72. Peter Turrini

Wie ein Psychiater den Autor mit einem Gedicht gerettet hat und wie schwer es mit 70 ist, ein guter Mensch zu werden: Peter Turrini sprach mit der „Presse“ über sein Leben und den Menschen als „Fraß der Ökonomie“. / Die Presse 9.9.

71. Lyrik am Bildschirm?

Im Kampf der Titanen zwischen den gedruckten und den elektronischen Büchern um die Vorherrschaft in der Literatur gab es Nischen, welche ich uneinnehmbar für die Newcomer hielt. Man kann Börsenberichte auf dem Bildschirm lesen, Zeitungen und vor allem auch ganz dicke Romane, die empfindliche Sehnenscheiden entzünden. Aber Lyrik? Nein!

Dachten wir vom Klub der zarten Dichter im Salon des Gegengiftes. Jetzt aber hören wir (woher sonst als aus den USA?), dass Gedichtbände als E-Books unglaubliche Steigerungsraten erzielen. Noch vor sieben Jahren publizierten die Verlage dort nur 200elektronische Bände mit Poemen. 2013 waren es bereits zehnmal so viel. Bei insgesamt 10.000 Lyrik-Büchern ist das wirklich eine beachtliche Zahl. / Norbert Mayer, Die Presse

70. Хотят ли русские войны

Ein Gedicht von Wolf Biermann an den alten Poeten in Moskau, Jewgeni Jewtuschenko, der als junger Mann 1962, mitten im Kalten Krieg, diese Zeile prägte: als Wortkanone gegen den heißen Krieg

„Meinst du, die Russen wolln,
meinst du, die Russen wolln,
meinst du die Russen wollen Krieg? …“
Nein, nein, mensch! auf gar keinen Fall, denn
Auch Russen wolln lieber leben, Idiot!
Wolln Frieden, wolln Butter und Freiheit aufs Brot
– nur Putin und seine Canaillen
der KGB-Offizier allein
macht Krieg mit Stalin und Gott im Verein
nur Putin und seine Canaillen“

der vollständige Text mit Anmerkungen in der Welt.

Jewtuschenkos Gedicht von 1962 hier auf Russisch und Malayisch, hier auf Deutsch

69. H.-C.-Artmann-Preis für Elfriede Czurda

Am Donnerstag erhielt die Schriftstellerin Elfriede Czurda in Wien den H.C.-Artmann-Preis: “Elfriede Czurda ist eine der großen in Wien lebenden Schriftstellerinnen, die aus der österreichischen Literatur nicht wegzudenken ist. Zahlreiche Buchpublikationen, dramatische Werke aber auch erfolgreiche Hörspiele zeugen von ihrem erzählerischen und vor allem lyrischen Talent, das ihr treues Publikum seit Jahren fasziniert. Mit dem Preis feiern wir eine herausragende Künstlerin, die das Kulturleben der Stadt auf ganz besondere Weise bereichert”, soWiens Kulturstadtrat Mailath.

“Es ist mir eine große Ehre, einen Preis annehmen zu dürfen, der nach einem so wichtigen Dichter wie H.C. Artmann benannt ist. Der weit gereiste, mit vielen Sprachen spielende H.C. Artmann mochte die große poetische Geste und den sinnlich-artikulatorischen Überschwang. In der Spielfreude seines konzeptuellen Alphabets finde ich viel Anregendes, in der Erfinderlust seiner Erzählmotive einen ganz großen Horizont, der mich sofort aus der monotonen Realität hinausholt – und mich seit jeher geprägt hat: Das Ideal eines Schreibens, das aus der Selbstermächtigung stammt und nur auf sich selbst, nicht auf die Einflüsterungen des Marktes und der Moden hört, ist gerade heute recht bedenkenswert”, zeigt sich die Preisträgerin Elfriede Czurda über die Auszeichnung erfreut.

In der Jury-Begründung heißt es: “Elfriede Czurda ist eine Autorin (…), die immer wieder neu zu entdecken und dennoch nicht zu erobern ist, und mit ihr eine Welt, die nicht in Norden, Süden, Westen oder Osten liegt und die sich unaufhörlich dreht.”

Der Preis

Die Stadt Wien zeichnet mit dem “H.C.-Artmann-Preis” herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik aus. Der Preis ist mit 10 000 EUR dotiert und wird im Zwei-Jahres-Rhythmus vergeben. PreisträgerInnen sind Autorinnen und Autoren, die ihren Wohnsitz in Wien haben, oder deren Werke einen intensiven Wienbezug oder eine Verbindung mit dem Werk H.C. Artmanns aufweisen. Die Erben H.C. Artmanns werden von der Verleihung des Preises verständigt und zu ihr eingeladen.

Lesen Sie bei in|ad|ae|qu|at kritische Anmerkungen zu Text und Art der Mitteilung

Nach Peter Waterhouse, Ferdinand Schmatz, Oswald Egger, Erwin Einzinger und Franz Josef Czernin ist sie die erste Frau, die den seit 2004 alle zwei Jahre verliehenen Preis erhält.

