40. Fluxus

TAGUNG. Fluxus und/als Literatur. Zum Werk Jürgen Beckers
13. – 16.06.2013

Auf diesem Bild sehen Sie eine Urszene der 1960er Jahre-Literatur: Wolf Vostell, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und Jürgen Becker verkaufen den Fluxus-Band „Happenings“. Das Symposium geht der Frage nach, inwiefern diese Zusammenarbeit zwischen dem Fluxus-Künstler Vostell und dem Schriftsteller Becker grundlegend für die experimentelle Prosa der 1960er Jahre gewesen ist. Sind von Vostell entwickelte Verfahren wie etwa die Dé-Collage, das Environment oder die Verwischung in Beckers einflussreichem Werk zu Literatur geworden? Dies werden wir sowohl im FLUXUS+ Museum in Potsdam als auch an der Freien Universität Berlin gemeinsam mit dem Autor Becker zu klären versuchen.

Quelle

39. Gestorben

Am vergangenen Montag starb starb der französische Lyriker Gaston Puel. In der Jugend war er mit André Breton und René Char befreundet. 1961 gründete er den Verlag La Fenêtre Ardente, in dem zahlreiche Dichter publiziert wurden, darunter Joë Bousquet und René Char, und edierte Künstlerbücher u.a. zu Ernst, Miro, Dubuffet. / L’Indépendant 7.6.

38. Berauscht

Stefan George (1868 bis 1933), der von seinen Freunden und Jüngern „der Meister“ genannt wurde, war selbst niemals in New York. Was hätte er, der alles Amerikanische, wie er es verstand, als „entseelt“ verachtete, dort auch finden können oder finden wollen? Jedoch hätte ihm bei einem Besuch das im Jahr 1911 eröffnete Prachtgebäude der New York Public Library als „Geistspeicher“ wohl Respekt, wenn nicht Bewunderung abgenötigt.

In diesem Schatzhaus, das allen Schichten der New Yorker Bevölkerung offen steht und tatsächlich von allen, vom Stadtstreicher bis zum Wissenschaftler, genutzt wird, liegen – bislang unerschlossen – sämtliche Briefe, die Stefan George an seinen Freund Ernst Morwitz von 1905 bis 1933 geschrieben hat. Wer war dieser Freund, der dem Dichter selbst als der „Nächste Liebste“ galt?

Ernst Marcus Morwitz wurde 1887 als Sohn jüdischer Eltern in Danzig geboren. Sein Vater war Makler von Grundstücks- und Geldgeschäften. Zur Vorbereitung auf das Städtische Gymnasium besuchte der junge Morwitz eine private Knabenschule, die von einer Angehörigen der angesehensten Mennonitenfamilie Danzigs geleitet wurde. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit ihrem Sohn nach Berlin, wo er von 1902 an das Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Charlottenburg besuchte. Als Unterprimaner wandte sich Morwitz im Jahr 1905 mit einem Brief an George, den er seit seiner Lektüre von dessen Werk „Der Teppich des Lebens“ bewunderte und verehrte. Er schrieb: „Herr! Ich ehre Sie, ich ehre Ihre Werke, ich ehr’ die Dichter, die auch Sie verehren. Sie sind mein Vorbild. Sie und Meister Verhaeren. Ich bewundere die Schönheit und sie berauscht mich zu Ihrem Kult.“ / Eckhart Grünewald, FAZ 3.6.

37. Poetopie

gehst du auf der belebten Straße, verliert sich das Wort „ich“ irgendwo im Gewirr der Eindrücke – erst wenn du angesprochen wirst, fällst du mit deinem Wort wieder ineins

Hansjürgen Bulkowski

36. Otto Pankok

6000 Kohlezeichnungen, 800 Holzschnitte und mehr als 500 Lithographien – der Maler und Bildhauer Otto Pankok zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts.

Dass der 1966 gestorbene Drevenacker auch ein leidenschaftlicher Lyriker war, wurde anlässlich seines 120. Geburtstages eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Beim Lyrik- und Prosa-Abend im Rahmen der Festwoche in Haus Esselt stellte Christoph Leisten, Autor und Vorsitzender der Pankok-Gesellschaft, Gedichte und Prosa-Texte Pankoks vor und verschaffte den Besuchern einen Einblick in ein höchst bewegendes literarisches Werk. Begleitend zur Lesung trug Mathilda Kochan Pankok-Texte gesanglich vor.

