75. American Life in Poetry: Column 400

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a poem for this season by Tim Nolan, of Minnesota. Once we begin to be thankful for things, there are more and more things to be thankful for.

Thanksgiving

Thanks for the Italian chestnuts—with their
tough shells—the smooth chocolaty
skin of them—thanks for the boiling water—

itself a miracle and a mystery—
thanks for the seasoned sauce pan
and the old wooden spoon—and all

the neglected instruments in the drawer—
the garlic crusher—the bent paring knife—
the apple slicer that creates six

perfect wedges out of the crisp Haralson—
thanks for the humming radio—thanks
for the program on the radio

about the guy who was a cross-dresser—
but his wife forgave him—and he
ended up almost dying from leukemia—

(and you could tell his wife loved him
entirely—it was in her deliberate voice)—
thanks for the brined turkey—

the size of a big baby—thanks—
for the departed head of the turkey—
the present neck—the giblets

(whatever they are)—wrapped up as
small gifts inside the cavern of the ribs—
thanks—thanks—thanks—for the candles

lit on the table—the dried twigs—
the autumn leaves in the blue Chinese vase—
thanks—for the faces—our faces—in this low light.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Tim Nolan, from his most recent book of poems, And Then, New Rivers Press, 2012. Poem reprinted by permission of Tim Nolan and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

74. Pfarrerdichter

Vielleicht liegt es an seinem theologischen und altphilologischen Hintergrund, dass seine Lyrik modern und zugleich sehr traditionell wirkt.

„Meine Gedichte folgen nicht der postmodernen Dauerschleife der Infragestellung des Autors oder einer fundamentalen Sprachkritik. Ich habe mich immer mehr reingeschrieben in ein ganz naives Vertrauen in die Sprache, die etwas zu tun hat mit: Im Anfang war das Wort.“

Der Pfarrerdichter betont, er wolle nicht einem Kulturpessimismus das Wort rede, aber er mache sich schon Sorgen um die Zukunft der Lyrik. Einerseits seien Lesungen sehr gut besucht. Das hänge vielleicht auch mit dem Boom des poetry slam zusammen. Doch zugleich würden die Verkaufszahlen von Gedichtbänden weiter sinken.

„Und das Andere ist, dass generell die Lyrik eine Gattung ist, die eine Nähe zur Philosophie und zur Theologie hat, und dass sie damit in einem Dreiklang steht, der es in unseren Tagen ohnehin schwer hat. In Lebensvollzügen, die immer funktionaler werden, (..) sind die Fragen nach den Grunddingen immer mehr an den Rand gedrängt und das betrifft absolut die Lyrik.“ /  Michael Hollenbach, DLR

73. Thomas Brasch

Ja, Brasch war »der poetische Sprecher (seiner Generation)«, das stand auch so in der FAZ; der Kleist seiner Zeit – oder, um es wieder mit Heiner Müller zu sagen, einer, »den man ziehen lassen sollte«. Esther Dischereit las: »Auf einem alten Foto ist (meine Großmutter) eine schöne Frau / … Ihr erster Mann erschoß sich mit 29«. Für den dritten wurde sie katholisch: »Als die Nazis sie holten, rief sie: Was wollt ihr von mir: Ich bin keine Jüdin mehr«. / Jamal Tuschik, junge Welt

72. Gestorben

Im biblischen Alter von 101 Jahren ist die japanische Dichterin Toyo Shibata gestorben. Sie sei am Sonntag „friedlich und ohne Schmerzen“ in einem Altenheim nördlich von Tokioverschieden, sagte ihr ältester Sohn Kenichi Shibata der Nachrichtenagentur AFP. Seine Mutter, die erst mit 92 Jahren mit dem Schreiben begonnen hatte, habe noch Gedichte verfasst, als sie über hundert gewesen sei. (…)

Shibatas erste Anthologie* „Kujikenaide“ (übersetzt „Lass Dich nicht entmutigen“) wurde fast 1,6 Millionen Mal verkauft. Das 2009 zunächst im Eigenverlag veröffentlichte Werk wurde 2010 von einem renommierten Verlag neu aufgelegt und zum Kassenschlager. In Japan zählt eine Gedichtsammlung schon als Erfolg, wenn sie sich mehr als 10.000 Mal verkauft.** / Ostthüringer Zeitung

*) Im Deutschen nennt man eine Gedichtsammlung eines Autors im allgemeinen nicht Anthologie.

