58. Verlaine Russisch

Eine zweibändige russische Ausgabe von Paul Verlaine (1300 Seiten) erschien in der Reihe „Literarische Denkmäler“. Band 1 enthält 5 Sammlungen ganz und 12 teilweise sowie Kommentare, Zeittafel usw., Band 2 Übersetzungsvarianten und Bemerkungen über Verlaine von Sologub, Woloschin, Annenski, Brjussow, Pasternak und Schengeli.

П. Верлен «Стихотворения» из серии «Литературные памятники» Цена 2550 руб.

57. Nachgebessert: Klopstockpreis

Kultusminister: Klopstock-Preis für neue Literatur soll sich zu einer Marke des Landes entwickeln

Das Land Sachsen-Anhalt will seinen Literaturpreis neu profilieren und ab dem Jahr 2015 den „Klopstock-Preis für neue Literatur“ verleihen. Darüber hat Kultusminister Stephan Dorgerloh das Kabinett auf seiner heutigen Sitzung unterrichtet. „Mit dem Klopstock -Literaturpreis ehren wir aktuelle literarische Werke oder auch das Gesamtwerk eines Autors ebenso wie Nachwuchsautoren für herausragende Veröffentlichungen“, informierte Kultusminister Stephan Dorgerloh. Benannt ist der Preis nach dem 1724 in Quedlinburg geborenen bedeutenden Epiker, Lyriker und Dramatiker der Aufklärung und wichtigsten Vertreter der Empfindsamkeit. „Friedrich Gottlieb Klopstock ist in seinem Leben und seinem Schaffen immer wieder zu neuen Ufern aufgebrochen und hat der deutschen Sprache neue Impulse gegeben“, so Dorgerloh. Solche Aufbrüche soll auch der Literaturpreis Sachsen-Anhalts fördern.

Mit der Neuausrichtung der Vergabe des Literaturpreises folgt die Landesregierung einer Empfehlung des Kulturkonvents. Der Kulturkonvent hatte sich dafür ausgesprochen, „die Literaturpreise im Hinblick auf Intention, Dotierung, Vergabesystematik und -rhythmus, Ausrichtung, Zusammensetzung der Gremien und Richtlinien der Kunst- und Literaturpreise zu evaluieren und neu zu ordnen“.

Diese Empfehlung wurde – auch unter Berücksichtigung der Förderschwerpunkte des Landes (Pflege des kulturellen Erbes und der Nachwuchsförderung) – umgesetzt. Der Literaturrat des Landes (bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Verbandes der Deutschen Schriftsteller, des Förderkreises der Schriftsteller in Halle, des Fördervereins der Schriftsteller in Magdeburg, des Germanistischen Instituts der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg, des Friedrich-Bödecker-Kreises und des Gleimhauses Halberstadt) wurde als das zuständige Beratungsgremium des Kultusministers hinzugezogen.

Der Literaturrat hatte dafür votiert, bei der Vergabe des Literaturpreises einen klaren Schnitt zu vollziehen und keinen der drei bisherigen Preise (der Friedrich-Nietzsche-Preis für wissenschaftliche Essayistik, der Wilhelm-Müller-Preis für Gegenwarts- und Reiseliteratur sowie der Georg-Kaiser-Förderpreis für Nachwuchsautoren wurden bislang alternierend vergeben) als Landesliteraturpreis weiterzuführen. Die Vergabe dreier wechselnder Preise mit einer jeweils unterschiedlichen Ausrichtung hatte in der Vergangenheit zu Nachfragen und Unklarheiten geführt. Deshalb votierten die Fachleute dafür, ab 2015 den Literaturpreis des Landes jährlich als „Klopstock-Preis für neue Literatur“ zu vergeben. Diese fachliche Expertise wurde seitens des Kultusministeriums aufgenommen. „Auf diese Weise lässt sich der Preis jetzt auch überregional besser bekannt machen und zu einer Marke des Landes entwickeln“, so der Minister.

