Sehr glücklich

Zum Geburtstag des türkischen Dichters Nâzım Hikmet ein Gedicht mit einem Kommentar von Peter Gosse. Gosses Essayband, aus dem ich es habe, gibt keine Quellen an und ich habe keine Werkausgabe zur Hand. Deshalb weiß ich nicht mal, wer es übersetzt hat. Es mag heute so stehenbleiben.

Nâzım Hikmet

(* 15. Januar 1902 in Thessaloniki; † 3. Juni 1963 in Moskau) 

Heute haben sie mich das erste Mal 
In die Sonne hinausgelassen.
Ohne mich zu rühren stand ich da.
Danach setzte ich mich mit Ehrfurcht auf die Erde,
meinen Rücken lehnte ich an die Wand.
In diesem Moment dachte ich
weder an das Fallen der Wellen noch an Streit
noch an Freiheit, noch an meine Frau:
Die Erde war, die Sonne war, ich war.

Dies hatte Hikmet vor Jahren geschrieben, bevor er aus der Türkei in die Sowjetunion entkam. Und dort, Ende der 1950er Jahre, stand er da (im von uns, einigen Studenten, gegründeten, alsbald ziemlich namhaften Moskauer „Klub der Enthusiasten“ – Ehrenburg trug, ohne Papier vor sich und gleichwohl beeindruckend druckreif, aus seinen Memoiren vor, Wosnessenski betrat, tatsächlich an der Hand geführt vom wunderbar warmherzigen Michail Swetlow, erstmals eine Bühne, estrada – wie die Russen sagen) – Hikmet also wies auf die Frau, eine üppige Blondine („Das Haar von der Sonnenfarbe des Strohs“, wie er selig-souverän mitteilte) neben ihm auf dem Stuhl – es mochte nun nicht mehr die des obigen Gedichts sein, und er sprach. „Ich bin sehr glücklich auf ihr!“ Auf – war es mangelhafte Russischkenntnis oder, hoffentlich, zarte Kritik an damaliger sowjetischrussischer Prüderie? Der übervolle Saal tat, als hätte er es überhört.

Aus: Peter Gosse, Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten. Essays mit sechs Zeichnungen von Volker Stelzmann. (Edition Ornament Band 12). Bucha bei Jena: quartus-Verlag, 2013, S. 32

Peter Gosse absolvierte 1956 – 62 ein Studium der Hochfrequenztechnik am Institut für Energetik in Moskau.

Lexikon des Essens

Ljubow (Ljuba) Jakymtschuk

Wörter an der Zungenspitze einer Mutter 
sind immer am süßesten und am bittersten
sie lassen sich nicht von Sprache zu Sprache direkt übertragen
sie bedürfen Erklärungen und Anmerkungen.

jedes mütterliche »Bist du nicht hungrig?«
bedeutet »Wie geht es dir?«
manchmal widerspreche ich:
»kau es vor, ja, leg es mir in den Mund, Mama,
schau nach, ob ich schon geschluckt habe!
ist das deine besondere Form von Gewalt?«
»wenn du einmal selbst Kinder hast,
wirst du das verstehen«, antwortet sie.

da will ich sagen, mir wird's nie passieren
ich will das Telefon hinschmeißen und auf beleidigt tun
aber die Muttersprache wird vererbt
und schon spreche ich sie auch

zumindest zu mir selbst
wenn ich den Weihnachtsbaum schmücke
und zwischen den Kugeln Bonbons an die Zweige hänge
Essensreste auf dem Teller
kann ich nicht in den Müll werfen
also schlucke ich sie mit ganzer Kraft hinunter

ich erinnere mich, wie meine Oma uns Kinder bat
den Teller leer zu essen
und so aßen wir für Mama und Papa
für Oma und Opa
für all die Verwandten, die wir
nur aus dem Fotoalbum kannten
bis unsere Teller endgültig leer wurden

immer noch essen wir für die Verwandten
die vor einem Jahrhundert starben
vor einem halben Jahrhundert
und sogar noch letztes Jahr
an Hunger litten

jetzt komme auch ich nach Hause
und frage mein Kind:
»bist du nicht hungrig, Kleine?«
»hast du heute schon gegessen?«
und egal, wie die Antwort ausfällt
überrede ich sie, wenigstens etwas zu essen
um den Beweis ihrer Sättigung zu sehen

in diesem hausgemachten Essen
steckt unsere tausendjährige Geschichte:
aus der Gefangenschaft entlassene Menschen
die beim Anblick eines Apfels weinen
Millionen Verhungerte
mit aufgeblähten Bäuchen
in diesen Gesprächen über das Essen
sehe ich ein Schlachtfeld und jene,
die auf diesem Schlachtfeld gefallen sind
mir ferne und doch so nahe Menschen.