**) Gibts im Deutschen eigentlich auch Erfolge?

71. Ein Wirrwarr

auf der Google-Suche nach einem verlorenen Zitat:

  • 14.10.2007 – Abschiebungen: WESTENTHALER: Weg der Grünen führt in die Anarchie. Kritik an Platter-Erlass für Abschiebungsstopp – Fremdengesetze 
  •  innerer Bindung an deren sittliche Ordnung und aus Verantwortung ihr gegenüber: Denn »Freiheit ist ja ohne Bindung nicht denkbar; sie führt in die Anarchie.
  • Liebe ohne Gerechtigkeit führt in die Anarchie, Gerechtigkeit ohne Liebe wird zur Tyrannei (Pinchas Lapide). Die Macht will kein Erbarmen. Versuche, einen 
  • Selbstjustiz führt in die Anarchie. Sind die Ismalelisten kein abschreckendes Beispiel?
  • Besser wäre die aussage „soziale ungerechtigkeit führt in die anarchie„! Denn eine „echte“ demokratie würde ja nicht eine kleine minderheit 
  • Liberalismus ohne ethisches Geländer führt in die Anarchie. Max Frisch warnte vor dieser Tendenz, als er Mitte der achtziger Jahre die provokante These 
  • Möge die Nachwelt fortfahren, sich darüber Gedanken zu machen. Schwermut führt in die Anarchie. M.: Wäre die Schwermut also Voraussetzung für die Absicht , 
  • Freiheit ist ja ohne Bindung nicht denkbar; sie führt in die Anarchie. Bindung ohne Freiheit bringt die Tyrannei. Es ist unbestreitbar, dass nur 
  • Selbstjustiz ohne Anklage, Verteidigung und Urteilsfindung ist anti-rechtsstaatlich und führt in die Anarchie. Gespeichert. Entwürdigen 
  • Alles andere führt in die Anarchie, und wir sollten die Demokratie nicht mit Füßen treten, sondern ihren schwierigen anstrengenden Weg gehen; dafür ist er zu 
  • Handeln führt in die Anarchie und ist geeignet, das Reich zugrunde zu richten, sie schrecken auch vor Mord nicht zurück. Die Nähe zu den Königsdramen ist 
  •  so wäre die Autonomie Südtirols wahrscheinlich nicht weiter vom Fleck gekommen. Gewalt führt in die Anarchie, nicht in die Autonomie.“ 
  • des anarchischen Denkens bei Eich . «Schwermut führt in die Anarchie». Elemente einer poetischen Konzeption. Was ist ein Gedicht? Romantische Erbschaft 
  • Der Marxismus führt in die Anarchie. Unter der Bedingung, dass der Besitz so gerecht geteilt wird, dass die Arbeit nicht zu einer Zwangsarbeit 
  • Besser wäre die aussage ’soziale ungerechtigkeit führt in die anarchie‚! Denn eine ‚echte‘ demokratie würde ja nicht eine kleine minderheit reich machen & die 
  • Alles andere führt in die Anarchie….. Alles andere führt in die Anarchie. so ist es, die hätten einfach ein 
  • siehst du nicht, wohin dich deine komische argumentation führt? in die anarchie! und du faselst irgendwas von abstimmungen über die bibel.
  • Aber die „geheime Schadloshaltung“ der sich ungerecht behandelt fühlenden und daher steuerhinterziehenden Bürger, führt in die Anarchie.
  • Jeder andere Ansatz führt in die Anarchie – vor der uns nur der zur Zeit noch vorhandene Wohlstand bewahrt. korfstroem.
  • Direkte Demokratie bedeutet nicht, dass du oder jeder andere Schweizer zu jedem Detail ja oder nein sagen kannst. Das führt in die Anarchie.
  • Dieses Denken führt in die Anarchie. Nein, dieses Denken führt zu aristokratischem Denken. Damit meine ich keinen dekadenten Adel.
  • Föderalismus = Krankheit :] Ein wahrer Staat ( Macht , Reich ) kann nur zentral existieren… Der Föderalgeist in DLand führt in die Anarchie X(:] 
  • Ein konsequentes Anwenden von Platon wäre demnach der Tod der Gesellschaft und führt in die Anarchie. ad die Kriche kehrt alles unter den 
  • Ich habe nie behauptet, dass Ihre Auffassung in das Chaos führt, in die Anarchie und Regelbrechungsmentalität. Aber genau diesen Unsinn 
  • Grenzenlose Freiheit führt in die Anarchie, das genau will man in einer Demokratie ja gerade nicht. Und Österreich ist meines Wissens eine 
  • Die Ausgabe von Spielgeld, egal welcher Art verhindert die Erhebung von Steuern und führt in die Anarchie. Hallo Euklid, das kommt drauf 

70. Poetopie

hinter dir Fußspuren im Schnee, unberührt weiß vor dir der zugefrorene See – unter den Schuhsohlen knackt das Eis

Hansjürgen Bulkowski

69. Vorzimmer

Joachim John: »Die heutige Gesellschaft ist kein taugliches Modell. Wir benehmen uns wie eine Selbstmordsekte gegenüber der Natur. Globaler Kannibalismus. Ich zitiere einen deutschen Dichter meiner Generation, Karl Mickel:

