Verpasst

Tom de Toys, 7.3.2024 © POEMiE™

GERISSEN
(VERPASSTE POESIE)

im grunde müsste zunächst einmal abgeklärt werden ob ein erfolgreiches gedicht überhaupt derartige symptome aufweisen darf mit denen der autor ganz eindeutig vermeiden will über die bedeutung der ersten zeile wie ein debiler debutant vor dem publikum zu diskutieren obwohl es sich hierbei um die entscheidende ja sogar einzige frage handelt die doch von anfang an wie ein böses omen im raum steht denn niemand geht gerne zu einer lesung die bereits in der ersten zeile zum scheitern verurteilt ist und den sogenannten lyriker als dilettant auszeichnet für den sich berechtigterweise noch nie ein verlag interessieren konnte das wort KONNTE wurde bislang in diesem gedicht noch nicht verwendet wodurch es ein alleinstellungsmerkmal erzeugt und den zuhörer darüber hinweg täuscht dass BISLANG alles gesagte komplett inhaltslos zu sein scheint und darauf hin steuert das nahende ende vorwegzunehmen indem das wort ENDE schon vor dem schluss auftaucht weil der vortragende damit suggerieren will schon längst etwas bedeutsames artikuliert zu haben was bei allen zuhörern im eifer des gefechts einfach unterging die katastrophe ist damit ein einziges desaster die tagesschau sieht sich gezwungen von demonstrationen zu berichten bei denen auf überdimensionalen schildern nur 1 wort zu lesen ist: „EINSTAMPFEN!“, obwohl das gedicht gar nicht gedruckt sondern nur dieses eine mal auf der bühne live vorgetragen wurde die halbe nation hat das sowieso verpasst das land ist erst durch die mediale verbreitung dieses literarischen skandals gespalten während die einen von einem avantgardistischen geniestreich sprechen behaupten die anderen den namen des dichters noch nie irgendwo gelesen oder gehört zu haben wir schalten jetzt live in den saal um den übeltäter beim verfassen des titels zu beobachten und sehen nun wie er von einem empörten lyrikfan eine verpasst bekommt er blutet gewaltig aus seiner nase sanitäter werden herbei gerufen aber es ist zu spät dieser selbsternannte schriftsteller hat den bogen überspannt und verblutet in seinen eigenen metaphern wir schalten zurück ins studio – die lottozahlen…

Entnommen aus: Tom de Toys „DAS ABSOLUT WAHRE BUCH – Lesbare Live-Literatur (Prosa, Poesie, Poetologie und ein Pamphlet)“, BoD Verlag 1.10.2024, ISBN 9783759749444, 14€

Wann endlich

Kaaja Hoyda

Brot und Spiele im Monsun IV.

Wann endlich
endlich
der Dümmste aber auch
begreift
versteht
verinnerlicht
dran glaubt
und schätzt und sich
dran hält
Daß er sich nicht umdrehen darf
wenn er Mensch bleiben will
nicht Salz werden will
Wasser löst Salz
und wird zur Träne
Und so weint sie
und weint
weint aus den Nägeln
und den Füßen
aus der Nase und dem Mund
Weint aus der Brust
Und säugt damit die Erde
die so trocken daliegt
und zurück will an
den Anfang

Aus: Kaaja Hoyda: Brot und Spiele im Monsun und andere Texte. Berlin: SuKuLTuR, 2006. 2. Aufl. (1. 1996) (Schöner Lesen 46), S. 7

Kaaja Hoyda, geboren 1972 in Wattenscheid, Sänger, Texter und Musiker der Band Stendal Blast. Ausbildung zum Krankenpfleger, Studium, Volontariat bei einer Tageszeitung, arbeitet als Journalist und Musikproduzent. Eigene Musik- und Reportagesendung in den USA für das Goethe-Institut. Verschiedene Fernseh- und Buchbeiträge, Kolumnen. (ebd.)