68. Charles Bernstein Papers

The Beinecke Library is delighted to announce the acquisition of the Charles Bernstein Papers; the collection will be available to researchers in 2015.
Poet and scholar Charles Bernstein has long been a force in American letters. The author of dozens of books, in the 1970s Bernstein co-founded the influential journal L=A=N=G=U=A=G=E. He is the co-founder and co-editor, with Al Filreis, of PennSound; with Loss Pequenño Glazier, he is founder of The Electronic Poetry Center.
Bernstein’s many books of poetry include Recalculating (2012), All the Whiskey in Heaven: Selected Poems (2010), Girly Man (2006), With Strings(2001), Republics of Reality: 1975-1995 (2000), Dark City (1994), Rough Trades (1991), The Nude Formalism (1989), Stigma (1981), Legend (with Bruce Andrews, Steve McCaffery, Ron Silliman, Ray DiPalma, 1980), andParsing (1976). He is also the author of books of essays, including: My Way: Speeches and Poems (1999), A Poetics (1992), and Content’s Dream: Essays 1975-1984 (1986). He has edited many anthologies of poetry and poetics including Close Listening: Poetry and the Performed Word (1998) and The L=A=N=G=U=A=G=E Book (1984, with Bruce Andrews). Bernstein has made many works in collaboration with artists and musicians, including several operas. His collaborations with composer Ben Yarmolinsky, have been collected in Blind Witness: Three American Operas (2008). Bernstein also collaborated with composer Brian Ferneyhough on Shadowtime, an opera about the life and work of Walter Benjamin.
Elected to the fellowship of the American Academy of Arts & Sciences in 2006, Bernstein has received grants from the Guggenheim Foundation and the National Endowment for the Arts. He is presently Donald T. Regan Professor of English and Comparative Literature at the University of Pennsylvania.
The Charles Bernstein Papers includes manuscripts and typescripts of poems, essays, and other writings; notebooks; correspondence; materials related to the Poetics Program at SUNY Buffalo; and manuscripts by fellow poets and writers. The collection includes Bernstein’s voluminous email correspondence with hundreds of poets, writers, critics, artists, and scholars, as well as the poet’s library of approximately 1,000 contributor’s copies of magazines and anthologies, including those in translation and other rarities. Poets and writers represented by manuscripts and / or correspondence include: Robert Creeley, Susan Howe, Rae Armantrout, Charles Alteri, Rachel Blau DuPlessi, Johanna Drucker, Annie Finch, Peter Gizzi, Barbara Guest, Nathaniel Mackey, Ann Lauterbach, Susan Stewart, Leslie Scalapino, Clayton Eschelman, Ulla Dydo, among many others. / More

67. Wirkung der Lyrik, zugleich etwas über Kritik

Wer sagt, Gedichte könnten nichts bewirken. Ich habe es selbst gelesen, in der Zeitung. Der Kritiker Fritz J. Raddatz hört auf, denn: „Zu zahlreich die Gedichte, die keinen lyrischen Atem mehr haben…„. Aus der Begründung:

Ich habe mich überlebt. Was heißt das für einen Autor, einen Literaturkritiker zumal? Es bedeutet: Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt. Diese Welt – in der ich mich durchaus noch kundig machen möchte – weicht von mir, gibt mir keine Kunde mehr; ich bin aus der Welt gefallen. Ihre Zeichen werden mehr und mehr zu Rätseln – unlösbar oft, abstoßend nicht selten, sind meiner Lebensart, meinem Habitus, meinem – Pardon für das harte Wort – Geschmack ungemäß.

Ich bin nicht mehr zeitgemäß. Ergo sollte ich nicht weiterhin richten noch rechten noch urteilen; wer urteilt, gibt ja zumindest vor, Bescheid zu wissen; und wer nicht mehr Bescheid weiß, soll sich bescheiden. Wer nicht unersättlich ist, hat in diesem Beruf nichts zu suchen (und findet nichts). Aber wer satt ist, der kostet nicht mehr, schmeckt gar nichts. (…)

Alles Leben hat seine Grenze. Alles Erleben auch. Wem die Töne seiner Gegenwart nur mehr Geräusche sind, die Farben Kleckse, die Wörter klingende Schelle: Wo wäre dessen Legitimation zu lautem Klagelied (oder, sehr selten, leisem Lobpreis)? Ich spreche sie mir ab, fürderhin. Zu viele Gedichte sind mir nur mehr halbgebildetes Geplinker, zu viele gepriesene Romane nur mehr preiswerter Schotter. Der nicht mehr liebt, der räsoniere nicht. Liebeleere ist keine Qualität. Schon gar nicht für einen Kunstrichter.

Also beende ich hiermit meine Zeitungsarbeit, die ich mit 21 Jahren begann: die als Literaturkritiker, die als kommentierender Journalist – nicht ohne indes den Dank an meine Leser zu vergessen. Ich bin vor drei Wochen 83 geworden. Time to say goodbye. Goodbye.

66. Lyrikpreis München

Am 2. Leseabend des Lyrikpreises München 2014, am 19.09., wurden von der Jury ins Finale gewählt:

  • Kathrin Bach, Berlin
  • Walter Fabian Schmid, Solothurn, CH
  • Sebastian Unger, Berlin

Damit stehen für das Finale am 18.10. um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig für den ersten und zweiten Preis fest:

  • Konstantin Ames, Berlin
  • Kathrin Bach, Berlin
  • Markus Hallinger, Irschenberg
  • Tobias Roth, Berlin
  • Walter Fabian Schmid, Solothurn, CH
  • Sebastian Unger, Berlin

http://www.lyrikpreis-muenchen.de/

65. Preis für Drawert

Den Robert-Gernhardt-Preis vergibt das Land Hessen zur Förderung entstehender literarischer Werke. Am Mittwoch wurden in Frankfurt der Darmstädter Schriftsteller Kurt Drawert und die Dramatikerin Ulrike Syha ausgezeichnet. (…)

(…) bekam Drawert am Mittwochabend in der Naxoshalle den Gernhardt-Preis, den mit 12 000 Euro verbundenen Literaturpreis des Landes Hessen, mit dem entstehende Projekte gewürdigt und gefördert werden. Die Jury ließ sich, ohne den Autor zu wissen, von Teilen des Langgedichts „Verständnis und Abfall“ überzeugen, das während Drawerts Aufenthalten im südlichen Odenwald entstanden ist und das ländliche Leben literarisch aufnimmt, verbunden mit den fotografischen Aufnahmen eines Heuwagens in wechselnden Jahreszeiten.