durch das Essen wird die Geschichte von Eltern an Kinder weitergegeben
wir kauen die Geschichte mit Mündern der Kinder
wir kauen sie leise
damit die feindlichen Geheimdienste es nicht hören
aber ich übersetze sie dir:

als man für Dokumente in ukrainischer Sprache erschossen wurde, 1918, 2022,
bekamen wir Dokumente auf Russisch

als man für die Pflege des Ukrainischen des Terrorismus beschuldigt wurde, 1930er- bis 1950er-Jahre,
ersetzten wir es durch die sowjetische Sprache

als man unsere Speisen nationalistische Propaganda nannte, in den 1960er- und 1970er-Jahren,
aßen wir das, was auch alle anderen aßen

entschuldige also, dass du bis heute
diese Überlebensgeschichte schluckst
kein Essen zum Vergnügen, nur um satt zu werden
um derjenige zu sein, was man isst
um so zu sein, wie alle anderen sind
um jemand zu sein, der nicht verhungert
nicht ins Konzentrationslager kommt
nicht in einem feuchten Keller erschossen wird

doch warte, nein, es gab eine Form des Protests:
unsere Großmütter haben zu Ostern
Paska-Brote gebacken
und nannten sie Kuchen
um die Ohren der Spitzel zu täuschen

als Kinder sammelten wir buntes Schokoladenpapier
und Kaugummiverpackungen von »Love is«
als Beweis für den Genuss
am Verzehr von Süßkram

ich schreibe allmählich an unserem Lexikon des Essens
Wort für Wort, Speise für Speise

einige von ihnen handeln vom Tod
aber viele handeln vom Leben
wie jenes Walnussschnitzel
das meine Grußmutter machte
als sie sich in den Neunzigern
kein Fleisch leisten konnte
aber die Nussernte reich war

ich schreibe dieses Lexikon
und ich gebe es dir unbedingt zum Lesen

damit du das erste Kind auf der Welt sein kannst
das aufhört, für alle verstorbenen Verwandten zu essen
und nur noch für sich selbst essen kann

für die Trauer um die Gefallenen
um die Verhungerten
um Gefolterte oder Vergiftete
holen wir uns unsere Worte zurück

und wenn du erwachsen bist
rufe ich dich an und frage dich
egal, wie sehr ich etwas anderes sagen will
dann frage ich dich ganz einfach:
»Wie geht es dir, Liebes?«

Für O.S. und K.M.

Kyiv, 2023

Aus dem Ukrainischen von Stefaniya Ptashnyk, aus: Delfi. Magazin für neue Literatur. #03, Herbst 2024, S. 17-20

Ljuba Jakymtschuk, geboren in Perwomaisk, Oblast Luhansk, Ukraine, ist eine in Kyjiw lebende Dichterin. Ihre Gedichte wurden in über 20 Sprachen übersetzt, ihr Buch »Aprikosen aus dem Donbass« stand auf der Shortlist des Mallarmé-Preises in Frankreich und wurde auf Französisch vertont von Catherine Deneuve. Im Jahr 2022 performte sie ihre Gedichte bei den Grammy Awards.
Stefaniya Ptashnyk, geboren in Lwiw, Ukraine, ist Linguistin, Buchautorin und Übersetzerin für Ukrainisch und Deutsch. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und lehrt deutsche Sprachwissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Wien.

Hinweis: Das Gedicht hat keinen Titel. Der Titel dieses Beitrags ist von mir gewählt und technisch bedingt – Beiträge brauchen eine Überschrift, um aufrufbar zu sein.

