„Dem Dichter kann sie sein Gedicht nicht rauben“

Alexander Freiherr von Bernus (* 6. Februar 1880 in Aeschach bei Lindau; † 6. März 1965 auf Schloss Donaumünster in Donaumünster) war ein deutscher Schriftsteller und Alchemist bzw. Spagyriker. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Bernus

Isa, 1945

Hat sie uns vieles auch geraubt, die Zeit,
Dem Dichter kann sie sein Gedicht nicht rauben,
Noch dir und mir, woran wir Beide glauben,
Gehn wir nur immer unsern Weg zu zweit.
Es gibt auch Wege in der Dunkelheit,
Und andre müssen sich das Licht verdienen,
Doch unser Weg war ganz von Licht beschienen,
Er kam von weither und er führt noch weit.
Wohin er führt, weiß einzig dein Geleit,
Dein guter Engel – Ihm lass uns vertrauen
Und seinem Licht in dieser Welt voll Grauen
In ihrer tiefen Undurchsichtigkeit.

(© Verlag Hans Carl, Nürnberg, 1962) Quelle: Alexander-von-Bernus-Gesellschaft

Vu nemt men a bisele Glik

Olga Martynova (Ольга Борисовна Мартынова) wurde am 26. Februar 1962 in Sibirien geboren und lebt in Frankfurt am Main. Sie ist eine russisch-deutsche Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Anfang April wird sie in Staufen mit dem Peter-Huchel-Preis für ein herausragendes Gedichtbuch des Jahres 2024 ausgezeichnet. Such nach dem Namen des Windes heißt es. Ich komme erst jetzt dazu, es zu lesen, und wie sollte ich mich nicht gleich in das erste Gedicht verlieben, noch bevor ich den Rest lese?

Vu nemt men a bisele Glik

Weh mir, wo nehm ich
die Suppe,
im Winde die Fahnen dünn,
wehs mir
so oder so,
und der Kapo
im Schatten der Erde.
Die im Winde klirrenden »links«.
Und der Kapo trunken von Küssen:
Vu nemt men a bisele mazl.
Dünn waren die Fahnen.
Wehs mir, vu nehm ich,
wenns Winter ist,
Rosen a bisele,
mazl a bisele,
Schatten, a bisele
Erde, a bisele glik.
Wehs mir, vu nemt men
gelbe Birnen
und wilde Suppe,
a bisele Wasser,
und der Schatten brüllt,
wo nehm ich a bisele
mazl, wenns Winter und Blumen,
und Sonnenschein, wehs mir,
die Mauern stehn
im Schatten der Erde.
A bisele Erde
im Schatten des Gliks.

Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht
mehr. Da stand es und war nur noch sachliche
Aussage: so und so, und der Kapo brüllt »links«,
und die Suppe war dünn, und im Winde klirren
die Fahnen.
JEAN AMÉRY

... подойдет голубь, скажет – гёльдерлин ...
... tritt die Taube hinzu, gurrt – Hölderlin ...
OLEG JURJEW
Übers. von Steffen Popp

Vu nemt men a bisele mazl,
Vu nemt men a bisele glik.
Jiddisches Lied

Aus: Olga Martynova: Such nach dem Namen des Windes. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2024, S. 9f

Was, wenn er immer Täuschung meinte?

Anne Carson

(* 21. Juni 1950 in Toronto) 

Über Parmenides

Wir brüsten uns, wie zivilisiert wir sind. Doch was, wenn alle Dinge völlig anders hießen. Italien zum Beispiel. Ich habe einen Freund namens Andreas, ein Italiener. Er hat in Argentinien und in England gelebt, auch in Costa Rica. Überall, wo er lebt, lädt er Leute zum Abendessen ein. Eine Menge Arbeit. Artischockenpasta. Pfirsiche. Sein sinniges Lächeln vergeht ihm nie. Was, wenn sich herausstellt, dass Italien eigentlich Brzoy heißt – wird Andreas dann weiter wie der ewige Mond mit seinem geliehenen Schein die Welt durchwandern? Ich fürchte, wir haben nicht verstanden, was er sagte, noch seine Gründe. Was, wenn er, wann immer er Städte sagte, Täuschung meinte, zum Beispiel?

Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson: Irdischer Durst. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 40

SHORT TALK ON PARMENIDES

We pride ourselves on being civilized people. Yet what if the names for things were utterly different? Italy, for example. I have a friend named Andreas, an Italian. He has lived in Argentina as well as in England, and also Costa Rica for some time. Everywhere he lives, he invites people over for supper. It is a lot of work. Artichoke pasta. Peaches. His deep smile never fades. What if the proper name for Italy turns out to be Brzoy? – will Andreas continue to travel the world like the wandering moon with her borrowed light? I fear we failed to understand what he was saying or his reasons. What if every time he said cities he meant delusion, for example?

Aus: Short Talks. With a new afterword by the author and a new introduction by Margaret Christakos. London, Ontario: Brick Books, 2015

Erinnerung an Tanger

Ira Cohen 

(3. Februar 1935 in New York City – 25. April 2011 ebd.)

Souvenir de Tanger

für Cynthia Broan

Wie schnell das alles geht
im Cinema RIF
Kaum sind wir angekommen
müssen wir schon wieder heim
So versäumen wir zu finden
wonach wir suchten
Doch wenn sich unsere Herzen öffnen
quellen sie über, platzen
Was ist dieses Geheimnis,
dieses Du & Ich?
Der heiße Wind den sie chergui nennen
wird wehen wenn wir fort sind
wird fegen durch die Stadt
Rosenblätter auf dem Tisch
erinnern mich für immer an dich
»Con su permiso«,
flüsterte die Nacht
Schüttle diese Legenden ab
& entdecke dein wahres Selbst
Am Ende verspreche ich zu schweigen.

Deutsch von Florian Vetsch, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Eine Anthologie. Herausgegeben von Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser, 2019 – In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett. S. 152f

Souvenir de Tanger 

for Cynthia Broan

How fast it all goes
at the Cinema RIF
By the time we get somewhere
we have to go home
What we were looking for
we fail to find
Yet when we open our hearts
they are full to overflowing
What is this mystery,
this You & I?
The hot wind they call the chergui
will come after we are gone,
will blow through the city
Rose petals fallen on the table
will always remind me of you
»Con su permiso,«
whispered the night
Escape from these legends
& discover your true self
In the end I promise to be silent.

als mir die sprache abhanden kam

Maja Haderlap

(* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten) 

als mir die sprache abhanden kam 
vielleicht trank ich gerade kaffee
oder schlug eine zeitung auf.
vielleicht zog ich die vorhänge zu
oder sah auf die straße, als sie
mich verließ, ich dachte noch,
was für ein röcheln
aus der tiefe der wand,
was für ein klirren in diesem raum.
kein fensterglas sprang,
kein sessel fiel um in der küche.
an den straßenschildern erloschen
namen zu buchstabenasche.
über den häusern fuhr der
worttanker davon, massig, lautlos.
meine zunge zuckte wie ein
gestrandeter wal im trockenen mund.
ich floh aus der stadt,
zog mich hinter die grenze zurück.
kein brief kam an und antworten
blieben aus. wo ich
war, klafft eine lücke.
wo ich bin, treibt
mein schatten ins kraut.

Aus: »langer transit«, Gedichte © Wallstein Verlag, Göttingen 2014. Hier entnommen aus: Ostragehege. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Nummer 100 (II/2021), S. 34 – Die Zeitschrift druckt auch eine Lesart dieses Gedichts von Róža Domašcyna.

Aus den briefen an unbekannte

Tillmann Severin

lieber gerhard falkner

du hast mir mal ein käsebrot geschmiert

es hätte eigentlich kuchen geben sollen
aber dein computer war abgestürzt
der mit dem neuen manuskript

darüber hattest du mich vergessen
und den kuchen

dafür gab es brot
eine scheibe frankenlaib
ich habe noch nie so dick butter gegessen
4 mm und darauf noch käse

über münchen haben wir geredet
über deine gedichte
über dein verhältnis zur sprachwissenschaft der hu
darüber, welche kolleginnen du neurotisch findest
kommas am ende deiner gedichtzeilen,
und über deine zusammenarbeit mit der kunst
und über den kongress über dich
„gerhard falkner und die künste"

gerhard, frage ich mich
wie schreibt man ein fettes gedicht

Aus: Tillmann Severin: museum der aussterbenden mittelschicht. Verlagshaus Berlin, 2022, S. 78

mer šprahen

Sibylla Vričić Hausmann 

(geboren am 4. November 1979 in Wolfsburg) 

mer šprahen

mer šprahen
šprahen des hercšlags
šprahen des athems
šprahen der berurung
šprahen der milh
tata-šprahen mama-šprahen
šprahen der veršvisterung
šprahen des kulšranks
šprahen des zing-zangs
šprahen der mušel
šprahen des merbaums
merere šprahen
dem menšlajn

