30. Twitter – ägyptisch

So räsoniert der Journalist und Autor Chalid al-Chamissi über den Textnachrichtendienst Twitter mit seiner 140-Zeichen-Beschränkung: «Diese Idee, dass man sich sehr präzis und konkret ausdrückt, widerspricht der ägyptischen Idee des Schreibens diametral.» Er glaubt daher, Ägypten befinde sich mitten in einer kulturellen Revolution. / NZZ

29. Ein serbischer Hermetiker

Vasko Popa und Miodrag Pavlović haben seine eminente Bedeutung erkannt und sich herausgeberisch für ihn eingesetzt, doch wurde Momčilo Nastasijević (1894–1938) nie über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Stellte seine hermetisch-opake Lyrik schon für den serbischen Leser eine Herausforderung dar, galt dies umso mehr für jeden Übersetzer. Robert Hodel ist das Wagnis eingegangen und legt nun eine repräsentative Werkauswahl in deutscher Übertragung vor, ergänzt durch ein umfangreiches Vorwort. (…)

Momčilo Nastasijevićs Hauptwerk, «Fünf lyrische Kreise», ist eine rätselhafte, zwischen Mystik und Avantgarde oszillierende Sammlung, die um Natur, Einsamkeit und Tod kreist und sprachlich-grammatische Gesetze zugunsten eines musikalisch-spirituellen Ausdrucks ausser Kraft setzt. Mit dem Gang da ins Ungängige, / mit dem Umweg ins Wegelose, / und Furten, um nicht zu durchfurten. Die durch religiöse Metaphern, Wortneubildungen und eine regelwidrige Syntax begünstigte Hermetik fasziniert ebenso, wie sie irritiert. (…) Eine eigenständige Stimme ist der sensualistische Metaphysiker Nastasijević allemal, nicht nur im Chor der modernen serbischen Poesie. / Ilma Rakusa, NZZ

Momčilo Nastasijević: Sind Flügel wohl . . . Gedichte und Prosa. Herausgegeben und übertragen von Robert Hodel. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2013. 274 S., € 29.95.

28. David Schalko

Der Standard sprach mit dem Schriftsteller David Schalko:

Standard: Warum schreiben Sie keine Gedichte mehr, so wie 1995 in „Bluterguss und Herzinfarkt“?

Schalko: Mir sind jetzt die großen Erzählbögen wichtiger. Zur Lyrik werde ich im Alter zurückkehren, wenn ich dann zu müde bin für lange Geschichten.

(…)

Standard: Sie haben einst auch H. C. Artmann gekannt?

Schalko: Flüchtig. Er war extrem vielseitig, sprach vierzehn Sprachen, und für ihn war jeder Winkel seines Lebens mit Literatur ausgeleuchtet. Er war durchsetzt von Literatur, einer der wichtigsten deutschsprachigen Literaten. Es ist sehr schade, dass er heute nicht mehr viel gelesen wird.

27. Preis für Böhmer

Ricarda Junge und Paulus Böhmer haben am Donnerstag in Frankfurt den Robert-Gernhardt-Preis erhalten. Die beiden Autoren teilen sich den mit insgesamt 24 000 Euro ausgestatteten Preis. Die 1979 in Wiesbaden geborene Ricarda Junge werde für ihr Romanprojekt «Die letzten warmen Tage», der 1936 in Berlin geborene Paulus Böhmer für sein Lyrikprojekt «Zum Wasser will / alles / Wasser will weg» ausgezeichnet, teilte das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit.

Beide Preisträger seien eng mit der Literaturförderung in Hessen verbunden: Paulus Böhmer als Mitbegründer des Hessischen Literaturforums und dessen langjähriger Leiter, Ricarda Junge als zweimalige Preisträgerin des literarischen Schreibwettbewerbs «Junges Literaturforum Hessen-Thüringen» und als Mitarbeiterin im Literaturforum. / Frankfurter Neue Presse

26. Kleine Attacke auf die Literaturkritik

Sein Grundsatz als Kritiker war:

„Ich bin eigentlich von mir aus ein Gegner der negativen Kritik, also der Verriß-Kritik, weil ich finde, es ist Selbstbefriedigung, und führt auch sachlich zu nichts“.

(…)

Sein Rat, heut ein Vermächtnis (er würde dieses Wort aber nicht mögen), in „Kleine Attacke auf die Literaturkritik 1979 von einem, der das Metier selbst ausübt„:

Nicht nach neuen Klassikern suchen. Wer sich als Klassiker anbietet, ist schon verdächtig. Wer Klassiker anzupreisen versucht, ist noch verdächtiger. Irritation und Destruktion dem Gefestigten vorziehn, aber diesen Grundsatz auch umstoßen und vielleicht gerade einen Stillen im Lande bevorzugen.

