Ann Cotten erhält den mit 10000 Euro dotierten Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis. „Ann Cotten ist eine der originellsten AutorInnen der deutschsprachigen Literatur“, heißt es in der Begründung der Jury. „Formal und in der Mischung der Töne überaus einfallsreich, zeigt sie sich auch inhaltlich als aufmerksame Zeitgenossin, für die die Großstadt ebenso Feld ihrer Beobachtungen ist wie die Natur. Mit ihr kommt ein ebenso willkommenes wie irritierendes Moment in die literarische Szene.“
Der unabhängigen Jury gehören an: Heinrich Detering, Knut Kammholz von der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, Lothar Müller (Literaturkritiker, Alfred-Kerr- und Merck-Preisträger), Uwe Pörksen und Hanns Zischler.
Die Preisverleihung findet am 10. Mai 2014 im Rahmen der Wilhelm-Lehmann-Tage in Eckernförde statt. Ann Cotten ist nach Nico Bleutge (2011) und Jan Wagner (2009) die dritte Wilhelm-Lehmann-Preisträgerin.
Welche Gedichtbücher des Jahres 2013 sind besonders bemerkenswert? Elf kundige Leserinnen und Leser haben auf Einladung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Stiftung Lyrik Kabinett ihre Wahl getroffen und präsentieren ihre Empfehlungen deutschsprachiger und ins Deutsche übersetzter Lyrik.
Der Runde aus Kritikern, Lyrikern und Vertretern literarischer Institutionen gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Holger Pils, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.
Die Lyrik-Empfehlungen sind Bestandteil einer Kooperation zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, aus der seit 2012 auch die Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ hervorgegangen ist. Ziel der Zusammenarbeit ist es, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste erscheint einmal jährlich. Sie wird auf www.daslyrischequartett.deveröffentlicht.
Im Rahmen der Buchmesse Leipzig findet eine öffentliche Präsentation der Lyrik-Empfehlungen statt – mit Carl-Christian Elze, Martina Hefter, Erik Lindner, Katharina Narbutovic, Monika Rinck, Jan Wagner und als Moderatoren Heinrich Detering und Holger Pils:
Samstag, den 15. März 2014
16 Uhr: Literaturforum Halle 4, Messegelände
und
20 Uhr: Sächsische Akademie der Wissenschaften, Villa Klinkhardt /Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig
Unten folgend finden Sie die Kurzübersicht der Lyrik-Empfehlungen. Das beiliegende PDF enthält die ausführlichen Listen Deutschsprachige Lyrik und Internationale Lyrik in Übersetzung mit Begründungen.
Wir würden uns freuen, wenn die Lyrik-Empfehlungen eine breite öffentliche Aufmerksamkeit fänden.
Heinrich Detering Holger Pils
(Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung) (Stiftung Lyrik Kabinett)
* * *
Empfehlungen
Deutschsprachige Lyrik – Neuerscheinungen des Jahres 2013
Empfehlungen
Internationale Lyrik in Übersetzung – Neuerscheinungen des Jahres 2013
Ein Zustandsbericht von 1893:
Man redet jetzt viel von einem „jungen Oesterreich“. Es mag etwa drei, vier Jahre sein, dass das Wort erfunden wurde, um eine Gruppe, vielleicht eine Schule von jungen, meist Wiener Litteraten zu nennen, die durch auffällige Werke, einige auch schon durch schöne Versprechungen in der Gesellschaft bekannt, ja sie selber meinen wohl sogar: berühmt wurden. Die Menge weiss freilich ihren Namen nicht, weil die Zeitungen von ihnen schweigen: denn die Wiener Presse (ungleich der Berliner, die unermüdlich in den Gymnasien sucht, um den Abonnenten jedes Quartal einen neuen Unsterblichen zu liefern) ist beleidigt, wenn ein Wiener Talent haben will, und scheut kein Mittel, gewaltsam den Störenfried zu vertuschen. Aber die Kenner schätzen sie, und schöne, kluge, empfängliche Frauen lauschen ihren Versen. Da können sie das Andere leicht verschmerzen.