Martin Apelt, der ehemalige Darmstädter Schauspieldirektor, schilderte in seiner Laudatio sehr anschaulich die Vorzüge dieser Langzeitbeobachtung, die Sinnlichkeit ihrer Sprache, die subtile Spielart des Humors, den der Autor besitzt. Kein Heimatgedicht sei das, sagte Apelt, sondern „dialektisch, doppelbödig, drawertisch-zwiespältig“, dabei „wohltuend altmodisch“ im Narrativen. / Darmstädter Echo

64. Ratschlag aus dem Handbüchlein

Der Lyriker hat diese Optionen alle vertrödelt. Ihm bleibt nur das Pöbeln. Pöbel mal, Lyriker!, verlangt sogleich das zweite Erdmännchen in seiner Dienstleistungslogik. Aber das macht er dann halt auch nicht, nicht auf Abruf. Lieber schlägt er, das hat er aus dem Laden mitgehen lassen, auf: Epiktet – Handbüchlein der Moral:

Schweige zumeist. Sprich nur Notwendiges und das kurz. Länger rede nur, wenn es die Umstände erfordern, und nie Alltägliches. Lasse die Gladiatorenkämpfe, Pferderennen, Athleten, laß Essen und Trinken und was sonst noch beschwätzt wird. Laß vor allem Abwesende, willst du nun tadeln, loben oder vergleichen. Wo immer du kannst, trachte das Gespräch auf Wertvolles zu bringen. Bist du unter Andersgesinnten, so schweige gänzlich.

Lache nur selten, und dann beherrscht.

Dichterlesungen besuche nicht aus Laune oder Gefälligkeit. Tust du es aber einmal, so bewahre Ernst und Maß und belästige keinen.

Mara Genschel, komplett bei lyrikkritik.de

63. Unmut

Wiederholte Unmutsäußerung

Es gibt Texte, die lähmen. Sie sind irgendwie enttäuschend, tun eventuell etwas weh, aber sind zu verschämt, zu unverbindlich, als dass sie leicht darlegbare Irrtümer enthalten. Im günstigsten Falle muss man deren Autoren zu Gute halten, dass sie sie gedankenlos niedergeschrieben haben. In solchen Fällen verbietet sich allein schon deshalb die Mühe der Hebammmenkunst, erst einmal klar darzulegen, welche Fehlgriffe sich in den Texten verstecken. Dennoch wirken sie wie ein stilles Gift, weil sie Irrtümer verfestigen und Gedankenverbindungen zementieren.

Ein solcher Text stand jüngst in der Taz. Sollte man ihm widersprechen? Der Autor könnte es persönlich nehmen, dass ich mich bemüßigt sehe, Irrtümern, denen ich an anderer Stelle bereits widersprach, hier erneut entgegenzutreten! Da ich als Autor nur zu wenigen Medien Zugang habe, besteht überdies die Gefahr, dass ich die regelmäßigen Leser dieser Foren langweile, wenn ich erneut, wenn vielleicht auch anders akzentuiert, Stellung beziehe.
Dies alles verbietet einem eigentlich den Mund. Nicht nur aus Freude an Renitenz und Übertretung melde ich mich dennoch zu Wort. Sondern, weil sich der Rezensent eines Internetmediums wunderte, warum ich gerade Brocans Artikel schlecht fand. Und weil eine der in diesem Artikel positiv herausgestrichenen Stimmen sich eher erschreckt als erfreut gab. Auch sie schwieg, weil jeder Widerspruch als Streithammelei missinterpretiert werden könnte.

Wie das Nichts in der „Unendlichen Geschichte“ scheint sich das Nicht-kommunizieren-Können auszubreiten um bestimmte Formen von Äußerungen. (Hatte es nicht etwas ähnliches bei den Thesen Florian Kesslers gegeben?) Dies Nicht-sprechen-Wollen erwächst aus dem Umstand, dass ähnliche Irrtümer (wie der seine) ebenso verbreitet wie ineinander verflochten sind, man also immer gleich sehr viel reden muss, wenn man einmal damit anfängt.
Die Eigenschaften, die den lähmenden Effekt hervorrufen, sind vom Autor bewusst so eingerichtet worden. Zwischen einigen zitierfähigen Gemeinplätzen versucht der Autor einige massive Behauptungen in bewusst weichgespülte Formulierungen einzumogeln: „Nachdem sich die Lyrik einige Zeit lang in ihrer Spracherkundung selbst genug war, wird seit ein paar Jahren wieder eine hohe Anzahl bemerkenswerter Gedichtbände veröffentlicht.“

Ja sicherlich sind in den letzten Jahren ganz hervorragende Gedichtbände entstanden. Aber vorher waren es weniger? Weil sich die Lyrik in der Spracherkundung genug war? Es wird außerdem nahe gelegt, dass diese selbstgenügsame Lyrik der Grund sei, dass so wenig Lyrik gelesen werde. Man müsse also nur noch allgemein darauf hinweisen, dass nun diese Verirrung der Lyrik überwunden sei… Stimmt das? Interessant finde ich die Geschichte dieser Behauptung. Sie ist ja nicht ganz neu. In den Nullerjahren wurden mit einer solchen Rahmenerzählung die Autoren von „Lyrik von jetzt“ begrüßt. Die Abwehr galt Leuten wie Bert Papenfuß oder Sascha Anderson, die in den 90ern für manche erstaunlich erfolgreich waren. (Und schon damals war es eine falsche, aber gleichwohl unausrottbare Legende, dass sich diese Lyrik genügsam auf die Spracherkundung beschränke.) Waren ein paar wenige Dichter so monströs erfolgreich, dass seitdem immer noch alle potentiellen Leser die Schnauze voll von Lyrik haben? Schaut man die Jahrbücher der Lyrik durch, sieht man, dass diese Leute niemals die Mehrheit des lyrischen Gesprächs bildeten.

