Mara Genschel auf lyrikkritik.de:
Noch einmal zum Wettbewerb
Der folgende Text will sich nicht als hyperaktives Nachtreten gegen Björn Kuhligks längst abgebautes Rednerpult verstanden wissen. Ich will darin aber die mich noch immer sehr störenden Stichpunkte aus seiner diesjährigen open-mike-Rede zum Anlass nehmen, Kritik zu formulieren an einer längst mehr als nur seine Generation definierende Jetzt-Instanz: die Auffassung von der kleinlauten Rolle des Autors, der sich mit seinen Arbeitsbedingungen sauber arrangiert.
Findet einen Job, der Euch finanziell absichert, verdient auf anderen Gebieten.
Vielleicht würde die Zahl der Arbeitslosen erschütternd schrumpfen, wenn man diesen Merksatz im Eingangsbereich aller Jobcenter ausrollen würde. Vielleicht hält ja auch jemand den Autor am Ende für gerissener als dessen nichtschreibende Mitbewerber. Für geschickter als den Studenten hinter der Theke oder leidensfähiger als die Schleckerfrau, die jetzt working poor ist. Er ist es nicht. Der Autor, der gezwungen ist, sich langfristig auf diese Weise „abzusichern“ wird aufhören zu schreiben und somit Autor zu sein.
Wenn aber dieser Job nicht gemeint sein kann, welcher ist es dann? Reicht meine Fantasie nur nicht aus? Wo gibt es die Zeitungen mit den nennenswerten Honoraren für freie Mitarbeiter, die großen Aufträge fürs Radio, den stabilen Mittelbau an der Universität? Und wenn es diesen Job, der finanziell absichert und dabei Zeit für andere Arbeit lässt, wirklich gäbe: hätten nicht tausende Nichtautoren einen mindestens gleichwertigen Anspruch darauf und wirft das nicht ohnehin ein interessantes Licht auf die Definitionsmöglichkeiten von Arbeit, wenn schon der arbeitende Autor keinen laut Definition eigentlichen Beruf ausübt?
Wenn wir ehrlich sind, ist dieser mysteriöse Job eine Fata Morgana. Jeder kennt irgendjemanden, der jemand kennt, bei dem es so klappt. Ich auch. Daher lassen sich alle, die ihn nicht haben, immer noch so einwandfrei unter Druck setzen. Die unverdrossen heruntergebetete Behauptung, der Autor könne sich, wenn er nur wollte!, ebensogut alternativ absichern, ist aber längst so kitschig und verzerrend wie das Fleißbild des Poeten, der produktiv ist weil er hungert.
Seid eigenständig, bleibt eigenständig, seid beweglich, holt Euch Hilfe / Alles, nur kein Unternehmer?
So betitelt die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ein hochwertig produziertes Magazin, das Künstlern ohne ausreichend Einkommen Geschmack auf ein profitorientierteres Denken zu machen sich bemüht. Das ist lieb. Und ein bisschen auch plausibel, einlullend wie das Gespräch mit der Oma, die sich Sorgen macht. Beratungsstellen, Checklisten, Tipps und Tricks für die Akquise, der Rest ist Propaganda.
Alle Probleme, so liest sich tröstlich der Tenor, seien letztendlich lösbar, wenn nur die (verdammte) Schranke im Selbstverständnis des Künstlers eingerissen und er irgendwann bereit sei, sich auch als Unternehmer zu verstehen. Fast diskriminierend könnte man die Wortwahl finden, mit der dem unverständigen Schöngeist neckisch der Mangel an kühlem Kopf und klaren Zahlen attestiert wird: „Viele Kreative übersehen allzu leicht, dass dauerhafter Erfolg nicht vom Himmel fällt, sondern immer auch eine gute Portion unternehmerisches Know-How und Geschick dahinter steckt. […]
Dort aber, wo der Kommerz beginnt, hören für einige Kultur- und Kreativschaffende die Kreativität und der Spaß (sic!) auf. Die Vorstellung, nicht allein als kreativ denkender und schaffender Mensch, sondern auch als geschäftstüchtiger und kühler Rechner auftreten zu müssen, stößt bei ihnen auf wenig Gegenliebe.“ Ts, so sind sie, die Tagträumer. Dass die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien unter dem Schirm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie diese Anregungen auch im Hinblick darauf geben, dass „das Kultur- und Kreativgeschehen vor Ort“ ein „über die beachtliche eigene Bruttowertschöpfung hinaus wichtiger Standortfaktor für Unternehmensansiedlungen und Personalakquise“ ist, und „Kultur- und Künstlerförderung damit auch ein entscheidenes Element der Wirtschaftsförderung“ werden, macht, zumindest so lang einen das Thema Mietervertreibung nicht weiter empört, erst mal Sinn. Dass es aber seit jeher die Aufgabe von Kunst gewesen sein könnte, ebensolche oder ähnliche Mechanismen auseinanderzuschrauben, wird resolut unterschlagen. Denen, die sich dem unternehmerischen Geist verweigern, droht sie mit dem sicheren Schiffbruch in Angst und Verderben, den Tränen nämlich unzähliger, arbeitsloser Clowns.