Elegien eines Esels

Athena  Farrokhzad

Aus: Elegien eines Esels

Warum sollte man mir eine größere Aufgabe auferlegt haben
als ich bewältigen kann
Es muss möglich sein, die Toten ein Leben lang zu lieben
Wie eine Stute auf ihrer letzten Wanderung
werde ich einen abgrundtiefen Schrei ausstoßen
Abgemagert werde ich ankommen
mit meiner unversteuerten Last
Ich möchte nur eine Versicherung darüber haben
dass meine Brüder warten, wenn ich es tue
Eine so gewaltige Traurigkeit kann ich nur tragen
im Tausch gegen das Paradies

Aus dem Schwedischen von Clara Sondermann, aus: Delfi. Magazin für neue Literatur. 02-2024, S. 33. Delfi erscheint bei Ullstein.

Athena  Farrokhzad ist eine schwedische Lyrikerin, Drehbuchautorin und Literaturkritikerin. Ihre Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt, darunter das Langgedicht Bleiweiss auf Deutsch (kookbooks 2019).

Sie leitet die Literaturabteilung von The House of Culture in Stockholm und hat Lyrikerinnen wie Adrienne Rich, Audre Lorde und Natalie Diaz ins Schwedische übersetzt. Sie ist ehemalige Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Clara Sondermann übersetzt Literatur aus skandinavischen Sprachen, darunter Autorinnen wie Athena Farrokhzad, Ursula Andkjær Olsen, Olga Ravn und Jenny Hval. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Um zu bleiben in diesem Gedicht

Konstantínos Kaváfis 

(Κωνσταντίνος Πέτρου Καβάφης; * 29. April 1863 in Alexandria; † 29. April 1933 ebenda)

Um zu bleiben

Ein Uhr in der Nacht war es wohl
oder halb zwei.
In einer Ecke der Taverne;
hinter der hölzernen Trennwand.
Außer uns zweien sonst niemand mehr in dem Raum.
Eine Petroleumlampe gab ihm kaum Licht.
Schlafend, in der Tür, der erschöpfte Kellner.

Keiner würde uns sehn. Aber wir waren
bereits viel zu erregt,
als dass wir daran gedacht, aus Vorsicht.

Halbgeöffnet die Kleider – viele waren es nicht,
denn es brannte der göttliche Monat Juli.

Rausch des Fleisches
unter halbgeöffneten Kleidern;
schnelle Entblößung des Fleisches – die Vorstellung davon,
sechsundzwanzig Jahre hat sie durchschritten; jetzt kam sie,
um zu bleiben in diesem Gedicht.

Aus dem Griechischen von Michael Schroeder, aus: Konstantin Kavafis: Um zu bleiben. Liebesgedichte. Griechisch und deutsch. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989

Να μείνει

Η ώρα μια την νύχτα θα ’τανε,
ή μιάμιση.
Σε μια γωνιά του καπηλειού·
πίσω απ’ το ξύλινο το χώρισμα.
Εκτός ημών των δυο το μαγαζί όλως διόλου άδειο.
Μια λάμπα πετρελαίου μόλις το φώτιζε.
Κοιμούντανε, στην πόρτα, ο αγρυπνισμένος υπηρέτης.

Δεν θα μας έβλεπε κανείς. Μα κιόλας
είχαμεν εξαφθεί τόσο πολύ,
που γίναμε ακατάλληλοι για προφυλάξεις.

Τα ενδύματα μισοανοίχθηκαν — πολλά δεν ήσαν
γιατί επύρωνε θείος Ιούλιος μήνας.

Σάρκας απόλαυσις ανάμεσα
στα μισοανοιγμένα ενδύματα·
γρήγορο σάρκας γύμνωμα — που το ίνδαλμά του
είκοσι έξι χρόνους διάβηκε· και τώρα ήλθε
να μείνει μες στην ποίησιν αυτή.

