Dunstvergötterte Silberschrift

Anne Duden 

(* 1. Januar 1942 in Oldenburg)

KAMMERHERZ

Herzaufgänge
als stünde die Welt
nur einmal im Laub
pro Leben.
Dunstvergötterte
Silberschrift
englisch
über alle Anzeichen
hinweggeschmiegt
grasige Weite.
Mitten im Totschlag
betritt Geißblatt das Haus
säugt die Zimmer
flurwärts
Schädel und Nebenhöhlen
ankert in der Schwebe
ausrißbereit.

Mundgewölbe und Ohrmuschel
geborsten
zerschallt
von Pennergebissen.
Hinter Vorhängen
jetzt noch das Kammerherz.
Genickfänger
fest im Griff.

Auf der Suche nach Schmauchspuren
und immer fündig
säumen
Faustpfandleiher
Lager und Betten
überwachen die Praktiken
schneiden
klar umrissen
das Wort ab
jedem
der nicht
außerdem
zusticht und köpft
oder genauso gut
erdrosselt und abwürgt.

Es hütet noch gerade
das Haus
Verstummung
am Rand.

Aus: Anne Duden: Herzgegend. Gedichte. Lüneburg: Zu Klampen!, 2001 (Lyrik Edition), S. 7f

das hatte ich nie glauben wollen wie so vieles nicht

Evelyn Schlag

SCHWARZE TRÄNEN

Auf einem wilden Kletterpfad lief
eine Frau quer über Panzerteile
ihr Gesicht war durchgestrichen

kann sein sie lebte gar nicht mehr
nur laufen war geblieben – das hatte
ich nie glauben wollen wie so vieles

nicht: achtgeben daß man sich
nichts eintritt gestern hatte ich das
Pech und stieg auf eine blaue Nuß

ich wollte schnell über einen Berg
von Abfall und fing an zu galoppieren
etwas sang in meinen Ohren – keine

Sprache Befehle keine Ausrufzeichen
es war fast wie zu Ostern damals als
ich neu war und allen Namen nachlief

der Rost steigt in die Nase ist nicht
zu vermeiden bei so viel Schrott
ich kannte das nicht – hatte immer

einen guten Platz mit zweimal Essen
ich möchte wissen wo die jetzt alle
sind – aufgelöst in Wetter? ich heule

schwarze Töne schwarze Tränen –
kommt her!

Aus: Sinn und Form 3/2025, S. 340

Evelyn Schlag, geb. 1952 in Waidhofen/Ybbs (Niederösterreich), wo sie auch lebt.

Docupoetry

Yan Jun

(*1973 Lanzhou, China, Dichter, Musiker, Kritiker und Betreiber des Independent-Labels KwanYin)

5. JUNI

I

wenn es keine worte gibt
wie soll ich dann dieses jahr das massaker beginnen

unter der brutheißen klimaanlage sitzen einhundert studenten
in einem zug, der beijing verlässt

II

wenn ich die bücher anderer leute umschreibe
fliegen kleine schwarze dinge von ihren seiten auf

sämtliche mücken in shenzhen haben denselben nachnamen

eine bibliothek des blutverlusts:
viel glück für euren flug und tod

(2011, shenzhen)

Aus dem Chinesischen von Lea Schneider, aus: Uljana Wolf, Günter Blamberger und Michaela Predeick (Hrsg.), poetica7. Sounding Archives – Poesie zwischen Experiment und Dokument. Tübingen: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2022, S. 97

Ein gedrucktes Dokument mit chinesischem Text, das lyrische Auszüge und Daten enthält, sowie einen kurzen Titel und datierte Informationen. Es zeigt eine poetische Reflexion über Themen wie Erinnerung und Verlust.

Dokumentarische Lyrik muss ihre Themen nicht erfinden, sie findet sie vor. Sie ist Counter-History, schafft Gegen-Wissen in ihren offenen Archiven. Ein Gegen-Wissen, das wie das Wissen der Wissenschaften ein Wissen im Werden ist und vorläufig bleibt, korrigierbar, amplifizierbar, dezentralisiert.