Schreibt, was Ihr schreiben wollt. / Das verführerische Antlitz der Projektförderung
Es ist doch längst ausgeplaudert, das vermeintlich Geheime: die wahren Künstler sind heute die erfolgreichsten Antragsteller. Will die Autorin ihre Leser mit verbundenen Augen durch die Stadt führen, um die Rezeption ihrer Kurzprosa zu intensivieren, will sie mit poetischen Worten das innerste des ihr in einer Einzelsitzung zugeteilten Kopfs massieren, will sie wirklich eigens einen Text schreiben, um diesen mit den grünen Mustern einer Videoinstallation wirkungsvoll kurzzuschließen, will sie in der Laubenklause sitzen, will sie dabei einen Zyklus über die Region verfassen? Sie tut es zumindest, sie behauptet auf die Anfrage sogar, das Projekt „klinge sehr spannend“. Dass sie dafür nur einen Bruchteil der ihren eigentlichen Werken (Familienroman, Sonettenkranz, Referenzfläche etc.) vorbehaltenen Arbeitszeit aufbringt, und durch das schnell verdiente Geld Erleichterung erfährt, wag ich mehr als zu bezweifeln. Im Gegenteil ist die bewilligte Summe nachzuweisendermaßen nicht für den Hausgebrauch der Autorin bestimmt, sondern für das, was sie im jeweils geförderten Projekt nachzuweisendermaßen zeit- und konzeptaufwendig zustande bringt. Das Prinzip klingt logisch und gerecht. Dass es ein fortwährend sich reproduzierendes Gefälligkeitsgeschwür hervorbringt, dass das Festhalten an künstlerischen Vorgaben, an vorfixierten Resultaten einem ernstgemeinten Förderanliegen völlig widerspricht, wird nicht mal verschwiegen, es ist irrelevant. Totale künstlerische Kompetenzanmaßung da, wo der Fördertopf steht – während der Autorin noch die Kompetenz überhaupt darüber nachzudenken, was sie eigentlich schreiben müsste, faktisch abgesprochen wird. Natürlich ist sie frei, sich hinzusetzen und nachzudenken, so lang sie will. Nur wird ihr diese Arbeit, die ihre eigentliche ist, natürlich nicht vergütet. Und selbst wenn sie nun beschließt, den Auftrag den sie annimmt, in eine Kritik am Auftrag umzufunktionieren: wie produktiv kann eine solche Kritik im klein-kleinen auf Dauer sein? Wäre das nicht eher eine traurige Anpassung ex negativo?
Bildet Banden!
Durch diesen Schriftzug flackert der film noir, und klar liest der sich sexy. „Bildet Label!“ wäre ein weniger anrüchiges, dafür pragmatischeres Pendant. Wieviel revolutionäres Potential hat denn eine Bande, die sich an die anderen der gegebenen Ratschläge hält? Auch das gepuderte Antlitz der Kulturvermittlung mag gefährliche Namen, das macht alles so schade. Was ist noch ernstgemeinter Arbeitstitel, was schon publikumswirksame Koketterie? Nur ein beherztes „Organisiert euch zu Banküberfällen!“ würde noch weniger Hehl aus seiner Halbgemeintheit machen. Dabei ließen sich kriminelle Strukturen für die Organisation von mittellosen Autoren zumindest auf ihren Modellcharakter hin ernsthaft prüfen! Aber ist das gemeint? Was will ein Umgang mit Reizwörtern, die weder buchstäblich, noch kritisch, noch ironisch Effekte erzielen? Werbung.
Macht aufmerksam auf Euch! / Das glühende Antlitz der Kulturvermittlung
Dass junge Autoren das immer doller können wollen sollen: zeigen, warum man ihr Zeug wollen soll! Dass überhaupt stillschweigend das Einverständnis vorausgesetzt wird, es werde an einem Produkt herumgewerkt! Was, wenn der Autor nur einen Prozess im Angebot hat? Wieso ist die Autorin eines größeren Verlages durch diesen überhaupt angehalten, für ein Produkt zu werben? Beziehungsweise: wieso lässt sie sich durchs Lesehonorar dazu verführen? Oder wird sie erpresst? Glaubt die Autorin außerdem wirklich, sie könne durch isoliert verlesene Bonmots die gesellschaftliche Veränderung mitbewirken, von der sie vorgibt zu schwärmen? Wie einer von Walter Benjamins revolutionären Routiniers, die „einen Produktionsapparat beliefern ohne ihn – nach Maßgabe des Möglichen – zu verändern“, mit keiner anderen gesellschaftlichen Funktion, „als der politischen Situation immer neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen“. Dem Autor, der sich öffentlich, ein bisschen Advocatus Diaboli-mäßig grinsend, fragt: „Was ist heute die gute Sache, für die wir schreiben sollen?“ ließe sich entsprechend folgendes erwidern: hättest du nur irgendein Interesse daran, die Bedingungen in und unter denen du überhaupt Autor zu sein glaubst, offenzulegen, alles würde sehr viel schneller politisch, als es den Gästen auf deinem Podium lieb sein kann. Ich behaupte, seine Scheu das zu tun, ist so groß, weil die Mechanismen für schriftstellerischen Erfolg und damit auch die Legitimation seiner Arbeit, noch nie so scheinbar zuverlässig und „gerecht“ gegriffen haben, wie in unserem heutigen, florierenden Fördersystem. Unzufriedenheit zu äußern, oder überhaupt zu empfinden, kommt der Einsicht ins partielle Scheitern gleich. Gewinn oder halt die Klappe.