Aus: Manuskripte 239/2023, S. 25

(Im Bedarfsfall lies š wie sch, h wie ch in dach, c wie z, z wie stimmhaftes s)

Richard Brautigan (1935-1984)

Richard Brautigan 

(* 30. Januar 1935, heute vor 90 Jahren, in Tacoma, Washington; † 16. September 1984 in Bolinas, Kalifornien)

Münder, in der heißen Asche Pompejis geküsst

Münder, in der
heißen Asche Pompejis geküsst,
kommen zurück,
und Augen, die nur ihre Geliebte anbeten konnten
in den Feuern von Pompeji,
kommen zurück,
und erstarrte Körper, die sich in Ekstase wanden
in der Lava von Pompeji,
kommen zurück,
und Liebende, die vollkommene Leidenschaft
im Tode Pompejis fanden,
kommen zurück,
und sie schließen wieder die Tür
auf mit den Namen eurer Söhne
und eurer Töchter.

Deutsch von Johannes Beilharz, vor Jahren gefunden auf dem Literaturportal Fixpoetry, das sein Erscheinen eingestellt hat. Der Übersetzer ist dabei, seine Texte auf einer eigenen Seite neu zu veröffentlichen.

Mouths That Kissed in the Hot Ashes of Pompeii

Mouths that kissed
in the hot ashes of Pompeii
     are returning
and eyes that could adore their beloved only
in the fires of Pompeii
     are returning
and locked bodies that squirmed in ecstasy
in the lava of Pompeii
     are returning
and lovers who found their perfect passion
in the death of Pompeii
     are returning,
and they’re letting themselves in
again with the names of your sons
and your daughters.

Aus: Richard Brautigan: Rommel Drives On Deep Into Egypt. New York: Dell Publishing Co., 1970

Copyright © Richard Brautigan 1970. Übersetzung Copyright © 2015 Johannes Beilharz

Kind von Traurigkeit

Konstantin Ames

Raum (kristallert)

Ich bin ein Kind von Traurigkeit.
Vor meinen Augen sah Stirn Welt.
Krone trug ich stets um m Hals.
Gut Freund mit der Betonung früh.
Ich bin ein Kind von Traurigkeit.

Zwischen Rippen volle Leere.
Zwischen Rippen keine Erde.
Eh. Wer s E nicht herzt ...
Er wird keiner Rede, keiner Herde
Erbe, Erfordernis, etc. etc.

Evaluieren Sie diesen Satz der Hexe:
»Du machst alles kaputt!«

Ich bin ein Kind von Traurigkeit.
Indes wissen es selbst Freinde.
Er lebt mehr echt als schlicht.

Aus dem brandneuen Buch von Konstantin Ames: Völklinger Schulderung. Industrial Writing / Romantische Medien. Poem • Essay. Berlin: Noack & Block, 2025, S. 30

Das Gedicht macht mich unsterblich

Ich blätterte ohne besondere Erwartungen im Abschnitt „Volkspoesie“ in der von Adolf Endler und Rainer Kirsch nachgedichteten Sammlung „Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten“ (1971). Da blieb ich an einem Gedicht hängen, das in meinen Ohren so gar nicht nach „Volkspoesie“ klang. In dem Buch gibt es knappe Informationen über die Autoren, aber nicht über diese anonymen Texte. In der Anthologie stehen diese Gedichte zwischen Schota Rustaweli (der zur Zeit des deutschen Minnesangs lebte) und dem König Teïmuras I. (1589-1663). Sollten sie wirklich so alt sein? Um so verwunderlicher wäre die „moderne“ Anmutung dieses Gedichts.

(Oder ob deutsche Dichter des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit auch „modern“ klingen, wenn man sie heute ins Georgische übersetzt?)

