und Dichters im Jahr 2000 initiiert und wird seit 2001 im Zweijahresrhythmus vergeben. Die Auswahl trifft eine fünfköpfige Fachjury, der aktuell Paul Jandl, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Thomas Poiss und Klaus Reichert angehören. Vor zwei Jahren ging der Preis an Peter Waterhouse.

85. Markus Lüpertz gratuliert

dem großen Baselitz, schreibt BILD, und druckt das Gratulationsgedicht des großen Lüpertz.

84. Gestorben

In Biel ist am 20. Januar der Schriftsteller Jörg Steiner nach schwerer Krankheit 82-jährig gestorben. 1956 debütierte Steiner mit einem Gedichtband und schuf seither ein bedeutendes und vielfältiges literarisches Werk.

(…) Der junge Lehrer, bis anhin ein einsamer Leser, fand zu einer eigenen lyrischen Rede. Mit 26 Jahren veröffentlichte er Gedichte von sattem Klang: «Episoden aus Rabenland». Dann stiess er zur Prosa vor. Und damit sogleich zu jenen kindlichen Aussenseitern, deren reale Vorbilder ihm selber das Innere aufgebrochen hatten. Um der eminenten Kunst der Prosa willen, die er bis ins Alter immer neu unter Beweis stellte, wurde Jörg Steiner berühmt. (…)

Seine ersten Bücher erschienen im Rahmen des Aufbruchs der zweiten schweizerischen Moderne nach Frisch und Dürrenmatt, um 1960 herum. Nicht wenige der bedeutendsten Autoren kamen wie er aus der Juraregion: Gerhard Meier, Otto F. Walter, Peter Bichsel. Es war eine Moderne, die in den von Otto F. Walter und Helmut Heissenbüttel herausgebrachten milchigen Walter-Drucken dokumentiert ist, eine Bewegung mit internationaler Vernetzung: von H. C. Artmann und Ernst Jandl bis Francis Ponge und Gertrude Stein. Die Nähe zum französischen nouveau roman war unverkennbar. Dass Jörg Steiner diese Moderne so schöpferisch und glaubwürdig sein Leben lang weiterzutreiben wusste, dürfte zu den erstaunlichsten Leistungen der neueren deutschsprachigen Literatur überhaupt gehören. / Beatrice von Matt, NZZ

83. Scheinwelten

Ist es nicht irgendwie auch lustig, wie besonders rund um die Lyrik Parallelwelten konstituiert werden? Ein Fremder, der ohne Vorwissen an bestimmte Informationsquellen geriete, würde meinen, Leitner und die Seinen seien das Zentrum der deutschen Poesie, ein anderer würde sie gar nicht kennen und den Puls deutschen Dichtens in der sog. Frankfurter oder Nationalbibliothek wähnen, ein dritter wüsste nicht, was es außer Schilling und Lammla denn zu lesen gebe, ein weiterer hielte wiederum Detering wohl für einen der anerkannten Dichterfürsten im ganzen Land … und so würde jeder von ihnen, wenn er durch Interesse auf andere Quellen stieße, sehr verwundert sein, nicht nur ihm völlig neue Namen zu lesen, sondern seine alten Heroen nur marginal oder gar nicht wiederzufinden, und in sofern mit den anderen drei einig.

Àxel Sanjosé

82. Und jetzt: Poesie

Der hier ursprünglich befindliche Text ist mitsamt Kommentaren in der Müllhalde gelandet:

Und jetzt: Poesie.