Es waren die beiden Weltkriege, die Otto Pankok in seinen Gedichten immer wieder zu verarbeiten suchte.Von einer „einsamen Welt“ mit leeren Häusern und toten Menschen handeln seine Niederschriften in Teilen – eine bedrückende Stimmung, die Leisten schuf. / Michael Eger: Otto Pankok: Texte zwischen Verzweiflung und Hoffnung | WAZ.de

35. Geländelyrik

Seit Bleutges erstem Gedichtband ‚klare konturen‘ (2006) schlägt man sein Werk der Landschaftslyrik zu. Auch sein drittes Buch – ‚verdecktes gelände‘ – hält es mit Farnen, Fischen, Seen, Erdreich, Luft und Wasser – doch Landschaftslyrik ist dies wohl nur, wenn man den Begriff so weit dehnt, dass er nichts Genaues mehr bezeichnet. ‚Geländelyrik‘ bietet sich an, denn von Streifzügen im Gelände ist hier die Rede und von den Schwierigkeiten, seine Atmosphäre zu erfassen, etwas also, das sich entzieht, sobald man es zu benennen, zu begreifen versucht: Geländelyrik, Atmosphärendichtung statt Landschaft und Bild. / Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung 1.6.

Nico Bleutge: verdecktes gelände. Gedichte. Verlag C.H. Beck, München 2013. 75 Seiten, 14,95 Euro.

34. Das innere Kind

Das Gedicht ist Teil eines Zyklus’ mit dem Titel „schmetterlingssäge.doc“, in dessen Nachfolge der 1975 in Polen geborene, in Leipzig aufgewachsene Andre Rudolph mehrere Preise gewann. Einen Schmetterling zu zersägen ist eine grässliche Vorstellung, die Metapher schließt Schönheit und ihre Vernichtung zusammen. Die gegeneinander versetzten Zeilen nehmen das Hin und Her der Sägebewegung auf, folgen einer bewegten, dennoch stabilen Form. Sie lässt genug Raum für das Irrlichtern jenseits fester Grenzmarken. Liebe kann bedrängen, Gewalt kann sich in Sanftheit wandeln.

In der Psychologie bezeichnet „das innere Kind“ die Summe der in der Kindheit gemachten Erfahrungen. Waren sie glücklich, ist uns das innere Kind lieb und vertraut, dominierte der Schmerz, spalten wir es ab und verdrängen es. Aber hier, im Gedicht und so lässig geschrieben wie gesprochen, ist das „innre kind“ ein Bote aus einer anderen Welt. Es erinnert an Märchenfiguren, an das Schwesterchen beispielsweise, dessen Brüderchen in ein Reh verzaubert wurde. Die Bedrohung durch die Geschosse kann es nicht hindern, auch Märchen spielen in einer grausamen Welt. Dennoch ist sein Erscheinen ein Trost. Und obgleich im Raum des Textes alles in der Schwebe bleibt, immer nur „wie“ und nicht „so“, entlässt uns die Wandlung am Schluss in ein Sfumato der Hoffnung. / Gisela Trahms, FAZ / Frankfurter Anthologie, über ein Gedicht von Andre Rudolph

33. Kladderbausch

Er selbst, so bekennt Egger, wandert „auf den Schleichwegen und Schmugglerpfaden der Sprache, Wort für Wort“, jenseits der breiten Straßen des prosaischen Standarddeutsch. Dessen Elemente rekombiniert er, weist ihnen zum Teil andere Funktionen zu oder generiert schlichtweg neue Worte, Neologismen, die etwas beschreiben, „was es vielleicht nicht mehr oder noch nicht gibt.“

Etwa den Kladderbausch. „Aber ich mache nichts Besonderes“, sagt Egger und verweist auf kleine Kinder, für die die Sprache noch eine Spielwiese ist, ein riesiger Experimentierkasten. Die erhalten dafür allerdings weder den H.C. Artmann- noch den Oskar-Pastior-Preis. „Ich habe eben ein größeres Publikum, als ich ursprünglich dachte“, gesteht Egger da. Eines, dem beim Lesen Bilder in den Kopf kommen, Assoziationen, Ideen. Klaren Interpretationen verweigert sich der 50-Jährige, der von Literaturwissenschaftlern gerne zu den Vertretern experimentell-hermetischer Lyrik gezählt wird, dagegen bewusst: „Meine Gedichte sind für jeden und alles offen.“ / Thomas Kölsch, General-Anzeiger

