59. Umstritten

Ein Bericht über die zweite Vorentscheidung des Münchner Lyrikpreises 2013/14 ist jetzt online.
Die vier Juroren : Bettina Hohoff, die Herausgeberin der Neuen Sirene, Florian Voß, Lyriker und Verleger der Lyrikedition 2000, Carl Christian Elze, Sieger des Lyrikpreises München 2010, sowie Àxel Sanjosé, Lyriker und Lehrbeauftragter der Universität München.

Das Protokoll referiert im Detail öffentlich vorgetragene Pro- und Kontraargumente der Juroren zu den Autoren. Ich zitiere hier anonymisiert einige „Stellen“, aus denen vielleicht ersichtlich wird, daß nicht jeder froh sein wird über etwas Transparenz.

Dies lobte er, tadelte jedoch die Gefälligkeit, derer sich die Autorin beim Schreiben befleißige. Er habe sich gefragt, ob hier Kitsch geschrieben werde oder ob nicht doch Kitsch konterkariert werden solle. Für letzteres habe er jedoch zu wenig Signale gefunden.

N.N. hob eine konstante Sprachhaltung hervor, drohte jedoch auch damit, an manche Wörter mit dem Rotstift herangehen zu wollen.

… er fügte hinzu, die Gedichte entbehrten jeglicher Rätselhaftigkeit. Danach breitete sich für eine Minute betretenes Schweigen aus. Die Länge dieses Schweigens war immerhin rätselhaft…

N.N. schloß die Diskussion mit den Worten ab: die leere Form des Sonetts bleibt stehen.

58. Poetopie

schau dich an, deine zifferblättrige Haut – wie spät bist du? nicht nach, nicht vor – die Uhr geht genau nach dir

/ Hansjürgen Bulkowski

57. Klaus Rohleder gestorben

Er starb am Donnerstag schwimmend vor der Küste des sizilianischen Ortes Mondello im Alter von 78 Jahren an einem Herzinfarkt. Die Staatssicherheit in der DDR, die dafür sorgte, dass Rohleders Theaterstücke nicht aufgeführt werden durften, führte den Viehpfleger in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) als “ Beckett vom Bauernhof“ und hielt in den Akten fest: “ Vorsicht, er könnte ein zweiter Kunze werden.“

Kurz vor dem Ende der DDR setzte Heiner Müller durch, dass Rohleders Stück “ Das Fest“ an der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde. Rohleders Stücke umkreisen das Thema Entfaltung und Zerstörung von Individualität in einer totalitären Welt. (…)

Im sizilianischen Mondello fand der Dichter aus Waltersdorf bei Greiz ein zweites Zuhause und italienische Künstler, die seine Stücke ins Italienische übersetzten, darunter ein so genuin-thüringisches Werk wie “ Die Neuberin“.

Für den sizilianischen Komponisten Joe Schittino schrieb Rohleder Libretti, so wie für dessen Ätnea-Lieder. In Zusammenarbeit mit Schittino entstand das Oratorium „Wenn Wasser zu Stein wird“, die Geschichte von Mödlareuth, einem Ort, in dem der Bach bis 1989 die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR war. Dieses Oratorium wird mit Hilfe der thüringischen Landesregierung 2014 von der Vogtland-Philharmonie zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in der Greizer Stadtkirche uraufgeführt.

Rohleder wurde 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. In Wuppertal hat sich die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft für Lesungen und Aufführung der Werke Rohleders eingesetzt. Zurück bleibt Rohleders erster und letzter Gedichtband über sein Leben in Italien.

Klaus Rohleder wird am Ort seiner Familie in Waltersdorf beerdigt.

/ Jürgen Serke, Ostthüringer Zeitung

56. Roughbooks

Roughbooks fokussieren (fast) ausschließlich den Inhalt. Urs Engeler vertreibt im gleichnamigen Verlag die momentan 28 Roughbooks nach einem neuen, erfolgsversprechenden Konzept: Die Titel sind vornehmlich über die Verlagshomepage zu beziehen. Sie werden losgelöst von den Mechaniken des Literaturbetriebs verkauft. Die Vorteile liegen auf den Händen von Autor, Leser und Verlag.