/ Jörg Neugebauer, Signaturen

Helmut Heißenbüttel: Zur Lockerung der Perspektive. 5 x 13 Literaturkritiken. Hg. von Klaus Ramm unter Mitarbeit von Armin Stein. Göttingen (Wallstein Verlag) 2013. 360 S., 32,- Euro.

25. Besser ein Gedicht

Kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hat Finanzvorstand Eric Callan eine Bilanz-Pressekonferenz abgehalten. Darin verwendete er 14mal das Wort „großartig“, 24mal das Wort „stark“ und achtmal das Wort „unglaublich“. Wenig später löste der Zusammenbruch des Geldhauses die schwerste Wirtschaftskrise aller Zeiten aus. Uns wäre es lieber gewesen, Eric Callan hätte einfach ein Gedicht vorgelesen.

schreibt der Versicherungsbote. Zum Beispiel das „Wirtschaftspornogedicht“ aus Mikael Vogels Gedichtband ‚Massenhaft Tiere‘, erschienen im Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. Zwar

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, kann es wohl nichts fragwürdigeres geben als ein Gedicht. Der Leserkreis von Lyrik ist begrenzt, Gedichtbände selten auf den Bestseller-Listen vertreten, hohe Renditen damit nicht zu erzielen. Zudem gehen Lyriker äußerst verschwenderisch mit ihren Ressourcen um. Links und Rechts vom Blattrand so viel Platz zu lassen, indem man einen Text in Versform setzt – wozu soll das gut sein?

Und doch kann die Wirtschaft etwas von der Lyrik lernen, da sind wir uns sicher. (…)

Wirtschaftssprache ist manipulativ, ist ideologisch, nicht selten selbstherrlich. Und hat ihre Wirkung fast völlig eingebüßt. Bei Sätzen auf Ramschniveau hilft weder ein Haircut noch ein Rettungsschirm.

Im Idealfall kann Lyrik etwas entgegensetzen. Sie kann Begriffe in neue Zusammenhänge betten. Sie kann Floskeln in ihrer Floskelhaftigkeit enttarnen und überraschende Bedeutungen und Einsichten eröffnen. Deshalb hat sich Versicherungsbote entschlossen, Gedichte zu veröffentlichen, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema „Wirtschaft“ auseinandersetzen. Oder sich das Wirtschaftssprech zum Material machen.

/ Autor: Mirko Wenig

24. 2013 Ruth Lilly Poetry Fellowship Winners Announced

$75,000 in prizes awarded to five young poets

CHICAGO —The Poetry Foundation and Poetry magazine are pleased to announce the five recipients of 2013 Ruth Lilly Fellowships: Harmony Holiday, Matthew Nienow, Hannah Sanghee Park, Natalie Shapero and Phillip B. Williams. Among the largest awards offered to aspiring poets in the United States, the $15,000 scholarship prize is intended to encourage the further study and writing of poetry and is open to all U.S. poets between 21 and 31 years of age.

“Since Harriet Monroe’s founding of Poetry in 1912, to Ruth Lilly’s endowment of these fellowships in 1989, to our constant search for fresh new voices today, Poetry has always sought work that enlivens our sense of what poetry is worth and what it can do,” said Don Share, editor of Poetry magazine, in announcing the 2013 winners. “This year’s group of fellows—which includes poets whose passions range from community service to woodworking to scholarship—is especially inspiring because their extraordinary talents are so deeply informed by the way in which they have composed their lives.”

Harmony Holiday was born in Waterloo, Iowa and educated at the University of California at Berkeley and Columbia University. Her debut collection of poems, Negro League Baseball (Fence, 2011), won the Fence Books Motherwell Prize. Go Find your Father/A Famous Blues, a “dos-a-dos” book featuring poetry, letters and essays, is due out from Ricochet Editions in fall 2013. Holiday lives in New York City.

Matthew Nienow was born in Los Angeles in 1983 and spent most of his youth in Seattle. He holds an MFA from the University of Washington and a degree in Traditional Small Craft from the Northwest School of Wooden Boatbuilding. His work has appeared in Beloit Poetry JournalNew England ReviewPoetryand two editions of the Best New Poets anthology (2007 and 2012). He has received awards and fellowships from the National Endowment for the Arts, the Bread Loaf Writers’ Conference, the Elizabeth George Foundation and Artist Trust, among others. He lives with his wife and two sons in Port Townsend, Washington where he builds boats and custom wooden paddle boards.

Hannah Sanghee Park was born in Tacoma, Washington in 1986. She earned a BA from the University of Washington and an MFA from the Iowa Writers‘ Workshop. Her chapbook, Ode Days Ode, was published by the Catenary Press in 2011. She is the recipient of fellowships and awards from the Fulbright Program, 4Culture, the Iowa Arts Council/National Endowment for the Arts and the MacDowell Colony. Her work is forthcoming in Best New Poets 2013 and Poetry Northwest. Park lives in Los Angeles and is currently studying at the USC School of Cinematic Arts.