Günter Blamberger, Über Docupoetry, a.a.O. S. 142

Himmel oder Hölle?

Die soeben erschienene Ausgabe 3/2025 der Zeitschrift Sinn und Form bringt „Nachdichtungen hebräischer Gedichte“ von Jan Wagner (erst in den Anmerkungen am Schluss der Ausgabe erfährt man genauer, dass die Gedichte aus dem Englischen des zweisprachigen Penguin Book of Hebrew Verse nachgedichtet sind).

Daraus eins von zwei Gedichten des Dichters Immanuel von Rom (um 1261-um 1335). Der italienische Dichter schrieb Hebräisch und Italienisch und wurde stark von Dante beeinflusst.

Immanuel ben Schlomo ha-Romi, italienisch Manouello Romano oder Manoello Giudeo (geboren um 1261 in Rom; gestorben um 1335), war ein italienischer Schriftsteller. Er gilt als der bekannteste Dichter in hebräischer Sprache aus Italien.

https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_ha-Romi
PARADIES UND HÖLLE

Mein Herz hat sich entschieden: Keinen Hektar
Vom Paradies und alle meine Gunst
Der Hölle: Dort tropft Honig, dort sind Nektar
Und zarte Ricken, Damen in der Brunst.

Was gibt's im Paradies? Wohl kaum Affären,
Nur Frauen, schwärzer noch als Pech und Ruß,
Nur Greisinnen, von denen Flechten zehren.
Dem Geist bleibt, so umringt, nichts als Verdruß.

Was, Paradies, du bietest? Ein Habtacht
Von Stummelweibern, Gaunern, Hungerleidern.
Bedenk ich's recht, so scheinst du nichts zu taugen.

Nichts übertrifft denn, Hölle, deine Pracht,
Dein sind die Mädchen in den Seidenkleidern.
Nur du führst alle Wonnen uns vor Auge

Aus dem Englischen von Jan Wagner, aus: Sinn und Form 3/2025, S. 387.

(Die hebräische Fassung liefere ich im Lauf des Tages nach).

Aus: The Penguin Book of Hebrew Verse. Edited and translated by T. Carmi. Harmondsworth: Penguin, 1981, S. 421f

Antiidyll

Tytus Czyżewski 

(* 28. Dezember 1880 in Przyszowa in Galizien; † 5. Mai 1945 in Krakau) war ein polnischer Maler, Dichter und Kunstkritiker. Er war einer der Begründer der Polnischen Formisten. https://de.wikipedia.org/wiki/Tytus_Czyżewski

Stadt am Herbstabend 
antiidyll

zieh an die warme hose
es falln die thermograde
aus kneipen dringt getose
die mißklangserenade
die kirchenglocken bimmeln
und jemand holt sich beulen
im trog aus nebelhimmeln
dem hund vergeht das heulen
die sonne möchte gähnen
und rauch umhüllt die heime
zur frühschicht krähn die hähne
vom friedhof tropfen reime
im auto flitzt die dirne
die straßenbahnen schleichen
gepudertes gewürme
pantoffeln blasser leichen
die erde dampft libido
und alte möbel rossen
re mi fa sol la si do
die weißen leitersprossen
es plärrt aus kindergärten
und wolken ziehen neben
dem abendrotverklärten
dem fetzenrest vom leben

Deutsch von Karl Dedecius, aus: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991, S. 173

Ein expressionistisches Gemälde, das eine stehende nackte Frau und eine graue Katze zeigt, umgeben von bunten, abstrakten Formen und Linien.
Tytus Czyżewski: Akt mit Katze (1920) (Gemeinfrei, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tytus_Czyżewski#/media/Datei:Tytus_Czyżewski_-_Akt_z_kotem.jpg)
Miasto w jesienny wieczór