Anfang von: Hermann Bahr, Das junge Österreich
Hermann Bahr: Das junge Österreich. I. Deutsche Zeitung, Wien, 23 (1893) #7806, Morgen-Ausgabe, 1-2. (20.9.1893) (mehr)
Gibt es eine Marktlücke für echte Lyrik?
Eine Schachtel Pralinen, den schönen Duft, einen Strauß Rosen, ein Gedicht auf einer verzierten Grußkarte: Am Valentinstag (14. Februar) sollten gerade die Herren ein Geschenk für die Liebste parat haben – oder doch nicht?* / WAZ
*) Und warum nicht wechselseitig?
textkette. gute gedichte ins facebook
Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor 3 Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.
Ausgewählt von Bettina Boeck (nominiert von Esther Ackermann)
William Shakespeare (1564-1616)
Sonett C
Where art thou Muse that thou forget’st so long,
To speak of that which gives thee all thy might?
Spend’st thou thy fury on some worthless song,
Darkening thy power to lend base subjects light?
Return forgetful Muse, and straight redeem,
In gentle numbers time so idly spent;
Sing to the ear that doth thy lays esteem
And gives thy pen both skill and argument.
Rise, resty Muse, my love’s sweet face survey,
If Time have any wrinkle graven there;
If any, be a satire to decay,
And make Time’s spoils despised every where.
Give my love fame faster than Time wastes life,
So thou prevent’st his scythe and crooked knife.
textkette. gute gedichte ins facebook
Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor 3 Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf „Gefällt mir“ klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.
Ausgewählt von Michael Gratz (nominiert von Florian Voß)
Heinrich Nowak
Damenringkampf
Die Eine ist recht üppig; lächelt froh
Im Vollbewußtsein ihrer Kampfeslüste;
Zwei runde Kreise zeichnen ins Trikot
Die Warzen ihrer kolossalen Brüste.
Die Andere ist schlank, und hart und fest
Ist jeder Muskel, den sie spielen läßt.
Das Hirnchen hinter blondem Haaresknoten
Ist sicher vollgepfropft mit süßen Zoten.
Wie sie sich fernher mit den Augen messen
Schweigt die Musik – und sie umfassen sich –
Und wie sie Schenkel fest auf Schenkel pressen,
Wälzt auf der Schlanken schwer die Dicke sich
Und bohrt den Kopf in deren Psychebrust.
Aus aller Augen rinnt die wüste Lust –
aus: Heinrich Nowak: Die Sonnenseuche. Das gesamte Werk (1912-1920). Wien, Berlin: Medusa, 1984. Zuerst veröffentlicht 1913.
Bild aus „Simplicissimus“
Zeitschriftenabdruck 1926
Ute Lemper:
Ich wollte ein Programm schaffen, das musikalisch auf dem französischen Chanson, dem argentinischen Lied und dem Tango basiert, verbunden mit wunderbaren Texten. Doch als ich mich durch die lateinamerikanische Literatur las, musste ich feststellen, dass sich diese Poesie im Grunde nicht vertonen lässt.
Christoph Forsthoff (Die Welt):
Warum nicht?
Lemper:
Es würde diese Texte banalisieren, denn die meisten sind politisch, da ihre Schreiber in ihrer Poesie ihre Rebellionen formuliert haben gegen die Systeme, in denen sie aufgewachsen und unterdrückt wurden. Bis mir dann dieses Büchlein mit den kleinen, kompakten Gedichten Pablo Nerudas in die Hände fiel. Es lag in meiner Tasche wie meine kleine Bibel: Gedichte aus verschiedenen Epochen seines Lebens, mit einer Struktur, die sich einfach in Musik umsetzen ließ, weil sie bereits eine Musikalität in sich tragen.
/ mehr

Zum (möglichen) Hintergrund vgl. hier.
