Philippe Jaccottet (1925-2021)

Zum 100. Geburtstag des Schweizer Dichters Philippe Jaccottet (* 30. Juni 1925 in Moudon, Schweiz; † 24. Februar 2021 in Grignan, Frankreich) würdigen wir mit diesem Gedicht die leise, pflanzenkundige Weisheit seiner Poesie. Jaccottets Welt spricht die Sprache der Pflanzen – Kreuzkraut, Wegwarte, Bärenwurz.

Zu viele Sterne in diesem Sommer, Meister und Herr, 
zu viele niedergedrückte Freunde,
zu viele Rätsel.

Ich spüre, immer unwissender werde ich
mit der Zeit
und ende bald verblödet im Dornengestrüpp.

Erkläre dich endlich, ausweichender Meister!

Zur Antwort am Wegrand:

Kreuzkraut, Wegwarte, Bärenwurz.

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, aus: Philippe Jaccottet, Antworten am Wegrand. München, Wien: Hanser, 2001, S. 48

Trop d’astres, cet été, Monsieur le Maître,

trop d’amis atterrés,

trop de rébus.

Je me sens devenir de plus en plus ignare

avec le temps

et finirai bientôt imbécile dans les ronciers.

Explique-toi enfin, Maître évasif !

Pour réponse, au bord du chemin :

séneçon, berce, chicorée.

Ach, schön waren wir alle einmal

128 Wörter, 1 Minute Lesezeit

William Carlos Williams

(* 17. September 1883 in Rutherford, New Jersey; † 4. März 1963 ebenda)

The Act

There were the roses, in the rain.
Don't cut them I pleaded.
They won't last, she said.
But they're so beautiful
where they are.
Agh, we were all beautiful once, she
said,
and cut them and gave them to me
in my hand.
Die Tathandlung

Da standen die Rosen im Regen.
Ich bitt dich, schneid sie nicht ab.
Sie werden sich nicht halten, sagte sie.
Aber sie sind so schön,
wo sie sind
Ach, schön waren wir alle einmal,
sagte sie,
und schnitt sie und gab sie mir
in die Hand.

Deutsch von Hans Magnus Enzensberger, aus: William Carlos Williams, Gedichte. Der harte Kern der Schönheit. Paterson. Reinbek: Rowohlt, 2001, S. 216f

Tauben sprechen Jiddisch

179 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Zu den 100jährigen des Jahres gehört auch die heutige Autorin, die im Februar 1925 geboren wurde und 98jährig im März 2023 starb. Ihr Buch bei hochroth Berlin erschien 2020.

Rivka Basman Ben-Chaim

tojbn redn jidisch.
ich hob alejn gehert.
farklert
schikn sej di werter
zu der erd
a grajpele gefinen –
workn sej – wi dichters – a jidisch wort
zu ergez a baginen.
ich hob mit sej geret
un mit a jidisch wort
dem fli in sej gelegt.
Tauben sprechen Jiddisch, 
so hörte ich es immer wieder.
Versonnen
schicken sie die Wörter 
auf die Erde nieder.
Haben sie ein Korn gefunden, 
gurren sie – wie Dichter – ein jiddisches Wort 
auf ihren Morgenrunden.
Ich plauderte mit ihnen 
und bedachte zärtlich ihr Fliegen 
mit einem jiddischen Wort.
Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme
Ein gedrucktes Blatt mit einem jiddischen Gedicht von Rivka Basman Ben-Chaim, das stilistisch strukturiert ist.

Aus: Rivka Basman Ben-Haim: Tauben sprechen Jiddisch. Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme. Nachwort von Niki Graça. Grafik: Mula Ben-Haim. hochroth Berlin 2020, S. 26f

Rivka Basman Ben-Hayim geborene Rivka Basman (hebräisch ,רבקה בסמן בן-חיים geboren am 20. Februar 1925 in Ukmergė, Litauen; gestorben am 22. März 2023 in Herzlia, Israel) war eine litauisch-israelische Lyrikerin, die auf Jiddisch schrieb. https://de.wikipedia.org/wiki/Rivka_Basman_Ben-Hayim