[1918, 1919]

Vertrauliche Briefe

Abram Maenner

Freund

nenne ich mich
und schreibe mir
vertrauliche Briefe
aus dem Exil
meiner Jahre
nie kommt
eine schriftliche Antwort
nur meine ferne
Stimme murmelt
am Abend schwer
verständliche Worte
mir zu aus dem Schatten
gründunkler Wälder
sie klingen
wie Rufe nach Hilfe
und ich setze mich
hin um zu schreiben

Aus: Abram Maenner, Findelkinder. Gedichte. Mit einem Nachwort von Leo Kreutzer. Hannover: Wehrhahn, 2017, S. 238

Abram Maenner (1941-2023) war ein deutscher Lyriker und Bildhauer. Mehr bei Lyrikwiki.

Aus: a.a.O. S. 177

Franz Hodjak 80

Franz Hodjak 

(* 27. September 1944 in Hermannstadt, Rumänien, lebt seit 1992 in Deutschland)

grabrede

unsere generation? eins immerhin
ist sicher: man kann sich große worte ersparen
auch lorbeerkränze
oder salut
die begeisterung, liebe anwesenden, war groß
es war so, daß alles anders aussah
die zeit hatte eine andre geschwindigkeit
Brecht marschierte mit qualmender zigarre voran
alles was man tat oder unterließ, hatte ein präzises ziel
selbst der haarschnitt war politisch
nichts erweckte den vertrauten eindruck
daß nichts zu verändern wär
man trank sich zu, nüchtern und engagiert
der postbote, er brachte welt in die köpfe
die gespräche wurden immer länger
doch immer wenn die zukunft greifbar nah schien
war der arm zu kurz
man bog etwas betreten um die ecke
die gegenstände sahen plötzlich aus
als wären es geknickte schwingen
die fragen häuften sich
das telefon von dr. Marx war stets besetzt
man saß nächtelang vor dem radio
man begann sich zu erinnern
einigen halfen kleine kellnerinnen
über die enttäuschungen hinweg
andere waren immer und überall dabei
und das waren auch unsre liebsten clowns
andere standen vor den kinos
andere vor dem paßamt
andere hatten nichts dagegen
andere stellten sich um auf pfeife

und was zu tun war
gründlich
wurde es zerredet

Aus: Franz Hodjak: Sehnsucht nach Feigenschnaps. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Wulf Kirsten. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 105f. Auch in: Franz Hodjak: Siebenbürgische Sprechübung. Gedichte. Mit einem Nachwort von Werner Söllner. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1990, S. 100f.

Ich las Philosophien

Edna St. Vincent Millay 

(* 22. Februar 1892 in Rockland, Maine, USA; † 19. Oktober 1950 in Austerlitz, New York)

I read with varying degrees 
Of bile the sage philosophies,
Since not a man has wit to purge
His pages of the Vital Urge.
At my head when I was young
Was Monad of all Monads flung ;
And in my ears like any wind
Dubito Ergo Sum was dinned.
When a chair was not a chair
Was when nobody else was there ;
And Bergson's lump of sugar awed
My soul to see how slow it thawed !)
Ich las Philosophien, die 
zu viel erläutern – läutern sie
mit weisem Witz den Lebensdrang ?
Nicht einen las ich, dem's gelang.
Die Monade der Monaden,
las ich und verlor den Faden ;
einer raunte mir ins Ohr :
Dubito Ergo Sum und schwor
darauf; und Bergsons Zuckerstück
löste sich langsam auf – ein Trick,
doch meine Seele fiel drauf rein !
Zumutung? oder schlichtweg Schein ?

Aus: Edna St. Vincent Millay: Journal. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Günter Plessow. Berlin, Schupfart: Engeler, 2024 (Band 25 der Neuen Sammlung), S. 52f

Tag der bittren wilden Nesseln

Heute vor 40 Jahren starb der Dichter Erich Arendt. Ich wähle zum Anlass ein Gedicht aus dem Zyklus „Tolú“, den er 1943 bis 1950 im Exil in Kolumbien schrieb.