Natalie Shapero was born in Chester, Pennsylvania in 1982. She received a BA from the Johns Hopkins University, an MFA from the Ohio State University and a JD from the University of Chicago Law School. She is the author of the poetry collection No Object(Saturnalia, 2013) and her writing has appeared in The Believer,The New RepublicPoetryThe Progressive and elsewhere. Shapero is a 2012-2014 Kenyon Review fellow at Kenyon College in Gambier, Ohio.

Phillip B. Williams was born 1986 in Chicago. He is the author of the chapbooks Bruised Gospels (Arts in Bloom Inc., 2011) andBurn (YesYes Books, 2013). Williams is a Cave Canem graduate and the poetry editor of the online journal Vinyl Poetry. His poetry has appeared or is forthcoming in Blackbird, CallalooKenyon Review OnlinePainted Bride QuarterlyThe Southern Review,West Branch and others. Williams is currently a Chancellor’s Graduate fellow at Washington University in St. Louis, Missouri and is working on his MFA in creative writing.

These five emerging voices will be featured in Poetry magazine’s November issue and on poetryfoundation.org.

The Ruth Lilly Poetry Fellowship program is organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher ofPoetry magazine.

Note: In 2014, the Ruth Lilly Poetry Fellowships will become the Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Fellowships and the current $15,000 Ruth Lilly Poetry Fellowship prize amount will nearly double. This increase is the result of a generous gift from the Dorothy Sargent Rosenberg Memorial Fund.

* * *

About the Ruth Lilly Poetry Fellowship Program
Established in 1989 by Ruth Lilly to encourage the further writing and study of poetry, the Ruth Lilly Poetry Fellowship program has dramatically expanded since its inception. Until 1995, university writing programs nationwide each nominated one student poet for a single fellowship; from 1996 until 2007, two fellowships were awarded. In 2008 the competition was opened to all U.S. poets between 21 and 31 years of age, and the number of fellowships increased to five, totaling $75,000.

About Poetry Magazine
Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre, or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg, and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery, and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit poetryfoundation.org.

Follow the Poetry Foundation and Poetry on Facebook at facebook.com/poetryfoundation or on Twitter @PoetryFound.

POETRY FOUNDATION | 61 West Superior Street | Chicago, IL 60654 | 312.787.7070 |

23. Stötzer

Der Autor Jan Kuhlbrodt hat in „Stötzers Lied“ einen Gedichtband geschrieben, der den Umgang mit der deutschen Geschichte aus den Augen des titelgebenden Leipziger Stötzers thematisiert. Die Figur, so der Autor, sei einem Professor seiner Leipziger Studienzeiten angelehnt. …

Stötzer wandert durch Leipzig, durch die Gestalten der Stadt, deren Veränderung, Geschichte und mit ihm der Erzähler. Aber es ist keine Erzählung, die er beschreibt. Er folgt dem Rhythmus und Ton der Gedanken Stötzers, seinen Assoziationen, Eindrücken. Vom Völkerschlachtdenkmal zum alten Messegelände, in die Nachklänge sozialistischer Weltvorstellungen, bis zum sandgestrahlten Bundesverwaltungsgericht, angestrahlt in der Nacht. Die neue Doktrin bewegt sich in einer Mitte, die sachlich, sauber, konform ist, der vermeintliche Pragmatismus einer Wirtschaftsgläubigkeit. Stötzer kann es nicht fassen. Doch er ist kein Empörter, er durchstreift die Lage, eine Randfigur. Jan Kuhlbrodt schreibt von diesem Streifen in erzählender Lyrik oder lyrischer Prosa, Bilder werden von kurzen Schilderungen getragen. Als Leitsatz fungiert dabei ein Gedanke, in dem es heißt: Es gelte mit der Sprechstimme die Denkstimme nachzuahmen. Vom Denken ins Sprechen ins Schreiben – um diese Bewegung ins Spiel zu bringen, dazu braucht es den Abstand zum vorgefassten Genre. / Volkmar Mühleis, DLF (auch zum Nachhören)

Jan Kuhlbrodt
Stötzers Lied – Gesang vom Leben danach, im Berliner Verlagshaus Frank, 180 Seiten, 13,90 Euro

22. Jury des Open Mike

Die Jury des 21. open mike ist benannt: mit Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und dem Lyriker Raphael Urweider konnten drei herausragende Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gewonnen werden. Sie entscheiden beim öffentlichen Finale des Literaturwettbewerbs, der vom 8. bis 10. November im Heimathafen Neukölln in Berlin stattfindet, über die Preisträger.