So meint es auch Brocan wahrscheinlich nicht. Heute wird die Legende von der „reinen Spracherkundung“ gerne Dichtern wie Stolterfoht (Aha: Fachsprachen!) und Monika Rinck angeheftet. Auch quatsch, aber: geschenkt. Wichtiger ist mir folgendes: Die Geschichte von der reinen Spracherkundung ist eine Wanderlegende, zu jeder Zeit wird sie anderen angeheftet. (Sie galt auch mal Celan). Wie in jeder Schulklasse irgend ein Mädchen aus meist kinderreicher Familie gemobbt wird. So beweisen sich alle anderen, dass sie richtig liegen mit ihren Entwürfen. (Auch in den nachfolgenden Jahren stellten weder die genannten, noch irgendwelche Kookbooksautoren, noch Autoren von Engler oder Lux je die Mehrheit des lyrischen Gesprächs.)

„Zudem erweist sich, dass oft gerade die weniger bekannten Stimmen aus echter Dringlichkeit schreiben.“
Nach welchem Kriterium soll man denn bitte Texte zwei Schubladen zuordnen können? Solche, die Dringlichkeit haben und solche, die das nicht haben. Die Schwierigkeit besteht ja in folgendem: Ist ein Text dringlich, der ein besonders allgemein verbreitetes Gefühl auf den Punkt bringt? Einerseits ja. Viele Menschen werden sich mit ihm identifizieren. Und es kann ja durchaus eine gesellschaftliche Dringlichkeit bestehen, Gefühle, die viele vage haben, endlich sprachlich auf den Punkt zu bringen. Man denke an ein Glücken wie Hoddis „Weltende“ oder die Texte der Winterreise. Andererseits ist Dringlichkeit immer eine Frage der Obsession. Wenn es „Weltende“ nicht gäbe, fände man die dort geschilderten Katastrophenahnungen ebensogut (vielleicht: besser) bei Lichtenstein. (Statt Müller böte sich vielleicht manches von Hölderlin oder Lenau an.) Mit anderen Worten: Wo immer eine Seelenlage oder eine Weltdiagnose einen gewissen Allgemeinheitscharakter hat, werden sich nach und nach verschiedene sprachliche Angebote ihres Ausdrucks ergeben. Besonders dringlich für den einzelnen wären dann Texte, die seltene partikulare Empfindungen endlich fassen. Man kann also Texten von Quirinus Kuhlmann die Dringlichkeit kaum absprechen. So sprachverspielt seine Texte auch waren, so nahm er doch den Tod für die darin ausgedrückten Überzeugungen in Kauf. Auch Trakels Obesessionen mögen den Zeitgenossen teils recht skurril und einsam angemutet haben. Heute, einige Katastrophen später, sind wir unter Umständen klüger. (Ich wähle alte Beispiele nicht, weil ich keine neueren wüsste, sondern weil sie weniger umstritten sind.)
Dringlichkeit hat also ebensogut mit Partikularinteresse, Obsession und Verrücktheit zu tun. Das ahnt Brocan natürlich, weswegen er nicht Dringlichkeit sondern gleich „echte Dringlichkeit“ einfordert. Was das genau ist, dekretiert dann wohl Brocan, der offenbar über einen privilegierten Zugang zur Wahrheit verfügt. Wie er überhaupt in einer Position der Übersicht zu thronen scheint, aus der sich leicht richten lässt: „Gerade Entscheidern fehlt die nötige Aufmerksamkeit // Warum also gedeiht die Lyrik, ohne dass sie die ihr gebührende Anerkennung bei einer breiteren Leserschaft findet?“ (Brocan könnte ja Recht haben, aber dann ebensogut aus Zufall oder weil er irgendwo etwas aufschnappte, denn er begründet nicht, worauf sich seine Erkenntnisse stützen.) Ohnehin misstrauisch gegen solche Sprechhaltungen verstimmt mich noch mehr, dass er das hier erläuterte Problem des Kriteriums für „Dringlichkeit“ nicht sieht. Dies scheint mir ein starkes Indiz dafür, dass er offenbar kaum die Erfahrung gemacht hat, dass seine Mitmenschen seine Gefühle und Einsichten nicht verstehen. Vielleicht ist er zu angepasst und hat sich zu selten getraut, darauf zu beharren? Braucht die Lyrik dann bloß zum Genuss?