Das lyrische Ich

Uwe Kolbe 

(* 17. Oktober 1957 in Ost-Berlin)

Das lyrische Ich

Ein Mann, eine Frau, vor einhundert Jahren,
sie setzten das lyrische Ich in die Welt, ich gebe es
einhundert Jahre später zurück. Bewiesen ist nichts,
nur kenne ich meinen Traum, in dem einer der Gefahr
entrinnt durch den brüllenden trockenen Tunnel.
Das tosende Wasser umhüllt mich und schleudert
ins Licht meinen selbstverständlich jüngeren Körper.
Zu schwimmen ist sinnlos, ich werde emporgerissen
ins offene Licht des Himmels, das ist die Wahrheit.
So wahr mir das Wasser hilft, gelange ich in Helle,
gerettet, aber wen rettet das da, das bin doch ich?
Mein Traum ist es, immer geträumt, wenn plötzlich
Apollo wieder zur Sprachjagd aufruft, und die Musen
loslässt, Kuratorinnen-Pack über den feuchten Klee.
Im Traum bin ich erlöst, der tosende Strudel nimmt
mich auf wie der Malstrom die ganze Welt nähme,
die auf der anderen Seite auch eine andere wäre.

Aus: Park. Zeitschrift für neue Literatur. Heft 75, November 2023, S. 27

Charité

Richard Oehring

(* 16. Juni 1891 in Düsseldorf; † 14. Mai 1940 durch Selbstmord in den Niederlanden nach der Kapitulation der niederländischen Armee)

DE PROFUNDIS: CHARITÉ

Auf unserem Aussatz liegen die Laken wie Schnee
– Kühler Schnee deckt die Verruchten der Charité.
Unser Fieber sinnt immer um das eine:
Wir standen auf in einer Nacht, erfüllt
Von Angst, daß du uns ewig bliebst verhüllt.
– Du warst strahlend über dem toten All.
Das lag wie ein verlassnes Bett zerwühlt...
Wie hab ich tiefer dich als je gefühlt
In meiner Liebe frommem Sündenfall.
Wo bist du? – Straßen hat es mich durchhetzt.
Der böse Nachtwind höhnt: was willst du jetzt?
Aus allen Ecken kriechen Spinnenschrecken
– Geschwollner Leib zerbricht die dürren Beine –
Und weben Netze, die ein Herz umklammern.
In Gossen küssen Säufer Riesenkröten.
Ein Sumpf kommt gnädig; Bettelfrauen jammern,
Die schnell verwandelt höhnisch mich umschwirren
– O Grauen, das ich jede Nacht durchschwimme.
Wer spielt mit meinem Leid? Klang einer Stimme:
Komm mit – und eine Hand zieht mich ins Tor,
Um das die Nacht wirft dunklen Trauerflor:
-------------------------------
Und irgendwo singt es vergessene Lieder.
Im Dunkeln weine ich besinnungslos:
Wie kamst du spät. Ich fühle deinen Mund
– Geliebte! Heiland, mach mich nun gesund –
Und die betrogenen entsetzten Glieder
Erwachen, wissen und vergessen alles.
Höre nie meinen Schrei –

Wach. Die schönen leidseligen Schwestern kommen.
Aus ihren Gewändern wollen uns Blumen sprießen.
Wir möchten immer blicken nach euch Frommen.
Doch wir müssen vor Scham die Augen schließen.
Ihr kennt ja unsere schmerzvollen Phantasien.
Ihr seid lieb – ihr habt uns selig verziehen,
Ihr Mütter, ihr Schwestern, ihr liebebereiten
Fremdlinge auf der Insel der Entweihten.