Erich Arendt 

(* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst)

Indiogötter

Aughöhlen, aufgerissen in granitener Leere:
Giganten heben ihren Blick vom Steppenrand.
Aus den entblößten Zähnen dringt die Schwere
erdalten Schweigens bis zum Dach der Andenwand.

Der Tag der bittren wilden Nesseln legt oft seine
glutharten Lippen auf die Stirn, die Grauen sinnt.
Ein greiser Dorn, erhoben aus dem Urgesteine,
steht das Geschlecht dem Gotte zeugungslos im Wind.

Mondwolken streuen Asche auf den Mund der Steppen,
wenn Lava aus des Kraters offner Wunde fließt.
Licht Stern und Donner brechen die Gewesenen nicht.

Mit toten Augen sehn sie, nun die Nacht sich schließt,
durch schwarzes Gras die Indios ihre Armut schleppen,
voll Trauer und granitener Schwere das Gesicht.

Aus: Erich Arendt: Gedichte 1925-1959 (Kritische Werkausgabe Bd. 1. Hrsg. Manfred Schlosser). Berlin: Agora, 2003, S. 225

Schlossers Ausgabe nennt als Textgrundlage für Band 1 „die jeweils erste Druckfassung“. Das ist für den Zyklus der Band „Trug doch die Nacht den Albatros“ (Berlin: Rütten & Loening, 1951). Erich Arendt hat viele Gedichte in späteren Drucken überarbeitet. „Tolú“ erschien selbständig mit dem Untertitel „Gedichte aus Kolumbien“ in der Insel-Bücherei bei Insel Leipzig 1956 (Neuauflage 1973) sowie in dem Sammelband „Aus fünf Jahrzehnten“ (Hinstorff 1968). Die von Gerhard Wolf herausgegebenen „Sämtlichen Gedichte“ in Einzelbänden (beim Rimbaud Verlag Aachen) folgen der Fassung letzter Hand, als die die Inselausgabe von 1973 zu betrachten ist.

Textabweichungen

  • 2. Strophe 1. Zeile: legte seine
  • 3. Strophe 2. Zeile: aus der offnen Kraterwunde fließt.
  • 4. Strophe 12. Zeile: nun die Nacht -> wenn die Nacht

Außerdem gibt es geringfügige Abweichungen in der Zeichensetzung. In dem Sammelband von 1968 ist das Gedicht datiert: 1945.

Quelle: Erich Arendt: Tolú. Gedichte aus Kolumbien. Hrsg. Gerhard Wolf. Aachen: Rimbaud, 1997, S. 15

Anmerkung

Tolú ist eine Gemeinde im Norden Kolumbiens, direkt am karibischen Meer.

Mehr über den Zyklus bei Planet Lyrik.

Gedichtnisschwerigkeiten

Ein Gedicht, aber eins von Ames.

Konstantin Ames

                                     17.09.24

Schulblick. Wie nach einer Landungsoperation
Alles voller Kajaks. Du denkst gar nicht dran
Voll mit Schwänen. Bloß keine Petition starten
Der Start klingt wie Nasse-Wäsche-Dreschen.
Kurz vorm Gastroschiff drehn sie steigend ab.
Herbst wie im guten dt. Schulgedicht.
Das Wasser brav im Landwehrkanal treibt
drin mit zierlichen Kopfschüssen 1 Rattanstuhl
Kronkorken, Urin, Lichtreflexionen
Voll mit Einsitzern, Gedichtnisschwerigkeiten
Der Staat singt, die Grenzen drehen sich
zurück auf Anno Erbsensuppe im
Land Mme Staëls ist Lyr*k die Kunst des Kläglichen
im Staub Brandenburgs wird selbst
d a s noch nach Tarif bezahlt
Schummerig die Sicht auf die Dinge
nach dem Stich einer ›invasiven Art‹

Ludwig Greve 100

Ludwig Greve 

(* 23. September 1924 in Berlin; † 12. Juli 1991 vor Amrum)

September

Heute! Im spiegelnden Fluß
haben die Ufer Zeit.