(niesielanka):

wdziej ciepłe astrachany
termometr wciąż opada
od knajpy śpiew pijany
dysonans serenada
w kościele dzwonią dzwony
ktoś kogoś kopnął nogą
w kanale z mgieł opony
i psy już wyć nie mogą
ni słońce się nie śmieje
nad miastem płyną dymy
kogut na zmianę pieje
z cmentarza kapią rymy
mknie autem nierządnica
tramwaj w aleje znika
wyblanszowane lica
pantofle nieboszczyka
czuć zapach świeżej ziemi
i trzepią stare meble
fa so la si do re mi
drabiny białe szczeble
w ochronce płaczą dzieci
i chmury mkną powoli
purpura zorzy świeci
łachmanom ludzkiej doli

Aus: Ebd. S. 172

O. T.

Im Dezember 2017 erschien in der Reihe roughbooks ein Buch ohne Verfassernamen, ohne Titel und Herausgeber. Im Impressum steht lediglich:

Dieses Buch trägt diesen Titel. Herausgegeben von sich selbst. roughbook 044. Wuppertal, Berlin, Schupfart, Dezember 2017. ISBN 978-3-906050-39-3. © bei sich selbst 2017.

Hier eins dieser Nowhere-Nongedichte.

Als es klein war, wollte dieses Gedicht ein Liebesgedicht werden, dann ein politisches, dann ein experimentelles. Es radikalisierte sich selbst, bis es überhaupt kein Gedicht mehr sein wollte und einen Hass auf alles hatte, was nur von weitem wie ein Gedicht aussah. Aber auch das ging vorüber.

A.a.O. S. 16.

PS: Der Rezensent des Signaturen-Magazins, Jan Kuhlbrodt, behauptet, er kenne „den Namen des Autors, den es nicht gibt, und der sich bester Gesundheit erfreut.“ https://signaturen-magazin.de/-anonym—dieses-gedicht-traegt-diesen-titel.html

Kein Sein soll entzwei

Heute ein Gedicht von Paul Bowles, dem amerikanischen Schriftsteller und Komponisten, der einen großen Teil seines Lebens in Tanger (Marokko) verbrachte und durch radikale Modernität und existenzielle Kühle auffiel. Das Gedicht erschien in der zweisprachigen Ausgabe „Fast nichts“ (2020), herausgegeben und übersetzt von Jonis Hartmann.

Formal fällt das Gedicht durch seine sparsame, abgebrochene Sprache auf, die durch Wiederholungen, Verneinungen und reduzierte Bilder eine tranceartige Atmosphäre erzeugt. Eine eindringliche Sehnsucht nach Unversehrtheit und Stillstand: Kein Ding, kein Baum, kein Halm soll zerstört oder bewegt werden, nichts soll das „Sein“ oder die „Ideen“ entzwei reißen.

Paul Bowles 

(* 30. Dezember 1910 in Jamaica, Long Island, New York; † 18. November 1999 in Tanger, Marokko)

Gedicht

Die Dinge werden so weitergehn für
Immer. Nein
Kein Ding soll entzwei. Nein
Kein Baum. Nein
Kein Grashalm sei
Dort. Nein
Kein Ding nur
Blaue Felsen sollen
Das Tal füllen, wo ich
Schlafe.
Die Dinge sollen so weitergehn für
Immer.
Die Dinge seien un
Gebrochen.
Kein Akt soll entzwei. Nein
Kein Ding soll fliehn und kein
Körper soll Ideen entzwein und kein
Sein soll entzwei. Nein
Kein Baum. Nein
Kein Grashalm sei
Dabei, den
Vorfall zu
Bezeugen.

* * * * * * * *

Jedes Ding soll stets entsprechend sein. Nein
Kein Ding soll gewendet oder bewegt sein.
Berührt.
Alles soll für immer so.