Das Gedicht

Also hab ichs ausgesonnen:
Durch dies Lied, ich dichts beizeiten,
Bleib ich leben, wenn ich sterbe,
Im Gedächtnis bei den Leuten.
Singen werdens meine Freunde,
Der Panduri rührts die Saiten,
Alle freun sich, und ich faule
Tief im Sarg, dem längst zu weiten –
Mein Gedicht mit seinen Reimen
Wird sich in der Welt verbreiten,
Meinen Namen werden nennen
Größte Länder, fernste Zeiten,
Wenn längst Blüten treibt mein Lager,
Längst zerfiel mein Haus zu Scheiten,
Und auf meiner Witwe wird wohl
Längst ein andrer munter reiten,
Längst –
So komm ich zu der Frage,
Wer, gilt es mich aufzubahren,
Mich am innigsten betrauert,
Ach, man wird es bald erfahren,
Ach, mein Herz wird recht behalten:
Keiner wird an Tränen sparen,
Aber eine nur, die liebe,
Nur die Mutter weint die wahren.
Alles kommt in Trauerkleidern
Und mein Weib mit offnen Haaren,
Wittib, überreich an Tränen,
Ihre Küsse, auch nicht raren,
Trösten bald schon einen andern,
Nicht in Monden, nicht in Jahren,
In drei Wochen; unvergessen
Bleib ich nur dem wunderbaren
Herzen meiner lieben Mutter.
Oft wird sie im Schlaf hochfahren,
Mich als Kind im Arme wähnen,
Denk ich wie von Foltermalen
Ihr Gesicht verheert von Tränen,
Wein auch ich.
O Qual der Qualen!

Nachgedichtet von Adolf Endler, aus: Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten, Berlin: Volk und Welt, 1971 – 2. Auflage 1974, S. 75f. (Den Nachdichtungen liegen Interlinearübersetzungen aus dem Georgischen von Nelly Amaschukeli zugrunde.)

Kultur

Gern präsentiere ich einen Text von Konstantin Ames als Nachtrag zum 90. Geburtstag von Renate Rasp (*3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München) 

„Er ist fünfundvierzig.“ Seelisches Schreiben von Renate Rasp zu ihrem 90.

Die Diktion hier könnte so oder so ähnlich auch im ÖPNV zu hören sein. Wer gewohnt ist, solche sozialen Nahbegegnungen konsequent zu meiden, sollte sich eines besseren besinnen.

Leute, die mit dem Kopf schreiben, zu bewundern, ist gar nicht schwer. All die Akrobatik. Die Nasenlöcher, die ihre Kegels und Rümpfbeugen gemacht haben müssen. Die damit Fliegenklatschen schwingen wie andere Baseballschläger. Ich schreibe, für einige unbegreiflich, mit den Händen, die sind also immer wach. Das gilt nun nicht viel. Es galt aber einmal halb so wenig. Als ich 2004 von der Ostsee bei Greifswald weg musste, landete ich in Leipzig. Leipzig hat viele Nachteile, von denen nicht wenige die gleichen Namen tragen wie einige blasierte Autorinnen und -toren; Leipzig hatte aber auch Antiquariate. Dort fiel mir, auf der Suche nach wirklich unpraktischen Existenzzulagen, ein Gedichtband der mir damals noch unbekannten – weil in Vergessenheit geratenen – Renate Rasp († 2015) in die Hände, Titel: „Eine Rennstrecke“. Darin findet sich auf Seite 17 ein Poem mit dem spröden Titel „Kultur“. Damals konnte ich Enzensbergers „Die Scheiße“ noch auswendig, so war die Eröffnung von „Kultur“ („Bevor er/ zum Scheißen geht“) kein Hindernis; überhaupt nicht primitiv oder reaktiv oder was ein zartes Seelchen sonst ankotzen könnte. Meist brauchz zur benevolenten Lektüre ja eh bloß ein wenig Bildung mehr als zunächst gedacht. Die für sich natürlich auch wieder nicht reicht; nicht einmal die vielbeschworene beschissene Kindheit tuz da, es braucht auch das Sensorium (Talent) für diese eine verstörende existenzielle Erfahrung, komplett infrage zu stehen, aus den Angeln gehoben zu werden. Sonst verkackt es sich allzu leicht. Beim Leben. Beim Lesen. Beim Ausdünsten. Beim Kunsten. Man kann dann trotzdem eine Zeitlang interessant, und auch mal eine Saison im Fokus, sogar Teil oder Anbau der Fokusgruppe sein, bleibt dabei aber ein privilegienblinder Dutzendmensch und auchn bisschen ein dröger Antiquitätenfuzzi. Wer nicht verkappt ehrgeizig und akademiegängig drauf ist, fängt sich schnell eine Fliegenklatsche, weil er eine „Ättitjud“ hat. Man nennt ihn – liberal-sozialistisch wie man nun einmal ist – „Nerd“, „Ästhetizist“ oder „Kleinunternehmer“. (…) Irgendwas muss schließlich hängen bleiben. Gilt es doch, eine mindestens gefühlte, wenn schon nicht ausgesprochene, Leitkultur zu verteidigen. Und jetzt endlich Text!