Eine Bühne. Ein Tisch. Fünf Stühle. Eine Ständerlampe. Eine Flasche Rotwein. Weingläser. Ein Glas Whiskey mit Eis, vermutlich Jim Beam. Eine Packung Marlboro Rot, Box. Mikrofone. Urs Engeler stellte die vier anwesenden Autoren vor. Es waren dies:

Dagmara Kraus, Lyrikerin und Übersetzerin
Michael Stauffer, Dichterstauffer
Bruno Steiger, Schriftsteller, Essayist und Kritiker
Christian Filips, Lyriker, Dramaturg und Performer

Alternierend lasen die Autoren nun aus ihren Werken. Spannend und eindrücklich war der Einblick in das Schaffen der in doch unterschiedlichen Genres arbeitenden Künstler. Von Poesie, Improvisation, möglichem Unmöglichen, Experimentellem bis hin zu echter, wohlgemeinter Lebenshilfe reichte der Bogen. Aber auch sehr viel Lehrreiches aus der Tierwelt (Ameisen, Hühner) verwöhnte die Ohren und den Geist – ernst wie witzig. Urs Engeler hat Auszüge aus einem kommenden Werk von Ulf Stolterfoht vorgetragen und zeitgleich Korrektur gelesen (!). Als Zugabe las Christian Filips neuen Stoff und Urs Engeler verteilte Roughbooks.

55. Zuwahl

Die Abendjury, bestehend aus

  • Carl-Christian Elze,
  • Bettina Hohoff,
  • Àxel Sanjosé,
  • Florian Voß,

wählte am 13. September

  • Odile Kennel,
  • Birgit Kreipe,
  • Martin Piekar

ins Finale des Lyrikpreises München 2013.

Den Juroren fiel die Auswahl schwer, und sie bedauerten, aufgrund des hohen Niveaus aller Beiträge, sich für eine Auswahl entscheiden zu müssen.

Damit sind bis jetzt ins Finale gewählt:

  • Dominic Angeloch, Berlin
  • Kerstin Becker, Dresden
  • Odile Kennel, Berlin
  • Birgit Kreipe, Berlin
  • Martin Piekar, Bad Soden

Die Einreichfrist für die dritte und letzte Lesung ist der 30. Oktober 2013.

54. Eckard Sinzig

Warum ist Eckard Sinzig nicht halb so berühmt wie andere Dichter, trotz viermal größerem Wortschatz und Themenradius, wirklichem Lebensdrama sowie Wunderkindstatus: Rowohlt brachte vor über 25 Jahren den Roman eines 25jährigen:Idyllmalerei auf Monddistanz, ein Faustschlag in die übliche bläßliche Landschaft; vier weitere Romane kamen, ja Bestseller: Die Jungfrauenhatz, deren weitere Ausbreitung Sinzigs darin bloßgestellter Vater juristisch stoppte, woraufhin Sinzig junior als der inzwischen ebenfalls vergessene Dirk Zaesing weiterschrieb.

Nach seinem vierten, völlig ausgeflippten Roman Die Unterseiten der Oberschenkel, Meta-Pornographie für Erleuchtungsmonster, platzte der Wortspei-Berserker vor Literaturverachtung, versank tief im Buch des Lebens, bereiste 166 Länder, lebte jahrelang in Maharadschakreisen, arbeitete als Manager in Kikkomanistan und publiziert, jenseits seines literarischen Karriereknicks, auf der Basis seiner fast unauftreibbar vergriffenen Romane, urplötzlich einen Lyrikband, voll von Jumbotassen, Fruchtzwergen, Disketten-Rollboxen, Kropfträgern, Euterbeißern, voll von Butterspargel und Seidenmalerei, hinter denen Strengstoff und Inferno wühlt, voll von Dickdärmen, die als Paste am Schornstein kleben. Die Gedichte heißen Das Elend der Rendezvouz, oder:Die kalte Qualle im Hochzeitsbett. Oder auch Letzter Ausweg RuhrgebietKunstgriff bei drohender Vertierung, und spucken seltsame Zeilen aus: »Ich bin nicht euer Hans-Otto«, oder: »Halten Sie Geist für waschbar?« Oder: »Auch Mörder benutzen Mundwasser«. Kaum guckt das lyrische Ich dieser Lyrik, zusammen mit ihrem Autor Eckard Sinzig, in eine mexikanische Zeitung, erblickt er programmatisch das Foto eines Rekordrauchers, der mittels herausgebrochener Zähne und aufgespleißter Mundwinkel achtzig Gipszigaretten in seinem Kopfbereich freihändig unterbringt. Da empfindet einer Sympathie für Amokläufer, bewundert die Schönheit von Einschußstellen, hat das Zeug zum Massenmörder und sitzt brav auf seinem Geranienbalkon; da ist einer Nihilist und kämpft hierbei mit einem bäurisch gesunden Appetit. / Ulrich Holbein, karawa.net

53. Doch noch gemerkt

Dass die Königsdisziplin der Literatur, die Lyrik, vom Buchpreis ausgeschlossen ist, zeigt nur, dass man ihm nicht allzu sehr vertrauen sollte.