Jenny Erpenbeck literarisches Werk ist vielfach preisgekrönt, u.a. 2013 mit dem höchstdotierten Literaturpreis Deutschlands, dem Joseph-Breitbach-Preis. Zuletzt feierte sie mit den Romanen „Heimsuchung“ (2008) und „Aller Tage Abend“ (2012) große, auch internationale Erfolge bei Publikum und Kritik. Ulrich Peltzer gilt als präziser und sprachbewusster Analyst der Gegenwart, sein letzter Roman „Teil der Lösung“ (2007) wurde von der Kritik hochgelobt, sein Werk vielfach ausgezeichnet. Er ist Stellvertretender Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste und hatte 2010/11 die Frankfurter Poetikdozentur inne. Raphael Urweider ist Lyriker, Übersetzer und Regisseur. Seine Gedichtbände, zuletzt „Alle deine Namen“ (2008), haben ihn zu einer wichtigen Stimme der Gegenwartslyrik gemacht. Seit 2012 ist Raphael Urweider Präsident des AdS (Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz).

In diesem Jahr nutzten mehr als 680 junge Autoren ihre Chance zum Start in den Literaturbetrieb. Sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen wählen derzeit aus den anonymisierten Einsendungen bis zu 22 Nachwuchsautoren aus, die am 9. und 10. November beim open mike ihre Texte dem Publikum und der Jury präsentieren. Die Jury kann drei Preise vergeben, einen davon für Lyrik. Die Preise sind mit insgesamt 7.500 EUR dotiert.
Die Wettbewerbstexte erscheinen im November als Anthologie im Allitera Verlag.

Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit dem Allitera Verlag und dem Heimathafen Neukölln. Mit freundlicher Unterstützung durch
den Fachbereich Kultur des Bezirksamtes Neukölln.

Fr 8.11. – So 10.11.2013
21. open mike
Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin

21. War da was?

In der Wiener Zeitung räsoniert Edwin Baumgartner über Größenverhältnisse und DDR-Kunst:

Hacks, wer war das doch gleich?

Mal nachgezählt: 45 Dramen hat der am 21. März 1928 in Breslau geborene Autor verfasst, dazu Erzählungen, Kindergeschichten, Lyrik, Essays. Ein ehrfurchtsgebietendes Gesamtwerk. Ein Blick in die Lyrik macht sicher: Das war ein Könner. Keiner der ganz Großen, aber ein ziemlich Großer, was man auch dann zugeben muss, wenn man seine marxistische Ideologie ablehnt. Hacks nämlich war einer der führenden Literaten der DDR. (…)

Wenn man einen Bertolt Brecht einmal beiseite lässt, weil er ja nach Staatsbürgerschaft Österreicher war und außerdem eine Jahrhundertgestalt, an der man ohnedies niemanden sonst messen sollte, so schrieben doch nicht bloß Autorinnen wie Anna Seghers und Christa Wolf, Autoren wie Johannes Bobrowski oder Erwin Strittmatter und auch Peter Hacks wenn schon nicht Weltliteratur (obwohl zumindest Seghers und Bobrowski diesen Rang beanspruchen können), so zumindest auf europäischem Spitzenniveau. Der Westen bewunderte das durchaus, vielleicht sogar in einem Ausmaß, dass der Duft der suggestiven Schönheit von Bobrowkis Naturlyrik den Blut- und Uringestank übertönte, der aus den Folterkellern der Stasi drang.

Doch auch, wer gegenüber jenen Autoren skeptisch war, die drüben blieben, bediente sich am schöpferischen Potenzial der DDR – denn da waren die Dissidenten, etwa die außerordentliche Lyrikerin Sarah Kirsch oder der exemplarische Schriftsteller Stefan Heym. Der Liedermacher Wolf Biermann ließ es hier wie dort laut werden um die DDR-Auswanderer, der Lyriker Peter Huchel hingegen schrieb in aller Stille Gedichte, die zum Bedeutendsten der deutschen Lyrik gehören.

Und wer entsinnt sich heute noch ihrer?

20. Darkling

Fangen wir endlich an, über DARKLING zu sprechen. Ein langes Gedicht der amerikanischen Autorin Anna Rabinowitz, das 2001 in den USA erschienen ist, und seit 2012 in einer hervorragenden Übersetzung von Barbara Tax bei Luxbooks auch auf Deutsch vorliegt. (Im Band finden sich auch CDs mit einer Aufnahme der Opernadaption des Textes von Stefan Weisman).

Leider wurde von diesem Buch in Deutschland noch kaum Notiz genommen. Das sollte sich ändern. / Jan Kuhlbrodt, Postkultur

19. Schönheit

Der türkische Gelehrte Sururi, ein berühmter Kommentator persischer Dichter, stellte in seiner Poetik „Bahral-maarif“ („Das Meer der Kenntnisse“) die schönheitsbeschreibenden Symbole persischer und arabischer Dichtung in Rubriken zusammen und belegte sie mit Beispielen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall rückt die Liste in seine „Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern“ (Wien 1818) ein.