Kreuzworträtsel

231 Wörter (wenn man das Gedicht zweimal liest) 1 Minute Lesezeit

In ihrem Band Rätsel in großer Schrift verwandelt Franziska Füchsl das Kreuzworträtsel in eine poetische Denkfigur. Was zunächst wie ein harmloses Spiel erscheint, wird zur Reflexion über Sprache, Unsicherheit und Erkenntnis. Wer stellt die Fragen? Wer kennt die Antworten? Und was, wenn jede Antwort nur neue Fragen gebiert?

franziska füchsl

Aus: franziska füchsl: Rätsel in großer Schrift. Salzburg: edition mosaik, 2018 (3. Aufl.), S. 25

fragt der kreuzworträtsler? fragt jener, der ausfüllt, einträgt – fragst du, freund? fragst : DUKATEN und hast die antwort schon stehn : goldmünzen. du wusstest vielleicht nicht die antworten, sondern kanntest die fragen zu all dem vorgegebenen, zu allem bold : die hauptstadt von goldmünzen : dukaten? schwillt in den lösungen des kreuzworträtslers deine unsicherheit? meine, seine, unsre? heitert er die rätsel auf? macht sie lesbar, weil jede lösung die gegenfrage stellt – und die gegenantwort? fährt sie in gedachten linien / jenen wie diesen?

Nicht mal das

238 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Pavlo Korobtschuk

ICH KANN NICHT

ich kann nicht pathetisch und patriotisch dichten,
die Helden des Volkes besingen, die im Grund
nur ihren Job tun, wie sichs gehört

ich umgehe die Nachrichten vom Kampffeld
ich lausche dem monotonen Rauschen der Autos
hinter dem Fenster, wie dichtem Regen

ich weiß, dort kämpfen unsere Leute, und dieses Wissen wärmt.
Blut und Leichen – auf beiden Seiten – davon
haben wir bereits genug gesehen

die Wunde am Oberschenkel vom Wintermajdan
ist längst verheilt, manchmal juckt sie ein wenig
und dies ist keine Allegorie

seit einem halben Jahr dichte ich nicht, auch dies ist kein Gedicht
vielleicht bin ich alt und unsensibel geworden
manchmal will ich sogar mein Abendessen anbrüllen

in jedem von uns wurde – so tückisch! – das niederträchtige,
abscheuliche Gefühl der Mißachtung, des Hasses gegen Opponenten gesät
Bastarde – Arschlöcher – macht sie kalt – und so weiter

was ich sagen will – wenn das alles einmal
vorüber sein soll, laßt uns alle Gedichte schreiben,
die schöner sind als dieser wackelige Therapie-Versuch

schreibt, daß die Liebe wie eine warme Badewanne ist
mit Kiefernölduft, was übrigens
einen positiven Einfluß auf Atemwege hat

schreibt nicht über gerettete Verletzte
über das wiedereroberte Lysytschansk, über Därme und Blut
schreibt lieber über die Kiefernadeln

wenn ihr es könnt, denn ich kann nicht mal das

Aus dem Ukrainischen von Stefanya Ptashnyk, aus: Poesiealbum. Gedichte aus der Ukraine. Auswahl Jakob Waloscczyk. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 33

Pavlo Korobtschuk, geboren 1984, ist Schriftsteller und Musiker.

A: – krass! A: – ach was!

210 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Kafka? Jandl? Batman? Schneider!

In „A“ kracht, knarzt und klirrt es zwischen Sprachwitz, Kulturanspielung und dadaistischem Wahnsinn. Ein Gedicht wie ein verbal gezündeter Knallfrosch.

Klaus F. Schneider

A

A: - krass!
A: - ach was!
A: - mach halblang, A las ka ... las was?
A: - Kafka
A: - Kafka, Franz?
A: - nachlass, ja, prawda bracht's!
A: - massa gaga, was am dach?
A: - ratsam: schlagt Kafka nach!
A: - Kafka? was kann Kafka da?
A: - Landarzt!
A: - klar, krank all das!
A: - halbgar... spaßcalvar.
A: - scharlachgas alarm!
A: - gagparad schlachtplatt.
A: - parataxscharlatan.
A: - halbsatzschaman.
A: - absahnschakal.
A: - Jandl-abwasch, banal.
A: - Artmann-abklatsch, skandal!
A: - na, Batman, klar?
A: - ach ja, star war gar, par hazard?
A: - mars attack! rambazamba agaggag!
A: - magst krawall, Kaspar? wagst nahkampf gar?
A: - was, schlappschwanz, hast schlaganfall?
A: - na, lachstarrkrampf, arschdrangsal!
A: - hab acht lackaff, das kracht!
A: - hab dank, narr, was hat's bracht?
A: - wart's ab.
A: - war's das dann?
A: - warm, nah dran ...
A: - was nah dran?
A: - fast!
A: - dann mach, sag an, spast.
A: - DRA KAMATAN

A: - drakamatan?
was'n das, schwachmat?
A: - mat dam kantrabass,
SCHACH MATT!