32. Referenzfläche

„Der absolute Hammer!“ (Mara Genschel über die Referenzfläche 2#)

Referenzkauf

http://referenzflaeche.com/

31. Kein Trosttexter

Autor Walle Sayer ist kein Trosttexter, kein Erbauungslyriker oder pantheistischer Panegyriker. Seine Gedichte schleichen sich auf leisen Titeln an: „Psalm“, „Tagesanfangsverse“, „Poesiealbumzeilen“, das klingt so betulich-besinnlich und täuscht doch gewaltig. Dieser Dichter ist ganz im Hier und Jetzt, beim „Hörgerät“, der „Bettpfanne“, dem „Schafsmist“, dem „Geldscheißer“, und seine Assoziationsarrangements sind komplexer:

Kahle Astversalien
Am Fenster des Klassenzimmers.

Vor seiner Kurzsichtigkeit
erstreckt sich das Absehbare.

Durch solch ein Kassengestell gesehen,
sind die unerreichbaren Mädchen
noch unerreichbarer.

Ein angehender Jüngling
und die Tümpel seiner Augen.

Eisschicht oder Einsicht:
liest er von der Tafel ab.

„Brillenverordnung“ heißt dieses Gedicht, das nur scheinbar harmlos vor sich hindöst. Spätestens beim zweiten Lesen erkennt man plötzlich die Tiefe der Komposition, diese Rösselsprünge im Wortfeld „Sehen“, die Tragikomik einer entstellenden Sehhilfe, die in einen Verleser mündet, der nicht nur Freudianer anrühren dürfte.

/ André Hatting, DLR

Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken.
Klöpfer und Meyer, Tübingen 2013
120 Seiten, 16 Euro

30. Ich habe mich geirrt

In diesem Moment erleben Jugendliche auf dem Taksim Platz die Begeisterung ihres Erfolgs, und im Fernsehen versuchen eine Reihe von Greisen, das zu deuten. Ich möchte keiner von ihnen sein. Ich möchte keiner von ihnen sein, weil die Alten, die auf den Taksim Platz und den Gezi Park blicken, nicht verstehen. Sie schauen durch ihre eigenen Brillen. Nach wie vor verwenden sie untereinander die gleichen Begriffe. Nach wie vor stellen sie ihre veralteten Sichtweisen zur Schau. Nach wie vor sind ihre Sätze behutsam, jeder ihre Kommentare ist bedacht auf Ausgewogenheit.

Wenn die Alten gegen jene sind, die sich auf dem Platz befinden, sprechen sie ihre vernünftig klingenden Sätze und singen 40 Jahre alte Volkslieder. Wenn sie auf der Seite der Protestierenden stehen, singen sie 40 Jahre alte Hymnen. (…)

Ich nahm an, sie würden sich nicht dafür interessieren, was in der Welt geschieht. Ich nahm an, dass sie keine anderen Welten außer ihren Smartphones kennen würden. Ich nahm an, dass sie nicht gerne lesen würden. Ich nahm an, dass ihnen das seit Jahrtausenden angesammelte kulturelle Wissen der Menschheit egal sei. Ich nahm an, dass sie sich für nichts interessierten, das sich außerhalb ihrer engsten Freunde und Verwandten abspielt. Ich habe mich geirrt. Und wie ich mich geirrt habe! / Celil Oker, Die Welt

29. Damit sie lebt

Junge Muslime treten beim I, Slam gegeneinander an, ein Informatiker trägt Verse vor und auch in der Wagenburg Lohmühle wird gedichtet: Am Freitag beginnt das 14. Poesiefestival in Berlin.