Künftig wird der Hauptpreis (dotiert mit 12.000 Euro) für ein deutschsprachiges Werk (Roman, Lyrik, Drama, Reisebeschreibung, Essay) verliehen, das in den letzten vier Jahren vor der beabsichtigten Preisverleihung veröffentlicht wurde oder für das literarische Gesamtwerk eines Autors. Zusätzlich wird nun jährlich der Klopstock-Förderpreis (dotiert mit 3.000 Euro) an eine Nachwuchsautorin oder einen Nachwuchsautor vergeben, die oder der mit einer literarischen Debütveröffentlichung bundesweit Beachtung gefunden hat. Damit können Nachwuchsschriftsteller nun nicht wie bisher alle drei Jahre, sondern jährlich ausgezeichnet und gefördert werden. Für die bisherigen Preise soll versucht werden, mit den Städten Magdeburg, Dessau-Roßlau und Naumburg eine kommunale Fortführung und Verankerung zu finden.

56. Nachgetragen: Griffin Poetry Prize

Einer der höchstdotierten Lyrikpreise ist der in Kanada vergebene Griffin Poetry Prize. Wikipedia weiß:

Der Griffin Poetry Prize ist ein kanadischer Literaturpreis, der 2000 von Scott Griffin begründet wurde. Er wird jährlich in den Kategorien „kanadisch“ und „international“ an englischsprachige Lyriker vergeben und ist seit 2010 auf insgesamt 200.000 CAD dotiert, womit er als höchstdotierter Lyrikpreis weltweit gilt. Seit 2006 wird zusätzlich ein „Lifetime Recognition Award“ an internationale Dichter vergeben. Griffins ursprüngliche Absicht bei der Begründung des Preises bestand darin, dem Feld der Lyrik in der Literaturlandschaft mehr Gewicht zu verleihen. Der Preis wird ausschließlich an erstmals veröffentlichte Lyrikbände [des Vorjahres] vergeben. Er stellt an sich selbst den Anspruch, sowohl neue als auch etablierte Autoren unabhängig von ihrer Stilrichtung zu berücksichtigen.

Im April gab Scott Griffin die Namen der Finalisten in beiden Kategorien bekannt. Die Juroren Robert Bringhurst (Kanada), Jo Shapcott (UK) und C.D. Wright (USA) lasen die 539 nominierten Gedichtbände aus 40 Ländern (davon 24 Übersetzungen ins Englische). Alle Finalisten wurden zu einer Lesung nach Toronto eingeladen. Jeder Finalist bekommt ein Honorar in Höhe von 10,000 Kanadadollar für die Teilnahme an der Shortlistlesung (sie fand am 4.6. statt). Die Gewinner erhalten je 65,000 Kanadadollar.

Finalisten waren:

International

  • Pilgrim’s Flower ● Rachael Boast, Picador
  • Seasonal Works with Letters on Fire ● Brenda Hillman, Wesleyan University Press
  • Silverchest ● Carl Phillips, Farrar, Straus and Giroux
  • Colonies ● Mira Rosenthal, translated from the Polish written by Tomasz Różycki, Zephyr Press

Canadian

  • Red Doc> ● Anne Carson, Jonathan Cape and McClelland & Stewart
  • Ocean ● Sue Goyette, Gaspereau Press
  • Correspondences ● Anne Michaels, McClelland & Stewart

Die Preise gingen an Anne Carson und Brenda Hillman. Anne Carson erhielt den Preis bereits zum zweitenmal – ihr Band Men in the Off Hours wurde 2001 im ersten Jahrgang des Preises ausgezeichnet. Bisher erhielt sie u.a. den Lannan Award (1996) und den Pushcart Prize (1997). 2001 war sie die erste Frau, die mit dem T.S. Eliot Prize for Poetry geehrt wurde.

Die Jury über die Preisträger:

Anne Carson

Judge’s Citation: “Red Doc>, Anne Carson’s return to the characters of Autobiography of Red, stands on its own columns with pedestals in the fragments of Stesichorus’s account of Herakles’ final labor—to steal the red cattle of the monster Geryon. The narration puts the gaps to task. What is taken up again, more significantly than an update of Autobiography, is a daunting writer having her particular way with the language. Amid marvels of toaster-sized ice bats, barn-sized crows, and a silver-tuxedoed Hermes in humanlike form, is a dying mother’s request of the daughter to pluck the hairs from her chin. Geryon returns middle-aged, Herakles, a damaged war veteran. Sexual bent is irrelevant; nature outsized, glacial and volcanic. Words are rescued, morphed and slapped awake. Speech hurtles from vulgar to sublime. Everything accelerates except when a break is introduced disguised as riff, list or song and the mead is served in golden cups.”