›Die Welt ein Schiff
Voraus ein Meer des Lichts
Uns hebt der Bug
So blicken wir ins Nichts.‹

Wir sollten den folgenden Generationen, die das Nichts, diesen unermeßlichen Raum, betreten werden, das Vorzimmer, in dem wir leben, nicht vollgeschissen hinterlassen.«

/ aus einem Artikel der Zeitung junge Welt zum 80. Geburtstag des Grafikers Joachim John

68. Peter-Huchel-Preis 2013 für Monika Rinck

Die Lyrikerin Monika Rinck erhält in diesem Jahr den Peter-Huchel-Preis. Sie wird für ihren Gedichtband „Honigprotokolle“ ausgezeichnet. Der SWR und das Land Baden-Württemberg vergeben den Preis seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des Vorjahres.

Die „Honigprotokolle“ setzten einen „poetischen Resonanzkörper“ in Gang, der musikalische Funken schlage, heißt es in der Begründung der Jury. Sie lobt Rincks leidenschaftliche sprachliche Virtuosität im Zusammenspiel von „sinnlicher Weltbetrachtung, rhythmischer Rede und Gegenrede.“ Monika Rinck wurde 1969 im pfälzischen Zweibrücken geboren. Sie studierte Religionswissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaften. Heute lebt und arbeitet sie unter anderem als Übersetzerin in Berlin. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ernst-Meister-Preis für Lyrik und dem Georg-Glaser-Preis.

Rinck wird den Peter-Huchel-Preis an Huchels Gebeurtstag, dem 3. April, in seinem letzten Wohnort Staufen im Breisgau entgegennehmen. Die Preissumme beträgt 10.000 Euro. Peter Huchel war ein bedeutender Lyriker und bis zu seiner Absetzung durch die DDR-Führung 1962 Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten unter anderem Ernst Jandl, Thomas Kling, Oskar Pastior und Friederike Mayröcker.

Quelle: SWR.de – Nachrichten

Die Jury besteht aus sieben Mitgliedern, die für zwei, maximal vier Jahre benannt werden. Hinzu kommen nicht stimmberechtigte Vertreter des Landes und des SWR. Zur Zeit:

Sibylle Cramer, Norbert Wehr, Gunhild Kübler, Bettina Schulte, Tobias Lehmkuhl, Insa Wilke und Theresia Prammer.

Die letzten Preisträger:

2012 Nora Bossong Sommer vor den Mauern
2011 Marion Poschmann Geistersehen
2010 Friederike Mayröcker „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“
2009 Gerhard Falkner Hölderlin Reparatur
2008 Ulf Stolterfoht holzrauch über heslach
2007 Oswald Egger Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte
2006 Uljana Wolf kochanie ich habe brot gekauft

67. Stimmenkonzert

A.J. Weigoni veranstaltet in diesen Prægnarien ein furioses Stimmenkonzert aus Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen Grammatik und ihren Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten Buchstaben als etwas Hörbares und Buchstaben als etwas Sichtbares.

In der künstlerischen Auseinandersetzung treffen sich Bracht, Weigoni und Hieronymus regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo Schrift in Zeichnung und auch in Klang übergeht. Es geht bei dieser Performance um die Sehnsucht nach Körperlichkeit, sinnlicher Unmittelbarkeit. Keine anderer Klang lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz. Bläser und Angeblasene verschmelzen zu einer Einheit, werden Teil eines großen atmenden Klangkörpers. Keine Maschinen, sondern allein die Lungenzüge geben den Rhythmus vor.

Mehr

Praegnarien, Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni in der Werkstattgalerie Der Bogen, Möhnestraße 59 | 59755 Arnsberg-Neheim, heute ab 20.00 Uhr

66. Lyrikfan

In der ersten Medien-Erregung wird Pep Guardiola, von Mitte des Jahres an neuer Trainer des FC Bayern München, bereits als Heilsbringer des Fußballs gefeiert. Dabei liebt er vor allem die Poesie. (…)

Denn gerade ist in der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt ein Buch erschienen, das Guardiola und seiner Frau Cristina gewidmet ist. Es heißt „Buch der Einsamkeiten“ und besteht aus 49 Gedichten des beliebten katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol (1929 bis 2003).

(…)

Er hat die Gedichte Martí i Pols sogar mehrmals öffentlich vorgetragen, begleitet von dem Liedermacher Lluis Llach, letzten Sommer noch, vor mehreren tausend Zuschauern in Barcelona. Was immer sie sich in der Vorstandsetage von Bayern München also von ihm erwarten, sie sollten wissen, dass nicht nur ein Trainer nach München kommt, sondern auch ein Denker. / Paul Ingendaay, FAZ

65. Vermutlich

Von historischen Umständen und politischer Verfolgung ist in diesem Kindheitsgedicht jedoch nicht die Rede. Die extreme Reduktion, die spröde Kargheit dieser Verse schafft trotzdem eine undefinierte Atmosphäre der Bedrückung.