Sind die Bäume zum Fest
eben an Land gestiegen?
Blätter, dem Licht wie Tropfen verschwistert,
hüllen sie ein.

Aber soviele Brüste
verraten die Göttinnen,
Pflaumen mit keusch beschlagener Haut
und Birne an üppiger Birne –
der Hand, wie zum Betteln geöffnet,
oder den Lippen süßer?

Aller Erinnerung
sind jetzt die Gärten gewachsen.
Die Fülle bereitet Schmerz
und lindert ihn, wo die Astern dorren;
mitten im Lila, dem dunkel
auferstandenen Licht des Sommers,
blendet der neue Tag
und trocknet wie Augen sie.

Er ist der Vater.
Noch stehen seine Geschöpfe
unter dem großen Blick,
leben im Gleichmut; die Bläue
hebt ihre Sterblichkeit auf und macht
das Verlorene wahr.

Dann wird die Sonne schwerer
und hängt inmitten des grün
entfalteten Baums
als eine der Früchte.

Der Schatten daneben
duftet nach Holz und Wein.

Aus: Ludwig Greve: Die Gedichte. Herausgegeben von Reinhard Tgahrt in Zusammenarbeit mit Waltraud Pfäfflin. Mit einem Nachwort von Harald Hartung. Göttingen: Wallstein, 2006, S. 38

Die Stadt

Hans Ehrenbaum-Degele 

(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 am Narew)

Aus dem Zyklus "Die Stadt"

Eins ans andere schwach und morsch gelehnt
Hocken Häuser grau am Straßenrand.
Holperpflaster sinkt in gelben Sand.
Fernen Kieferwäldern zugewandt,
Ist die Stadt verebbend ausgedehnt.

Kohlenwagen, Leierkastendrehn,
Bauplatz, Gärtnereien, endlos Planken.
Wolken, die am Ruß der Essen kranken,
Treiben fort in traurigem Verwehn.

Armut fault aus Kellerlukenmund.
Jedem Kind, das gliederschwach begegnet,
Sind die Haare zottig wie verregnet
Und die Augen trüb und tief und wund.

Und die Fraun gehn schwanger ohne Stolz
Und mit faltigen, vergrämten, bleichen
Angesichtern, die sich alle gleichen.
Grau und traurig muß der Tag verstreichen.
Ganz gelassen falln zuletzt die Leichen
In den schwarzlackierten Kasten Holz.

Aus: Hans Ehrenbaum-Degele (1889-1915): DAS TAUSENDSTE REGIMENT und andere Dichtungen. Mit einem Nachwort hrsg. von Hartmut Vollmer (Vergessene Autoren der Moderne XXII. Hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha, Universität-Gesamthochschule Siegen) Siegen 1986, S. 15

Dreizeiler

Michael Augustin

Drei Dreizeiler

Liebesgedicht
auf den Kotzbeutel geschrieben:
Marmor bricht. Wir nicht.
Auf der Glatze des alten Mannes 
spiegelt sich
die Kirschbaumblüte.
Der Nachtwächter schläft.
Da steigt leise der Morgen
durchs Fenster ins Haus.

Aus: Michael Augustin, Immer was zu knabbern. Ausgewählte Gedichte & Miniaturen. Mit 18 Collagen des Autors. Bremen: Temmen, 2023, S. 93

Luzifer

Farhad Ahmadkhan

(* 1968 in Teheran, lebt in Deutschland)

Der heutige Luzifer

In vergangenen Zeiten
kam der Luzifer
vom Morgenstern.

Er führte den neuen Tag heran.
Fackel tragend war er zu Pferde unterwegs.

Er stieg aus dem Meer
und begleitete den Sonnengott.