Eure Texte haben sich gegenüber 600 anderen durchgesetzt. / Gütiges Antlitz, o Legitimation
Der wohl perfideste Effekt und auch Anlass all dieser Anpassungsanstrengungen der Autorin an den Markt, verdankt sich einem interessanterweise überhaupt nicht ökonomisch begründeten, sondern wehmütigen, nebligen, eigentlich mystischen Denken ihres Lesers, nennen wir ihn Gesellschaft. Die Autorin würde sich nämlich niemals Autorin nennen dürfen, es sich auch, ganz bestimmt nicht!, trauen, wenn sie sich nicht entsprechend ausweisen könnte. Dummerweise hat die Gesellschaft eben selten ein Karteikästchen zur Hand, aus dem sie die Kriterien für die Autorenexistenz, (die nur dann ihren wehmütigen, nebligen und mystischen Ansprüchen gerecht wird, wenn sie „echt“ ist), ablesen könnte. Wo die Gesellschaft aber marktwirtschaftlich funktioniert, falten sich alle unbekannten Kriterien kinderleicht ins Wohlvertraute: die Autorin kann von ihrem Schreiben leben? Dann muss sie echt sein. (Und klar, weil, würde man konsequent nach diesem Prinzip verfahren, im deutschsprachigen Raum nur eine handvoll Standesamt-, Bestattungs- und Schulbuchpoeten als echt definiert werden könnten, zählen bei den Lyrikern auch eventuelle Preise mit Blumensträußen dazu (Obacht: nicht in Sachen KSK!)).
Wo sich das kulturelle Denken in der Gesellschaft so weit liberalisiert hat, dass Autoren und Künstler nicht mehr unter einer Art moralischem Generalverdacht stehen, stehen sie plötzlich in einer seltsamen Bringschuld. Der Autor muss sich als „echter“ Autor legitimieren. Die wenigsten haben die Kaltschnäuzigkeit, sich selber auszuzeichnen (und für das Zögern gibt es ja auch ein paar sensible Argumente), sie benötigen also irgendein OK durch ein Selektionsverfahren von außen. Was läge nun näher, als die moralische Zuwendung („Du bist gut!“, „Schreib weiter!“) mit der finanziellen („Aber nicht alles auf einmal ausgeben!“) zu verbinden? Die Verschmelzung zeigt sich noch deutlicher in den drei-Fragen-Interviews, die sich nach einer Preisverleihung überall gleich ausnehmen: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Meier!“ „Danke!“ „Wie fühlen Sie sich?“ „Einfach toll, ich bin total überrascht!“ „Was machen Sie mit dem Preisgeld?“ „Ach, davon werde ich erst einmal eine Weile leben um in Ruhe an meinem nächsten Projekt weiterarbeiten zu können. Ohne mir andauernd finanzielle Sorgen machen zu müssen!“. Frau Meier hat damit den moralischen Test bestanden, der ein Bullshit-Test ist und zu nichts anderem da, als das Gewissen ihres Lesers, der die Gesellschaft ist, zu beruhigen: unsre Besten kommen schon irgendwie durch. Das ist nun nicht Frau Meiers Schuld. Nur fügt sie sich, durch ihre Teilnahme wie auch durch ihre, sogar sicher absolut ehrliche! Antwort, mit Haut und Haar in das Gewinnspiel ein. Im Sport, vor allem dessen Nischen, muss es ähnlich gnadenlos zugehen. Wird nur gefördert, was sich an der Spitze behaupten kann, haben Underdogs, von legendären Ausnahmen abgesehen, kaum eine Chance sich zu entwickeln. Aber das Schreiben, verdammt, ist kein Sport! Es gibt keine Kriterien. Die Werte basieren, wie andernorts auch, auf bloßer Spekulation.
Deshalb, liebe Autorinnen und Autoren, liebe in der Vorrunde Ausgeschiedene, liebe Teil- und Nichtteilnehmer: macht doch die Gremien arbeitslos, macht doch das Kulturmanagement arbeitslos, die Agenten, die Juroren, die Verleger, die Vermittler, macht die erst alle arbeitslos bevor ihr euch sagen lasst, eure Arbeit sei es nicht wert.