Ich schrieb hier zunächst von „Erfahrungen“ und „Seelenlagen“, um mich auf Brocans Ebene einzulassen. Für ihn spielt die Tatsache, dass ein Gedicht aus Sprache besteht, eine nachgeordnete Rolle: Der von Brocan wohlwollend zitierte Kooser wird recht haben, wenn er feststellt: „Das fehlende Interesse des Landes an Dichtung liegt zum Teil darin begründet, dass die meisten von uns in der Schule gelernt haben, dass die Bedeutung eines Gedichts herauszufinden viel zu viel Arbeit ist.“ Aber anstatt nun die Bedeutungsausgräberei, die die Schule betreibt, zu kritisieren, wie es mir logisch erschiene und von den Schulen vielleicht zu verlangen, erst einmal die Beobachtungsfähigkeit für sprachliche Phänomene zu verbessern, setzt Brocan noch einen obendrauf.
„Doch nur mit dem Verständnis ist es nicht getan“ „Lyrik ist das Angebot einer nicht primär auf Informiertheit und Effektivität gegründeten Denkweise in einer anderen Sprache als der des täglichen Umgangs.“ Immer scheint erst die Denkweise stimmen zu müssen, und dann kommt erst die Sprache. Diese Denkweise ist zu verbreitet, als dass er groß Aufhebens darum machen müsste. Sprache wird in diesem Verständnis instrumentell verstanden als Mittel, etwas anderes, nämlich etwas Eigentliches anzuzielen. Sprache ist sozusagen bloß die Leiter, die man hinterher wegwirft. (Es hat sich noch nicht ganz herumgesprochen, dass diese berühmte Formulierung des Tractatus sich dem späten Wittgenstein als ein Symptom seines eigenen Grundirrtums darstellte.) Ein lästiges Zwischenglied sozusagen. Eine gewisse Sorgfalt mit ihr sei zwar notwendig, so diese Denkhaltung weiter, aber eine zu große Sorge um sie führe in den Formalismus, dränge etwas Anderes vor das Eigentliche. (Das Denkschema übersieht, dass zumindest ein großer Teil unserer Gedanken sprachlich verfasst und somit auch gesellschaftlich beeinflusst ist.) Dieses Denkschema lässt sich ebenso antiavantgardistisch ausbuchstabieren wie antitraditionalistisch. Etwa, wenn man sich gegen alte Formen wie das Sonett oder überhaupt gegen Metrik wendet. Es ist so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner nicht nur des Lyrik- sondern überhaupt des öffentlichen Literaturdiskurses. Dieser Nenner hat Vorteile: Er verpflichtet niemanden auf eine bestimmte Form von Literatur. Jeder kann potentiell zustimmen. Er ist auch Menschen einsichtig, die wenig Erfahrung im Umgang mit Literatur haben. Zum Beispiel den Besuchern jener Literaturevents (z.B. slam), die Brocan so angreift. Außerdem lässt sich unter dem Schutz dieser Sichtweise mit Geniegedanken mehr als nur kokettieren.

So kommt es, dass sich mittels eines solchen Gedankens auch wirklich jedes Gespräch über die Sprache oder Technische des Gedichts ins Unrecht setzen lässt. Das habe ich ebenso in Literaturseminaren erlebt, wie in Diskussionen nach Lesebühnenauftritten. Noch nicht einmal jemand, der sich in paargereimten Zweizeilern ergießt, muss einem zuhören, wenn man ihm erklären will, warum seine holprigen Verse weniger Anklang fanden, weil selbst jede basale metrische Überlegung sich mit dem auch von Brocan vertretenen Konstrukt als Formalismus verunglimpfen lässt. Diese Sichtweise neigt dazu, jede Kenntnis der „anderen Sprache“ des Gedichts (Brocan) zu verdrängen und außer Kenntnis und Geltung zu setzen, sodass ihr immer mehr Gedichte unverständlich bis zur Fremdsprachigkeit werden. Diese Haltung, die vom Eigentlichen die Sprache als Uneigentliches, bloß Vorläufiges abscheidet, wirkt auf mich so, als wäre es den Leuten irgendwie peinlich, dass Gedichte nur aus Sprache gemacht werden. Die Haltung ist also gar nicht so fern von der von Brocan kritisierten Intuition, Lyrik mit irgendeinem Brimborium z.B. Musik umgeben zu müssen, um sie attraktiv zu gestalten.

Brocan selbst redet ebenfalls lieber von Symptomen der Gesellschaft als konkret vom Gedicht und seiner Sprache. Jaja, die Gesellschaft ist schlecht, darauf kann man sich immer einigen (Ich glaube das ja wirklich auch!). Brocan ist also daran beteiligt, dass öffentliche „Literaturdebatten“ von allem Möglichen handeln, nur kaum von Literatur. (Auch Kesslers Beitrag wurde als einer über Literatur missverstanden) Hier kann man Brocan zum Teil in Schutz nehmen, denn eventuell handelt es sich hierbei um ein Problem von mutlosen Entscheidern in den Redaktionen.
Wenn man dagegen doch etwas länger bei der Sprache verweilt und nicht nur beim „sprachlichen Genuss“ der Lyrik, sieht man noch mehr. Man könnte z.B. in den schiefen Formulierungen Brocans Signaturen seiner problematischen Haltung erblicken: „… gäbe auch jenen Stimmen einen Raum, die weder zugkräftige Namen besitzen noch mit werbewirksamer Gestik auftreten möchten. Dann mag auch mancher Leser seine Scheu vor der Lyrik verlieren, weil er findet, was ihm verständlich und begreiflich ist.“ Wie genau stiftet sich dieser Zusammenhang? Muss nicht gerade der, der werbewirksam sein will, sich bemühen, verständlich und begreiflich zu sein? Brocan verteilt Zensuren: Die einen sind die reinen, die anderen (ihm!) unbegreiflich Unverständlichen fallen durch: Sie wollen überreden, überrumpeln wie die Werbung, so sein Ressentiment. Ihm schwebt überhaupt eine reine Lyrik jenseits der Zwecke vor, ernsthaft differenziert und still. Der Anschluss an und Auseinandersetzung mit Sprachformen von Werbung und Propaganda, wie ihn Brecht, viele Autoren der 70er Jahre aber auch Ingeborg Bachmann versucht haben, ist ihm offenbar ebenso zuwider wie Coolness und Ironie. Aber wenn manche Haltung so verharscht ist, mancher derartig ignorant ist, manches Gespräch dauerhaft verweigert wird, sodass man nicht ernsthaft bleiben kann, sodass nur eine radikale Schreibweise noch möglich scheint, die auf Andere mitunter skurril wirken mag (wie, sagen wir, Endler)? Glaubt Brocan denn an seine eigenen Thesen von der Schlechtigkeit der Gesellschaft, wenn er diesen Fall nicht einrechnet oder war diese These bloß eine Antizipation der vermuteten Meinung der Taz-Leser?