Aus: Richard Oehring (1891-1940): STRAẞEN FLIEẞEN STEINERN IN DEN TAG. Gedichte, Erzählungen, Aufsätze. Mit einem Nachwort hrsg. von Hartmut Vollmer. (Vergessene Autoren der Moderne XXXVII hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Siegen: Universität/Gesamthochschule, 1988, S. 7

Bert Papenfuß 69

Der zweite Geburtstag nach seinem zu frühen Tod. Weiter mit der Papenfußserie: aus jedem seiner Bücher ein Gedicht. 1993 erschienen die ersten drei Bände einer Werkausgabe in Gerhard Wolfs Januspress. Band 3, harm, war schon 1985 als sein erstes Buch erschienen und nun nur 8 Jahre später Teil einer Werkbilanz. Entstanden sind die Texte dieses Bandes 1977. Ich wähle ein Gedicht aus, das den Titel „richtung zeitgenoessischer dichterdichtung“ trägt. Es ist nicht so sehr eine Kritik des jungen Dichters an der ihn umgebenden Dichtung als eine Darstellung seines und seiner Freunde Platzes darin, denn die aufgezählten „richtungen“ beziehen sich darauf, Begriffe wie „schminktischgedichte“ und „ferdichtungen“ finden sich als eine Art Gattungsbezeichnung seiner eigenen Texte in diesem Band wieder. Der junge Mann weiß, dass er nicht einfach „Gedichte“ schreibt. Das Widmungsgedicht zählt nicht weniger als 8 Textsorten oder Gattungen auf, von denen nur ein kleiner Teil von ihm „gedichte“ genannt wird. Der junge Mann ist selbstbewusst, er kennt die „richtung“ – aber auch Selbstironie ist ihm nicht fremd.

richtung zeitgenoessischer dichterdichtung

fliessbandelegien legen
fahrzeitueberbruekken bauen
kriminalsonette spinnen
schminktischgedichte lidstreichen
rocklyrics produtsieren
unfallmelodramen flennen
rezepterzaehlungen ferschreiben
pornografie fergutachten
ferdichtungen ausklammern

usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich geschrieben haette
usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich nicht die richtung wuesste

wueste

Aus: Bert Papenfuß: harm (Gesammelte Texte 3). Berlin: Januspress, 1993, S. 12

Statemental

Kerstin Hensel 

(* 29. Mai 1961 in Karl-Marx-Stadt, heute wieder Chemnitz)

Statementales Gedicht

In allen Kreisen soll ich kreiseln, doch ich bin
Eiländisch vom Gemüthe her
Ein Kapseltierchen das sich schwer
Öffnen lässt und wenn
Tentakelt es spektakelt es mirakelt es
Als ob's ein Wunder sei
Als ging es um
Die Welt Bin ich
Rundum begrenzt molluskisch hartschalig verklappt
Mit reduziertem Kopf doch mehr
Als Inselwitz den man für Muschelgeld
Apollo spendet
Und die Stunde schlägt
An unsre Ufer wo die Zeit sich wendet.

Aus: Literaturbote 145, September 2024, S. 26

Bilde, Künstler! Isme nicht!

Alfred Richard Meyer alias Munkepunke

(* 4. August 1882 in Schwerin; † 9. Januar 1956 in Lübeck)

Man wird mit Ismen krank gefüttert.
Der Magen ist schon arg erschüttert.
Der Becher-Ismus stinkt zum Himmel.
Der Apfel fällt nicht weit vom Schimmel.
"Hie Baader!" und "Hie Hülsenbeck!"
Der Dadaismus ward längst leck.
Man werfelt, kaisert, bennt und zecht.
Was jenen billig, ist dem recht.
Und publikus grätscht im Spagat
Durch diesen wirren Wortsalat.
Man überschreit sich gell: "O Mensch!"
Ich halt's mit Arno Holz: "Nu wenn sch-"
Schwingt euch hinauf ins Ätherlicht!
Bilde, Künstler! Isme nicht!

Aus: Alfred Richard Meyer (1882 – 1956) Des Herrn Munkepunke Polychromartialisches, antierotischrückendes, philopolemineralogisches, peripathermasthesomet schera aishrepophilais istisches, internationasales, kontramunkepunktiertes GEMISCH-GEMASCH und andere Texte. Mit einem Nachwort hrsg. von Joan Bleicher (Vergessene Autoren der Moderne XIV hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen (2. Auflage) Siegen 1986, S. 20

im anfang war nichts

Raoul Schrott 

(* 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol)

Der letzte mündliche Weltschöpfungsmythos entstand um 1850 und stammt von den Maori. Vermittelt wird er von der gerade schwanger gewordenen Ahellegen Moore, die einen Gang mit ihrem Mann in die Höhlen von Waitomo erzählt, wo Glühwürmchen unterirdische Universen aufleuchten lassen.