Bisher
Das Heizungsgebläse nervte Clemens Meyer ziemlich. Denn er schätzt Andreas Reimann sehr, den Dichter, der an diesem sechsten Abend des forum:autoren in der Kesselhalle des „Mixed Munich Arts“ als Erster las. Als die Blätter des Leipziger Dichters vom Tisch flogen und der Wind seine weißen Haare zauste, wünschte sich Meyer, bewaffnet zu sein, sehnte sich nach einer Panzerfaust, um die Lüftung ausschalten zu können.
Das klappte dann auch ohne Waffeneinsatz, aber trotzdem kam das Gespräch nur zäh in Gang, weil es Meyer nicht gelingen wollte, seinem „Lieblingsdichter“ gegenüber den richtigen Ton zu finden. Der wollte weder über seine Jahre im Gefängnis noch über sein bis zur Wende anhaltendes Schreibverbot reden. So fürchterlich habe er die Zensur in seinem Fall nicht gefunden, wies er Meyer zurück. Er habe immer geschrieben, weshalb er sich – im Gegensatz zu anderen – auch nach der Wende nicht zwei Jahre habe hinsetzen müssen, um die Gedichte zu verfassen, die dann angeblich schon vor der Wende entstanden seien. Meyers pathetischen Ausruf „Warum kommen wir bloß nicht weg von Leipzig“ konterte er mit einem erstaunten Blick und einem schlichten „Ich fahre übermorgen nach Zypern.“ Dann las er seine feinen, unaufgeregten Gedichte. Kein Geraune, keine Belanglosigkeiten, kunstvoll in ihrer Form, oft mit subtilem Witz und viel Selbstironie. Einfach grandios. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung 27.11.
Zum einen führt Samson auch im neuen Band das grandiose Formenspiel fort, also jene in der Dialektik von Vers und Sinn angelegte Bewegung, die er in seinen Texten vollzieht, aber er knüpft auch biografisch an den Vorgänger an, so dass man die Gedichte in ihrer Reihung auch als Geschichte der Emigration, des Exils lesen kann und der Einrichtung des Autoren darin.
Als Auftakt aber ein Rückgriff, ein Gedicht aus dem Jahre 1987, dort die Strophe:
Zypressen. Oft sitze ich
auf der Kiste mit den Habseligkeiten
Diese Kiste mit den Habseligkeiten scheint mir ein Grundmotiv der Dichtung von Migranten, als würde man, wie lange man auch bleibt, nicht auspacken, den Schrank nicht benutzen, sondern stets bereit sein für eine schnelle Abreise. Man richtet sich also in der Welt nicht ein. Worin man sich aber einrichtet, ist im Imaginären und in der Sprache. In der Sprache und im Sprechen selbst. Im Flüchtigen des Sprechens. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry
Horst Samson
Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin
Pop Verlag
2014 · 17,80 Euro
ISBN:
978-3863560973
So ist das Schreiben Friederike Mayröckers absoluter Gegen-Entwurf zu Bestehendem; man braucht nicht auf Politik und gewisse Schauplätze der Erde zu verweisen, so wie dies nicht in der Dichtung vorzukommen braucht; hier führt jemand ein völlig anderes Leben und ist nicht bereit, in Niederungen einzutauchen, in denen Menschen etwas getan wird – / Ralf Wilms, Poetenladen
Friederike Mayröcker
Cahier
192 Seiten
Suhrkamp 2014
Trace Peterson writes:
Excited to announce the new issue of TSQ: Transgender Studies Quarterly issue 1:4, on Trans Cultural Production, magnificently edited by Trish Salah and co. My article in this issue, „Becoming a Trans Poet: Samuel Ace, Max Wolf Valerio, and kari edwards“ is (as far as I am aware) the first scholarly article on the category „trans poets“ or „trans poetry“ to appear in a peer-reviewed academic journal. And all the people I have just mentioned have been published in EOAGH at one point, with a new book of poems by Valerio and a previously unpublished book by edwards forthcoming momentarily from EOAGH Books!
Abstract:
This essay argues for a possible trans poetics or trans poetry aesthetic in the United States by examining poems by three of the earliest visible trans poets to publish books in this country: Samuel Ace, Max Wolf Valerio, and kari edwards. Close readings of their poems, supplemented with interviews in which the authors provide key contextual information, reveal an intriguing relationship between how these authors play with intelligibility through poetic form and how their work has mostly eluded literary history. An investigation into how these poets became authors looks at this process parallel to the narrative of how they understood the process of gender transition. This investigation reveals how aspects of their shared aesthetic can be traced to common struggles, shared literary mentors, and other factors such as how these poets have had to invent their own readership contexts and how name changes create challenges for literary biography.