Aus: Klaus F. Schneider & Klaus Thaler present: Avantgardez vous oder das übereinstimmen der unterschiede im unterscheidenden ihrer übereinstimmung. 5 nach 12 transdadaistische Hypothesen aus der Badewanne. hochroth Berlin 2021, S. 38f

Wäre ich eine Schriftstellerin

170 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Krista Anna Belševica

Kunstwerke entstehen aus Schmerz 2

Wäre ich eine Schriftstellerin (nicht unbedingt berühmt, aber
definitiv eine Schriftstellerin),
ich würde definitiv lange Erzählungen und noch längere
Gedichte schreiben.
Keine Romane, weil niemand mehr Zeit hat, sie zu lesen.
Aber Gedichte auch nicht.
Ein allzu introvertiertes und egozentrisches Genre.
Eigentlich würde ich mein Leben dem widmen, andere Leben
schön zu machen,
zu inspirieren,
zu verändern (nicht unbedingt zum Besseren, natürlich),
aber ganz bestimmt
würde ich so empfinden lassen, als wäre das Leben lebenswert.
Anfangs würde ich wie zufällig Interesse erregen,
sie hineinziehen,
sie allmählich einbinden
und sie dann behutsam fallen lassen,
mit dem Gefühl, dass nichts jemals wieder so sein wird, wie
gewohnt.
Was soll das heißen – dass es niemals wieder so sein wird, wie
gewohnt?
Schau,
das wissen wir nicht
(und es ist ganz gut so, dass wir es nicht wissen).

Aus: Mir war, als ob es klopfte. Neue Gedichte aus Lettland. Aus dem Lettischen von Astrid Nischkauer und Kalle Aldis Laar. Köln, Leipzig, Wien: parasitenpresse, 2023, S. 26

Lichtgrenzen

Die von Marion Poschmann und Yoko Tawada zusammengestellte Anthologie jüngerer japanischer Dichtung trägt auf dem Einbanddeckel nur Text in den Sprachen Deutsch und Japanisch. Aber das große Zeichen in der Mitte ist auch ohne bildliche Zutat dekorativ. Es ist das japanische Zeichen für Poesie oder Dichtung, es besteht aus zwei Hälften, von denen die linke „sagen“ und die rechte „Tempel“ bedeuten. Ausgesprochen wird das Wort „shi“. Seine Bedeutung umfasst aber nicht das, was wir am ehesten mit japanischer Dichtung assoziieren, Tanka oder Haiku. Diese sind eine Welt für sich und bemerkenswert produktiv – 6 Millionen Japaner schreiben Haíku und 3 Millionen Tanka. „Shi“ ist nur die von westlicher Poesie beeinflusste Dichtung. Beide, soll ich sagen „Poesien“ leben für sich, die Millionen Haiku- und Tankadichter kommen kaum je mit „shi“ in Berührung und die meisten Verfasser von „shi“ schreiben nicht in diesen traditiinellen japanischen Formen. Der heutige Dichter ist eine Ausnahme, er bewegt sich in beiden Welten. Alles das und viel mehr kann man dem Vorwort der in Deutschland lebenden Yoko Tawada entnehmen.

Ich habe den Titel von Google übersetzen lassen, sie erkennen korrekt Japanisch und übersetzen das große Zeichen mit „Poesie“ und den Titel der Anthologie mit „Die sanfte Grenze des Lichts“. (Merkwürdiger Weise übersetzten sie, einmal in Fahrt, auch den deutschen Titel noch einmal ins Deutsche, aus „Eine raffinierte Grenze aus Licht“ wurde so „Sie sind verfeinerte Grenzen aus Licht“. Merkwürdig, aber nicht unbedingt falsch. Da in der japanischen Sprache weder Genus noch Artikel noch Pluralformen existieren, muss man sich weniger festlegen als im Deutschen und hat per se poetische Leerstellen zur Verfügung.)