Biography: Anne Carson was born in Canada and has been a professor of Classics for over 30 years. She was twice a finalist for the National Book Critics Circle Award; was honored with the 1996 Lannan Award and the 1997 Pushcart Prize, both for poetry; and was named a MacArthur Fellow in 2000. In 2001 she received the T. S. Eliot Prize for Poetry—the first woman to do so, the 2001 Griffin Poetry Prize and the Los Angeles Times Book Prize. She currently teaches at the University of Michigan and lives in Ann Arbor.

Summary: In a stunningly original mix of poetry, drama and narrative, Anne Carson brings the red-winged Geryon from Autobiography of Red, now called “G”, into manhood and through the complex labyrinths of the modern age. We join him as he travels with his friend and lover “Sad” (short for Sad But Great), a haunted war veteran; and with Ida, an artist, across a geography that ranges from plains of glacial ice to idyllic green pastures; from a psychiatric clinic to the somber house where G’s mother must face her death. Haunted by Proust, juxtaposing the hunger for flight with the longing for family and home, this deeply powerful verse picaresque invites readers on an extraordinary journey of intellect, imagination and soul.

Brenda Hillman

Judge’s Citation: Seasonal Works with Letters on Fire concludes Brenda Hillman’s tetralogy on the four elements of classical thought. She steers wildly but ably through another day of teaching, a ceremonial equinox, the distress of bee colony collapse; space junk, political obstruction, military drones, administrative headaches, and everything in between. The ‘newt under the laurel’ and ‘the herring purring through the eelgrass’ don’t escape her arc of acuity. Seasonal Works appears to be one of the most inclusive books a hyperactive imagination could wring out of the actual. The symbols of the alphabet come alive and perform acrobatic marvels. Phonetical birdcalls join in on cue. The mighty challenges of now are fully engaged. The book performs an ‘anarchic music’ and stimulates a craving for undiluted love, and a rollicking fury for justice that only its widely variant forms can sustain. This is a unique work. Its letters are on fire.”

Biography: Brenda Hillman was born in Tucson, Arizona and spent part of her early childhood in Brazil. After receiving her BA from Pomona College, she attended the University of Iowa, where she received her MFA. Wesleyan University Press has published nine collections of Hillman’s poetry, including Practical Water (2009), for which she was awarded the Los Angeles Times Book Award for Poetry and, Seasonal Works With Letters on Fire that was longlisted for the National Book Award. In 2010 Hillman co-translated Jeongrye Choi’s book of poems, Instances. Hillman has received fellowships from the National Endowment for the Arts and the Guggenheim Foundation, two Pushcart Prizes, a Holloway Fellowship from the University of California at Berkeley and the Delmore Schwartz Memorial Award for Poetry. Hillman serves as a professor and poet-in-residence at St. Mary’s College in Morago, California. She is also a member of the permanent faculties of Squaw Valley Community of Writers and Napa Valley Writers’ Conference.

Summary: Fire—its physical, symbolic, political, and spiritual forms—is the fourth and final subject in Brenda Hillman’s masterful series on the elements. Her previous volumes—Cascadia, Pieces of Air in the Epic, and Practical Water—have addressed earth, air and water. Here, Hillman evokes fire as metaphor and as event to chart subtle changes of seasons during financial breakdown, environmental crisis and street movements for social justice; she gathers factual data, earthly rhythms, chants to the dead, journal entries and lyric fragments in the service of a radical animism. In the polyphony of Seasonal Works with Letters on Fire, the poet fuses the visionary, the political and the personal to summon music and fire at once, calling the reader to be alive to the senses and to reimagine a common life.

Zweimal wurden Übersetzungen ausgezeichnet. 2001 gewannen Nikolai Popov und Heather McHugh den Preis für ihre Übersetzung von Glottal Stop: 101 Poems by Paul Celan und 2013 Fady Joudah für The Straw Bird It Follows Me, and Other Poems by Ghassan Zaqtan. 2006 war Michael Hofmanns Übersetzung von Ashes for Breakfast: Selected Poems by Durs Grünbein unter den Finalisten. Einige Jahre wurde zusätzlich ein Preis für ein Lebenswerk vergeben:

  • Robin Blaser 2006
  • Tomas Tranströmer 2007
  • Ko Un 2008
  • Hans Magnus Enzensberger 2009
  • Adrienne Rich 2010
  • Yves Bonnefoy 2011
  • Seamus Heaney 2012
  • Adelia Prado 2014

Quelle: Offizielle Website des Preises

55. Hier ist Krieg

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan in der Neuen Zürcher Zeitung, Auszug:

Erstaunlicherweise lösen selbst die tagtäglichen Berichte über das Eindringen von russischen Panzerkolonnen auf ukrainisches Territorium und die Gefangennahme russischer Armeeangehöriger keinen Schock und keine Angst mehr aus. Das Land findet sich langsam damit ab, dass es in einen richtigen Krieg gezwungen worden ist. Und das friedliche Leben im Hinterland ist nur eine vorübergehende Zuflucht vor dem, was sich im Osten abspielt.

In den Städten sieht man mehr und mehr Wahlplakate. Die Vertreter der gestürzten Macht haben sich von den Ereignissen des Frühjahrs erholt, formieren sich neu und werden bei den Wahlen antreten. Die Aktivisten begleiten immer neue Freiwilligeneinheiten an die Front. Immer neue Flüchtlinge strömen in die Städte und sorgen dort für immer grössere Missstimmung. Von meinen Bekannten im Donbass ist kaum einer noch dort. Die Kontaktaufnahme mit denen, die geblieben sind, ist beinahe unmöglich. Ich habe eine Bekannte in Charkiw gefragt, wie es ihren Eltern gehe. Sie antwortete, sie seien in Luhansk geblieben, hätten sich aber schon fast zwei Wochen nicht gemeldet und sie wisse nicht, ob ihre Eltern noch am Leben seien. Also nehme ich mit einem Freund Kontakt auf, der im Donbass geblieben ist und sich manchmal per Mail meldet. Ich bitte ihn, bei der angegebenen Adresse vorbeizugehen und zu schauen, ob die Eltern meiner Bekannten noch am Leben sind. Der Freund schreibt zurück, er wolle es versuchen, es sei aber ziemlich schwierig, die Nachbarorte seien schwer erreichbar, man könne sich kaum frei bewegen, Privatautos würden ohne Vorankündigung beschossen. «Hier ist Krieg», schreibt er. Er sieht alles mit eigenen Augen, er weiss, wovon er redet.

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk in der Ostukraine geboren, gehört zu den prägenden Figuren der jungen ukrainischen Literaturszene. Zuletzt erschien 2012 bei Suhrkamp der Roman «Die Erfindung des Jazz im Donbass». – Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.

54. Blaise Cendrars im Krieg

… das ist wie Balzac aus der Jukebox. „Man geht, man schubst, man krepiert, man steht wieder auf, man marschiert und fängt wieder von vorne an.“ Schreibt, schießt, singt, stirbt. Lang ist der Weg nach Tipperary! Avantgarde ist zur Stelle. Erschüttert vom Urknall des Säkulums war auch der Pariser Montmartre. An die dort lebenden Metöken erging als „Frankreichs fremde Freunde“ der in allen Zeitungen abgedruckte Aufruf zur freiwilligen Beteiligung am Waffengang für die Republik. Unterschrieben war das Manifest mit dem Pseudonym des als Frédéric Louis Sauser in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Dichters Blaise Cendrars, der seit 1910 unter seinen Pariser Künstlerfreunden lebte. Das Auffangbecken für ausländische Waffenbrüder war die Fremdenlegion.

Ihr schloss sich auch Cendrars an. Zurück kehrte er als einarmiger Poet, der rechte Arm war ihm von einem Geschoss zerrissen worden. / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 9.9.

53. Erklär’s mir

Erklär’s mir: Was ist Lyrik?