Sapphofortsätze
Von Christiane Kiesow
Vor etwa einem dreiviertel Jahr ging ein Aufruf durch das Internet: Sendet Sapphogedichte! Sofort setzte das Grübeln ein: welche Art Text eignet sich für eine solche Anthologie? Ich bin des Altgriechischen nicht mächtig, also fallen Übersetzungen schon einmal weg. Es gäbe die Möglichkeit, sich formal zu nähern, sich z.B. an sapphischen Strophen zu versuchen oder eine Hymne zu verfassen. Man könnte Sappho auch durch den Fleischwolf drehen und Anagramme basteln. Leerstellen besetzen, Lückenfüller spielen; von der Tonimitation über das Fortsetzen der Fragmente hin zur phonetischen Übersetzung, ist alles möglich. Auch inhaltlich könnte man sich austoben. War sie nicht Lehrerin und Lesbe? Hat sie nicht auf einer Insel gelebt, am anderen Ufer? Da war doch von Wasser die Rede und von Mädchen und Mond.
Doch mit diesen Überlegungen gingen auch Zweifel einher. Lauert bei allzu eifriger Formstrenge nicht die Gefahr, in eine spröde akademische Übung abzudriften? Würde sich die Anbetung einer Silikonpuppe thematisch zu radikal ausnehmen? Ist es eigentlich juristisch erlaubt, sapphisches Gaffen gegenüber minderjährigen Mädchen zu thematisieren oder ist es vielleicht zu seufzerverseucht? Außerdem lässt sich ein Gedicht in geschlechtergerechter Gebärdensprache schwer abdrucken. Doch während ich mir meine Schreibhemmungen zusammen sammelte, waren andere wesentlich mutiger. Viele von den Ideen wurden erfolgreich umgesetzt und so ist ein aufregend vielstimmiger, bunter Band zustande gekommen.
Nimmt man ihn zur Hand, fällt schon die Gestaltung des Einbandes positiv auf. Es handelt sich dabei um eine optisch an Hieroglyphen und strukturell an ein Gedicht erinnernde Anordnung von kleinen Piktogrammen, die bei ausreichender Kenntnis vom Stoff eindeutige Bezüge zu Sappho herstellen. Mond, Rosen, Herztöne, Frauenkörper, Schlaflider, Vasen, Wasser. Hier ein kleiner Rüffel an die Herausgeber: warum ist die Grafikerin Isabel Wienold eigentlich nicht im Autorenregister aufgeführt?
Blättert man in den Band hinein, sind die Gedichte dann in vier Kategorien eingeteilt. In Remix finden sich die Gedichte, die die Auseinandersetzung mit einer „zusammengesetzten Sappho suchen“, Gegenentwürfe und Nachschöpfungen einzelner Sapphischer Stückchen finden sich unter Einzelstücke, darauf folgt die thematische Einheit Alles wird Mond, die sich frei dem berühmten Fragment 168b widmet, zuletzt finden sich allerlei Arten von Fragmenten. An dieser Stelle stutze ich. Gibt es denn gar kein erotisches Kapitel? Ja – wo sind eigentlich die Venushügelvoyeurismen!
Liest man sich aber hinein, so stößt man durchaus auf vaginale Spuren. Bei Marcus Roloff finden sich „aprikosenhälften mit flimmerhärchen“, Michael Gratz hat sich dem Vagina Sonnet von Joan Larkin gewidmet. Gleich zweimal hintereinander. Wobei die phonetische Oberflächenübersetzung die wesentlich spannendere ist. Auf die ursprünglichen Zeilen „A famous poet told me, ‘Vagina’s ugly.’/Meaning, of course, the sound of it. In poems.“, dichtet er: „Effeminate poet sold in red china suckling. / Minnow’s force. They found a wit in poems.“
Weitere experimentelle Dichtung findet sich vor allem auf den hinteren Seiten des Bändchens. Dort bringt Clemens Schittko die Bestellinformation eines Online-Buchhändlers in Form und Bertram Reinecke erfindet die Gegenüberstellung eines sapphischen und eines alkäischen Fragments. Die größten Rätsel geben mir aber Elena L. Steinberger und Birgit Kreipe auf. Sie machen deutlich, worin die große Chance des Fragments besteht: nämlich durch Lücken hermeneutischen Leseansprüchen von vorn herein ein Schnippchen zu schlagen. Die Ursache für das Scheitern des Verstehens ist quasi inbegriffen. Egal, wie man es angeht, der Freiraum funktioniert immer als Letztbegründung. Denn man weiß ja nicht, ob und wenn ja: was und wie viel fehlt. Und wovon. Angelika Janz muss an dieser Stelle auch genannt werden, hat sie schließlich die Arbeit am Fragment zu einer Poetologie kultiviert. Wobei sie den umgekehrten Weg nimmt: sie resozialisiert das Fragment zum gesellschaftsfähigen Gedicht.