Hier Bilder für Schönheit überhaupt:

Man sagt Persisch: Der Himmel, die Sonne, der Mond, das Meer, das Feuer, die Rose, der Ballen, die Springquelle, der Löwe, das Blut, das Haar, der Speicher, das Rosenbeet der Schönheit.

Arabisch: Der Koran, das Blatt, der Orient, die Muschel, der Gipfel, der Blitz, der Frühling. die Welt, der Bau, die Rennbahn, das Scha[c|hspiel, der Ring, der Pfau, die Braut, der Papagey, der Wein, die Kerze der Schönheit.

18. Bildermagazin

Der türkische Gelehrte Sururi, ein berühmter Kommentator persischer Dichter, stellte in seiner Poetik „Bahral-maarif“ („Das Meer der Kenntnisse“) die schönheitsbeschreibenden Symbole persischer und arabischer Dichtung in Rubriken zusammen und belegte sie mit Beispielen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall, der 1812/13 die erste deutsche Gesamtübersetzung der Gedichte von Hafis veröffentlichte, rückt die Liste (ohne die Beispiele) in seine „Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern“ (Wien 1818) ein. Unendlich zwar sei „das Gebieth der Natur und die Herrschaft der Einbildungskraft“ („welche aus jenem ihre Vergleichungen hernimmt“), bei beiden prinzipiell keine Grenzen absteckbar, dennoch hätten „von jeher bey verschiedenen Völkern nach Maßgabe der verschiedenen Himmelsstriche, der Naturscenen, der Erziehung, der Gesetzgebung und der Religion“ gewisse Vorlieben bestanden. Dies sei besonders im Gebiet der Metaphern und Gleichnisse der Fall, „welche das große Farben- und Bildermagazin der Poesie“ seien.

Interessant folgender Gedankengang Hammers: „Ausnahmen großer origineller Geister, welche sich über die vor ihnen bestandenen Schranken erhoben, und durch die Excentrität ihres Hippogryphenfluges die Freyheit der Einbildungskraft beurkunden, und gleichsam von Zeit zu Zeit wieder gebähren, gehören nicht hierher.“ Für Hammer sind die Exzentriker Ausnahmen – er nennt unter den Deutschen nicht das frühere Kraft- und Originalgenie Goethe, sondern Jean Paul, „dessen Muse sich aus dem Orient nach dem Occident verirrt, und um als Fremdlinginn unerkannt zu bleiben, die Larve des Witzes und der Laune vorgenommen zu haben scheint, dessen Phantasie deutscher  Poesie wohl als Kronjuwele, aber deutscher Cultur und Bildung nicht als Gemeingut angehört.“

Eine in der Tat aufschlußreiche Wahrnehmung eines Zeitgenossen zur (von heute aus gesehen) Modernität Jean Pauls. Kann es sein, daß die von vielen beklagte Unverständlichkeit moderner Kunst in einer Aufkündigung kultureller „Codes“ besteht, und Jean Paul mit seiner befreiten Phantasie einer ihrer Vorläufer und Propheten?

Wie dem sei: Goethe verdankt von Hammer wichtige Anregungen. Seinem auf die Hafislektüre folgenden Gedichtbuch „West-Östlicher Diwan“ glaubte er einen zweiten, im Umfang noch dickeren Band „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis“ hinzufügen zu müssen. Darin auch ein Abschnitt über Chiffren.

Ich übernehme die bei der Lektüre östlicher Gedichte (und vielleicht auch des späten Goethe oder etwa Friedrich Rückerts?) überaus nützliche Liste Sururis sukzessive in mein Diktionär (und den Lyrikwiki).

17. METASOZIALE ANTI-POETIK

Tom de Toys, aus:

SOMATOFORME METATHERAPIE 2013. SCHREIBTHERAPEUTISCH BEGLEITENDER BEFINDLICHKEITSBLOG

„Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.“ Joseph Beuys 1974

„Préverts Markenzeichen als Lyriker ist die Schlichtheit und Verständlichkeit der meisten seiner Gedichte, die zwar voller raffinierter Wortspiele und überraschender Metaphern sind, aber dennoch eine unmittelbare Poetizität ausstrahlen und eine eingängige Botschaft vermitteln.“ Wikipedia 2013