Auszug:
Nach Prüfung des obenstehenden Beweismaterials :
Goethe ist Muslim, ein Muslim braucht nicht mehr zu sagen als was Goethe geschrieben hat.
Kann jemand das gegenteil beweisen!!
die offen sichtliche Unwirklichkeit eines Kinofilms bewirkt, dass ich mich selbst als wirklich wahrnehme
Hansjürgen Bulkowski
Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass Gedichtbände heutzutage nur wenige Leser finden. Man mag das zurückführen auf die Gier des Deutschunterrichts nach normierbaren Interpretationen, auf den Mangel an Werbung, die sich die auf Lyrik spezialisierten Verlage nicht in dem Umfang leisten können, wie es wünschenswert wäre oder meinetwegen auf das Wirken irgendeiner internationalen Verschwörung – leugnen lässt es sich nicht. Die Reaktionen auf diesen Missstand variieren typbedingt: Manche geben sich dem wohligen Gefühl hin, Teil einer kleinen und familiären Gruppe von Lyrikliebhabern zu sein, andere werden angesichts der Stapel pastellfarbener Prosabände in Buchhandlungen, die keinen Platz für Lyrik zu haben glauben, von kalter Wut gepackt oder auch von Mitleid mit all denen, die ihr Leben fristen müssen, ohne sich je an einem Gedicht erfreuen zu können.
Liest man die Gedichte in Jan Skudlareks Debütband „Elektrosmog“, herrscht – so erging es jedenfalls mir – das Mitleid mit den Lyrikfernen vor. Denn diese Gedichte sind eine Einladung, sich auf Lyrik einzulassen; eine Einladung, die man kaum ausschlagen kann und von der ich mir wünsche, dass jeder, der bereit ist, Augen und Ohren zu öffnen (der Mund wird ihm hier und da vor freudigem Erstaunen auch noch offenstehen), sie erhalten möge. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen
Jan Skudlarek: Elektrosmog. Gedichte. Wiesbaden (Luxbooks Labor) 2013. 80 S., 19,80 Euro.
textkette. gute gedichte ins facebook
Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor 3 Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.
Ausgewählt von Michael Gratz (nominiert von Sven Wenig)
Peter Hille (1854-1904):
2 Engellieder
Knabe
Hält die Augen in die Welt
Wie zwei schwarze Renner.
Zügelt sie kaum,
Aller Helden Held:
Weit dein Traum,
Reich ohne Raum.
Das Mädchen
Gestern noch ein dürftig Ding,
Das so grau und albern ging,
Nichts an ihm zu sehen –
Und muß heut behutsam sein,
Wie wenn im Mai die Blüten schnein,
…Daß nicht all verwehen.
Wie wenn ich Blüten an mir habe,
Als sei ich eine Gottesgabe –
Ein reines Wunder bin ich ja,
Wie nie ich eins mit Augen sah.
Und muß mich sehr zusammennehmen
…Und schämen.
Warum? Weil ich so blühend bin
Und weil der Wind treibt Blüten hin,
Die nicht am Baum erröten
Und voller Vorsicht sind
Und Unschuld und Erblöden –
…Der dumme Wind!
Ein paar Aphorismen:
Was ist der Dichter? Ein immer sprossendes, furchtbares, rastlos bebendes Hirn.
Dichten, wie ich’s verstehe, heißt nicht schöne Worte, heißt schönes Leben machen.
Ein echter Dichter haßt nichts so sehr wie das Poetische.
Sogar Shakespeare oder Goethe sind wohl nicht mehr lange vor elektronischer Konkurrenz sicher, denn ein Forscher des MIT Media Labs hat eine Algorithmus-Maschine erstellt, die allen poesieaffinen Menschen helfen soll, Gedichte zu schreiben.
schreibt die Computerwelt. Wie die Dichtertitanen in den Text kommen ist nicht ganz klar, denn wenn ich den Text richtig verstehe, soll der Computer poesieaffinen Menschen wohl nicht helfen, Gedichte von Shakespeare und Goethe zu schreiben. Das sind so Aufhänger. Trotzdem spannend:
Er begann ein Sonett zu schreiben, indem er Wörter aus einem Pool wählte, die der Algorithmus vorschlug.