Brocan fordert irgendwie eine Rückkehr zu einem Kulturbetrieb gemäßigter Stimmen. „Hochwertig“ und „Nachhaltig“. Offenbar eine Art kanonischen Höhenkamm? Aber gerade hatte er doch noch eine größere Vielfalt eingefordert? Er fordert Vielfalt der Namen, aber Prämierung einer einförmigen Sache, nämlich einer Mäßigkeit. Diese feiste Mäßigkeit dürfte jedoch gar nicht so selten Preise erringen, wie Brocan behauptet, weil sich das unter Umständen bereits aus dem Kompromisscharakter von Juryentscheidungen ergibt. Würde dies der Lyrik helfen, bräuchte Brocan seinen Artikel gar nicht erst verfasst zu haben. Oder meint Brocan, Lyrik würde bloß deswegen lieber gelesen, weil sie in Bottrop verfasst wurde und nicht in Berlin?
Brocan spricht vom „Schutzraum der Metropolen“ – und meint damit Berlin und Leipzig. Warum sind das Ruhrgebiet vor seiner Haustür, Köln oder München keine Metropolen für ihn? Allesamt sind sie größer als z.B. Leipzig. Oder sind das zwar Metropolen, die aber, anders als Berlin oder Leipzig, keinen Schutzraum darstellen? Nun ja, wer daran denkt, wie rüde gerade in Berlin z.B. vom Arbeitsamt mit Dichtern umgesprungen wird, verfällt wohl kaum auf den Gedanken, dass hier irgend ein Schutzraum bestehe. (Die Exschwaben, Expommern und sonstigen Exkleinkleckersdorfer kommen sicher aus anderen Gründen dorthin.) Brocan beobachtet offenbar, dass das Gespräch in Berlin und Leipzig andere Aspekte kennt, als jenes in seiner Heimatsstadt? (Hat er recht? Ich als Leipziger weiß, dass es hier genauso wie anderswo reflektierte, informierte Positionen gibt wie krudes, ressentimentgeladenes Gequatsche.) Brocan kann, was er missbilligt, nur als krank und nicht lebensfähig verunglipfen, indem er in Berlin und Leipzig entstehende Werke, die ihm nicht passen, zu Sumpfblüten eines Reservates erklärt. (Ein Trick, den Falkner z.B. in der Bella 19 vor fast 8 Jahren vorexerziert hat.)

Ich kann also verstehen, wenn sich nicht jeder Autor, den Brocan wohlwollend nennt, gerne vor den Karren seiner Forderungen spannen lassen will. (Ich nötige deshalb hier niemanden, mit seinem Namen für mich einzustehen.) Er führt einen autoritären Diskurs, weil er andeutend zu Wissenden spricht, uns die Kriterien seiner Distinktionen verheimlicht und sich damit letztlich allein vorbehält, zu bestimmen, welche Lyrik ins Töpfchen und welche ins Kröpfchen gehört.
Vielleicht kommt ihnen aber auch mein Artikel genauso abgeschmackt vor, wie mir der Brocans? Das mag dann daran liegen, dass mich Brocan ja verpflichtet, ernst, unironisch und uncool zu bleiben, wenn ich mich nicht als infantil von ihm beschimpfen lassen möchte. Gerade das kommt mir allerdings etwas kindisch vor.