Nikolaus Lenau: Die Albigenser

Schlußgesang

[887] Wofür sie mutig alle Waffen schwangen
Und singend in die Todesfeuer sprangen,
Was war es? trotzte hier ein klarer Blick
Ins Herz der Freiheit jedem Mißgeschick?
War’s Liebe für die heilige, erkannte,
Die heißer als die Scheiterhaufen brannte?
War’s von der Freiheit nur ein dunkles Ahnen,
Dem sie gefolgt auf allen Schreckensbahnen?
Mehr nicht! – doch soll die Edlen darum eben
Bewunderung und Wehmut überleben.
O ernste Lieb zur Freiheit, schönes Werben,
Wenn ihre Spur genügt, dafür zu sterben! –

Und dringt die Frage weiter in mein Lied,
Warum es nicht so wilden Graus vermied,
Warum es ruft nach jenes Greuels Schatten,
Den die Geschichte froh war zu bestatten?
Wozu begrabnes Leid lebendig singen
Und gegen Tote Haß dem Herzen bringen?
Hat unsre Zeit nicht Leids genug für Klagen?
Hat Haß nicht manchen, der da lebt, zu schlagen?

Doch weile auf der Vorwelt unser Blick,
Die Vorwelt soll uns tief im Herzen wühlen,
[888] Daß wir uns recht mit ihr zusammenfühlen
In ein Geschlecht, ein Leben, ein Geschick.

Der Wandrer gibt dem Freund, der nach ihm schreitet,
Wo sich der Scheideweg im Walde spreitet,
Den Weg, den er gewandelt, treulich kund,
Er streut ihm grüne Reiser auf den Grund;
So ließen uns die alten Kämpfer Zeichen:
Die Trümmer ihres Glücks und ihre Leichen.

Geteiltes Los mit längstentschwundnen Streitern
Wird für die Nachwelt unsre Brust erweitern,
Daß wir im Unglück uns prophetisch freuen
Und Kampf und Schmerz, sieglosen Tod nicht scheuen.
So wird dereinst in viel beglücktern Tagen
Die Nachwelt auch nach unserm Leide fragen.

Woher der düstre Unmut unsrer Zeit,
Der Groll, die Eile, die Zerrissenheit? –
Das Sterben in der Dämmerung ist schuld
An dieser freudenarmen Ungeduld;
Herb ists, das langersehnte Licht nicht schauen,
Zu Grabe gehn in seinem Morgengrauen.
Und müssen wir vor Tag zu Asche sinken,
Mit heißen Wünschen, unvergoltnen Qualen,
So wird doch in der Freiheit goldnen Strahlen
Erinnerung an uns als Träne blinken.

Nicht meint das Lied auf Tote abzulenken
Den Haß von solchen, die uns heute kränken;
Doch vor den schwächern, spätgezeugten Kindern
Des Nachtgeists wird die scheue Furcht sich mindern,
Wenn ihr die Schrumpfgestalten der Despoten
Vergleicht mit Innozenz, dem großen Toten,
[889] Der doch der Menschheit Herz nicht still gezwungen
Und den Gedanken nicht hinabgerungen.

Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen,
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten;
Den Albigensern folgen die Hussiten
Und zahlen blutig heim, was jene litten;
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten,
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter,
Die Stürmer der Bastille, und so weiter.

Fußnote

1 Der Name Albigenser war ein gemeinsamer, unter welchem die katholische Kirche jener Zeit die verschiedenartigsten, moralisch und dogmatisch divergierendsten Ketzersekten zusammenbegriff. Sie glaubten nicht alle einen Dualism; auch sollen überhaupt durch das nachstehende Bekenntnis nur ohngefähr die äußersten Linien ihrer Abweichung vom kirchlichen Dogma angedeutet werden.