Aus dem Englischen von Jonis Hartmann, aus: Paul Bowles: Fast nichts. Hrsg. von Jonis Hartmann. Hamburg, Berlin, Schupfart: Urs Engeler, 2020 (roughbook 053), S. 49/51

Poem

Things will go on like this for
Ever. No
Thing shall shatter. No
Tree. No
Blade of glass shall be
There. No
Thing but
Blue rocks shall
Fill the valley where I
Sleep.
Things shall go on like this for
Ever.
Things shall be un
Broken.
No action shall shatter. No
Thing shall escape and no
Body shall shatter ideas and no
Being shall shatter. No
Tree. No
Blade of grass shall
Be present to
Witness the
Incident.

* * * * * * * *

Everything shall be always thus. No
Thing shall be turned or moved.
Touched.
All shall be forever so.

Ebd. S. 48/50

Das glas schimmert im gras

Ein interessantes Gedicht des ungarischen Lyrikers Attila József

(* 11. April 1905 in Budapest; † 3. Dezember 1937 in Balatonszárszó).

Glas

Das glas schimmert im gras. Das glas ist
an das die tau-tropfen dringen.
Wenn ein klein kind gläser anschaut,
so fangen sie an
um still zu klingen.

Ein glas wächst am herzen der quellen
das weiss kein glaser selbst kein lieber leser.
Die mädchen und die jungen männer
verwechseln immer ihre gläser.

Die vielen gläser hinterm himmel
bemerkte einst ein vogel
durstig und ohne lied
Ich möchte dir, ich möchte nur so leuchten,
wie das glas,
das auf meinem tische allein blieb.

Interessant ist an diesem Gedicht zunächst, dass es auf Deutsch verfasst ist. Ich kann nicht Ungarisch – aber ich habe gelesen oder gehört, dass die Sprache des Autors in seinen ungarischen Gedichten oft sehr komplex und rhythmisch verdichtet ist und einen starken musikalischen Fluss aufweist. Die deutsche Sprache in „Glas“ ist – bewusst? – schlicht, fast naiv. Einige grammatische Eigenheiten („das glas ist / an das die tau-tropfen dringen“, „ein klein kind“, „so fangen sie an / um still zu klingen.“) deuten darauf hin, dass József möglicherweise Deutsch nicht muttersprachlich beherrschte, oder dass er einen besonders reduzierten, fast kindlichen Stil wählte. Aber unterstreicht das nicht gerade den kindlichen Blick und die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit oder Sehnsucht nach Orientierung, die aus dem Gedicht sprechen?

Aus: Attila József, Liste freier Ideen. Hrsg. u. übersetzt von Christian Filips und Orsolya Kalász. Berlin und Schupfart: Roughbooks, 2017 (Roughbook 43), S. 79.

Musikgeschichte in Todesarten

Chris Bezzel

Spiel mir das Lied vom Tod

monteverdi schlummerte nach neuntägigem krankenlager im spätherbst 1643 in das reich jenseitiger harmonien hinüber.

an seinem sterbetag machte henry purcell sein testament.

als der fünfundzwanzigjährige pergolesi abgeschieden war, wurde er in der kathedrale pozzuoli beigesetzt.

vivaldi ist in wien völlig verarmt als 66jähriger heimgegangen.

bach schloß die augen, die schon bei sehenden zeiten so viel überirdisches geschaut hatten.

händel legte sich still zum sterben.

schließlich tat der einundachtzigjährige rameau seinen feinden den gefallen, mit tod abzugehen.

der tod hielt das herz des zweiundsiebzigjährigen scarlatti an.

im 87. jahr schwand der rastlose telemann dahin.

als christoph willibald gluck ein ihm verbotenes glas weinbrand hinuntergestürzt hatte, trug ihn kurz darauf ein zweiter schlaganfall sanft hinweg

carl philipp emanuel bach ging vierunsiebzigjährig dahin.

an einem wintermorgen hauchte mozart seine seele aus.

karl ditters von dittersdorf wurde siebzigjährig von seinem leiden erlöst.

beethovens ende erfüllte sich unter blitz und donner eines schweren gewitters.

schubert mußte 1828 dahin.

