Der serbische Olymp oder Dreifachdada

Das gerade erschienene Heft 58 der famosen Reihe Versensporn versammelt sämtliche bisher aufgefundenen Gedichte von Walter Serner. Das hier vorgelegte Gedicht ist ein Gemeinschaftswerk mit Hans Arp und Tristan Tzara (das Trio als „anonyme Gesellschaft zur Ausbeutung des dadaistischen Vokabulars“).

Der serbische Olymp oder 
der schlecht ermordete Detektiv


kerze schämt sich auf dem alpenkamm
herzen brechen gong kanal und lamm
platon holt noch mit dem kirchturm aus
blatt und ei und regen singen rund
fastenfauna glänzt im toten fisch
dotterblau bestirnt der glast die laus
bärtig wachsen psalmen in den mund
und die loreley hält stundentisch
glastramway ist meteor und handschuh
für verliebte welche im juli die
ressentiments und andere monopolbarometeraffekte
als saldovortrag zu seinen gunsten buchen

Aus: VERSENSPORN Heft für lyrische Reize Nr. 58: Walter Serner. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2024, S. 12. Broschur, Klammerheftung, 28 Seiten Umschlagmotiv: Francis Picabia Erste Auflage 2024: 130 Exemplare Preis: 4,00 €

Zwischen Abfluss und Ewigkeit

Max Sessner

Eines Morgens

Wie spät ist es eigentlich sind
die Kriege schon aus oder
beginnen sie erst ich schneide
mir die Fingernägel im
Badezimmer frage mich wie viel

Zeit mir noch bleibt und was
danach kommt möglicherweise
nichts meine abgeschnittenen
Nägel versammeln sich im
Waschbecken was wissen sie

was ich nicht weiß sie
sehen bedeutend aus auf dem
weißen Emaille als ruhten
sie aus und hätten die Wahl
zwischen Abfluss und Ewigkeit

Aus: manuskripte 245/2024, S. 97

Max Sessner, geb. 1959 in Fürth/Bayern, lebt in Augsburg. 2019 erhielt er den österreichischen Rotahorn-Literaturpreis.

Wie es auch ist

Simone Scharbert

OHNE VERORTUNG
DIENSTAG, 17.3.2022

(4) die tauben gibt es;
die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben

(Inger Christensen, alphabet)

aprikosenbäume die gibt es
über vieles lässt sich gerade schwer schreiben
nichts Neues; kaputte Natur

an den Rändern meines Körpers
meines Verstands lose Abbruchkanten
unruhiges Innenwandern
hin und wieder bleibe ich stehen
greife nach einem Geländer einem Halt
blicke ins eigene Dunkel im Jetzt
schweigendes Bildgeröll

Lichtschalter für Körper gibt es wohl nicht

Aus: Simone Scharbert: Wie es auch ist. Fund- & Flutstücke. Lyrik-Edition Rheinland. Düsseldorf: Edition Virgines, 2022. (Literaturbüro NRW), S. 31

Hübsches kleines Biest

Mary Oliver 

(* 10. September 1935 in Maple Heights, Ohio; † 17. Januar 2019 in Hobe Sound, Florida)

Dieses kleine Biest

Dieses hübsche kleine Biest, das Gedicht,
es hat seinen eigenen Kopf.
Mal will ich, dass es nach Äpfeln giert,
es möchte aber rotes Fleisch.
Mal will ich friedlich dahinwandern
an einem Strand,
doch es will alle Kleider ausziehen
und in die Wellen tauchen.

Mal will ich schlichte Worte benutzen
und ihnen Bedeutung geben,
aber es ruft sofort nach dem Wörterbuch,
den Möglichkeiten.

Mal will ich resümieren und Danke sagen,
um Dinge in Ordnung zu bringen,
und es fängt an, im Zimmer umherzutanzen
auf allen vier Pelzbeinen, es lacht
und nennt mich unverschämt.

Doch manchmal, wenn ich an dich denke
und dabei zweifellos lächele,
sitzt es ruhig da, eine Pfote unterm Kinn,
und hört einfach nur zu.

Übersetzt von Jürgen Brôcan, aus: Mary Oliver: Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte. Zürich: Diogenes, 2023, S. 34

That Little Beast

That pretty little beast, the soul,
has a mind of its own.
Sometimes I want it to crave apples
but it wants red meat.
Sometimes I want to walk peacefully
on the shore
and it wants to take off all its clothes
and dive in.