81. Dubpoetin

„Zuerst fühle ich einen Rhythmus oder einen Klang, und ich frage mich, was er mir sagen will“, erklärt Jazzmin Tutum. „Dann schält sich eine Idee heraus, in einem einzelnen Satz. Und aus dieser Haltung heraus entwickelt sich ein ganzes Gedicht. Was ich dazu aber immer brauche, ist der Puls aus den schweren Basslinien, der bringt meine Gedanken in Bewegung.“

Diese Bässe gibt es im Dub, jenem Genre, das in Jamaika aus Instrumentalfassungen von Reggaestücken entstand, über die dann weiter improvisiert wurde. „Dub und Reggae ermöglichten mir eine dauerhafte Beziehung zu Jamaika“, sagt Tutum. Denn eine geographische Heimat zu finden war bei ihrem turbulenten Lebenslauf schwer: Jasmine Tutum, wie sie eigentlich heißt, wurde als Tochter eines gabunesischen Politikers und einer Jamaikanerin in Japan geboren, wo die Eltern für die UNO arbeiteten. Italien, Spanien, Gabun, Kanada und Jamaika waren weitere Stationen, sie bereiste Indien und Fernost und kam 2007 nach Freiburg. / Stefan Franzen, Badische Zeitung 22.1.

Performance: Freiburg, E-Werk, 25. Januar, 20.30 Uhr. CD: Jazzmin Tutum, Share The Flame (Universal Egg, angekündigt für Februar).

80. Umtriebe

Igel ist eine Autorin, die seit drei Jahrzehnten konsequent ihren literarischen Weg geht. Ich schätze sie als Gesprächspartnerin und Kollegin, mit der ich die Reihe Neue Lyrik im Auftrag der Kulturstiftung Sachsen im Verlag Poetenladen herausgeben darf, aber lange bevor ich sie persönlich kannte, schätzte ich sie schon als Autorin.

Ihr neuestes Werk heißt Umtriebe und ist als fünfzehnter Band in der von Bert Papenfuss und Sascha Anderson herausgegebenen Reihe Black Paperhouse im Frankfurter Gutleut Verlag erschienen. (…)

Sie changieren zwischen Miniatur und Prosagedicht, ohne dass das Nichterfüllen der Kategorie einen Mangel an Qualität bedeutet. Vielmehr ist es so, dass die Texte in ihrer Durchbildung jeglichen formalen Dogmatismus absurd erscheinen lassen. Sie erfinden, indem sie sich selbst erfinden,  zugleich ihre eigene Form. Das heißt, sie zelebrieren Freiheit.

Im Text Sondierungen, der meiner Meinung nach auch so etwas wie eine poetologische Einlassung bildet, hört sich das so an:

Erfinden – d.h. In diesem falle, in den textraum vorzudringen, ihn zu sondieren (was an eine operation gemahnt – das besteck des operateurs, es ist nicht das eigene gewebe, das er seziert, der blick auf ein objekt gerichtet, der objektive blick, der sich oft als obsessiv entpuppt), obsessiv diese sondierungen allerdings – Sie betreffen den eigenen körper, besser: die verkörperung der eigenen Geschichte, …

/ Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Jayne-Ann Igel: Umtriebe.  Mit gefaltetem Plakatumschlag, unter Verwendung von Zeichnungen von Reiner Maria Matysik
ISBN 978-3-936826-71-5 € 11, Reihe Black Paperhouse Nr. 15 Gutleut Verlag Frankfurt am Main 2012

79. Inaugural poem

Bei der Los Angeles Times der Text des Gedichts, das Inaugural-Poet Richard Blanco zur zweiten Amtseinführung Barack Obamas heute vorgetragen hat. Da es sich um ein öffentliches Gedicht handelt („we, the people“: wir sind das Lesevolk!), das auch vom Presidential Inaugural Committee übermittelt wurde, sehe ich keine Bedenken gegen eine Veröffentlichung auch hier:

„One Today“

One sun rose on us today, kindled over our shores,
peeking over the Smokies, greeting the faces
of the Great Lakes, spreading a simple truth
across the Great Plains, then charging across the Rockies.
One light, waking up rooftops, under each one, a story
told by our silent gestures moving behind windows.