Sagt Ulrich Greiner, Die Zeit.

Und fügt hinzu:

Wenn die erfolgreichen Schriftsteller ohnehin ihren Weg machen, wer also braucht diesen Preis, den es seit 2005 gibt und den eine jährlich wechselnde siebenköpfige Jury verleiht?

Zunächst brauchen ihn die Buchhändler. Im Jahr 2012 sind sage und schreibe 14.838 belletristische Neuerscheinungen auf den Markt gekommen. Niemand kann das alles lesen.

Und den altmodisch gebildeten Buchhändler, der seiner Nase und seiner literarischen Kennerschaft vertraut, gibt es immer weniger. Der Buchhandel ist das Nadelöhr. Was hier nicht hindurchgeht und auf dem Ladentisch seinen Platz findet, hat nur eine marginale Chance auf Erfolg. (…)

Wer den Buchpreis außerdem braucht, sind die Medien. (…) Alle Zeitungen, Magazine und Sender werden jetzt die sechs Autoren – es sind Mirko Bonné, Reinhard Jirgl, Clemens Meyer, Terézia Mora, Marion Poschmann und Monika Zeiner – filmen und fotografieren, rezensieren und porträtieren.

52. Dauermurmeln

Der 1969 geborene Lyriker Hendrik Rost versteht unter Schreiben sogar ausdrücklich ein Totengespräch. „Ad plures ire“ – zu den Vielen gehen – hat er einmal ein Gedicht betitelt und die lateinische Wendung, mit der die Römer das Sterben umschrieben, zum Prinzip der Poesie schlechthin erklärt. Jeder Vers fügt sich für ihn in „ein Dauermurmeln, das plötzlich an unvermuteter Stelle neu ansetzt“.

Dazu gehört, dass ihm auch die Idee des Zu-den-Vielen-Gehens erst durch Walter Benjamin zugewachsen ist. Und dazu gehört, dass „Ad plures ire“ ein den Tod beschwörendes Motto des Russen Ossip Mandelstam trägt. Doch Hendrik Rosts Gedichte waren nie schwer und schwarz, sondern bei allen Melancholien immer licht und transparent. Sie waren überdies stets voraussetzungslos zugänglich. Das gilt auch für seinen sechsten Lyrikband „Licht für andere Augen“, der in drei Abteilungen 66 Gedichte enthält und ihn auf der Höhe seines über die Jahre erworbenen Könnens zeigt. Wo er früher auf den Schultern literarischer Riesen gelegentlich über Prätentiöses stolperte, da geht er heute durchweg elegant – und auf Zehenspitzen. / Gregor Dotzauer, DLR

Hendrik Rost: Licht für andere Augen
Gedichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2013
80 Seiten, 16,90 Euro

50. Lyrikgesellschaft

… wirklich viel ist ja von der einst alles dominierenden Verlagsstadt Leipzig nicht übrig geblieben. Etwas Wichtiges aber schon: die Begeisterung für Buch und Literatur. Die auch teilweise Unterstützung in Behörden und Verwaltungen findet. So weit das möglich ist. Denn die Kulturförderung in Leipzig hat schon früher als andere mitbekommen, was es bedeutet, wenn die Förderetats schrumpfen. Zumindest jener Bereich, der so gern als freie Kulturszene bezeichnet wird – bei den großen und wirklich teuren Eigenbetrieben der Stadt wird gern mal eine Million mehr „ins System gesteckt“, wie es so schön heißt. Mit solchen Budgets würde die Lyrikgesellschaft um den Lyriker Ralph Grüneberger, der seit 1996 der Lyrikgesellschaft vorsitzt, ganz andere Projekte auflegen und auch keine Angst vor der Konkurrenz in Berlin haben, wo die „literaturWerkstatt“ mit einer halben Million Euro jährlich gefüttert wird. (…)

Das Wahrnehmungsproblem der deutschen Buchhandlungen spricht Grüneberger aus eigener Erfahrung an: Lyrik kommt dort praktisch nur in einer Form vor – als Dauerpräsenz von Goethe, Schiller und Rilke. Und in der Form diverser Gedichtsammlungen „klassischer Dichter“ zu Schmetterlingen, Primeln, Urlaubsreisen. Entsprechend kompliziert ist der Weg heutiger Autoren zum eigenen Buch und zu einem einigermaßen sinnvollen Vertrieb. Von einer Wahrnehmung durch das deutsche Feuilleton träumen deutsche Dichter wahrscheinlich nicht mal mehr.