mendelssohn-bartholdy zählte erst 38 jahre, als der tod ihn, seinen zahllosen verehrern völlig unerwartet, aus reichem schaffen und wirken abberief.

chópin starb in den armen seines schülers gutmann.

der kranke robert schumann begriff allmählich das hoffnungslose seines zustands, verweigerte die nahrungsaufnahme und starb so, 46 jahre alt, an entkräftung.

rossini schloß sechsundsiebzigjährig die augen.

richard wagner erlag im venezianischen palast vendramin seinem herzleiden.

franz liszt hat in wahnfried seine augen für immer geschlossen.

verdi ging mit 88 jahren bei voller klarheit heim.

der 23. märz 1918 wurde debussys todestag.

nach vier jahren zunehmenden verfalls legte sich der seit je wortkarge ravel auf den operationstisch. er sollte nicht mehr zu bewußtsein kommen.

17 takte vor schluß des dritten klavierkonzerts entsank bartók die feder.

dann kam, nachdem der zweiundsiebzigjährige schönberg 1946 schon einmal fast gestorben und zuletzt beinah erblindet war, der tod.

quelle: hans joachim moser: musikgeschichte in hundert lebensbildern. klagenfurt 1958

Aus: Chris Bezzel: isolde und tristan. Hrsg. von Florian Neuner und Christian Steinbacher. Berlin, Hannover, Linz und Solothurn: Roughbooks, 2012 (Roughbook 22), S. 65-67

Gertrud Kolmar

Zum 80. Geburtstag von Ulla Hahn ihr Gedicht auf Gertrud Kolmar.

Ulla Hahn 

(* 30. April 1945 in Brachthausen / Sauerland) 

Gertrud Kolmar

Auf meinen Knien das Häufchen
Fotokopien wird leichter

Langsamer lesen

Mit jedem Blatt lege ich Lebenszeit ab
von einer die schrieb im vorletzten Brief:
Ganz ohne Freude bin ich freilich nicht
Sie meinte ihre Erinnerungen
Weinte mit keinem Wort
Lebte vom Leben schon sehr weit entfernt
Legte an alles Geschehen längst
den Maßstab der Ewigkeit
Trat freiwillig unter ihr Schicksal
Hatte es schon »im voraus bejaht, sich ihm
im voraus gestellt« schrieb sie

Langsamer lesen

Wir wissen nicht wo sie starb
Wir wissen nicht wann sie starb
Ihre Mörder sind bekannt

Im letzten Brief fiel ihr »eben etwas
Ulkiges ein«. Versprechen und Pläne. Herzliche Grüße

Langsamer lesen

Immer wieder von vorn.

Aus: Ulla Hahn, Klima für Engel. Gedichte. München: dtv, 1993, S. 60

Versicherungspolicen

Robert Kelly 

(geboren am 24. September 1935 in Brooklyn)

Aus: Die Sprache von Eden

warum waren Sie in Berlin
ich habe acht Monate dort gelebt
ich hatte ein Stipendium für mein Studium
bevor die Mauer fiel
ich war im Osten
ich liebe diese riesigen leeren Straßen
die offene Stadt
Wintermorgen hilf mir
dort habe ich etwas verloren

was haben Sie studiert
wie die großen Versicherungsgesellschaften
die Veränderungen überstanden haben
von Preußen zum Deutschen Reich
zur Weimarer Republik zum Dritten Reich
zur DDR immer
den ganzen Horror hindurch waren die Menschen versichert
haben Policen gekauft Prämien gezahlt
sind gestorben haben Witwen hinterlassen die abkassiert haben
daran denken wir bei Geschichte nie
aber alles geht immer weiter
Märkte und Dokumente und Einkommenssteuer