My face, your face, millions of faces in morning’s mirrors,
each one yawning to life, crescendoing into our day:
pencil-yellow school buses, the rhythm of traffic lights,
fruit stands: apples, limes, and oranges arrayed like rainbows
begging our praise. Silver trucks heavy with oil or paper—
bricks or milk, teeming over highways alongside us,
on our way to clean tables, read ledgers, or save lives—
to teach geometry, or ring-up groceries as my mother did
for twenty years, so I could write this poem.

All of us as vital as the one light we move through,
the same light on blackboards with lessons for the day:
equations to solve, history to question, or atoms imagined,
the “I have a dream” we keep dreaming,
or the impossible vocabulary of sorrow that won’t explain
the empty desks of twenty children marked absent
today, and forever. Many prayers, but one light
breathing color into stained glass windows,
life into the faces of bronze statues, warmth
onto the steps of our museums and park benches
as mothers watch children slide into the day.

One ground. Our ground, rooting us to every stalk
of corn, every head of wheat sown by sweat
and hands, hands gleaning coal or planting windmills
in deserts and hilltops that keep us warm, hands
digging trenches, routing pipes and cables, hands
as worn as my father’s cutting sugarcane
so my brother and I could have books and shoes.

The dust of farms and deserts, cities and plains
mingled by one wind—our breath. Breathe. Hear it
through the day’s gorgeous din of honking cabs,
buses launching down avenues, the symphony
of footsteps, guitars, and screeching subways,
the unexpected song bird on your clothes line.

Hear: squeaky playground swings, trains whistling,
or whispers across café tables, Hear: the doors we open
for each other all day, saying: hello, shalom,
buon giorno, howdy, namaste, or buenos días
in the language my mother taught me—in every language
spoken into one wind carrying our lives
without prejudice, as these words break from my lips.

One sky: since the Appalachians and Sierras claimed
their majesty, and the Mississippi and Colorado worked
their way to the sea. Thank the work of our hands:
weaving steel into bridges, finishing one more report
for the boss on time, stitching another wound
or uniform, the first brush stroke on a portrait,
or the last floor on the Freedom Tower
jutting into a sky that yields to our resilience.

One sky, toward which we sometimes lift our eyes
tired from work: some days guessing at the weather
of our lives, some days giving thanks for a love
that loves you back, sometimes praising a mother
who knew how to give, or forgiving a father
who couldn’t give what you wanted.

We head home: through the gloss of rain or weight
of snow, or the plum blush of dusk, but always—home,
always under one sky, our sky. And always one moon
like a silent drum tapping on every rooftop
and every window, of one country—all of us—
facing the stars
hope—a new constellationama
waiting for us to map it,
waiting for us to name it—together

Auszug aus Präsident Obamas Ansprache zum Anlaß:

“We, the people, declare today that the most evident of truths – that all of us are created equal – is the star that guides us still.”

“My fellow Americans, we are made for this moment, and we will seize it – so long as we seize it together.”

78. Inaugural poet

Inaugural poet Richard Blanco will read a poem for President Barack Obama in Washington D.C. for the inauguration, but many of our readers have not read his work yet.

Below, we’ve linked to 14 of Blanco’s poems online, including the free poetry chapbook, Place of Mind. Here’s more from his official biography:

Blanco was made in Cuba, assembled in Spain, and imported to the United States—meaning his mother, seven months pregnant, and the rest of the family arrived as exiles from Cuba to Madrid where he was born. Only forty-five days later, the family emigrated once more and settled in New York City, then eventually in Miami where he was raised and educated. His acclaimed first book of poetry, City of a Hundred Fires, explores the yearnings and negotiation of cultural identity as a Cuban American, and received the Agnes Starrett Poetry Prize from the University of Pittsburgh Press.