KANIE Naha (カニエ・ナハ)

Haushalt

Wieder zurück
in der Bildlosigkeit,
falschen Angaben Glauben schenkend,
während auf der Straße der Menschenkrieg weiterging.
Ein Nachbar, ich hab ihn vergessen,
gibt ein neues Haus auf,
das sein Leben war,
und kehrt um, wir schweigen
seit mehr als zehn Jahren, Barmherzigkeit bildet ein Dach,
wir wiegen uns in Sicherheit, ein einziges
Weltwort ist uns geblieben.
Notate,
eingebrannt in die Armbeuge.
Am Schluss einer Petition
wird dem Menschen
die Empathie abgesprochen.

Deutsch von Marcel Beyer nach einer Rohübersetzung von Yoko Tawada, aus: Eine raffinierte Grenze aus Licht. Japanische Dichtung der Gegenwart. Hrsg. Marion Poschmann und Yoko Tawada im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Göttingen: Wallstein, 2023, S. 177.

(In japanischen Namen wird der Familienname vorangesetzt, also hier Kanie, und Naha ist der Vorname. Nur im Westen lebende Japaner passen die Schreibweise hiesigen Gepflogenheiten an und stellen den Vornamen voran, wie Yoko Tawada oder Yoko Ono.)

Die Anthologie im Lyrikwiki

Wetterumschwung der Grammatik. Dichtung

Daniel Bayerstorfer

Ur-20

Athene vertreibt den Homo Heidelbergensis aus dem Garten der Tugenden, und was mach ich? Ich beiße so ungeschickt in meinen Dürüm, dass die ganze Sauce auf meine neue, hellblaue Chino spritzt. Ich bekomme den Fleck nicht mehr raus, auch wenn ich im Bad das Wasser mit dem Daumen ins Gewebe reibe, ich schau aus wie der letzte Krattler, geh vom Zwinger zur Brücke, mit dem Gefühl von Blut und Kälte, als ob man zwischen Schweinehälften im Kühlraum steht. Und oben (wie angekündigt) regenschwere Wolken.

Und dann ist da noch der Äther dazwischen, der von Hölderlin, das Hochdruckgebiet der Ideen, eine Ionosphäre der Begriffe, eine heilige Cloud auch, in der die Halbgötter gespeichert sind und tätig. Vom Brocken aus, vom Ochsenkopf, wo die drahtigen Radarstationen knisternd in den Versfrequenzen wühlen, wird genommen, was man kriegen kann, man reicht nicht ran, die Tannen stehen eng und so freischützrauschend um die Findlinge aus Granit. So mittelgebirgig muss es sein, damit Sagen sich behaglich fühlen, und so hoch oben muss man bauen, wenn man in die Tiefe blicken will, in den Wetterumschwung der Grammatik. Dichtung wie:

Man widerspricht vor
einem Fenster. Das Nein ist kein Laut,
es ist eine beschlagene Fläche,
an das Glas gehaucht.

usw.

Aus: Daniel Bayerstorfer: Neulich starb Antigone. Hrsg. Urs Engeler. München und Schupfart: roughbooks, 2025 (roughbook 67), S. 72

Nahbellpreis an Marvin Chlada

„Gedichte dürfen alles, nur eines nicht: langweilen.“ Marvin Chlada (*1970)

Endlosrille

Das Gestern und das Morgen
Die Herren und die Knechte
Der Kummer und die Sorgen
Das Falsche und das Rechte

Die Wünsche und die Triebe
Das Harte und das Weiche
Der Hunger und die Liebe
Das Schlaffe und das Steife

Das Alter und die Jugend
Die Schmerzen und die Not
Das Laster und die Tugend
Die Tränen und der Tod

G&GN-INSTITUT Düsseldorf, den 21. Juni / Der 26. Nahbellhauptpreis 2025 geht an den Duisburger Dichter Marvin Chlada. Dieses Jahr konnten alle drei weiteren Preise: der Nahbellförderpreis (für Lyrik-Newcomer) der Nahbellnebenpreis (für den unerwarteten Essay) und der Nahbellkonzeptpreis (für engagierte Kulturprojekte) nicht vergeben werden. Um rechtzeitige Bewerbungen für das kommende Jahr wird gebeten. Hier nun ein Auszug aus dem aktuellen Nahbellpreis-Interview „WORTALCHEMIE IM DIGITALEN ZEITALTER: SUBVERSION OHNE SPRENGKRAFT“ (13 Fragen/Antworten) zwischen G&GN (De Toys) und Chlada:

https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/26-nahbellpreis-2025-marvin-chlada