Blättert man wieder ein Stück zurück, so findet man sich bei einer Kumulation von Mond wieder. Es ist angenehm, das Fragment 168b von so vielen Seiten durchbuchstabiert zu sehen. Hier bietet der Sapphoband die Gelegenheit, einmal bei einem Thema zu verweilen. Es zu drehen und zu wenden und darüber nicht ungeduldig zu werden, sondern es von Text zu Text zu vervollständigen. Erwähnt sei hier auch Christoph Georg Rohrbach, der mit der Veröffentlichung in „Muse, die zehnte“ sein Gedichtdebüt begeht.
Aber Tod dem chronologischen Erzählen. Noch einmal forsch hereingegriffen in den Bilderbottich. Da „welkt Wald“ (Richard Duraj/Andreas Bülhoff) und da ist „aller Tag nur Wachliegen noch nach dir“ (Tobias Roth), es gibt „Plektron für Stimmbänder“ (Asmus Trautsch), „kubistische Kämme“ (Ulf Großmann) und etwas ist „von Schönheit gestanzt“ (Georg Leß). Da heißt es: „Anfang gut, alles gut“ (Philipp Günzel) und dazwischen winden sich Zungen (Phoebe Giannisi).
Ja – vielleicht hatte ich mir zu Beginn mehr Vulvavöllerei gewünscht, aber das ist nun nicht mehr so schlimm. Wer ernsthaft eine Anthologie betrachten will, muss immer den Teil bedenken, der fehlt.
Wie sollte man sonst Auswahl erkennen?
Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene
Herausgegeben von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen
Erscheinungsdatum: 01.12.2014
110 Seiten; Softcover; 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-943672-50-3
14,95 EUR (D)
Mit Glykeria Basdeki, Kerstin Becker, Andreas Bülhoff, Jascha Dhal, Daniela Danz, Richard Duraj, Christiane Heidrich, Jenny Feuerstein, Phoebe Giannisi, Mascha Golda, Michael Gratz, Ulf Großmann, Alexander Gumz, Philipp Günzel, Marilyn Hacker, Bianka Hadler, Dirk Uwe Hansen, Andreas Hutt, Roman Israel, Angelika Janz, Anja Kampmann, Jorgos Kartakis, Odile Kennel, Birgit Kreipe, Erika Kronabitter, Jan Kuhlbrodt, Marianna Lanz, Joan Larkin, Georg Leß, Leonce W. Lupette, Anne Martin, Artur Nickel, Simone Katrin Paul, Martin Piekar, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Christoph Georg Rohrbach, Marcus Roloff, Tobias Roth, Uwe Saeger, Clemens Schittko, Armin Steigenberger, Elena L. Steinbrecher, Brigitte Struzyk, Asmus Trautsch, Monika Vasik, Eva Christina Zeller
Zum Verlag (mit Leseprobe)
Das Renitente in Trakls Sprache findet sich in anderer, nicht minder wuchtiger Gestalt in den Versen des 1965 geborenen Romanciers und Lyrikers Marcel Beyer. Von „Verklirrter Herbst“, Beyers schräger Anverwandlung von Trakls „Verklärter Herbst“, die 1997 in Beyers Band Falsches Futter erschien, führt eine Linie zuGraphit, dem neuen Lyrikbuch von Beyer. Er enthält das in Trakl und wir abgedruckte Gedicht „An die Vermummten“, das auf Trakls „An die Verstummten“ antwortet. Doch auch das dreiteilige „Alphabet Oberlippe“ bezieht sich vermittelt auf den Jahrhundertdichter, genauer: auf eine Fotografie, die Georg Trakl im Sommer 1913 auf dem Lido von Venedig zeigt. Trakl war mit dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, sowie dessen Frau und Karl Kraus nach Venedig gereist. Venedig, mutmaßt Trakls Biograf Gunnar Decker, muss Trakl ambivalent gestimmt haben. Auf besagtem Foto jedenfalls schaut er ziemlich grimmig drein.
In Beyers Gedicht wird die Fotografie zur Vorlage, ein Verfahren, das sich bei ihm häufiger findet. „Das Leibchen. Ein Salzwasser, / ein Kälteschockgesicht am / Strand, das Schwimmkleid / schwarz. Die Beine und sein / Hals: ein Bauer, der mit Sand / nichts anzufangen weiß. / Schwimmkleid Venedig. Hat / ihn nicht dauerhaft aufheitern / können, dieser Ausflug, nein. / Das Schwimmkleid Limanowa. / Das Schwimmkleid Krakau. / Und das Schwimmkleid Salz.“ (…)
Widerständig wie das Sprachmaterial können auch die Dinge sein, die in der Lyrik Gestalt annehmen sollen. In den Regentonnenvariationen, dem nunmehr sechsten Gedichtband des 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner, konzentriert sich der Autor auf die Gegenkraft im Marginalisierten und Geringgeschätzten, etwa im „Giersch“, jenem Unkraut, das „bis hoch zum giebel kriecht bis giersch schier / überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch“.