„Um gute Poesie zu schreiben, musste ich aber weiter antizipieren als bis zum nächsten Wort“, erklärt Matias gegenüber dem Fachmagazin TechCrunch. „Welche Voraussagen können getroffen werden, wenn ich dieses statt einem anderen Wort wähle? Dazu entwickelte ich das Touchscreen-Interface, um zukünftige Voraussagen für poetisches Schreiben zu treffen.“ Swift-Speare soll jedoch mehr ein kreatives Schreibwerkzeug sein, als ein künstlicher Poet.
Die Technologie ist nicht ohne Präzedenz. So gibt es bereits Konzepte wie zum Beispiel Pentametron, was jambische Pentameter in Tweets aufspürt. „Algorithmen, die nach Poesie suchen, sind genau das Gegenteil meiner Arbeit“, meint Matias. „Diese suchen unerwartete Poesie in gewöhnlichen Texten. Meine Arbeit mit Swift-Speare sucht jedoch unter bereits existierender Poesie nach der Möglichkeit neuer Dichtung, die noch nicht geschrieben wurde.“
Adam Zagajewski verteidigt „das Recht auf Unendlichkeit“, gegen den nüchternen Zeitgeist, die „Notwendigkeit der Leidenschaft gegen das Diktat der Ironie“. Er fordert „Wildheit“ und den Mut, tiefgehende persönliche Erfahrungen auszusprechen. Produktion: DLF 2014
Hier (Manuskript zum Download)
Zitat
O-Ton Adam Zagajewski Für mich war das immer ein Symbol der Heiligkeit, das Lachen. Die Leute, die einen gewissen Grad des Heiligsten erreicht hatten, die lachten viel, die hatten diese lockere Attitüde: Zitator Adam Z. Ein Bibelwort, das nie geschrieben wurde: "Komm zu mir, denn ich bin widerspruchsvoll wie du selbst". O-Ton Adam Zagajewski Das ist schwarzer Tee. Ich trinke selten den grünen Tee, weil der schwarze Tee gibt mir die Inspiration. Nicht jeden Tag, aber manchmal doch. Es passiert manchmal, dass Studenten oder Leute in einer Lesung fragen: "Wie machen Sie das, wie schreiben Sie Gedichte?" Ich sage: "Man braucht zwei Sachen: schwarzen Tee und Musik. Wenn man beides hat, kann man schreiben".
Nachrichten sind der Treibstoff der Moderne. Wir halten es kaum einen Tag ohne sie aus, und trotzdem ist ihr Wesen uns rätselhafter als antike Lyrik.
Die Welt 8.2.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I don’t remember ever having a blind date, but if I had, I suspect it would have gone just as the one goes in this poem by Jay Leeming, who lives in New York state.
Blind Date
Our loneliness sits with us at dinner, an unwanted guest
who never says anything. It’s uncomfortable. Still
we get to know each other, like students allowed
to use a private research library for only one night.
I go through her file of friends, cities and jobs.
“What was that like?” I ask. “What did you do then?”
We are each doctors who have only ourselves
for medicine, and long to prescribe it for what ails
the other. She has a nice smile. Maybe, maybe . . .
I tell myself. But my heart is a cynical hermit
who frowns once, then shuts the door of his room
and starts reading a book. All I can do now is want
to want her. Our polite conversation coasts
like a car running on fumes, and then rolls to a stop;
we split the bill, and that third guest at the table
goes home with each of us, to talk and talk.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Jay Leeming’s most recent book of poems is Miracle Atlas, Big Pencil Press, 2011. Poem copyright © 2011 by Jay Leeming and reprinted by permission of the author and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
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