G&GN: „Lieber Marvin, dass Du den Nahbellpreis erhältst, ist ja längst überfällig, aber erst dieses Jahr kommt es endlich zum Showdown – mein herzlichster Glückwunsch zum 26. Nahbellhauptpreis im Jahre 2025. (…) Ist der Nahbellpreis Dein erster Literaturpreis? Was hältst Du prinzipiell von Preisen? Wollen Preisstifter dadurch nur auf ihren eigenen Verein aufmerksam machen und wählen darum gerne bereits kürzlich Bepreiste, um mehr Medienaufmerksamkeit zu erhaschen?“

CHLADA: „Drei Kurze knallen mitunter mehr rein als drei gepflegte Glas Bier. Bei Gedichten ist das ähnlich. Letztlich geht’s darum, was ein Gedicht in Gang zu setzen vermag, welche Wirkung es entfaltet. (…) Einem Motiv oder Thema kann ich mich kulturhistorisch oder theoretisch nähern, ebenso lässt sich ein Motiv oder Thema auch lyrisch oder poetisch betrachten. Für welche Form ich mich entscheide, hängt letztlich von der Fragestellung ab, davon was das Thema hergibt. (…) Was nun die Wahl des Motivs oder des Themas, also die Quelle der Inspiration, angeht: da kommt grundsätzlich alles in Frage. Alles kann zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. In meinem Fall sind das häufig die naheliegenden Dinge, der alltägliche Kleinkram, wie Derschau das nannte. (…) Ein Allen Ginsberg oder in der Nachfolge in gewisser Weise auch noch ein Hadayatullah Hübsch konnten ihre Anklagen einer Gesellschaft entgegenschleudern, die ihren eigenen Versprechen und Ansprüchen nicht gerecht wurde. Heute gibt’s keine Versprechen mehr. (…) Auch haben subversive Strategien und Techniken, die einst funktioniert haben mögen, im digitalen Zeitalter ihre Sprengkraft längst verloren. (…) Ich persönlich kämpfe mich gern auch durch komplexere Texte, folge den Anspielungen etc. Ich mag das Geheimnis, die Spurensuche, die Wortalchemie. Literatur light meide ich in der Regel daher ebenso wie Cola ohne Zucker oder alkoholfreies Bier. (…) Sicher gibt’s objektive und formale Kriterien, mit denen sich ein Gedicht beurteilen lässt. Derartiges lernt man ja für gewöhnlich in der Schule irgendwann anzuwenden. Wie weit man damit kommt und ob’s letztlich sinnvoll oder angemessen ist, objektive Kriterien an ein subjektives Unternehmen anlegen zu wollen, ist eine ganz andere Frage. (…) Wo die Worte fehlen, beginnt die Mystik. Man kann diese Leerstelle mit Worten lediglich umkreisen, sich ihr annähern. Und ich denke, dass der ganze multimediale Zauber, der da mitunter aufgefahren wird, letztlich einen Versuch darstellt, das, was nicht gesagt, was nicht in Worten ausgedrückt werden kann, durch Hinzunahme von Tönen, Bildern usw. ein wenig erfahrbar zu machen.“

Symbolischer Konzeptpreis für engagierte Kulturprojekte: Engagierte, soziale, alternative Kulturprojekte können sich für den symbolischen NAHBELL-KONZEPTPREIS im Rahmen des Nahbellpreises bewerben! www.KONZEPTPREIS.de @ https://lyrikszene.jimdofree.com/konzeptpreis/

Neueinführung seit 2022: NAHBELL-NEBENPREIS für den „unerwarteten“ Essay: Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft @ https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/

Zertifikat für den 26. Nahbellpreis, verliehen an Marvin Chlada im Jahr 2025, in Anerkennung für lebenslange Zeitgeistresistenz und Unbestechlichkeit in der literarischen Arbeit.

Als die künstlichen Menschen

155 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Alfred Brendel war nicht nur einer der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Dichter mit wachem Blick und feinem Humor. Am 17. Juni ist er in London gestorben.