Man muss diese Verse laut sprechen, um das Insistierende, Renitente der Pflanze in den Konsonanten zischeln zu hören, das Wachsende, sich Dehnende in den Vokalen. Wagners Gedichte sind eingängig und unaufgeregt in ihrem Gestus. Es gibt bei ihm häufig ein lyrisches Wir, das nicht genauer bestimmt ist, den Leser aber in eine freundliche Vertrautheit lockt und ihm dort, mit meist munterem Unterton, Phänomene neu zu zeigen weiß. (…)
Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.
Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in„vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters: „ich kann sehen wann du mich liest“.
Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt:
ich kann was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt auch eine der unterlassung
bitte entlass mich in methodenlosigkeit bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind missversteh meine bilder zu identität finde mich: bitte finde mich nicht
Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können. / Beate Tröger, Der Freitag 49
In der Rezension wurden besprochen:
Sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger,
auch 2015 werden die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und das Lyrik Kabinett wieder eine gemeinsame Liste von Lyrikempfehlungen vorlegen. Dreizehn Lyrikkenner – Dichter, Kritiker und Vertreter literarischer Institutionen – werden jeweils einen Lyrikband und einen Band mit Übersetzungen ins Deutsche auswählen, den sie dem Publikum besonders zur Lektüre nahelegen wollen.
Der Runde gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Holger Pils, Monika Rinck, Daniela Strigl, Jan Wagner und Thomas Wohlfahrt.
Die Liste wird zunächst im März 2015 auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Eine Woche später, am Welttag der Poesie (21. März), möchten wir in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen und Bibliotheken über den Tag hinaus auf die Lyrikempfehlungen mittels Büchertischen, Broschüren und Plakate aufmerksam machen.
Für die Empfehlungen sollen diesmal auch die Neuerscheinungen des nächsten Frühjahrs Berücksichtigung finden. Wir möchten Sie deshalb bitten, uns entweder ein PDF oder den entsprechenden Link zu Ihrem Frühjahrsprogramm zukommen zu lassen, wenn dieses lyrische Neuerscheinungen enthält.
Wir sind gespannt, welche Bücher es diesmal auf die Liste schaffen!
In diesem Sinne mit den besten Grüßen auch von Heinrich Detering (Deutschen Akademie) und Holger Pils (Lyrik Kabinett),
i.A. Pia-Elisabeth Leuschner
Einen kleinen Schwerpunkt der Soirée bildeten die Gedichte von Janko Messner, der in seinen Büchern und Gedichten den Widerstand slowenischer Kärntner gegen den Nationalsozialismus und die Behandlung von Minderheiten in Österreich kritisch aufgriff. Viele seiner Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und bekommen so einen ganz anderen Klang. Auf Vietnamesisch trug Dai Trang Nguyên »Wem gehört denn unsere Erde?« vor. / Lahrer Zeitung
Das Elend der guten Schriftsteller ist, daß die schlechten sie nachahmen. Arezu Weitholz zum Beispiel ist darauf verfallen, Fischgedichte und -geschichten zu schreiben, die der »Manier von Ringelnatz, Morgenstern und Gernhardt« (Zweitausendeins-Reklame) folgen. Gernhardt wird in der Reklame nur aus Reklamegründen erwähnt; die beiden anderen Namen haben das Pech, zu Recht genannt zu werden. Denn wie verhalten sich die Fische, die Arezu Weitholz aus dem großen Meer der Sprache fängt? Der Stör, große Überraschung, stört seine Mitfische; der Stichling sticht, der Büffelfisch büffelt fleißig, der Trompetenfisch musiziert. Es gibt »Fotografische« und – so einfach geht das, wenn man den Bogen bzw. die Angelrute raushat – folglich auch den »Kartografisch« und den »Telegrafisch«. Aale tummeln sich ebenfalls die Menge: der »Aalphabet« liebt Buchstaben, »Aal Capone« ist der »Erfinder des organisierten Verbrechens im Meer«, im Beifang finden sich die »Aallergie« und der »Digitaal«, und wenngleich der Anaal fehlt, wird die Lektüre doch irgendwann zur Quaal. / Titanic
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Stuart Kestenbaum is a Maine poet with a new book, Only Now, from Deerbrook Editions. In it are a number of thoughtful poems posed as prayers, and here’s an example:
Prayer for Joy
What was it we wanted
to say anyhow, like today
when there were all the letters
in my alphabet soup and suddenly
the ‘j’ rises to the surface.