/ Galleycat

14 Richard Blanco Poems You Can Read Online

77. Hungerkünstlerin

Drei Jahre nach dem Tod der Autorin ist Elfriede Gerstls Nachlass so weit aufgearbeitet, dass eine dicke und dichte Publikation erscheinen konnte. Faksimiles von Notizzetteln, Dokumenten, Tagebuchseiten, Veranstaltungsprogrammen und Fotos aus gut acht Jahrzehnten stehen Seite an Seite mit wissenschaftlichen Aufsätzen sowie Nachrufen, Erinnerungen, Auseinandersetzungen und Porträts von Kolleginnen und Kollegen. (…) Als „Hungerkünstlerin“ bezeichnet sie Klaus Kastenberger und betont die Bedeutung der traumatischen Kindheit – als jüdisches Mädchen, das im Wien der Jahre 1938-45 versteckt überlebte – für Gerstls Leben und Literatur und ihre Rolle als Randfigur der Wiener Gruppe. Randfigur der Literaturszene war sie vor allem auch als Frau. So würdigt denn auch Christa Gürtler Gerstls „wilden Feminismus“, bezeichnet die um 1970 verfassten „Spielräume“ als einen ersten feministischen Roman aus Österreich und betont die Fähigkeit der Schwarze-Botin-Autorin, zutiefst kontroverse feministische Positionen „in Schwebe“ haltend „unter einen Hut“ zu bringen. Diese Dokumentation ist so reichhaltig, dass sie oft und immer wieder zur Hand genommen werden kann und soll. / Helga Pankratz, WeiberDiwan

„wer ist denn schon zu hause bei sich“. Hg. von Christa Gürtler und Martin Wedl, Band 19 der Reihe Profile, Magazin des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. 317 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012 EUR 22,60

76. Lyrik in unlyrischen Zeiten

Im Gedichtband Nauz (zu Deutsch „Futtertrog“) der ladinischen Lyrikerin Roberta Dapunt stehen Gedichte neben äußerst prosaischen Fotos vom Sauschlachten in all seinen Stadien. Die lyrischen Momentaufnahmen bäuerlicher Existenz in Südtirol macht frau, wenn der mit Arbeit und Geschäftigkeit erfüllte Alltag es zulässt: im Dunkel und in der Einsamkeit der Nacht, an der Schwelle des Schlafes, denn die Arbeit „lässt Träume verdorren“. Der Tod der Kreatur als Voraussetzung für das menschliche Überleben drängt sich in Wort und Bild auf, wird der Unsichtbarkeit und Verdrängung entrissen und gegenwärtig. Gleich den Tieren, die wir verzehren, sind auch die Menschen nur vorübergehende „Pächter auf Erden“. (…) Die äußerlich unspektakuläre bäuerliche Existenz bietet demgegenüber kaum Erzählenswertes und ist dabei selbst eine „verendende“. Dasselbe gilt für die ladinische Sprache, die Sprache einer „Minderheit in der Minderheit“, die noch von annähernd 30.000 Personen in der Region östlich von Bozen gesprochen wird. Eine Lektüre für LeserInnen jenseits des Mainstreams, die sich in Fragen menschlicher Existenz kontemplativ vertiefen und auf die unerwarteten Sichtweisen einlassen wollen, die die Sprache der Lyrik eröffnet. / Hilde Grammel, Weiberdiwan  

Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Ladinisch und deutsch. Übersetzt von Alma Vallazza. 77 Seiten, Transfer Bibliothek, Folio Verlag, Wien-Bozen 2012 EUR 22,90

75. American Life in Poetry: Column 400

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a poem for this season by Tim Nolan, of Minnesota. Once we begin to be thankful for things, there are more and more things to be thankful for.