Das Adjektiv „schwierig“ möchte Thomas Wohlfahrt nicht im Zusammenhang mit Gedichten hören. Er lässt auch das Argument nicht gelten, dass Lyrikbände sich schlecht verkaufen. „Genau da liegt doch das Problem!“, sagt er und holt aus: „Seit fünftausend Jahren macht das Gedicht zum Gedicht, was es im Innersten zusammenhält: die Musikalität der Sprache. Der Rhythmus und die Klanglinien werden doch erst beim Vortrag wirklich lebendig.“ Er benutzt einen schönen Vergleich: Das gedruckte Gedicht sei bloß die Partitur. Man könne es mit Verstand lesen, bekomme auch einen Eindruck von seiner Güte. Doch erst durch die Interpretation einer Stimme entfalte sich seine ganze Qualität. Und so hat der Chef der Berliner Literaturwerkstatt ganz nebenbei die Frage beantwortet, warum die Poesie ein Festival braucht: Damit sie lebt. / Cornelia Geissler, Berliner Zeitung

28. Christine Lavant

Vierzig Jahre tot, ist das ein Grund zu feiern? Nein, aber ein Grund, sich an Christine Lavant zu erinnern, das schon. Gerade für sie, die dem Tod immer ganz nah war, ist der 7. Juni der richtige Gedenktag.

Als Christine Lavant am 7. Juni 1973 in der Geriatrie im LKH Wolfsberg starb, hatte sie die Dichtung schon lange hinter sich gelassen. Die Gedichte waren nur eine Etappe auf ihrem Lebensweg, wenn auch eine, die ihr Glück gebracht hat. Das Schreiben rettete sie in der Depression und hielt sie davon ab, in letzter Verzweiflung selbst gewaltsam den Weg in den Tod anzutreten.

Die Sache ist also ernst, zu ernst, um sie dem Deutschunterricht und Universitätsseminaren zu überlassen. (…)

Christine Lavant schrieb um ihr Leben, und deshalb, jenseits aller Kunstfertigkeit, rauben uns diese Texte heute noch den Atem. Wie einst Werner Berg können auch wir der Dichterin verfallen. Werner Berg lernte Christine Lavant am Tonhof in St. Veit kennen. Dort, unter den aufstrebenden und wichtigen Schriftstellern und Malern, sah er eine ausgemergelte Frau, große Augen, Finger gleich Spinnenbeinen. / Wilhelm Kuehs, Kleine Zeitung

27. Gestorben

Theo Czernik ist tot. Der Lyrik-Verlag Edition L und dessen Verleger Theo Czernik waren und sind im deutschsprachigen Raum ein Begriff. Seine edlen Bucherscheinungen sind Meilensteine anspruchsvoller Lyrik-Literatur. (…)

Der charmant-freundliche ältere Herr mit der ruhigen Stimme und der sympathischen Ausstrahlung war ein Verfechter – mehr noch: ein Kämpfer für die Lyrik. „Lyrik muss Botschaft sein, empirisches Anschauungsmaterial für andere und keine Darstellung abstrakter Gedanken. Lassen wir den Himmel blau sein und die Liebe rot. Haben wir den Mut, uns an den Nächsten mit Worten heranzutasten, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu finden.“ Seine Worte und Gedanken zur Lyrik können auch als sein Vermächtnis angesehen werden. / Hockenheimer Tageszeitung 6.6.

26. König der Eidechsen

Amerikanische Forscher haben die Fossilien von einer der größten Echsen der Welt untersucht. Die etwa 1,80 Meter großen und rund 30 Kilogramm schweren Tiere lebten vor rund 40 Millionen Jahren und wurden nach The-Doors-Sänger Jim Morrison benannt. Die Reptilien mit dem wissenschaftlichen Namen Barbaturex morrisoni („Morrisons bärtiger König“) lebten in den heißen Tropenwäldern von Südostasien und konkurrierten dort mit Säugetieren um Nahrung und andere Ressourcen, wie die Forscher im britischen Wissenschaftsjournal „Proceedings of the Royal Society B.“ schreiben. / N24

Dead president’s corpse in the driver’s car
The engine runs on glue and tar
Come on along, not going very far
To the east to meet the Czar

Run with me, run with me, run with me
Let’s run

Some outlaws live by the side of a lake
The minister’s daughter’s in love with the snake
Who lives in a well by the side of the road
Wake up, girl! We’re almost home

Sun, sun, sun
Burn, burn, burn
Moon, moon, moon
I will get you soon…soon…soon!

I am the Lizard King
I can do anything

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