The ‘j’, a letter that might be
great for Scrabble, but not really
used for much else, unless
we need to jump for joy,
and then all of a sudden
it’s there and ready to
help us soar and to open up
our hearts at the same time,
this simple line with a curved bottom,
an upside down cane that helps
us walk in a new way into this
forest of language, where all the letters
are beginning to speak,
finding each other in just
the right combination
to be understood.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2014 by Stuart Kestenbaum, “Prayer for Joy” from Only Now, (Deerbrook Editions, 2014). Poem reprinted by permission of Stuart Kestenbaum and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In Verena Stauffers erstem Gedichtband begegnet uns auf dem engen Raum von nicht einmal vierzig Seiten eine erstaunliche Bandbreite verschiedener Stile, die doch sämtlich einen der Autorin eigentümlichen Stempel aufgeprägt haben. Das ist allemal kein Zeichen dafür, daß sie womöglich „ihren Ton noch nicht gefunden habe“, wie die etwas unkritische Formel in den Feuilletons für eine solche Stildivergenz meist lautet, sondern ein deutlicher Beleg für eine pluralistische Auffassung von Lyrik, die es nämlich gestattet, mit der Vielfalt sinn- und lustvoll zu spielen. Denn Oberflächenmerkmale wie Groß- oder Kleinschreibung von Substantiven, syntaktische Kohärenz oder Auflösung, traditionelle Reime oder Klangexperimente sind letztlich nur unterschiedliche Herangehensweisen, die hier auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden werden. / Jürgen Brôcan bespricht das Buch bei Fixpoetry
Verena Stauffer
zitronen der macht
Titelgrafik von David Convent
hochroth Wien
2014 · 38 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-57-2
Mark Strand, whose spare, deceptively simple investigations of rootlessness, alienation and the ineffable strangeness of life made him one of America’s most hauntingly meditative poets, died on Saturday at his daughter’s home in Brooklyn. He was 80.
His daughter, Jessica Strand, said the cause was liposarcoma, a rare cancer of the fat cells.
Mr. Strand, who was named poet laureate of the United States in 1990 and awarded the Pulitzer Prize for Poetry in 1999 for his collection “Blizzard of One,” made an early impression with short, often surreal lyric poems that imparted an unsettling sense of personal dislocation — what the poet and critic Richard Howard called “the working of the divided self.” / Nachruf von William Grimes, New York Times
Diese rührende poetische Liebeserklärung an Deutschland (Übersetzung hier, hier der Originaltext) schrieb die damals 22 Jahre alte russische Dichterin Marina Zwetajewa am 1.Dezember 1914 als Antwort auf den Deutschenhass, der nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihre Landsleute ergriffen hatte. Zwetajewa, deren Vater Iwan Zwetajew das Moskauer Museum für westeuropäische Kunst begründete und deren Mutter eine Pianistin polnisch-deutscher Herkunft war, betrachtete die westliche Hochkultur als ihren Existenzgrund. Als Gymnasiastin hatte sie Frankreich, Deutschland und die Schweiz bereist, sie übersetzte Lyrik aus mehreren europäischen Sprachen. Doch in Deutschland stehe die Wiege ihrer Seele, hielt sie im Tagebuch fest, ihren „Seelenhauptteil“, wie die Russin sich ausdrückte, hielt sie für deutsch.
Marina Zwetajewa fühlte ihre persönliche Treue, die sie Deutschland in lebenslanger Verliebtheit geschworen habe, wie es in der vorletzten Strophe auch im russischen Original exaltiert heißt, durch die politischen Verhältnisse auf die Probe gestellt. Die schrecklichen Nachrichten etwa von der Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Beschuss, von Misshandlungen russischer Kriegsgefangener durch die Deutschen, vom Absturz der einstigen Kulturnation in die chauvinistische Barbarei klangen für sie wie eine hysterisierte Hetzkampagne. Den Philosophen Immanuel Kant sieht sie in der dritten Strophe zeitentrückt als schmalgesichtigen Alten durch Königsberg spazieren, im polemischen Gegensatz zum russlanddeutschen Denker Wladimir Ern (1882 bis 1917), der schon im ersten Kriegsherbst sein Pamphlet „Von Kant zu Krupp“ formulierte, worin er Kants Vernunftkritik und die Kruppsche Waffentechnik zu Manifestationen des gleichen, prinzipiell aggressiven deutschen Geistes erklärte.
(…) An eine Veröffentlichung der Verse war natürlich nicht zu denken. Doch sie trug sie während des Krieges mehrfach vor, mit weniger Erfolg in Moskau, mit umso größerem dafür in Russlands zweiter, europäischer Hauptstadt. Die Petrograder Lesung mit Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Sergej Jessenin, Michail Kusmin, die bei Eis und Schnee den Beginn des letzten vorrevolutionären Jahres 1916 feierten, sei sogar zu einem regelrechten „Gelage zu Zeiten der Pest“ geraten, erinnerte sich Zwetajewa zwanzig Jahre später. Allerdings ganz ohne Wein und Rosen, allein durch Ausschweifungen des schattenhaften Dichterwortes, wobei die allgegenwärtigen Vokabeln „Front“ und „Rasputin“ nicht einmal vorkamen. / Kerstin Holm, Frankfurter Anthologie
das Kind, das du gewesen bist, nimmt dich an die Hand und zeigt dir, was du alles übersehen hast
Hansjürgen Bulkowski
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