3.9.2013, sOMatoform 29

Lord Lässig, Live-Reflexionen per SMS-Speicher

im „salon des amateurs“ am Ddorfer Grabbeplatz

METASOZIALE ANTIPOETIK
Auf den ersten blick erscheint mir der begriff einer Sozialen Poetik als exakte verdrehung der anspielung auf die Soziale Plastik des Joseph Beuys. Denn während ja damals DAS PLASTISCHE MOMENT den visionären gesellschaftsbegriff als „von innen heraus gestaltet“ (im gegensatz zur skulptur, die durch wegmeißeln von außen übrig bleibt) künstlerisch näher definieren wollte, quasi als bewegliche masse kreativ erwachter individuen, soll doch im falle der aktuellen poetik wohl eher eine spezielle poetik, nämlich eine, die DAS SOZIALE MOMENT betont, gesucht sein, so daß die poetik quasi wie ein formaler rohling vorausgesetzt wird und nun in eine bestimmte denkrichtung entwickelt werden müßte, um sozial zu wirken oder gar soziales zu bewirken, indem ihre beispiele, real-existente gedichte, den leser bestenfalls derart beeinflussen, daß dessen asoziale tendenzen eben durch lesen sozialer poesie therapiert würden. Aber kann das mit Sozialer Poetik gemeint sein, kann von poesie überhaupt derartiges verlangt werden? Es wurde schon oft eingefordert und hat sich leider nie wirklich erfüllt. Die „rebellischen“ tendenzen historischer poetiken mit sozialem impuls waren zwar ausdruck von zeitkompatiblem lebensgefühl oder begleiterscheinung von unzeitgemäßen avantgarden, aber selbst ihre besten gedichtbeispiele konnten die welt nicht nachhaltig verändern, sondern nur einigen wenigen als seelischer support dienen. Was also könnte und sollte eine Soziale Poetik heutzutage darstellen? Ich bin gespannt, welche ansätze die 3 gäste im salon des amateurs gleich präsentieren und ob sie den spieß vielleicht umdrehen und nicht das soziale suchen sondern sich mit derselben logik wie der beuysianische begriff fragen: was ist DAS POETISCHE MOMENT am sozialen, inwiefern lässt sich die gesellschaft poetisch definieren, oder: kann die gesellschaft real-utopisch poetisiert werden? Der zweite blick stellt sich bereits ein, während ich auf einem gemütlichen schwarzen ledersofa sitzend den 5 diskutierenden lausche: sie thematisieren REINGEISTIGE labyrinthisch-literarische abstraktions- und transzendierungsprozesse, durch die sich das ich in provisorisch-ideale begriffe einbettet, mithilfe derer die welt in jeweiliger weise wahrgenommen wird. Dabei fallen mir zwei wohlvertraute selbstlügen auf: die identifizierung des ichs mit einem BEGRIFFSOBJEKT anstatt mit sich selbst als vorsprachliches seinsgefühl, wie es von Alan Watts schon taoistisch erläutert wurde. Und andererseits der neurobiologisch längst ad absurdum geführte irrglaube, die welt sei tatsächlich so, wie wir sie denken, weil sie in echt immer nur eine interpretation unserer geistigen haltung darstellt anstatt ichfrei beschrieben werden zu können. Dadurch relativiert sich jede weltsicht, sei sie nur individualistisch originell oder sogar kollektiv abgesegnet, als zeitgeist, bewegung, partei oder poetik einer generation, kunstrichtung oder epoche. Die frustration über die wechselnde weltsicht des sich verwandelnden ichs (bzw des kostüms, in das es sich kleidet) fördert eine subtile sehnsucht nach einer ERFAHRBARKEIT SEINER SELBST (AUCH IM LITERARISCH PROJIZIERTEN VIRTUELLEN SPRACHRAUM) unabhängig von modischen strömungen, stilen, begriffen und denkrichtungen jeder coleur, also das bedürfnis nach einer geradezu „asozialen“ poetik, die ich sogar als autistisch bzw antiparadiesisch anstatt utopisch bezeichnen würde. Die sprache als rein pragmatischer konsens über einige ausreichende wörter ermöglicht kommunikation als spontane kommunion ebenso wie der nonverbale direktsinnliche austausch von handlungen, gesten, mimik und im speziellen erotischen zärtlichkeiten. DAS INTERAKTIVE MOMENT sorgt entscheidend dafür, inwiefern wir das gegenüber, sei es der echte mensch oder seine poesie, nachvollziehen oder gar verstehen können. Mit interaktion fängt das neue paradies überhaupt erst an zu atmen! Der eintritt über die Kleistsche hintertür GESCHIEHT AUTOMATISCH in jedem moment einer restlosen begegnung zwischen dem kostümierten ich und dem dazu passenden maskenball. Tanzschritte werden zuhause geprobt (wie auch immer sich heimatgefühl bei jedem einzelnen im raumlosen ich anfühlt), angewandt (im real-interaktiven raum) und korrigiert (ideologien, dogmen, moralvorstellungen, tabus und poetologien moduliert), manchmal der falsche event wieder verlassen (das felsenfeste ich bleibt seinen idealen dann stur treu), um ziellos durch die straßen (=sprachen) zu streunern, bis irgendwo in der wüste der seele eine neue oase am horizont auftaucht, die sich erst bei konsequenter ankunft in ihrer absoluten nähe als fatamorgana erweist. Diese entdeckung der auflösung aller objekte aus allernächster nähe ist mittlerweile eine interdisziplinäre erkenntnis, die jedes nachgeborene ich erstmal in seiner selbstwahrnehmung erreichen muß. Hier treffen neurobiologie, astronomie und quantenphysik auf die gesamte bandbreite der individualpsychologie von historischen mythen über die aufklärung, die sehrspätmodernen ich-kulte bis hin zu transpersonaler mystik und postmoderner psychosynthese mit ihrer „leeren mitte“ als neuen ausgangspunkt für ein integrales ich-empfinden, das KEINEN LITERARISCHEN (SYMBOLISCHEN) RAUM mehr benötigt, um sich als lebendiges leben direkt zu definieren! Wer die geschichte der literarischen strömungen und dogmatischen anmaßungen als individualpsychische prozesse studiert, wird überrascht feststellen, wieso wir so manchen skandal nachträglich als lächerlich oder trivial empfinden:hinter den akademischen scheingefechten verstecken sich einzelne leidende sinnsucher (das große tabu aller roboter!), die ihre beuysianischen wunden nicht zeigen können und jede narbe stattdessen strategisch vergolden. Denn die psychologische schnittstelle zwischen biografischem erkenntnisprozess und literarischer verallgemeinerung wird immer noch elegant hinter gefeierten worthülsen verschleiert, die professionell und seriös genug klingen, um die persönliche seelisch stimulierte betroffenheit der autoren in einer