Kultur

Bevor er
zum Scheißen geht
stellt er das Radio
auf eine bestimmte Lautstärke
oder legt Bob Dylan auf.
Aber ich höre ihn trotzdem
sehe wie es sich
dunkelbraun
aus seinem Arsch
herausdrückt.
Ich sehe es liegen
in dem weißen Becken
von der Brille ein-
gerahmt und mir fallen
viele Dinge ein die
so ähnlich sind.
Er ist fünfundvierzig.
Im Schmetterlingsstil
schwimmt er durch seinen
eigenen Mist von klein auf.
Das ganze Zimmer ist voll.
Um die Platte abzustellen
müßte er
tauchen können.

Ich werde den Teufel tun, über meine eigenen Meeresgrund-Erfahrungen zu berichten. Aber einige dieser Erfahrungen – weil man sie selbst so oder so ähnlich hatte, erkennt man sie – finden sich im Buch der abartigen Weisheiten, das Renate Rasp mit ihrem Fimmel für Homewrecking, Schaftstiefel, Splatter in ein programmatisch überforderndes Buch gepackt hat, dem der Titel „Eine Rennstrecke“ nicht recht ansteht. Das hat womöglich aber der Verlag versaubeutelt. Das titelgebende Gedicht im Buch ist gleichsam der einzige Streichkandidat, erkennbar an einem Schlusssatz wie diesem: „Jeder soll selbst sehn!“ Jenau. Rasps Gedichtdebüt versammelt aber auch einige drastische und zugleich emotional absolut sichere Gedichte: „Jack the Ripper“ (S. 12), „Rest“ (S. 54), „Bildnis“ (S. 60), zugleich das Schlussgedicht. Und eben „Kultur“. Gibt Gerüchte, dass es sich bei diesem Epigramm um eine übelriechende Note an einen seinerzeit umstrittenen Literaturmoderator handelt. Der so denkbar abschätzig Angeredete muss Jahrgang 1933 oder 1934 sein, zieht man vom Erscheinungsjahr (1969) das genannte Alter („fünfundvierzig“) ab; der Herstellungsprozess des Buches will bedacht sein; Erscheinungsjahr heißt nicht Entstehungsjahr. Nun, ich gebe nichts weiter auf den Gossip, sondern beziehe den galligen Spott – weil ich unmöglich gemeint sein kann – noch einmal, so wie in den 2000er Jahren, probeweise auf mich, der gerade selbst beschissene 45 Jahre alt ist. Hm. Aha. Ich mag immer noch, und mehr denn je, Texte, die mich – aber bitte nicht unter Niveau – angehen. Das sind Texte, die mir maximale Ironiefähigkeit zugestehen, die nicht mein Einverständnis wollen, sondern mich zu einer Positionsbestimmung anhalten. Pathos lässt sich nicht konstellieren; und nur falsches Pathos lässt sich zerdeppern. Seelischem Schreiben, im Gegensatz zum Interessantismus des Kreativen bzw. Professionellen bzw. Literarischen und dann Preistragenden Schreibens, kann kein noch so umtriebiger Zehnminuten-Poetiker etwas anhaben … „Kultur“ von Renate Rasp, 1979 vom bundesrepublikanischen Feuilletonrudel (m) gerufmordet, ist Seelisches Schreiben. Sie hätte im Jahr 2011 ein Comeback feiern können. Aber es hätten wohl nicht Männer, die sie hasste, sein dürfen, die ihr die Tür zur Betriebshalle aufhalten. Auch und gerade zur mangelnden Solidarität unter Frauen hat die Rasp sehr deutliche Worte gefunden. Aus guten Gründen. Im Gespräch mit einer Kollegin, die nur um ein weniges jünger ist als die 1935 in Berlin geborene Renate Rasp, habe ich über deren Werk und Haltung ein Maß an Missgunst, Ablehnung und Nicht-Verstehen-Wollen erfahren, das traurig stimmte. Ich empfand die Rasp zwar als äußerst barsch im Umgang, halte aber dafür, dass Frauen auf schlechtes Benehmen gleiche Rechte haben wie Männer. Im persönlichen Umgang anstrengend sein dürfen, ohne dafür als Künstlerin (hier wie immer: w/d/m) verurteilt zu werden, das erwarte ich von einer Kollegenschaft, sofern professionell. Die Trennung von Werk und Künstler aufzugeben, braucht es schon sehr gute Gründe und Anhaltspunkte: Verrat, Narzissmus und andere allgemeine Menschenfeindlichkeit, Kapitalverbrechen.