im anfang war nichts • te kore • das vollkommene nichts
te kore • das nichts in dem nichts bestand • te whinwhia
te kore • ein nichts • te rawea • in dem nichts geschah

i noho a lo roto • i te aha o te ao
he pouri te ao • he wai katoa • kaore he ao • he marama
he maramatanga

alles erstand aus dem nichts und das nichts mehrte sich aus dem nichts kam kraft • fülle • und lebendiger atem und Io war innen war tief und fern im atem des raums im dunkel des alls • überall war wasser doch nirgendwo glomm ein dämmern auf • weder ein horizont noch licht

(…)

he pouri kau • he wa katoa • a
nana i timata tenei kupu : kia noho kore • noho ia • po
ko po whai ao

alles erstand aus dem nichts und das nichts mehrte sich aus der mehrung kam der gedanke • aus dem gedanken kam die erinnerung • aus der erinnerung das begehren

Aus: Raoul Schrott: Erste Erde. Epos. München: dtv, 2018 (zuvor Hanser 2016), S. 35-37

Träume und Wirklichkeit liegen eng nebeneinander

Franz Hodjak 

(* 27. September 1944 in Hermannstadt, Rumänien)

DEUTLICHE ANZEICHEN

Wenn einem der Sinn danach steht,
so vor sich hinzugehen und
nichts zu suchen, findet man das meiste.
Ich habe nur eine Holzwanne geerbt
und den Segen Gottes, daß er
die Holzwanne mit genug Wasser füllt,
damit ich immer baden kann.
Träume und Wirklichkeit liegen eng
nebeneinander wie in der
Fußgängerzone Nobelboutiquen
und Billigdiscounter. Wohin man sich
auch dreht, immer sieht man
deutliche Anzeichen, daß etwas
mit der Zeit nicht stimmt. Und jeden
Abend ist man zufrieden mit den
Möglichkeiten, die man hatte,
weil man nie weiß, wie viele
Möglichkeiten man wirklich hatte.

Aus: Sinn und Form 1/2025, S. 84

Die heilgen drei König

Johann Wolfgang Goethe

(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)

Epiphanias

Die heilgen drei König' mit ihrem Stern,
Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken und bezahlen nicht gern.

Die heilgen drei König' sind kommen allhier,
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn zu dreien der vierte wär,
So wär ein heilger drei König mehr.

Ich erster bin der weiß und auch der schön,
Bei Tage solltet ihr erst mich sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein.

Ich aber bin der braun und bin der lang,
Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerein,
Da werd ich überall willkommen sein.

Ich endlich bin der schwarz und bin der klein,
Und mag auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedanke mich gern.

Die heilgen drei König' sind wohlgesinnt,
Sie suchen die Mutter und das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.

Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.

Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
Aber keine Ochsen und Esel schaun,
So sind wir nicht am rechten Ort
Und ziehen unseres Weges weiter fort.

Aus: Das große Weihnachtsbuch. Erzählungen und Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Günter Stolzenberger. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2005 (Patmos Verlag GmbH), S. 88f

Dem dunklen Gott

Paula Ludwig 

(* 5. Januar 1900, heute vor 125 Jahren, in Feldkirch, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)

Im Februar 1931 begegnet Paula Ludwig in Berlin ihrer großen Liebe Iwan Goll. Paula vergisst ihren Gefährten, Iwan seine Ehefrau – die beiden bleiben für fast ein Jahrzehnt ein liebendes und miteinander dichtendes Paar.
Im ersten Jahr ihrer Beziehung schreibt Paula Ludwig den Gedichtzyklus «Dem dunklen Gott» (1932).

Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015
Die heimlichen Hüften einer Hindin
regen süß mein Gebüsch auf.

Mit schmalen Augen
lauscht sie seitlich auf meinen Herzschlag.

Mein dunkler Hain macht sie zittern.
Sie will entfliehn.

Aber schon bin ich groß wie ein Wald
ganz ohne Ausweg.