sprachverliebten selbstinszenierung neologistisch zu sublimieren (wie in den lyrischen hyperreflexionen eines Oswald Egger noch eigenweltlerischer deutlich wird als in den am banalen alltag orientierten honigprotokollen einer Monika Rinck). Daß keine einzige thematische und stilistische inspiration ohne die tabuisierte psychografische motivation souverän in das akademische betriebsklima einfließt, scheint weiterhin nur neurologen, psychiater und posthume biografen interessieren zu dürfen, selbst (oder vorallem) wenn die neurotischen muster der kreativen impulse zu antihermetisch hervorstechen und das werk zu entzaubern drohen. Nur backstage darf von den insidern höchstselbst hinter vorgehaltener hand über des kaisers neue kleider geschmunzelt werden, aber die etiketten on stage müssen ihr pseudoprestigeträchtiges eigenleben entwickeln und dann verteidigen, wie jedes label der modebranche bemüht ist, die firma durch alle saisontrends hindurch ins nächste jahrzehnt hinüber zu retten.Wenn die etikette anachronistisch anmutet, erhält sie ein lifting, um markttauglich zu bleiben. Und so wird aus dem historischen surrealismus ganz leicht ein innovativer fotorealismus, ein noch progressiverer poprealismus und irgendwann ein metarealismus und nach dem infarkt wieder ein sozialer realismus, der psychologisch dasselbe surreale muster bedient wie die klassische avantgarde, aber aufgrund der oberflächlich NEUEN PHÄNOMENE auch als tiefgreifend innovativ inszeniert werden kann. Design ist das wahre hurzgesicht der dichter, die DAS HUMANISTISCHE MOMENT ihrer werke hinter formaler komplexität und stilistischer feuerfestigkeit verschleiern, weil sie sogar von sich selbst peinlich berührt sind, wenn sie ihr seelisches gesicht hinter den masken verraten. Fast könnte man meinen, die auseinandersetzung mit der eigenen autorenschaft fände nur auf einem sublimierten niveau statt, das sich nicht als person zu persönlich thematisieren darf, wenn der dualistische glanz „objektiver“ (antipsychischer) hochliteratur für das prestige in der medialen öffentlichkeit gewahrt werden soll, obwohl jeder weiß, daß der kaiser nackt ist, genauso wie die mystik der werke von großartigen ausnahmedichtern wie Ernst Meister eben KEINE SEKUNDÄRHERMETIK benötigt sondern die wahre kraft seiner kurz angebundenen worte erst durch ihrehumanistische trivialisierung auf den bereiten, ja suchenden leser voll wirken kann! Das zeichnet ein gutes, soziales gedicht eigentlich aus: daß es WIRKT, nämlich die SEELE DES LESERS berührt, dessen lebensgefühl nachhaltig beeinflusst, in eben derselben direkten weise, wie sich der dichter beim schreibvorgang selbst durch sein eigenes gedicht auch psychisch (und damit auch weltanschaulich) verwandelt hat. Die neuronale auswirkung der wörter ist der entscheidende maßstab für die persönliche qualität eines textes, unabhängig vom stil und dem gewählten thema. Weder die form eines sonetts noch dessen sensationistischer inhalt sind kriterien „an sich“ für das sterile prädikat ‚wertvoll‘, ‚authentisch‘, ‚innovativ‘, ‚originell‘ oder ‚zeitgemäß‘, sondern die emotionale bedeutung des werkes im öffentlichen konsens einer demokratischen mehrheit zu einer bestimmten zeit. Sogesehen hätte der soziale wirkungskreis von Allen Ginsberg, Eva Strittmatter und Jacques Prévert den nobelpreis weit eher gerechtfertigt als die zwei dünnen gedichtbände des Tomas Tranströmer, der noch viel „schwieriger“ zu lesen ist als Ernst Meister, und den niemand außerhalb des literaturbetriebes vor der verspäteten reputation kannte. Hier beißt sich die schlange in ihren eigenen schwanz und das problem der verbalen gratwanderung zwischen der dynamik des psychischen und des lyrischen ichs gewinnt oberhand, wie es im laufe der diskussion aus philosophischer UND quasipsychotischer sicht von den gästen aus erster hand angedeutet wurde, was mich schlußendlich beruhigte, denn so zeigt der angeblich soziale begriff einer „erweiterten“ poetik, die wegen des persönlichen herstellungsprozesses auch als Psychoide Plastik definiert werden darf, das unvermeidbar menschliche antlitz der dichtung, die eben nicht willkürlich von einem computerprogramm generiert wird: die verzweifelte suche des autors nach wörtern IM SICHTFELD SEINER EIGENEN WAHRNEHMUNG beider seiten der baren münze (welt & seele), mithilfe derer das angestrebte gedicht „aufgebaut“ werden soll. Rilke hat demgemäß vielleicht doch „zu viel“ seele im werk, während die rein deskriptive neuere popliteratur aus dem hause adlon „zu wenig“ seele zeigt. Als harmonische mischung aus beiden komponenten wirkt manch ein text von Rolf Dieter Brinkmann auf mich, aber auch völlig entgegengesetzte autoren wie Antonin Artaud in seinem theater der grausamkeit, wenn er seine eigene seelendramatik instinktiv im vergleich mit der gesellschaft analysiert, die er als gift für den geist empfindet: „Denn die Wirklichkeit ist nicht vollendet, / sie ist noch nicht konstruiert. / Von ihrer Vollendung hängt / in der Welt des ewigen Lebens / die Rückkehr einer ewigen Gesundheit ab. (…) Das Leben / ist nicht aus einer intellektuellen Herrlichkeit, / noch aus der spirituellen Schönheit der Einfachheit, / noch aus der objektiven und konkreten Schönheit der Einfachheit, noch aus der Einfachheit selbst geschaffen worden, / sondern dahinten und entfernter / aus Fleisch, / ohne Räsonieren und ohne Bewußtsein, / wo es nichts gibt, / / und das IMMER so sein wird. //“ Mit diesen leicht wahnsinnigen zeilen im kopf laufe ich von der kunsthalle zur ubahnstation Heinrich Heine allee und bemerke, wie anregend der abend im salon des amateurs für mich war, obwohl sehr viel offen blieb oder noch nicht einmal angedeutet wurde. In diesem verunsicherten sinne möchten mein hier vorliegenden live-reflexionen ein wenig dazu beitragen, den nachhaltigen wert der veranstaltung schon jetzt in gewisser weise hervorzuheben und dem germanistischen drahtzieher Enno Stahl dafür zu danken, in diesen sozial-allergischen und dabei zugleich sozial-hysterischen zeiten eine lesung organiert zu haben, die geradezu nach metasozialer fortsetzung schreit, um mit dem finger in der nächsten wunde zu bohren…

HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt
HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt

16. Al Kamara

Seit Manfred Seidl sich im vorigen Jahr mit dem sogenannten arabischen Frühling beschäftigt hat, ließ ihn das Thema nicht mehr los. Ihn beeindruckten die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten für Freiheit und Menschenrechte so sehr, dass die Idee zu einem Benefizkonzert des Osterchorsteinways, dessen Leiter Manfred Seidl seit 1989 ist, für Medico International entstand. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema ist daraus nun ein Chorkonzert inklusive einer Lesung unter dem Titel „Al Kamara – Gebt uns unsere Würde wieder!“ geworden. Darin werden Vertonungen aktueller arabischer Gedichte zu hören sein, die Manfred Seidl teilweise direkt aus dem Internet gezogen hat. (…)

In Chorliedern und Texten werden exemplarisch die Schicksale dreier Menschen erzählt: Das des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Buazizi, der mit seiner Selbstverbrennung die Proteste und Demonstrationen in Tunesien auslöste; das der Dichterin Ayat Al Qurmezi aus Bahrain, die in Gedichten ihren König anklagt und unter Einsatz ihres Lebens an friedlichen Protesten in ihrer Heimat teilnahm; das der jemenitischen Journalistin Tawalukk Kamann, die 2012 als erste Araberin den Friedensnobelpreis erhielt. / Christian Emigholz, Weser-Kurier