Nun habe ich viel über Sprache, aber noch kaum über Lyrik geredet. Es findet sich in jener Tazausgabe auch ein Gedicht.
Ich weiß nicht, ob Brocan dieses schätzt, es vielleicht gar selbst ausgewählt hat. Immerhin beruft er sich auf dessen Autorin explizit. Ich halte das Gedicht als Beispiel für die von Brocan der Lyrik zugeschriebenen Qualitäten zwar für passend, als Beispiel dafür, was ein zeitgenössisches Gedicht kann, aber höchst unglücklich.
Typisch ist für das Gedicht (ebenso wie bei Brocans Thesen) dieses allzuschnelle Übergehen von dem, was es sprachlich tut, zu einem eigentlich angezielten Anderen. Zunächst gibt sich das Gedicht viel Mühe ein Bild zu bauen: „Etwas licht /liegt auf den dingen / etwas licht/ von einem unbekannten tag“
Aber statt aus diesem Bild etwas zu machen, wechselt der Text das Thema und geht ins allegorische und abstrakte „der irgendwo / noch hängt und nicht / vergehen will“. Dieser zweite Teil ist auf das Bild vom Anfang überhaupt nicht angewiesen, sondern möchte eine Stimmung versinnbildlichen. Und das Bild des Anfangs zerbricht: Wäre das der Text eines Anfängers, würde man doch wohl entweder konstatieren, er wisse noch nicht, was er will bzw. er traue seinen eigenen Wirkungen nicht und wolle zu schnell auf etwas anderes hinaus, als das, was er aufbaute. Sollte die Übertretung solcher Regeln, die dem Anfänger leicht fällt, die wesentliche Leistung moderner Dichtung sein? Wohl kaum. (Wohlgemerkt, ich halte solche Übergänge prinzipell durchaus für möglich, nur liefert das Textstück kein Argument, warum dieser Übergang wünschenswert, notwendig oder, mit Brocan gesprochen, gar dringlich sein sollte.)
Das Stimmungsvolle des Textes erwächst ebenfalls aus sehr einfachen Mitteln: Der verträumten Empfindung des Lichts und einem druckvollen Zeilenbruch, der dringlich tut, als wäre er dem Schweigen mühselig abgerungen, indem er mitten in den grammatischen Gliedern bricht. Auch diese einfachen Mittel haben im Prinzip ihre Berechtigung und sind zu Recht verbreitet. In einem so kurzen Text entsteht allerdings ein wenig überraschender und etwas verwaschener Eindruck.
Eventuell ist es aber auch bloß eine einzelne Strophe? Oder im Kontext eines Zyklus oder eines Bandes, in dem der sprachliche Kontext eine Aufladung der Worte zu Chiffren erlaubt, mag das Gebilde tragfähiger sein? Als isoliertes Beispiel für „zeitgenössische Lyrik“ jedenfalls ist der Text überfordert. (Ich kann mir allerdings auch nur sehr wenige Texte denken, die diese Last wirklich tragen könnten.)

Bertram Reinecke

Übernommen von lyrikkritik.de

Der Artikel von Jürgen Brôcan hier

62. Gestorben

Bei einem Verkehrsunfall starben am 3.9. der Lyriker Chokri Miaadi und der Präsident des Tunesischen Schriftstellerverbands Mohamed Ghazali/ tunivisions.net

61. Karin und Bernd Kramer

Aus einem Gedenkartikel von Bert Papenfuß für Karin und Bernd Kramer, die beide in diesem Jahr starben.

Mein erster Gedichtband (1) erschien 1985 leider nicht im Karin Kramer Verlag und trug als Buchschmuck keinen roten Drudenfuß auf schwarzem Untergrund (2), wie ich es mir gewünscht hatte; diese – zugegeben nicht sehr abgefahrene – Gestaltungsidee mußte ich später selbst realisieren (3), und kassierte dafür eine Goldmedaille (4). So oder ähnlich hätte jedenfalls mein erstes Buch ausgesehen, wenn es in meinem Lieblingsverlag erschienen wäre – wichtige Sachen ziehen sich hin und dauern ewig. (…)

Im Kaffee Burger schrieb ich den Gedichtband Rumbalotte (5), dem ab 2004 sieben krude Lyrik- und Essay-Mixturen als Fortsetzungen folgen sollten. Als meinem Verleger Peter Engstler klar wurde, daß er mein jährliches Output nicht allein stemmen könnte, bot Bernd Kramer an, alle zwei Jahre einen Band von mir zu publizieren. Auf diese ungewöhnliche Art und Weise erschienen zwischen 2005 und 2009 drei der sieben Bändchen Rumbalotte continua (6) im Karin Kramer Verlag. Bernd war hierbei ein sorgfältiger Korrekturleser und Herausgeber, mischte sich nicht in meine Lyrismen, stukte aber einiges in den Essays zurecht. Die Abrechnung der verkauften Exemplare durch Karin erfolgte pünktlich und zuverlässig. (…)

Karin Kramer (9.11.1939–20.3.2014) steckte voller volksbildender Ideen; sie starb viel zu früh, und Bernd Kramer (22.1.1940–5.9.2014) ihr folgerichtig viel zu früh hinterher. Ich vermisse beide sehr. Wenn ein Freund stirbt, hat man einen Wunsch frei, ich habe zwei: 1. der Karin Kramer Verlag wird weiterhin bestehen; 2. die »Ausgewählten Schriften« Bakunins werden weiterhin erscheinen; 3. Die Trauerfeier (8) für Bernd wird eine kräftige Demonstration des weltweiten und generationsübergreifenden Herrschaftsunwillens. Wir werden Mittel und Wege finden. Das sind wir Karin und Bernd schuldig. – Es lebe die Sense! / junge Welt

Die Beerdigung von Bernd Kramer findet statt am Freitag, den 19. September 2014, in Neukölln auf dem Neuen St. Thomas Friedhof/Luise Kirchhof, Hermannstr. 186, Berlin um 11 Uhr.

dadaweb.de/wiki/Bernd_Kramer_-_Gedenkseite

Anmerkungen

1) harm. arkdichtung 77. KULTuhr Verlag, Norbert Tefelski, Berlin, 1985

2) … sondern einen weißen auf blauem Fond

3) TrakTat zum ABER. Gerhard Wolf Janus Press, Berlin, 1996

4) Auf den schwarzroten Büchern prangte ein goldener Aufkleber »Eines der schönsten Bücher. Prämiert von der Stiftung Buchkunst« – ekelhaft!

5) Rumbalotte. Gedichte 1998 – 2002. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein und Wien, 2005

6) RUMBALOTTE CONTINUA. 1. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2004; 2. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2005; 3. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2006; 4. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2007; 5. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2008; 6. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2009; 7. und letzte Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2010

8) Die inneranarchistische Debatte um die Modalitäten von Bernds Trauerfeier hätte ihn köstlich amüsiert, er hätte ein Buch daraus gemacht – uns allen zur Mahnung, und wohl auch zum nachträglichen Augenauswischen.