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Urs Engeler, aus: Robert Kelly: Die Sprache von Eden, herausgegeben und übersetzt von Urs Engeler. Annandale on Hudson u.a.: roughbooks, 2016 (roughbook 041), S. 62f

how did you come to visit Berlin
I lived there for eight months
I had a fellowship to study
before the Wall came down
I was in the east
I love those huge empty streets
open city
morning winter help me
I lost something there

what did you study?
how the big insurance companies
weathered the changes
from Prussia to German Empire
to Weimar Republic to Third Reich
to the DDR, always
through all that horror people were insured,
bought policies, paid premiums,
died and left widows to collect
we never think of that in history
but things are always going on
markets and documents and income tax

Grace – Anmut – Grazie

Laura (Riding) Jackson

(* als Laura Reichenthal 16. Januar 1901 New York; † 2. September 1991 Wabasso)

GRACE

This posture and this manner suit
Not that I have an ease in them
But that I have a horror
And so stand well upright—
Lest, should I sit and, flesh-conversing, eat,
I choke upon a piece of my own tongue-meat.

Aus: PARA-Riding von Laura (Riding) Jackson, Christian Filips und Monika Rinck. roughbook 015, Berlin und Solothurn, 2011, S. 40

Anmut

Diese Pose, dies Benehmen – das geziemt sich,
Nicht dass sie mir behaglich sind,
Ein Schrecken sind sie mir,
Und so steh ich ganz gerade –
Um nicht, sitzend, leibgesprächig, essend,
Zu ersticken an meinem Brocken Zungenfleisch.

Deutsche Fassung von Monika Rinck, ebd. S. 38

Grazie

Manier und Positur, was sich so schickt,
Nicht, dass die mich bestricken,
Nein, dass ich einen Horror hab
Davor und aufrecht steh –
Denn setzte ich mich hin und äße, notgedrungen,
ich kaute rum auf meiner eignen Zunge.

Deutsche Fassung von Christian Filips, ebd. S. 39

Cover of the book 'Roughbook 015' featuring large text that mentions Laura (Riding) Jackson, discussing her contributions to poetry and literature.

Schall und Rauch

Laura Reichenthal Gottschalk (Riding) Jackson* +++ Rideschalk-Godding +++ Unhappy lady. Thinking hard ++ Frau im Unglück. Denkt schwer nach (Riding über Riding) +++ Was man sich über sie erzählt ++ Lauras reitende Gestalt +++ Legende unter Dichtern +++ Ashbery, Auden, Bronowski, Crane, Mathews, Rexroth, Woolf und andre: Laura Riding Roughshod +++ Laura reitet rücksichtslos +++ Trägt eine Krone aus Golddraht +++ Sibylline der Poesie +++ Auf sehr wilde Weise schön +++ Überlegen, unabhängig +++ Wahre Wut der Muse +++ Akribische, rücksichtslose Manipulatorin +++ Hexe +++ Nicht schlechter als Pound, Eliot, Joyce oder Gertrude Stein +++ Tiefe Überzeugungen +++ Durchgeknallte Schnalle +++ Zu Unrecht vernachlässigt +++ Seichte, egoistische Hahnenschrei-Kreatur +++ Verdammt schlechte Dichterin +++ Hart und prächtig, streng und diszipliniert +++ Sarkastisch, schwer, dunkel, feindselig, messianisch +++ Bully-Königin, die ein hysterischer Charakter gebar +++ Bizarr +++ Königin des Kann-Seins +++ Jüdin der amerikanischen Avantgarde +++ Eine Muse, die Unterwerfung befahl +++ Elitäre Tusse +++ Spröd und widersprüchlich +++ Feministische Malgré Elle +++ Kein lilienweißer Engel +++ Literatur-Leiche! +++ Anti-Dichterin! +++ So ziemlich die intelligenteste Frau, die ich je gesehen habe +++ Die lebendige Inkarnation der Weißen Göttin +++ Grausames Geschwätz! +++ Naturgewalt! +++ Beleidigtes Mannweib +++ Dichterin, Seherin, Muse und zuweilen Furie +++ Glühend romantisch! +++ Abscheulich dogmatisch +++ Queen of modern poetry +++ Wie ein Blitz +++ Die Selbst-Gerechtigkeit in Person ++ Transzendentale Platonikerin +++ Unpolitische Fotze mit ziemlicher Verachtung für die niederen Klassen +++ Hexe! +++ Die einzige lebende philosophische Dichterin +++ Blöde Kuh ++ Oberhaupt der Langeweile +++ Keine Dichterin für schlichte Leser +++ Heroine der Hühnerfarm +++ Tyrannische Nestbeschmutzerin! +++ Extremer Individualismus +++ Poetische Isolationshaft! +++ Seherin! +++ Die größte vergessene Dichterin der amerikanischen Literatur +++ Ich bin ordentlich, schnell, gut gelaunt, arbeite hart, lasse nichts aus und halte rein gar nichts von Kontrollverlust