Von einer Wahrnehmung durch das (junge) Publikum aber schon. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (Hrsg.) „Geboren in Tübingen, aufgewachsen in Leipzig. 20 Jahre Lyrikgesellschaft“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

 www.lyrikgesellschaft.de

49. Nur Lyrik

… oder wichtige Ziele?

Am Sonntag können die Bayern über fünf Verfassungsänderungen abstimmen

fragt und spricht die Welt der Wichtigmacher.

48. China läßt den Dichter Shi Tao frei

In China wurde der Dichter und Journalist Shi Tao vorfristig aus der Haft entlassen. Er war 2005 zu 10 Jahren Haft wegen „Verrats von Staatsgeheimnissen“ verurteilt worden, weil er in einer Mail dem Regime ungenehme Informationen über die Unterdrückung von Nachrichten anläßlich des 15. Jahrestages des Massakers vom „Platz des Himmlischen Friedens“ ins Ausland geschickt hatte. Auf Druck der Behörden hatte Yahoo damals die Identifizierung ermöglicht. (Heute wissen wir, daß das nicht nur in China möglich ist. Darauf wies auch der Internationale PEN-Club in einer Mitteilung hin.)

In der PEN-Mitteilung heißt es, Shi sei in den letzten Jahren im Gefängnis relativ gut behandelt worden und habe viele Gedichte geschrieben, darunter „Oktoberlied“ bei der Nachricht vom Friedensnobelpreis für den (bis heute) inhaftierten Oppositionellen Liu Xiaobo.

Früher in L&Poe: https://lyrikzeitung.com/2004/04/08/35-gedichtaktion-fur-inhaftierten-chinesischen-dichter/

 

47. Poemotion

Poemotion is an interactive book-object. The abstract graphical patterns in this small volume are set in motion as soon as you move the attached special foil across them: moiré effects allow complex forms to develop, set circles in motion and make graphical patterns vibrate. Inspired by Seesaw, an earlier book from the publisher, in a playful and at the same time minimalist way the Japanese designer Takahiro Kurashima establishes a link to the motif of a “School of Seeing” that has long occupied a special place in the program of Lars Müller Publishers. With this book the viewer can discover how, as if by magic, figures and forms are created out of optical overlays, set in motion and then disappear again. In the era of digitalization this book shows that interactivity is also possible in the format of the analogous, bound book.

Design: Takahiro Kurashima, Junji Hata

17 x 22.5 cm, 6 ¾ x 9 in, 64 pages, 30 illustrations, paperback (2012)

ISBN 978-3-03778-277-4, English
EUR 28.00 / USD 40.00 / GBP 25.00

Hier bestellen

46. American Life in Poetry: Column 436

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Poor Richard’s Almanac said, “He that lieth down with dogs shall rise up with fleas,” but that hasn’t kept some of us from sleeping with our dogs. Here’s a poem about the pleasure of that, by Joyce Sidman, who lives and sleeps in Minnesota. Her book, Dark Emperor and Other Poems of the Night, won a 2011 Newbery Honor Award.

Dog in Bed

Nose tucked under tail,
you are a warm, furred planet
centered in my bed.
All night I orbit, tangle-limbed,
in the slim space
allotted to me.

If I accidentally
bump you from sleep,
you shift, groan,
drape your chin on my hip.

O, that languid, movie-star drape!
I can never resist it.
Digging my fingers into your fur,
kneading,
I wonder:
How do you dream?
What do you adore?
Why should your black silk ears
feel like happiness?

This is how it is with love.
Once invited,
it steps in gently,
circles twice,
and takes up as much space
as you will give it.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Joyce Sidman, whose most recent book of poems is Swirl by Swirl: Spirals in Nature, Houghton Mifflin Books for Children, 2011. Poem reprinted from The World According to Dog, Houghton Mifflin, 2003, by permission of Joyce Sidman and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

45. Drei Dichter

Literatur Jetzt – Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur

Drei Dichter: Ein Abend mit Elke Erb, Brigitte Struzyk und Ulrich Koch – “Danke für die Notbeleuchtung der Sterne morgens”

Donnerstag, 19. September um 20:00
Stadtmuseum Dresden

Mehr unter www.literatur-jetzt.de