Wollt Ihr wissen, woher das Wort „Lyrik“ stammt? …Wenn man traurig ist, liest man ein Gedicht. Oder man hört Musik. Die beiden sind sich eben ähnlich./ Bettina Schulte, Badische Zeitung

52. Dichterinnen gehen voran

Die ägyptische Dichterinnengruppe Zatt will das Gedicht aus dem elitären Würgegriff befreien durch Vermischung mit anderen Kunstformen wie Tanz, Malerei, Karikatur, bewegte Bilder oder Marionettentheater. Lyrik werde auf dem Literaturmarkt zugunsten des Romans vernachlässigt. Vor 8 Monaten gründeten die jungen Dichterinnen Abir Abdel-Aziz, Héba Essam, Nahed Al-Sayed und Maha Chéhab die Gruppe „Zatt für die Dichterinnen“ mit dem Ziel, die Öffentlichkeit und die Intellektuellen [„und“ ist ein langes Wort, Büchner!] für die Lyrik zurückzugewinnen. Die Verleger nähmen Gedichtbände oft nur, wenn der Autor 100 Exemplare abnimmt. Die Gruppe organisiert Veranstaltungen zu bestimmten Themen, oft mit Texten weiblicher Autoren.

Zatt sei nicht feministisch. Man habe mit den Dichterinnen begonnen, weil Frauen sehr viel flexibler als Männer seien, erklärt Essam Heba, Dichterin und Mitgründerin der Gruppe.

Eins ihrer Projekte in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Maler Mattias Adolfsson besteht darin, Videos zu produzieren, die Gedichte und Gemälde kombinieren. Seine Gemälde seien sehr detailreich, und die Videos präsentieren die Verse zusammen mit Details des Bildes, bevor das ganze zu sehen ist. Man wolle technische Hilfe annehmen, aber keine finanzielle, um unabhängig zu bleiben.

Rasha Hanafy, Al Ahram 10.9.

51. Verfolgter Schriftsteller

Bereits vor Ausbruch des Bürgerkriegs hatte der syrische Schriftsteller Abdelwahhab Azzawi eine Vielzahl regierungskritischer Artikel veröffentlicht. Gemeinsam mit dem – ebenfalls verfolgten – ägyptischen Poeten Omar Hazek publizierte er überdies die Gedichtsammlung „Nota – Skies of Freedom“, die 2011 in Ägypten erschien. Abdelwahhab Azzawis kritische Texte sorgen nicht nur auf Seiten der Regierung für Unmut. Auch islamistische Gruppen sehen in den säkularen Artikeln Azzawis eine Bedrohung. Terroristen wie Regierung drohen ihm mit Arrest, Entführung und Gewalt. Berichten des Internationalen PEN zufolge, wird der Autor im August 2012 vom Sicherheitsdienst auf offener Straße attackiert und geschlagen. 2013 flüchten Abdelwahhab Azzawi mit seiner Frau und den zwei Töchtern nach Aden, in den Jemen. Doch auch dort wird die Familie bedroht. Azzawi muss Frau und Kinder verlassen: auf Einladung des Universitätsklinikums Saarland flieht er im Juni 2014 nach Deutschland. Er bittet in Dortmund um Asyl, wird eine Woche später nach Eisenhüttenstadt und von dort weiter nach Senftenberg umgesiedelt. Seine größte Sorge gilt seiner Familie. Azzawis Frau, gebürtige Alawitin und Tochter eines inhaftierten Regierungskritikers, ist es im Jemen untersagt, ohne männliche Begleitung das Haus zu verlassen. Wann und wie er seine Familie wiedersehen wird, weiß der Autor nicht. Und auch ob er in Deutschland bleiben darf, ist ungewiss. / Gießener Anzeiger

50. Stipendien für irische Dichter

Die Witwe des irischen Dichters Patrick Kavanagh hat die Rechte und Lizenzgebühren für sein Werk an Treuhänder übergeben, die es für bedürftige irische Dichter mittleren Alters verwenden sollen. Die Patrick and Katherine Kavanagh Fellowships 2014 gehen an Gearoid Mac Lochlainn (€8,000), Joseph Woods und Enda Wyley (je €6,000). / Irish Times

49. American Life in Poetry: Column 494

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’d guess that a number of our readers have had MRIs. One of my neighbors, a gravel hauler in rural Nebraska, told me that his test sounded as if he were on the inside of a corn sheller. Jackie Fox, also a Nebraskan, has a different take on the experience. Would you rather find yourself confined in a corn sheller or a dryer? It’s no wonder we call ourselves patients.