(Riding über Riding)

*) „Bevor ich diesen Essay auf den Weg bringe, sollte ich meine Namen ,Laura Riding‘ und ,Laura (Riding) Jackson‘ erläutern. Unter ersterem bin ich als Dichterin bekannt. Nachdem ich mich von der Dichtung abgewandt habe, benutzte ich ,Riding‘ nicht mehr als Nachnamen, aber habe ihn im Sinne der Kontinuität meiner Autorenidentität in Klammern in dem Autorennamen beibehalten, den ich seit meiner Heirat für meine gesamte schriftstellerische Tätigkeit nutzte.“

Deutsch von Monika Rinck, ebd. S. 24f

alles ist sprache

Martin Jankowski

alles 
ist sprache
die dinge
(ich, der schnee, die sterne)
sind metaphern
ein und desselben
das macht uns
verwandt

im anfang
spricht
die welt

in der grammatik
des lichts

Aus: Martin Jankowski: sekundenbuch. gedichte und gesänge. Leipziger Literaturverlag, 2012. S. 25

Charlottenburg

Günter Bruno Fuchs 

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Charlottenburg

Gestern
stand ich
vor dem Schloßportal. Ich wollte
ein berühmtes Bild
stehlen. Der Museumswärter
sagte zu mir: Welches
möchten Sie
mitgehen lassen? Eins
von Watteau. Na gut, weil Sie
ehrlich sind, will ich
ein Auge zudrücken. Bloß
nicht zur Gewohnheit
machen, sonst kommt die Sache
ans Licht.

Aus: Günter Bruno Fuchs: Gedichte und kleine Prosa (Werke in drei Bänden, hrsg. von Wilfried Ihrig, Bd. 2). München, Wien: Hanser, 1992, S. 257

Im Licht der Prophezeiungen

Hendrik Jackson

Im Licht der Prophezeiungen IX

das also war aus Prometheus geworden: ein Mann mit Spinnenbeinen und Buckel, der mit der Bedächtigkeit eines wogenden Ozeans sich vorwärtstastet durch den mit schwarzen Knöpfchen übersäten wunden Bauch eines musikalischen Wals. so dringt zu eingefrorenen symphonischen Klängen der Wille in meinen Körper, spielt mit seinen Fingern in den Fingerhandschuhen des Hirns, flusige Aktinien in der Strömung.

dabei hatte es neuerdings geheißen, die Parallelen träfen sich, und zwar in der Spelunke zur goldenen 8 (Lobatschewski). wir fanden den Nutzen parasitär, ein ungeduldiger verzogener Sprössling, und sahen Schönheit keimen. das Böse war geboren und das Gute forderte als Schutz, zu dunklem Trost, die Reflexion. wir hatten die Feder gekrümmt wie zum Pflug, zogen mit ihr über das Papier, der abgenommene Mond leuchtete, und jemand starb, nicht du. der Kreis war gezogen, ein Teil fehlte. Entzug mit Entzug begegnen, das hatten wir immerhin gekonnt. langsame Bewegungen unter Wasser, in dieser Blockigkeit gedämpfter sounds.

Aus: Hendrik Jackson, Im Licht der Prophezeiungen. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2012, S. 15