Aber gestern war er auf der Straße,
in einem Hemd mit Sternenmuster,
lebte gerade in den Tag hinein,
und trug eine Aktentasche, zu Fuß unterwegs.
Er begleitete nur seinen Schatten.

Er grüsste niemanden,
ging artig seines Weges
und kratzte sich mit der rechten Hand
den Kopf und grinste.

Aus: HIER IST IRAN! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Herausgegeben von Gerrit Wustmann. Bremen: sujet verlag, 2011, S. 44

Wie ein Gedicht von Jeffers

Robinson Jeffers 

(* 10. Januar 1887 in Allegheny, heute Pittsburgh, Pennsylvania; † 20. Januar 1962 in Carmel-by-the-Sea, Kalifornien)

Der Tag ist ein Gedicht
(19. September 1939)

Heut morgen hielt Hitler in Danzig eine Rede, wir hörten seine Stimme.
Er hat Genie, will sagen, staunenswertes Können,
Mut und Hingabe, darunter die Seele eines kranken Kindes.
Wir hörtens laut und deutlich durch das Wutgejaule.
Ein krankes Kind in Danzig, das plärrt, nach Rache flennt und heult.
Hier war der Tag glutheiß, am Mittag
Stäubte ein Südwind wie ein Hauch vom Höllenschlund etwas Regen
Auf das verdorrte Land. Dann gegen fünf ertanzte das Haus
Von einem leichten Beben. Ohne Schaden. Heut nacht vertrieb ich
mir die Zeit,
Indem ich zusah, wie der rote Mond hinabglitt
In die schwarze See unterm Geflacker trockner Blitze und bei
fernem Donnergrollen.
Wohl, dieser Tag war ein Gedicht, doch zu sehr wie eins von Jeffers,
greulich von zuviel Blut und böser Vorahnung, durch
Mark und Bein dringend, unmenschlich wie ein Habichtschrei.

Deutsch von Eva Hesse, aus: Amerikanische Dichtung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Eva Hesse und Heinz Ickstadt. München: C. H. Beck, 2000 (Englische und amerikanische Dichtung 4), S. 143

The Day is a Poem 
(September 19, 1939)

This morning Hitler spoke in Danzig, we heard his voice.
A man of genius: that is, of amazing
Ability, courage, devotion, cored on a sick child's soul,
Heard clearly through the dog-wrath, a sick child
Wailing in Danzig; invoking destruction and wailing at it.
Here, the day was extremely hot; about noon
A south wind like a blast from hell's mouth spilled a slight rain
On the parched land, and at five a light earthquake
Danced the house, no harm done. Tonight I have been amusing
myself
Watching the blood-red moon droop slowly
Into black sea through bursts of dry lightning and distant thunder.
Well: the day is a poem: but too much
Like one of Jeffers's, crusted with blood and barbaric omens,
Painful to excess, inhuman as a hawk's cry.

Septembertag

Ursula Krechel

(* 4. Dezember 1947 in Trier, lebt in Berlin)

Narkose eines blaugehimmelten Septembertages

Eines blauen Tages stand ich voller Glück
unter einem Baum, von dem die Eicheln sprangen
ein krummbeiniger Köter schnüffelte an der Hinterlassenschaft
eines anderen Hundes. Und in der Wäscherei
entschuldigte sich die gestandene, hocherhitzte Frau
für die Verzögerung, es gab eine betriebliche Schulung
Bügeln und Stärken und das Rechnungswesen acht Stunden lang.
All das schien sehr normal, die Fenster standen offen
flügelweit und breit. Die Zwillinge schrien in Stereo
bis die Kinderfrau jedem einen Apfelschnitz gab
an dem sie lutschten. Ein Rettungshubschrauber ratterte in der Luft.
All dies schien sehr normal, mehr noch, als hätte jemand
du vielleicht oder ein schüchterner Glückspilz
mit einem großäugigen Würfel die richtige Zahl getroffen.

Aus: Ursula Krechel: Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2010, S. 56