MRI

It thuds and clanks
like tennis shoes
in a dryer, only
I am the shoe,
sour, damp and
wedged into
the narrow
metal tube,
heart clanging.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Jackie Fox. Poem reprinted from Bellevue Literary Review, Volume 13, no. 2, Fall 2013, by permission of Jackie Fox and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

48. Horst Samson

Die im Ludwigsburger POP-Verlag vom Verlagsleiter Traian Pop selbst herausgegebene Vierteljahresschrift BAWÜLON nennt sich im Untertitel „Süddeutsche MATRIX für Literatur und Kunst“. (…)

Aus besonderen Anlässen rückt die Zeitschrift Werk und Wirkung eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin ins Zentrum einzelner Ausgaben. Nach Julia Schiff und Johann Lippet würdigt BAWÜLON nun in Nr. 2/2014 die Persönlichkeit und das vielseitige literarische Schaffen des in Albrechtsflor aufgewachsenen Dichters und Journalisten Horst Samson anlässlich seines 60. Geburtstags. Eine „Festschrift“ der besonderen Art! Nicht Laudationes sind hier versammelt, sondern eine Auswahl von Gedichten, Prosastücken und essayistischen Texten des Jubilars aus dreieinhalb Jahrzehnten. (…)
Sein vielbeachteter Gedichtband „La Victoire. Poem“ (München, 2003) wird von Peter Motzan als „Protokoll einer Entheimatung und Zerstörung“ bezeichnet.

Über seine bitteren Erfahrungen in den dunklen achtziger Jahren in Temeswar, im Visier des Geheimdienstes Securitate, über den Literaturbetrieb und den zunächst immer noch lebendigen Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis, dessen Sekretär er war, und schließlich über die Last des Neubeginns im Westen ab 1987 berichtet Samson ausführlich im Gespräch mit Stefan Sienerth, das gleichsam als verkürzte Selbstbiographie zu lesen ist. (…)

In sprühender Sprache verankert Horst Samson im Kern seines bisherigen Gesamtwerks Selbstbiographisches exemplarisch im zeitgeschichtlichen Geschehen der letzten vier Jahrzehnte, dem politischen Klima der Aussiedlungszeit, wird so zum poetischen Chronisten der Endzeit der Banater Deutschen in der Heimat und der Befindlichkeiten der Ausgewanderten beim Übergang in den westlichen deutschen Sprachraum. Die Frage, ob dieser Vorgang als Emigration bzw. Exil zu deuten ist, muss offen bleiben. / Walter Engel, Banater Post 15.9.

47. Poetopie

wir, in der U-Bahn uns gegenübersitzend – ungewollt einbezogen ins heimliche Gespräch der Blicke

Hansjürgen Bulkowski

46. Afrikanischer Beitrag zum Islam

Wir haben seit Jahrhunderten einen Islam, der friedfertig ist und nie Probleme bereitet hat. Diese Organisationen wollen den senegalesischen Islam politisieren, indem sie ihn mit salafistischen und wahhabitischen Ideologien infizieren und Konflikte der arabischen Welt in die hiesige Gesellschaft importieren.

Was versprechen sie sich davon?

Dahinter steckt ein arabischer Paternalismus, der davon ausgeht, dass die afrikanischen Muslime zu wahren Muslimen gemacht werden müssten. Die arabische Welt nimmt uns Afrikaner gewissermaßen als Unter-Muslime wahr, aber das ist nichts Neues.

Sondern?

Schon 1591 kam der Sultan von Marokko und sagte, er wolle jetzt Mali islamisieren – da war Timbuktu schon längst eines der größten islamischen Zentren überhaupt. Das eskalierte dann in der Schlacht von Tondibi, etwa 60 Kilometer nördlich von Gao. Als im Jahr 2012 die Dschihadisten die Mausoleen in Timbuktu zertrümmerten, steckte dahinter abermals die Botschaft, dass wir Afrikaner nichts zum Islam beigetragen hätten – und man uns einen reinen Islam bringen müsse. Der kulturelle Beitrag der afrikanischen Muslime zur islamischen Zivilisation soll zerstört werden.

Worin genau besteht dieser Beitrag?

Die Afrikaner haben etwas Außergewöhnliches vollbracht: eine kritische Assimilierung der Religion. Sie haben die Zugehörigkeit zum Islam mit den bestehenden kulturellen Realitäten vereint – mit der Folge, dass der Islam zur integrierenden Kraft wurde, basierend auf Frieden und Dialog. Ein friedfertiger, spiritueller Islam, der keine Spannungen zwischen Kultur und Religion erzeugt. Ein Glaube, der den Islam nicht politisiert, sondern für sozialen Zusammenhalt sorgt.