Sometimes I want to use small words
and make them important
and it starts shouting the dictionary,
the opportunities.

Sometimes I want to sum up and give thanks,
putting things in order
and it starts dancing around the room
on its four furry legs, laughing and calling me outrageous.

But sometimes, when I'm thinking about you,
and no doubt smiling,
it sits down quietly, one paw under its chin,
and just listens.

Übersetzungsversuche

Àxel Sanjosé

Drei Übersetzungsversuche einer hesperischen Inschrift

[a]
Hier sterben selbst die Steine,
hier ist keine Bleibe mehr.

[b]
Diese Steine zeigen den Tod an,
sind selber ein Teil davon.

[c]
Gebrochener [Bruchteil aus] Stein/Fels
Leere Menge an Wachstum/Veränderung

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023/24. Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt am Main: Schöffling, 2024, S. 212

Ich witzle und wölze mich

Henri Michaux 

(* 24. Mai 1899 in Namur, Belgien; † 19. Oktober 1984 in Paris)

Übersetzung

Ich witzle und wölze mich
Im Grunde entliste ich mich
Nichts hält stand; ich kann noch so hinblicken
Es erfahlt sich und reiht sich
Clermont meldet sich und Ferrand antwortet
Blöde zufriedene Straßen, das wird noch was
Aber die Neidhammel und idem die Krümmler sollen sich ruhig
isolieren
Laß sie doch schwadrusten, die herben Derben
Ich kehre zurück zum Wasser des Ozeans. Adieu
Ich habe das Plätschockeln der Ozeandampfer gehört, ich gehe
an Bord
Doch, alte Gewohnheit, ich bin dort nicht viel; doch ich habe
in meinen Fingern die Weise von zwölf Matrosenknoten, und
backbord steuerbord mache ich gern mit den Beinen
Bei sehr schlechtem Wetter klammere ich mich an den
großen Kahlen und presse mein Ohr an ihn, da gibt's allerlei
Geräusche; zwischen zwei Böen sehe ich die Düner mit ihren
Klinkerkämmen näherkommen
Und manchmal wird dieses wilde Wasser so still und wie im
Todeskampf, man fühlt sich zutiefst glücklich
Kaum kräuselt es sich mit einigen Falten und Runzeln
Wie das was hält und krulichtet unter dem Auge eines alten Weibs.

Aus dem Französischen von Dieter Hornig, aus: Henri Michaux: Wer ich war. Frühe Schriften. Graz, Wien: Droschl, 2006, S. 138f.

Deshalb schreibe ich

Claudia di Palma

Ich schreibe, um es nicht gehen zu lassen, 
das Vergängliche, um das Ewige zu bewachen,
das oft von allen Dingen
das Schwächste ist. Und es stirbt nicht.
Deshalb schreibe ich:
weil ich vergänglich bin und die Vergänglichkeit
ist das einzige Heilmittel, das ich besitze,
in der Weite deiner Horizonte.
Tag für Tag schreibe ich,
um Medizin zu sein und Hilfe
für zerbrechliche Dinge, wie den Horizont
und die Unsterblichkeit dessen, was ist.

(aus: Altissima miseria, Musicaos Editore, 2016) Aus dem Italienischen von Silvana Cimenti. In: manuskripte. Zeitschrift für Literatur 245/2024, S. 137

CLAUDIA DI PALMA, geb. 1985 in Maglie, lebt und arbeitet in Lecce. Zusammenarbeit mit dem „Astràga-li Teatro“ und dem „Asfalto Teatro“. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Altissima miseria (Musicaos Editore), für den sie zahlreiche Preise erhielt. 2021 erschien Atti di nascita (Minerva Edizio-ni). Ihre Gedichte wurden ins Englische und Spanische übersetzt. Sie ist Mitglied der Redaktion des Literaturblogs „Poets Today“.