Gegenprobe: Als eine hochgeschätzte Kollegin mir recht öffentlich ein Gedicht von Rasp um die Ohren haute, war das vitalisierend. Gruppierte, in diesem Fall die AG Trauma a.k.a. Gruppe 47, fühlten sich von Rasps Schreibart ›an die Wand geschrieben‹. So zu lesen im weitgehend überarbeitungswürdigen Biogramm (KLG). Warum denn nicht gleich an die Wand gestellt? Dabei ergehen von diesen Texten doch bloß Herausforderungen zum Duell. Die Duellsituation ist aber auch so eine Erfahrung, die vielen urbanen Großschnäuzchen komplett abgeht. Lieber  f ü h l t  man sich gemeint, und ist tödlich beleidigt; ganz schön bürgerkinddichterlich. Puh. Schnell und abschließend ein Wort zur Auswahl: Ich hätte auch einen der drei o.g. Texte auswählen können, aber „Kultur“ passt auf die bange Stimmung angesichts der neowilhelminischen Zuständen im heutigen Gerne-Aber-Nicht-Mehr-Lange-Groß-Berlin wie Arsch auf Eimer. Jetzt haben wir die Cultur, kompetitiv wie eh und je, aber dafür stilvoll und gefühlsecht wie Oktopussalat.

Vorsatzgestaltung aus dem zitierten Band: Renate Rasp, Eine Rennstrecke. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln / Berlin 1969.

Das wahre Wesen Japans

Heute zeigt der Kalender gleich mehrere runde Gedenktage. Heute vor 750 Jahren, 1275, starb der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, und noch 75 Jahre früher, heute vor 825 Jahren, 1200, wurde Dōgen geboren, der ein japanischer Zen-Meister und Dichter wurde. Hinzu kommen noch zwei Dichter aus verschiedenen Weltgegenden, die am selben Tag heute vor 300 Jahren gestorben sind. Johann Christoph(er) Jauch, deutscher Theologe und Dichter, der wohl wichtigste Textdichter Johann Sebastian Bachs (der Name Jauch trügt nicht, von einem seiner Brüder stammt der Fernsehhost Günter Jauch ab), und Sulchan-Saba Orbeliani, georgischer Mönch, Politiker und Dichter. Ich entscheide mich für den ältesten dieser vier Dichter, Dōgen.

Der japanische Autor Yasunari Kawabata stellte eins seiner Gedichte zusammen mit einigen anderen an den Anfang seiner Nobelpreisrede im Jahr 1968 in Stockholm. Daraus diese Ausschnitte. Am Schluss eine andere Übersetzung des ersten Gedichts mit dem Original.

„Im Frühling Kirschblüten, im Sommer der Kuckuck.
Im Herbst der Mond und im Winter der Schnee, klar, kalt.“

„Der Wintermond kommt aus den Wolken, um mir Gesellschaft zu leisten.
Der Wind ist durchdringend, der Schnee ist kalt.“

Das erste dieser Gedichte stammt vom Priester Dogen (1200-1253) und trägt den Titel „Angeborener Geist“. Das zweite ist vom Priester Myoe (1173-1232). Wenn ich nach Beispielen für Kalligraphie gefragt werde, wähle ich oft diese Gedichte.

Das zweite Gedicht enthält eine ungewöhnlich detaillierte Beschreibung seiner Ursprünge, die eine Erklärung seiner eigentlichen Bedeutung darstellt: „In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224 war der Mond hinter Wolken. Ich saß in der Kakyu-Halle in Zen-Meditation. Als die Stunde der Mitternachtswache kam, beendete ich die Meditation und stieg von der Halle auf dem Gipfel in die unteren Viertel hinab, und als ich das tat, kam der Mond aus den Wolken und ließ den Schnee glühen. Der Mond war mein Begleiter, und nicht einmal das Wolfsgeheul im Tal machte mir Angst. Als ich bald darauf wieder aus den unteren Vierteln herauskam, war der Mond wieder hinter Wolken. Als die Glocke die Nachtwache signalisierte, machte ich mich noch einmal auf den Weg zum Gipfel, und der Mond sah mich auf dem Weg. Ich betrat die Meditationshalle, und der Mond, der die Wolken jagte, war im Begriff, hinter dem Gipfel dahinter zu versinken, und es schien mir, als würde er mir heimlich Gesellschaft leisten.“

(…) Hier ist die Szene für ein weiteres Gedicht, nachdem Myoe den Rest der Nacht in der Meditationshalle verbracht hatte oder vielleicht vor Tagesanbruch noch einmal dorthin gegangen war:

„Als ich meine Augen von meinen Meditationen öffnete, sah ich den Mond in der Morgendämmerung das Fenster erhellen. An einem dunklen Ort fühlte ich mich, als ob mein eigenes Herz in einem Licht erglühte, das das des Mondes zu sein schien:

‚Mein Herz leuchtet, eine reine Lichtfläche;
Und ohne Zweifel wird der Mond das Licht für sein eigenes halten.‘“

Wegen einer so spontanen und unschuldigen Aneinanderreihung bloßer Ausrufe wie der folgenden wurde Myoe der Dichter des Mondes genannt:

„Hell, hell und hell, hell, hell und hell, hell.
Hell und hell, hell und hell, hell, heller Mond.“

(…) Man kann, wenn man will, in Dogens Gedicht die Schönheit der vier Jahreszeiten nur als eine konventionelle, gewöhnliche, mittelmäßige Aneinanderreihung repräsentativer Bilder der vier Jahreszeiten in einer höchst ungeschickten Form sehen. Man kann es als ein Gedicht sehen, das eigentlich gar kein Gedicht ist. Und doch ist das Sterbegedicht des Priesters Ryokan (1758-1831) sehr ähnlich:

„Was soll mein Vermächtnis sein? Die Blüten des Frühlings,
Der Kuckuck in den Hügeln, die Blätter des Herbstes.“

In diesem Gedicht, wie auch in dem von Dogen, werden die alltäglichsten Figuren und Worte ohne Zögern aneinandergereiht – – – nein, eher mit besonderer Wirkung – – – und so vermitteln sie das wahre Wesen Japans.

Quelle: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/1968/kawabata/lecture/

Im Frühling Kirschblüten 
im Sommer der Ruf des Kuckucks
im Herbst der Vollmond
im Winter kalter Glanz des Schnees:
erquickende Reinheit!
Haru wa hana / natsu hototogisu / aki wa tsuki / 
fuyu yuki saete / suzushikarikeri

Vorspann: Honrai menmoku – ›ursprüngliches Gesicht, ursprünglicher Anblick‹.

Gehört zu einer Reihe von Waka, die im Auftrag des Machthabers Hojo Tokiyori, entstand, als Dōgen 1247 in der Stellung eines geistlichen Präzeptors in Kamakura weilte. Der Vorspann deutet an, dass die klassischen Jahreszeiten-Motive hier als Metaphern auf etwas über die Erscheinungen Hinausgehendes, Wesenhaftes im Sinne des Zen-Buddhismus hinweisen sollen. 

Aus: Gäbe es keine Kirschblüten… Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2009, S. 94f

Paul Pörtner 100 (Neue Musik und Neue Poesie)

Man kennt Paul Pörtner vor allem von seinem Einsatz für das Wiederentdecken expressionistischer Literatur nach dem letzten Krieg sowie von einigen Übersetzungen. Er hat auch Gedichtbände veröffentlicht, die vergessen wären, wenn nicht – die Musik eingesprungen wäre. Der Komponist Bernd Alois Zimmermann (1918–1970) veröffentlichte 1961 „Présence, ballet blanc für Klaviertrio und stummen Darsteller“, das auf Texte von Cervantes, James Joyce, Alfred Jarry und Paul Pörtner rekurriert:

Bei der Komposition von Présence handelte es sich ursprünglich um den Auftrag für ein Klaviertrio, der vom Hessischen Rundfunk und Hans-Wilhelm Kulenkampff ausging. Doch schon bald verwandelte und erweiterte Zimmermann das im Entstehen begriffene Werk in ein die Grenzen der Gattung sprengendes Stück, dem er eine szenische Dimension einkomponierte. Er verband die Musik mit im Einzelnen analytisch kaum zu entschlüsselnden szenischen und literarischen Verweisen, um ein abstraktes Ballett zu ermöglichen – ein musikalisch-choreographisches Spiel, das die Phantasie anregt. (Zugleich durchbricht er die traditionelle Vorstellung des homogenen, in sich geschlossenen Werks.)

In dieses Werk (das seither regelmäßig aufgeführt wird) hinein rettet der Komponist die vergessenen Verse von Paul Pörtner. Zum 100. Geburtstag, der heute in Wuppertal mit einem Kolloquium gefeiert wird (bei dem auch die Lyrikerin Mara Genschel auftritt), bringe ich hier eine weitere kurze Passage über Zimmermanns Komposition und darunter die dort verwendeten Kurzgedichte von Pörtner. In der Pdf (Quellenangabe unten) gibt es mehr Informationen und auch zwei Seiten aus den Noten. In dem eingebetteten Video einer Aufführung in Reykjavík kann man die Noten mitlesen, darin sind auch die Texte notiert (die Sprungmarken unter dem Video führen direkt zu den Szenenanfängen mit Pörtners Text). Neue Musik und Neue Poesie.