Der Gipfel der Ernüchterung ist in der siebten Zeile erreicht: „vermutlich von einer Rechnung“. Es könnte ein Hinweis auf ärmliche Lebensverhältnisse sein. „Rechnung“ gehört jedenfalls nicht ins Wörterbuch der Poesie, und Dichter vermeiden in der Regel auch Aussagerelativierungen wie „vermutlich“. „Über allen Gipfeln ist eventuell Ruh“ – das wäre ein Bruch der Stimmung. Deutlich wird, dass die Perspektive bei aller lyrischen Gegenwärtigkeit nicht vom Kinderblick bestimmt ist, sondern von der Erinnerung, die sich einen Reim auf das Stückchen Papier zu machen sucht.

/ Caroline Peters über das Gedicht „Am Styx“, FAZ 19.1., aus:

Günter Kunert: „Mein Golem“. Gedichte. Hanser Verlag, München 1996, 96 S., kart., 13,90 €.

 

64. Älterer Autor

Ich denke oft, daß man als älterer Autor unter Umständen wieder in Kneipen jobben muß, wenn man sich nicht irgendwie anders im Betrieb etabliert hat und die Förderung abnimmt. (…)

Schriftsteller, die Lyrik schreiben oder eher avantgardistische Prosa, leben oft hauptsächlich von Förderungen. Aber wie es der Vertreter der BKS-Bank bei der Übergabe des Publikumspreises der Klagenfurter Literaturtage an Cornelia Travnicek so schön ausgedrückt hat: Als Schriftsteller kann man langfristig nur vom Publikum leben. / Matthias Nawrat, junge Welt 

63. Deutsch deutsches

wir sind das einzigeRradio in Deutschland, das unser deutsches Kulturgut deutsche Lyrik täglich sendet sagt Radiochef Klaus Werner

24 stunden täglich läuft unser weltweit zu hörendes radio mit musik aus aller welt und deutscher lyrik,Goethe,Brecht,Droste,Ringelnatz,Hesse,Lersch, u.a. vorgetragen von weltklasse rezensoren, wie z.b. lutz görner und jürgen von der lippe. wir laden sie ein hören sie mal rein. rheinland-radio.de jederzeit und kostenlos ihre Lieblingssender zu hören und bietet dabei Inspiration und Orientierung. Mit nur einem Klick mehr als 7.000 Sender, Webradios und Podcasts im Browser, über die Logitech Squeezebox, mobil über das iPhone, den iPod touch, das iPad oder über das Android-Phone hören. 

62. Sprechsteller

Der Hörbuchpionier A.J. Weigoni hat die Literatur nach 400 jähriger babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit, schreibt Matthias Hagedorn:

Als Sprechsteller bricht er die Sprache auf, dehnt sie ins Geräuschhafte und treibt sie durch seine assoziative Fantasie ins Expressive. Weigoni nutzt die Sprache als akustisches Präzisionsinstrument. Bei ihm lösen sich die Wörter ein Stückweit von ihrer mimetisch–realistischen Abbildfunktion und tragen auf unterschiedliche Weise dazu bei, das Vertraute fremd zu machen. Zu seinen Reizmitteln gehören zwischen Schrift und Rede wechselnde Tonspuren, eine intensiv atmende Syntax und Metrik, Klangbrüche und kunstvolle Enjambements, die der Akzentuierung eines einzelnen Worts, einer Silbe oder eines Buchstabens dienen. Dann entwickeln die Verse eine Spannkraft und eine vertikale Drift, die Zeilen treten hinter der Wirkung des Gedichtganzen zurück, und mit Zeilenbrüchen wird der Gedichtkörper kunstvoll gestaut. Seine Stimme kann das Fließen und die Beweglichkeit des Körpers wiedergeben. Sie kann Energien beschwören, für die es keine Worte gibt, emotionale Schattenreiche. / Kulturnotizen

61. Pranger

… und man muß auch bereit sein, sich an den Pranger zu stellen. Überhaupt, jeder, der heute etwas an Poesie oder etwas an Kunst macht, muß wieder bereit sein, sich anprangern und anspucken zu lassen. Ich meine das ganz im Ernst und ohne jede Scheu, auch wenn die Preise erst jüngst auf mich nur so heruntergeschauert sind, ja gerade deswegen. Das lorbeergekrönte Haupt wird auf Dauer keinen entzücken.

Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetik-Vorlesung. Berlin: Volk und Welt 1987 (Spektrum-Reihe), S. 41.