Alfred Brendel

(* 5. Januar 1931 in Wiesenberg, Okres Šumperk, Tschechoslowakei; † 17. Juni 2025 in London)

ALS DIE KÜNSTLICHEN MENSCHEN gelernt hatten 
sich wie Du und ich zu benehmen
wußten wir
daß unser Spiel verloren war
Da sitzen sie
etwas zu glatt im Gesicht
und trinken Tee
blicken einander tief in die Augen
oder krümmen sich vor Lachen
Unfehlbar
und doch mit größter Zartheit
spielen sie Klavier
reproduzieren sich diskret im Nebenzimmer
und schießen die Vögel vom Dach
während wir
Veteranen der Natürlichkeit
von den Umständen zum Äußersten getrieben
keinen anderen Ausweg sehen
als engelhaft gut zu werden
oder vielleicht doch lieber
über die Maßen böse

Aus: Christoph Buchwald, Raoul Schrott (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 1999/2000. Über den Atlas gebeugt. München: C.H. Beck, 1999, S. 59f

Bitte um Frieden

221 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Giovanni Gioviano Pontano

(* 7. Mai 1429 oder 1428 in Cerreto di Spoleto, Umbrien; † 17. September 1503 in Neapel) 

ÜBER MARS, DER SICH BADET

Ist Mars in den Bädern? Lebt wohl, Heerlager.
Badet selbst Mars? Fort mit euch, all ihr Kriege.
Ist Venus bei ihm? Friede, sei uns gegrüßt.
Das nämlich verlangt Federigos Schicksal.
Du, kleine Venus, du Süße des Himmels,
Zierde der Erde, einzige Linderung,
sei schmiegsam deines Geliebten Verlockung,
umschmeichle den kleinen Mars mit Gesäusel,
lass alles genüsslich und begehrlich sein,
mische süßes Flüstern in deine Küsse;
zu diesem Spiel noch seligere Spiele,
bald dem Müden Ambrosia zu geben,
dass ihm tiefer Schlaf durch alle Glieder schleicht
und der Wahnsinn des Krieges zur Ruhe kommt:
Darum, darum bittet dich Federigo.

Deutsch von Tobias Roth, aus: Giovanni Gioviano Pontano, 1429-1505: Baiae. Zwei Bücher Elfsilber. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2016 (Edition ReVers 04), S. 116

II.32 DE MARTE IN BALNEIS LAVANTE // Marsne in balneolis? Valete, castra: / Marsne et ipse lavat? Valete, bella: / Cumque illo est Cytherea? Pax, adesto: / Hoc sors imperat ipsa Federici. / Tu vero, Venerilla, dulce coeli / et terrae decus, unicum et levamen, / mollis illecebras decoro amanti, / blandos Martiolo tuo susurros / fac et delitias libidinesque, / misce et suavia, iunge dulce murmur; / his lusus adhibe beatiores, / mox tinge ambrosio liquore fessum, / somnus quo placidus per ossa serpat / et belli rapidus furor quiescat: / hoc, hoc te rogat ipse Federicus.

Doppelschlinge

Niklas L. Niskate

Doppelschlinge

als ich mich
aus protest
gegen den kokon
in den ich verstrickt war
in den kokon
verstrickte

Aus: Niklas L. Niskate: Entwicklung der Knoten. Salzburg: Mosaik, 2018, S. 20

Ausgleich der Verhältnisse

Zoltán Lesi

INAKTIVES X

Ein unterbrochenes Interview mit Heinrich Ratjen

Das Barr-Körperchen ist
ein Sex-Chromatin. Zum Ausgleich
der Verhältnisse wird es
stillgelegt, damit bei Frauen
wie bei Männern nur eines der
X-Chromosomen aktiv bleibe.
Kondensiert das andere Gebilde,
wird die genetische Information
für die Proteine unerreichbar.

Vor allem meide ich die Sportnachrichten,
aber ich lese auch generell keine Zeitungen.
Dann serviere ich schon eher
am Schalter und besuche am Wochenende
meine Schwestern. Manchmal kommen
Journalisten zu mir, aber ich gebe
keine Interviews. Es ist nicht meine Aufgabe,
Ungereimtheiten zu klären. Ein Reporter
heftete sich regelrecht an meine Fersen,
deshalb log ich, die Nazis hätten mich
zu allem gezwungen und mir Medikamente
verabreicht. Das war es doch, was
das Vierauge hören wollte – ich wollte nur,
dass er endlich abhaut.