Bei den literarischen Motti, die Zimmermann den fünf Szenen voranstellte, handelt es sich um Kurzgedichte von Paul Pörtner aus dem Lyrikband »Schattensteine« (1958). Pörtner, der aus Wuppertal stammte, war nicht nur Übersetzer der Stücke von Alfred Jarry, sondern auch Autor und Theoretiker des experimentellen Theaters.

»Die Wortembleme, Wortsteine: vage Wegweiser in einem Eisfeld – wer vermag zu entscheiden, ob sie nicht ›verstellt‹ sind? – sind die ›Dekoration‹ der imaginären Szene. Paul Pörtner gibt damit Zeichen, welche ihren Kontrapunkt in den Bildtafeln der einzelnen Szenen finden, die der speaker – der stumme ›speaker‹ – vorstellt.« (Zimmermann 1961)

Paul Pörtner 

(* 25. Januar 1925 in Elberfeld; † 16. November 1984 in München)

wir jagen das wild 
das uns opfert.

die stählernen engel der dinge
holen uns ein.

Alle Wahr-
vögel nisten
in einem
einzigen Baum.

Flutende Lippen
umwogen den Grund ...
unentblätterter Schlaf,
atemloses Versprechen ...
Insel der schwebenden Vögel.

Im unaufhörlichen
tamtam
deiner haare
dreht sich der sarg
der umkehrenden
träume.

Programmheft einer Aufführung bei der Yun-Gesellschaft

Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) Présence – Ballet blanc en cinq scènes pour Don Quichote, Molly Bloom et Ubu-Roi (1961) 00:25 1ière scene, introduction et pas d’action (Don Quichote) 04:12 2ième scène, pas de deux (Don Quichote et Ubu) 07:30 3ième scène, Solo (pas d’Ubu) 18:27 4ième scène, pas de deux (Molly Bloom et Don Quichote) 23:34 5ième scène, pas d’action et finale (Molly Bloom) Ísak Ríkharðsson – violin Hyazintha Andrej – violoncello Stefan Kägi – piano Páll Sveinn Guðmundsson – audio performed live on Dark Music Days – 28.01.2023 in Kaldalón, Harpa, Reykjavík, Iceland

Frederike Frei 80

Wir gratulieren der Lyrikerin Frederike Frei zum 80. Geburtstag!

Das ausgewählte Gedicht stand in der Zeitschrift Am Erker, # 42. Münster, Dezember 2001.

Frederike Frei

(* 24. Januar 1945 in Brandenburg/Havel) 

WO WOHNEN DIE WÖRTER

Wo wohnen die Wörter im
Schlaf in der Stille des
Sturms im ruhig Blut im
unwirschen un in der
Einsilbe Nein, im Nachhall
des Ja, immer im Nimmer, im
Zimmergrau, im Immerblau
im im im Hollerbeersekt.
Warum nicht? Es ist ein
ganz altes Rezept.

Eins im Sinn, alle anderen
immer auf Achse diese
Tippelbrüder. Im Wohnwagen
wagen sie zu wohnen, am
Ende der Welt, am Anfang
der Sätze. Sie drängeln
sich im Off, um gleich
an die Reihe zu kommen,
um einzuziehn schön in
Geschichten, Gedichte,

am liebsten in Märchen
oder sammeln sie sich
als Läuse im Pelz von
Allerleirauh, sitzen auf
toten Frauenlippen im Keller
des Blaubarts hinter der
dreizehnten Tür im tiefen
Teich beim Eisenhans, in
der Löwenhöhle des
Schweigens. Ja, da.

Rufe zur Nacht

Jesse Thoor 

(* 23. Januar 1905, heute vor 120 Jahren, als Peter Karl Höfler in Berlin; † 15. August 1952 in Lienz/Osttirol)

Rufe zur Nacht

Ich, der Dichter Jesse Thoor –
dem Zünglein, Zeh und Ohr
und die Seele fror!

Wenn der März alle Bäche taut,
singe ich wieder laut!
Du meine hohe Braut!

Singe ich dein Herz gesund!
Du meines Sterbens Grund!
Küsse ich deinen Mund!

Aus: Jesse Thoor: Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Hamm. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl., 1. 1975), S. 66