Thanksgiving

Thanks for the Italian chestnuts—with their
tough shells—the smooth chocolaty
skin of them—thanks for the boiling water—

itself a miracle and a mystery—
thanks for the seasoned sauce pan
and the old wooden spoon—and all

the neglected instruments in the drawer—
the garlic crusher—the bent paring knife—
the apple slicer that creates six

perfect wedges out of the crisp Haralson—
thanks for the humming radio—thanks
for the program on the radio

about the guy who was a cross-dresser—
but his wife forgave him—and he
ended up almost dying from leukemia—

(and you could tell his wife loved him
entirely—it was in her deliberate voice)—
thanks for the brined turkey—

the size of a big baby—thanks—
for the departed head of the turkey—
the present neck—the giblets

(whatever they are)—wrapped up as
small gifts inside the cavern of the ribs—
thanks—thanks—thanks—for the candles

lit on the table—the dried twigs—
the autumn leaves in the blue Chinese vase—
thanks—for the faces—our faces—in this low light.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Tim Nolan, from his most recent book of poems, And Then, New Rivers Press, 2012. Poem reprinted by permission of Tim Nolan and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

74. Pfarrerdichter

Vielleicht liegt es an seinem theologischen und altphilologischen Hintergrund, dass seine Lyrik modern und zugleich sehr traditionell wirkt.

„Meine Gedichte folgen nicht der postmodernen Dauerschleife der Infragestellung des Autors oder einer fundamentalen Sprachkritik. Ich habe mich immer mehr reingeschrieben in ein ganz naives Vertrauen in die Sprache, die etwas zu tun hat mit: Im Anfang war das Wort.“

Der Pfarrerdichter betont, er wolle nicht einem Kulturpessimismus das Wort rede, aber er mache sich schon Sorgen um die Zukunft der Lyrik. Einerseits seien Lesungen sehr gut besucht. Das hänge vielleicht auch mit dem Boom des poetry slam zusammen. Doch zugleich würden die Verkaufszahlen von Gedichtbänden weiter sinken.

„Und das Andere ist, dass generell die Lyrik eine Gattung ist, die eine Nähe zur Philosophie und zur Theologie hat, und dass sie damit in einem Dreiklang steht, der es in unseren Tagen ohnehin schwer hat. In Lebensvollzügen, die immer funktionaler werden, (..) sind die Fragen nach den Grunddingen immer mehr an den Rand gedrängt und das betrifft absolut die Lyrik.“ /  Michael Hollenbach, DLR

73. Thomas Brasch

Ja, Brasch war »der poetische Sprecher (seiner Generation)«, das stand auch so in der FAZ; der Kleist seiner Zeit – oder, um es wieder mit Heiner Müller zu sagen, einer, »den man ziehen lassen sollte«. Esther Dischereit las: »Auf einem alten Foto ist (meine Großmutter) eine schöne Frau / … Ihr erster Mann erschoß sich mit 29«. Für den dritten wurde sie katholisch: »Als die Nazis sie holten, rief sie: Was wollt ihr von mir: Ich bin keine Jüdin mehr«. / Jamal Tuschik, junge Welt

72. Gestorben

Im biblischen Alter von 101 Jahren ist die japanische Dichterin Toyo Shibata gestorben. Sie sei am Sonntag „friedlich und ohne Schmerzen“ in einem Altenheim nördlich von Tokioverschieden, sagte ihr ältester Sohn Kenichi Shibata der Nachrichtenagentur AFP. Seine Mutter, die erst mit 92 Jahren mit dem Schreiben begonnen hatte, habe noch Gedichte verfasst, als sie über hundert gewesen sei. (…)

Shibatas erste Anthologie* „Kujikenaide“ (übersetzt „Lass Dich nicht entmutigen“) wurde fast 1,6 Millionen Mal verkauft. Das 2009 zunächst im Eigenverlag veröffentlichte Werk wurde 2010 von einem renommierten Verlag neu aufgelegt und zum Kassenschlager. In Japan zählt eine Gedichtsammlung schon als Erfolg, wenn sie sich mehr als 10.000 Mal verkauft.** / Ostthüringer Zeitung

*) Im Deutschen nennt man eine Gedichtsammlung eines Autors im allgemeinen nicht Anthologie.

**) Gibts im Deutschen eigentlich auch Erfolge?