Aus: Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015 (Originalausgabe Dresden: Wolfgang Jess Verlag, 1932)

Schwester Mond

Gestern gab es eine Konjunktion von Mondsichel und Venus – zwischen 16 und 20 Uhr sah ich das himmlische Rendezvous in immer neuen Konstellationen. Da gehe ich noch einmal zu der vietnamesischen Dichterin Ho Xuan-Huong zurück. Scherzen mit Schwester Mond, las ich da, bedeutet bei ihr eine erotische Beziehung. Hier eins ihrer Mondgedichte.

Ho Xuan-Huong

(1772-1822)

Fragen an Schwester Mond

Seit Hunderten von Jahren
wandelst Du schon am Firmament.
Warum bist Du einmal halb
und einmal voll?
Wie alt ist der weiße Hase dort bei Dir?
Und Du selbst, Schwester Mond,
wieviele Kinder gebarst Du schon?
Weshalb schlenderst bei einsamer Nacht
Du um den purpurroten Palast herum?
Warum errötest bei hellem Tag
Du vor der goldenen Sonnenscheibe?
Während der fünf Nachtwachen
strolchst Du vorbei —
auf wen wartest Du?
Oder hast Du
ein intimes Verhältnis
zu den Flüssen und Bergen?

Anm.: Nach der vietnamesischen Mythologie wohnt ein weißer Hase auf dem Mond.

Aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. [Ho Xuan-Huong]. München: Simon & Magiera, 1985, S. 45

Mond und Venus (im dritten Bild kommt noch jemand dazu)

Ein Gedicht in englischer Übersetzung (John Balaban) und gesungen auf Vietnamesisch. https://www.johnbalaban.com/wp-content/uploads/2019/03/hồ-xuân-hương-poem.mp3

Vietnamesische Dichterin der Erotik und der Rechte der Frau vor 200 Jahren

Hồ Xuân Hương (Hán tự: 胡春香; * 1772; † 1822) war eine vietnamesische Dichterin. Sie wurde zum Ende der Späteren Lê-Dynastie geboren, erlebte den Aufstieg und den Fall der Tây Sơn-Dynastie und starb zum Anfang der Nguyễn-Dynastie. Sie schrieb ihre Gedichte in chữ Nôm*, wird oft als die größte Dichterin Vietnams bezeichnet. (…) Die Inhalte und Gedanken ihrer Gedichte waren ebenfalls sehr stark umstritten, dementsprechend auch das Urteil. Dennoch war es unbestritten, dass sie in Form und Kunstfertigkeit einen bis dahin unerreichten Gipfel der vietnamesischen Literatur schuf. Der zeitgenössische vietnamesische Dichter Xuân Diệu bezeichnet sie als „Königin der chữ Nôm-Dichtung“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hồ_Xuân_Hương

*) Das klassische Schriftsystem der vietnamesischen Sprache, bei dem chinesische Schriftzeichen rein phonetisch benutzt werden, um die vietnamesischen Laute wiederzugeben. Es wurde seit dem 15. Jahrhundert benutzt. Im 19. Jahrhundert entstand ein vietnamesisches Alphabet auf Basis des lateinischen – heute können nur wenige Vietnamesen Nom lesen.

Ho Xuan-Huong

(1772-1822)

Loblied auf ein lediges schwangeres Mädchen

Zu weich war ich,
nun finde ich mich in solch heikler Lage.
Schmerzlich ist mein Mißgeschick,
weißt Du es, Geliebter?
Unsere vom Himmel bestimmte Zweisamkeit
hat noch keinen hochragenden Kopf.
Mein Mädchenschicksal,
schon nimmt es horizontale Ausmaße an.
Diese Schuld
trägst Du Geliebter, hundert Jahre lang.
Die Frucht unserer Liebe
trage ich dennoch mit Freuden.
Böser Klatsch und Häme der Welt
lassen mich ungerührt.
Ist es doch gut, ein Kind zu erwarten,
selbst ohne vermählt zu sein.

In Vietnam wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach konfuzianischem Gesetz eine unverheiratete Schwangere als kriminell angesehen und zur Todesstrafe (für Mutter und Kind) verurteilt.

Hier verteidigt die Dichterin offenkundig ledige Mütter und verdammt entschieden die scheinheiligen und barbarischen Gesetze der Männerherrschaft ihrer Zeit.