/ Der senegalesische Islamforscher Bakary Sambe über friedfertigen Glauben und die Verbreitung von Dschihadismus im Sahel, Süddeutsche Zeitung 6.9.

45. Christine Busta

In Wien sind demnächst wieder Gedichte der etwas in Vergessenheit geratenen katholischen Lyrikerin Christine Busta (1915-1987) zu hören. Am 9. Oktober erinnert eine Lesung unter dem Titel „einfach so“ im Literaturhaus an das zu ihren Lebzeiten hochdekorierte Schaffen der vor fast 100 Jahren geborenen Dichterin. (…)

„Mein Grundthema ist die Verwandlung der Furcht, des Schreckens und der Schuld in Freude, Liebe und Erlösung“, wird Busta in der Ankündigung zitiert. Doch habe sie nie die Schattenseiten der Realität ausblenden wollen, stellte sie einmal in einem Gedicht („Erklärung“) gegen Kritiker klar: „Nie habe ich einer heilen Welt das Wort geredet. Immer nur einer verletzlichen, um deren gefährdete Schönheit ich bangte – schon auf Heilung bedacht.“ / Kathweb

Dieser Text stammt von der Webseite http://www.kathweb.at/site/nachrichten/database/64568.html des Internetauftritts der Katholischen Presseagentur Österreich.

44. H.D. und Sappho

— Wie wird gesprochen? Eigenartig bildhaft, bildkräftig. Konkrete Bilder, die Ezra Pound bewunderte und von Imagismus sprechen ließ. Metaphern, die in konkrete Bilder zurückverwandelt sind. Bilder, die nicht eigentlich schildern, sondern auftreten wie handelnde Personen im Drama. Hart zupackende Verben. Knappe, harsche Attribute, die wie Kieselsteine in der Hand liegen. Konkret und enigmatisch zugleich.

— Wovon handelt diese Sprache? Wieviel Augenblick und wieviel Mythos kommt hier zu Wort? Ist es, wie Eileen Gregory* uns nahelegt, die Gestalt der SAPPHO, die hier auflebt, überraschend neu und so fern dem Bild, das die Spätromantik von ihr gezeichnet hat? Erkennen wir SAPPHO? Und hinter ihr die Gestalt der Gottheit, die sie besingt?

(…)

[Eileen Gregory] betont aber auch das Gefühl der Distanz der modernen Frau und Dichterin gegenüber dem Lesbos SAPPHOs, derer H.D. sich tief bewußt war. Eine Distanz, der sie durch radikale Strenge ihrer Bildsprache Ausdruck gab, die alle überkommene Metaphernpoesie vergessen macht.

(…)

Daß sich von SAPPHOs Werk nur Bruchstücke erhalten haben (Zitate und Verweise bei hellenistischen Dichtern und ein Sammelsurium von Papyrusfetzen, die erst in jüngerer Zeit entdeckt wurden), mag nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, daß auch H.D. bei aller Gemessenheit sprunghaft und fragmentarisch schreibt, ihre Gedichte oft in eine numerierte Folge von Einzelpassagen auflöst, in denen die sprechenden Stimmen sich abwechseln, einander ergänzen oder widersprechen und zusammengenommen enigmatisch bleiben, rätselhaft offen wie die dem Leben erwartungsvoll geöffnete Seele, deren Regungen hier laut werden. Gedichte, die für sich genommen und als Gedichtfolge Offenheit und Geschlossenheit zugleich präsentieren, die nicht assoziativ, sondern pointiert gesprochen und bewußt komponiert sind, zugleich aber offen für jene Mythen, die um vieles älter sind als die, die SAPPHO lebendig hielt, offen für das ganze von der menschlichen Stimme belebte All: Wind, der befruchtet und zerstört, Salz, das Bitternis beisteuert zur Süße, und See, die Gefahrenreiche, aus der alles Leben stammt.

/ Günter Plessow, aus: See Garten – H.D. und ihre Sappho. In: Signaturen

* Eileen GREGORY, Philologin, University of Dallas. H.D. and Hellenism. Classic Lines (1997); Rose Cut in Rock: Sappho and H.D.s Sea Garden (1986), reprinted in: Susan Stanford Friedman / Rachel Blau DuPlessis (ed.): Signets: Reading H.D. (1990).