Die Dichter in Berlin

Stan Lafleur

(* 16. Februar 1968 in Karlsruhe)

Letzte Worte

das Gefälle zwischen den Generationen ist derart hoch
daß sich mit einer heute Dreihundertjährigen
für mich kaum Gesprächsstoff böte
geschweige denn für sie

wir wüßten Welten und taxierten uns wie Soldaten
der Sprachwandel stünde zwischen uns
Marsroboter, Smartfones, die Psychologie
meine Abschiedsworte

handelten vielleicht davon daß es nur einen Schlag gibt
der noch ergriffener ist von sich selbst
als diese uralte Frau und ich:
die Dichter in Berlin

Aus: Stan Lafleur: Mini Welt. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Michael Serrer und Adrian Kasnitz. Düsseldorf: Edition Virgines, 2017 (Lyrik-Edition Rheinland), S. 32

Frau Sisyphus

Elfriede Gerstl 

(* 16. Juni 1932 in Wien; † 9. April 2009 ebenda)

frau sisyphus

waschecht und flexibel
robust wie ein reibfetzen
konstant
in der permanenz ihrer nützlichkeit
ich lobe die niegelobte
in anerkennung
ihrer aufopfernden blödheit
als abschreckbild
für töchter und enkelinnen

Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 635

Viele Dinge hindern uns Menschen

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))

Bei den weißen Stiefmütterchen

Bei den weißen Stiefmütterchen
Im Park wie ers mir auftrug
Stehe ich unter der Weide
Ungekämmte Alte blattlos
Siehst du sagt sie er kommt nicht

Ach sage ich er hat sich den Fuß gebrochen
Eine Gräte verschluckt, eine Straße
Wurde plötzlich verlegt oder
Er kann seiner Frau nicht entkommen
Viele Dinge hindern uns Menschen

Die Weide wiegt sich und knarrt
Kann auch sein er ist schon tot
Sah blaß aus als er dich untern Mantel küßte
Kann sein Weide kann sein
So wollen wir hoffen er liebt mich nicht mehr

Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 548f

Der Blick ändert sich. Die Zeit bleibt stehen.

Raja Lubinetzki 

Was erhoffst du zu finden? Eine Arbeit, 
die in der Trauer noch grinst, eine fetzige Bockwurst
oder eine Schießbude auf dem Jahrmarkt,
ein neues Kaufhaus, eine verräucherte Pommefritzbude
oder ein Dichterlokal, einen Sack voll Nüsse
oder ein Glas Doppelkorn, eine Steghose,
einen Schlittschuh oder eine Schneeflocke,
die nicht mehr tanzt, ein Zentimetermaß, einen Sohn,
einen Neffen oder einen Opa, die verlorene Zeit,
einen Trunkenbold oder eine Serviette,
einen Fahrplan oder die verlorene Liebe,
einen Weckrufalarmwecker oder den neuesten Stand
eines Graffittis, eine Brigitte, einen Schnellhefter
oder eine elektrische Schreibmaschine, ein Luftbläschen
oder eine Emotion, einen Lehrer oder eine Schule,
eine Ausstellung oder eine den Kaffeesatz auf dem Tisch
verschmierende pinselnde Biene.
Wie ein Tourist denkst du, die weißen Fahnen
flattern schon wie Segel, ein Mova oder eine abgewetzte
Jeans für hundert Mark, einen Marabu oder ein Duschgel,
einen Stammplatz oder eine Wiese, die in der Nähe
noch leuchtet vom glitzernden Tautropfen in der Morgenstille
bewacht, einen Löwen oder einen Held, eine
Seidenraupe oder einen ....
Der Blick ändert sich. Die Zeit bleibt stehen.
Der Juli war am Gehen, der August ist vorbei.

Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Ditzingen: Reclam, 2020, S. 652

Raja Lubinetzki (geb. 1962) absolvierte eine Lehre zur Schriftsetzerin, erlernte die Bildhauerei und war Mitglied der Ostberliner Kunstszene in Prenzlauer Berg. Nachdem sie dort zunehmenden Repressionen ausgesetzt war und kurzzeitig inhaftiert wurde, konnte sie 1987 aus der DDR ausreisen. Auch heute lebt Lubinetzki in Berlin, wo sie bildkünstlerisch und lyrisch tätig ist.

Ebd. S. 738

„Macht man das bei euch so?”

Jonë Zhitia

(* 1996 in München)

„Ist es hier oder dort schöner?”
„Macht man das bei euch so?”
„Macht man das dort so?”
„Du bist zu laut”
„In Deutschland macht man das nicht so.”
„Bei euch ist das vielleicht normal, hier nicht.”
„Das ist schon typisch K—-.”
„Ich weiß auch nicht, aber ich weiß nicht, ob ich das gut fände,
wenn man da die Kulturen vermischt.”
„Ist das schlimm für deinen Vater? Dass du zur Uni gehen
willst?”
„Das wäre mir schon zu anstrengend.”