Das inaktive X-Chromosom schmiegt
sich der Membran des Zellkerns an.
Mit dem Barr-Test lässt sich
das Geschlecht des Individuums
anhand der zahlenmäßigen Abweichungen
der Sex-Chromosomen durch
ein Mikroskop feststellen.
Die Methode ist jedoch nicht alleinig
für das Ergebnis ausschlaggebend.
Dieses wird bestätigt, indem
ein humanes Karyogramm angelegt wird.

In diese Sache wollte ich mich später
auch wegen Kłobukowska nicht
einmischen. Sie hatte ja keine Ahnung,
dass sie etwas anderes sein könnte
als eine Frau, dennoch hielten sie alle
für eine Betrügerin, weil sie als
Hermaphrodit an einem Frauenwettbewerb
teilgenommen hatte. Natürlich war dann
auch mein Fall wieder in aller Munde.


Die Unsicherheit lässt sich einerseits
darauf zurückführen, dass das Barr-Körperchen
mit anderen biologischen Strukturen
verwechselbar ist, andererseits muss
der Zellkern passend angeschnitten werden,
damit das Sex-Chromatin gut erkennbar ist.

Trotz der Unzuverlässigkeit dieser
Untersuchungsmethode wurden
zur Enttarnung intersexueller Sportlerinnen
jahrzehntelang Barr-Tests durchgeführt.

Eine ganze Wissenschaft hatte sich
zu diesem Thema entwickelt.
All das Gefasel über Chromatine –
doch Tatsache ist, Kłobukowska
wurde zum Mann erklärt,
und ein Jahr später brachte sie
ein Kind zur Welt.
Ein historisches Foto einer Person in formeller Kleidung, die frontal steht. Die Person hat kurze, dunkle Haare und trägt einen Anzug mit Rock und weißen Schuhen, vor einem neutralen Hintergrund.

Aus:
in Frauenkleidung
Zoltán Lesi

Übersetzung Nora Keszerice. Salzburg: edition mosaik, 2021 (2. Aufl.), S. 71ff

Heinrich „Heinz“ Ratjen (* 20. November 1918 in Erichshof; † 22. April 2008 in Bremen) war ein intergeschlechtlicher deutscher Leichtathlet. Unter dem Geburtsnamen Dora Ratjen nahm er 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin am Hochsprungwettbewerb der Damen teil und erreichte Platz vier. 1938 sprang Ratjen Frauen-Weltrekord und wurde Europameisterin. Im selben Jahr endete die sportliche Karriere als Frau. Anfang 1939 wurde Ratjens formaljuristisches Geschlecht (vergleiche Personenstand) auf „männlich“ und sein Vorname auf „Heinrich“ geändert. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Ratjen

Heinrich Ratjen (20 November 1918 – 22 April 2008), born Dora Ratjen, was a German athlete who competed for Germany in the women’s high jump at the 1936 Summer Olympics at Berlin, finishing fourth, but was later determined to be male and/or intersex. In some news reports, he was erroneously referred to as Hermann Ratjen and Horst Ratjen. https://en.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Ratjen

Dora Ratjen, ou Hermann Ratjen, ou Horst Ratjen (20 novembre 1918 – 22 avril 2008), est un athlète allemand intersexe qui a concouru dans la catégorie femme durant l’entre-deux-guerres, terminant notamment quatrième dans le saut en hauteur féminin aux Jeux olympiques d’été de 1936 à Berlin, avant d’être désigné comme homme intersexe et déchu. https://fr.wikipedia.org/wiki/Dora_Ratjen

Finger

Pablo Jofré

(* 18. April 1974 in Santiago de Chile)

FINGER

Meine anderen Augen, die deine Hüfte fassen.
Antennen, um das Universum zu erreichen,
und die Dinge zu durchwühlen,
die manchmal in meinem Mund landen.

Meine Finger bewegen sich tanzend von einem Ort zum
anderen, auf der Suche nach dem, was sie niemals finden werden.

Aus: Pablo Jofré: Straße um Straße. Gesammelte Gedichte. Aus dem Spanischen von Barbara Buxbaum und Johanna Menzinger sowie von Léonce W. Lupette (S. 62-63) und Odile Kennel (S. 99-124). Köln, Leipzig: parasitenpresse, 2023, S. 15