60. Ach, Schottland!

Der Ausgang des Urnengangs steht auf der Kippe, die Frage aber ist aus meiner Sicht eher rhetorisch: Am Tag nachdem Schottland sich entschieden hat, wird sein Schicksal von denselben Konzernen und Finanzleuten gelenkt werden wie am Tag zuvor, und kein nationalistisches Auftrumpfen wird verhindern, dass ein Milliardär eine unserer kostbarsten Landschaften zerstören kann, wenn ihn die Lust dazu ankommt: Das hat Donald Trump bereits – und mit dem Segen, ja sogar mit Beihilfe der Scottish National Party – vorgeführt, als er seinen umstrittenen Golfplatz auf dem Menie Estate anlegen liess. Und Grundbesitzer, die ihre Zelte längst woanders aufgeschlagen haben, werden weiterhin Subventionen für Landwirtschaft und Energie einstreichen, für die am Ende diejenigen aufzukommen haben, die in Schottland arbeiten und Steuern zahlen. / John Burnside, NZZ

59. Anne Carson

Natürlich wäre ein Buch über Anne Carson unvollständig, enthielte es nicht auch ein Kapitel über Carson und die griechische Literatur. Homer, Sappho und Longinus, der Autor des Traktates „Über das Erhabene“, sind die drei Autoren, mit denen Carson sich in „Decreation“ immer wieder auseinandersetzt. Ihr Umgang mit diesen Autoren ist dabei so souverän wie ihr Umgang mit den verschiedenen Textsorten: Vertraut, ohne je vertraulich zu werden, und frei von jedem gelehrten Auftrumpfen, schildert sie, wie Homer seinen Figuren verschiedene Arten des Schlafes zuschreibt, deutet Sapphos berühmtes Fragment 31 neu und im Kontext der Suche dreier Frauen (Sappho, Marguerite Porete und Simone Weil) nach dem Göttlichen oder beschreibt mit geradezu komplizenhafter Hellsichtigkeit Longinus‘ Arbeitsweise.
Doch Carsons Kosmos ist noch größer und umfasst neben der Literatur (ein Kapitel über Carson und Virginia Woolf wäre auch möglich) auch den Film und die bildende Kunst. Auf der Suche nach der paradoxen Gleichung von Erhabenheit und Selbstauflösung, die die Texte von „Decreation“ durchzieht gelingt es ihr dabei, Longinus und Antonioni zusammenzubringen – wieder in einem reflektierenden und einem erzählenden, Rhapsodie genannten, Text, gefolgt von einem Zyklus von Gedichten („Schaum (Essay mit Rhapsodie). Vom Erhabenen bei Longinus und Antonioni“).

MIA MOGLIE (LONGINUS‘ ROTE WÜSTE)

Eine Frau, ins Netz gegangen – an so was wollen Filme glauben.
….„Zum Beispiel Sappho“, wie Longinus sagt.
…………grüner
Mit dem Netz in ihrem Inneren hat sie auch irgendwie das Erhabene in sich.
….„Als könnten sich diese verbinden zu einem Körper.“
…………………….. als
Ihr Körper vibriert, ihr ist immer kalt, da ist so ein mechanisches Geräusch,
….kalt, ihr ist auch heiß, sie hat sich ein Thermometer
…………………………… Gras
unter den Arm gesteckt und vergessen, sie dreht sich an der Wand, schimmert,
….entgeistert: deine Beute. „Wundert dich das nicht?“
…………………………………….. und
Wie in einem Windstoß kauert sie sich beim Sex an den Körper des Mannes.
….„Denn sie hat Angst.“
…………………………………………….. tot

Ein großartiges Buch in großartiger Übersetzung also, doch eines stört: Carson zitiert natürlich die griechischen Autoren in eigener Übersetzung und fügt sie so elegant in ihren Text ein. Die deutsche Fassung greift an diesen Stellen auf bereits vorliegende Übersetzungen zurück; und dadurch entsteht ein schiefer Ton – „So there he lay much-enduring goodly Odysseus“ klingt dem englischsprachigen Leser sicher vertrauter als Steinmanns „Also schlummerte dort der viel erduldende, hehre Odysseus.“ Häufig ändert Utler daher den Wortlaut dieser Übersetzungen „mit Blick auf den englischen Text“ (und sie tut gut daran: Man lese nur nach, wie es ihr gelingt im Rückgriff auf Carsons Übersetzung Andrea Bagordos Wiedergabe der zweiten Strophe von Sapphos Liebesgedicht ihre ursprünglichen Schönheit wiederzugeben!) Für eine zweite Auflage von „Decreation“ wünsche ich mir daher, dass wir die zitierten Autoren in Utlers Übersetzung der carsonschen Übersetzung zu lesen bekommen (sollte dafür eine Interlinearversion der griechischen Texte hilfreich sein, würde ich sie gern zur Verfügung stellen…). / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Anne Carson: Decreation. Gedichte, Oper, Essays. Aus dem Amerikanischen von Anja Utler. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2014. 252 Seiten. 24,99 Euro.

58. Verlaine Russisch

Eine zweibändige russische Ausgabe von Paul Verlaine (1300 Seiten) erschien in der Reihe „Literarische Denkmäler“. Band 1 enthält 5 Sammlungen ganz und 12 teilweise sowie Kommentare, Zeittafel usw., Band 2 Übersetzungsvarianten und Bemerkungen über Verlaine von Sologub, Woloschin, Annenski, Brjussow, Pasternak und Schengeli.

П. Верлен «Стихотворения» из серии «Литературные памятники» Цена 2550 руб.