„Ihr versteht das nicht, ihr seid dort aufgewachsen.”
„Ich glaube, dir fehlt da der Bezug, weil du nicht von hier bist."”

Wieso reduzierst du dich so darauf?

Aus: Jonë Zhitia: Nadryw | Sprache fühlen. Berlin: SUKULTUR, Juni 2023 (Schöner Lesen 207), S. 14

JONË ZHITIA ist 1996 in München geboren. Sie studiert Soziologie an der Universität Leipzig und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. 2020 war sie Mitbegründerin des nachhaltigen und feministischen Onlinemagazins EKOLOGISKA MAG und veröffentlichte unter anderem in den Literaturzeitschriften tuerspion und JENNY. 2022 gewann sie mit „Nadryw | Sprache fühlen“ den Wortmeldungen Förderpreis der Ulrike Crespo Foundation. Neben ihrer literarischen und journalistischen Arbeit ist sie auch als Moderatorin tätig.

Zeit ohne Angst

Zum 100. Geburtstag des Schweizer Lyrikers Walter Gross hier ein Briefwechsel in Gedichten mit Johannes Bobrowski.

Am 16. Dezember 1963 schrieb Gross einen Brief an Bobrowski, dem er fünf Gedichte beilegte, darunter dieses Bobrowski gewidmete und ihn zitierende.

An Bobrowski

Zeit ohne Angst

Der am Tisch mir gegenüber,
dem das Haar in den Nacken wächst,
der sein Brot bricht und schweigend
die Suppe löffelt,
während mir die Ader am Halse schwillt
vom zuviel an Unrecht noch und Not,
er ist's, mein Bruder.

Bleibe ich ruhig,
wenn er sagt: morgen,
es kommt der Tag, die Zeit ohne Angst,
schon ist der Fallwind im Tal,
von den Bäumen fällt die Last,
der Schnee.

Walter Gross - Winterthur/Schweiz

Bobrowski antwortete am 2.1.1964.

Antwort

Über den Zaun
deine Rede:
Von den Bäumen fällt die Last,
der Schnee.

Auch im gestürzten Holunder
das Schwirrlied der Amseln, der Grille
Gräserstimme
kerbt Risse ins Mauerwerk, Schwalbenflug
steil gegen den Regen, Sternbilder
gehn auf dem Himmel,
im Reif.

Die mich einscharren
unter die Wurzeln,
hören:
er redet,
zum Sand,
der ihm den Mund füllt – so wird
reden der Sand, und wird
schreien der Stein, und wird
fliegen das Wasser.

Johannes Bobrowski

Aus: Walter Gross: Antworten. Ausgewählte Briefe von und an Walter Gross. Hrsg. u.m.e. Nachwort versehen von Peter Hamm unter Mitarbeit von Erwin Künzli. Zürich: Limmat, 2005, S. 338f.

Immer wenn

Anton Schlösser

Hallo vom Tage

Immer wenn mir Paul Celan
begegnet stecke ich ihn
in die Tüte von W.C.W.
lege ihn auf den Teller
schlucke ihn der köstlich
auf der Zunge zergeht

Aus: Anton Schlösser: Terrarien des Zufalls. Gedichte. Greifswald: Karl Lappe Verlag, 2017, S. 108

Anton Schlösser ist 1935 in Düsseldorf geboren. Der Metzgerssohn studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik, wechselte dann zur Medizin und promovierte dort, spezialisierte sich auf Psychiatrie und wirkte zuletzt als Leiter der Suchtrehabilitationklinik Langenberg in Velbert im Bergischen Land. 

Herr Niemand Frau Niemand Kind Niemand

Marie Luise Kaschnitz

(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974, heute vor 50 Jahren, in Rom)

Niemand

Wer nirgends ist, ist niemand. Ich
Auf dem soundsovielten Breitengrad
Aber umgeben von nichts als Wasser und Luft
Bin nicht mehr ich.
Mein starkes Schiff Provence
Ist wie jedes ein Fliegender Holländer.
Kommt nur in Booten. Klettert über die Bordwand.
Da trinken Herr Niemand Frau Niemand
Da schlafen Herr Niemand Frau Niemand
Kind Niemand sitzt auf dem Holzpferd
Ich Niemand schreib in den Wind.

Aus: Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. München: dtv, 1995 (2. neu durchgesehene Auflage), S. 251