Gedicht und Kommentar aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. München: Simon & Magiera, 1985, S. 33. (Obwohl der Name der Autorin nicht im Titel der deutschen Ausgabe auftaucht, handelt es sich um eine Auswahl der Gedichte von Ho Xuan-Huong.)

Aus dem Nachwort des Herausgebers:

„In der Sozialgeschichte und Literatur Vietnams nimmt die Dichterin Ho Xuan-Huong (ca. 1772-1822) wahrhaft einen großen revolutionären Rang ein und gilt als eine bahnbrechende Heldin des Volkes im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und der Schwachen, der Armen und Ausgebeuteten in der damaligen Zeit. (…)

Fast alle ihre Gedichte beziehen sich unmittelbar oder in Anspielungen auf das Geschlechtliche, die Körperteile und Organe oder den geschlechtlichen Akt. Alles, was die scheinheilige, dekadent konfuzianistische DAO NHO im damaligen Vietnam unter frömmelndem, moralistischem Deckmantel streng verbarg und als unmoralisch, blasphemisch, königsfeindlich, ordnungsstörend, gesellschaftsschädlich, literarisch unwürdig… bezeichnete, wurde von ihr mit Sorgfalt und Hingabe öffentlich gepriesen und in großer Dichtkunst und mit feinem, hintergründigem Humor besungen. Und all dies zu einer Zeit, in der nur die sog. „Tugendtragende Literatur“ (van tai-dao) erlaubt war, d.h. Preisung der absoluten Königstreue, des blinden Gehorsams, Verherrlichung der Männer und eines naturwidrigen keuschen Witwentums.“

Mit antiautoritärem Mut verfocht Ho Xuan-Huong als erste Frau der gehobenen Gesellschaftsschicht (sie war Nebenfrau eines Distriktchefs) leidenschaftlich freiheitliche Ideen und die Emanzipation der Frauen – noch ehe etwa George Sand (1804-1876) oder Félicien Rops (1833-1898) am europäichen Himmel aufstiegen.“

Kalligraphie mit dem Text dieses Gedichts in der modernen vietnamesischen Schrift

Blätternackt

Das letzte Heft des Jahrgangs 2024 der Sprache im technischen Zeitalter kam spät im Jahr. Vor zwei Monaten wurden Abonnenten gefragt, ob sie das Heft in Zukunft weiter auf Papier oder digital lesen wollen. Was immer das bedeutet. – Aus dem aktuellen Heft hier ein Gedicht von

Uta Gosmann

BLÄTTERNACKT

Wir hüllen uns
in die Blätter
der Bücher, suchen

Hautkontakt.
Je besser
sie passen,

desto enger
schmiegen
wir uns ein,

wickeln uns
in dieses teuerste
Kleid; denn

ohne Worte
prasentiert uns
nichts. Wir sind

für kurze Zeit,
was sie beschreiben,
doch fällt

mit jedem Blättern
die Seite
wie das Kleid,

am späten Abend
abgetragen,
von uns ab,

so dass wir
wieder stehen
blätternackt.

Aus: Sprache im technischen Zeitalter 252, Dezember 2024, S. 394

Neujahr ist, und er nennt es Jahrend

Georg Maurer 

(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn, heute Rumänien; † 4. August 1971 in Potsdam)

TRÜBE STUNDE

Mein Herz verläßt mich, springt mir nicht bei.
Einen Arzt brauch ich. Der könnt mir wohl helfen.

Schuldig ist er und nennt es krank sein.

Lippe liegt auf Lippe wie Zentner auf Zentner.
Wie soll ich leben als Stummer –

Alles hat er zu sagen und nennt es stumm sein.

Die Sonne seh ich nicht und den Mond nicht.
Was soll ich auf der Welt als Blinder –

Er scheut sich zu sehn und nennt es blind sein.

Das Jahr ist zu End, und das End ist nicht gut.
Man soll seinen Tag nicht loben vor dem Abend.

Neujahr ist, und er nennt es Jahrend.

Aus: Georg Maurer, Bäume im Rosental. Gedichte. Herausgegeben von Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 78f. – Das Gedicht stammt aus dem Band Gespräche (geschrieben 1964/65, erschienen 1967).