Veröffentlicht am 20. September 2025 von lyrikzeitung
Heute wäre Adolf Endler 95 geworden.
Verse echter Dankbarkeit
Eine Magistratsangestellte Mitte der Siebziger zum Autor:
"Ich höre, Sie sollen jetzt auch eine Wohnung bekommen...
Ihre Gedichte werden dann hoffentlich anders aussehen!"
Bald fünfzig; und nicht länger nur Gekrächz und Poescher Rab' ich;
Denn eine Wohnung endlich, eine eig'ne Wohnung hab' ich!
Ein and'rer Kerl scheint man geworden: Vorwärtsstürmend gab ich
Mein Ehrenwort, daß künftig keinen einz'gen weiter'n Stab ich
– Auch Staates Sicherheit nie wieder untergrab' ich... –
Über die Heimatstadt zu brechen wagen will, Frau Zapich!
Ja, durch die Straßen als ein nagelneues Wesen trab' ich;
Mich an der Interessantheit blühender Hauptstadt lachend lab' ich;
Mit reif'rem Werk lob' unser'n Alex (nicht den Baobab) ich;
Plumps! war im Eimer meine Lust auf Plowdiw oder Plöhn...
Ich han min Lehen!, Leute, eine Wohnung, Wohnung hab' ich!
(Tönt's nicht schon kräftiger, mein Lied, nicht fast schon wunderschön?)
(1975/1984)
Aus: Adolf Endler: Der Pudding der Apokalypse. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1999, S. 152
Veröffentlicht am 19. September 2025 von lyrikzeitung
387 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Heute mal ein Gedicht mit Interpretation – durch die Autorin selbst.
Kerstin Hensel
DER SOLDAT
Das ist das Feld.
Da gehörst du hin, sagt der Feld-
Webel. Hier ist dein Platz, wo
Dem Feind die Kugel durch's Hirn
In's All, verstanden? Verstanden.
Die Schläfenblume geht auf
Der Stahlknarre Mündung.
Zuerst war der Holzstich. Der Künstler Karl-Georg Hirsch schuf ihn als »Totentanz«. Hirsch und ich trafen uns vor knapp zwanzig Jahren in Leipzig und erkannten, unter manch anderen Gemeinsamkeiten, die Gemeinsamkeit unserer Weltsicht: sie war vor allem antisoldatisch, vom Ekel vor allen dumm-zerstörerischen Mächten geprägt.
Das Gedicht beginnt zunächst harmlos: Das ist das Feld. Das Wort Feld schlägt Assoziationsbögen vom agrarischen über den sportlichen, poetischen, Forschungs- bis zum militärischen Begriff: auf dem Ackerland wächst das zum Leben notwendige Getreide/das Spielfeld ist bereitet/das Gefilde fordert die Phantasie/ das Arbeitsgebiet ist bestimmt/ und der Platz des Soldaten wird der Kriegsschauplatz sein. Der Feldwebel (der Teilungsstrich am Versende läßt den »Kehrt-Marsch!«-Ton des Militärs erkennen) gibt Befehle. Sein Ton ist wie an einen gerichtet, der nicht weiß, was er auf dem Schlachtfeld soll. Im Enjambement von Vers 3 wird die Sprache des Feldwebels als die eines Militäridioten entlarvt: der Kerl weiß selber nicht, wo sein Platz ist. Sein (Un)Verstand ist aufs globale Morden ausgerichtet. In Vers 5 folgt die Frage an den Soldaten, ob er den Schwachsinn seiner Orts- und Handlungsbestimmung verstanden habe.
Der Soldat antwortet, wie er es gelernt hat, und der Leser erwartet seinen gehorsamen Gang in die Schlacht. Die beiden Schlußverse aber lassen vermuten, daß etwas mit dem Soldaten geschehen ist, das eine andere als die erwartete Richtung nimmt: das oszillierende Bild der Schläfenblume läßt an die verletzliche, über der Wange gelegene Stelle denken, hinter der das »Blut pocht«. Ein Schuß durch die Schläfe bedeutet den sicheren Tod, aber die Schläfe steht hier im Zusammenhang mit Blume. Blumen, die Soldaten beim Einzug in den Krieg auf ihren Gewehren getragen haben. Blume und Stahlknarre als Gegensatzpaar assoziieren auch den Sieg des Lebens über den Krieg. Das Gedicht freilich ist, wie Hirschs Holzstich, fern jeder Idylle.
Grafik und Gedicht illustrieren einander nicht. Sie bedingen sich in der Aussage und arbeiten aneinander, so wie der Betrachter/Leser daran zu arbeiten hat.
Aus: Die Hölderlin Ameisen. Vom Finden und Erfinden der Poesie. Herausgegeben von Manfred Enzensperger. Köln: DuMont, 2005, S. 89/91 (dort auch der Holzstich).
Veröffentlicht am 18. September 2025 von lyrikzeitung
209 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Uriel Birnbaum
(geboren 13. November 1894 in Wien; gestorben 9. Dezember 1956 in Amersfoort, Niederlande)
Verse
Im Flusse widerglänzten die Fabriken,
Im Rädertaumel zitterten die Brücken,
Ich eilte fröstelnd durch die Sommernacht.
Es schrie die Nacht laut auf aus grellen Fenstern,
Und Lichtreklamen tanzen gleich Gespenstern
– Zu wüstem Wirbel war der Schlaf erwacht.
Ich eilte fröstelnd durch das halbe Dunkel,
Es peitschte mich das lärmende Gefunkel,
Umschlang mich höhnisch: Weiß, grün, blau, rot, rot –
– Die ernste Sommernacht war wie zerflossen
– Durch grelle Gassen schrille Autos schossen –
– Die Steine lebten und der Mensch war tot!
Aus: Armin A. Wallas (Hrsg.): Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Linz, Wien: edition neue texte, 1988, S. 38
Uriel Birnbaum (1894–1956) war ein österreichischer Dichter, Schriftsteller, Maler und Grafiker jüdischer Herkunft. Er war der Sohn des zionistischen Publizisten Nathan Birnbaum und wuchs in Wien auf. Nach seinem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg entwickelte er eine eigenständige, symbolistisch geprägte Bild- und Sprachwelt und veröffentlichte Gedichtbände, Essays sowie Illustrationen zu biblischen und literarischen Stoffen. In den 1920er und 1930er Jahren schuf er zahlreiche Holzschnitte und Buchillustrationen; 1938 floh er vor dem Nationalsozialismus in die Niederlande, wo er im Exil weiterarbeitete. Birnbaum starb 1956 in Amersfoort und gilt als vielseitiger Vertreter der expressionistischen und religiös inspirierten Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Veröffentlicht am 17. September 2025 von lyrikzeitung
434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Vor 1200 Jahren, im Jahre 825, wurde Ariwara no Narihira geboren. Er war Enkel der Kaiser Kanmu und Heizei und „Oberster Kammerherr des Unteren Vierten Rangs, oberer Abschnitt“ und so berühmt, dass man ihn in die „Sechs Dichtergenies“ aufnahm. In der ersten kaiserlichen Anthologie japanischer Gedichte, dem Kokin-wakashū (japanisch 古今和歌集 , auch: 古今集 Kokin-shū, deutsch ‚Sammlung alter und moderner Gedichte‘), die zwischen 890 und 920 zusammengestellt wurde, sind 30 seiner Gedichte enthalten. Die Anthologie umfasst über 1100 Tankas, Kurzgedichte, die in westlichen Übersetzungen gewöhnlich in fünf Zeilen gesetzt werden. Vor 2 Jahren erschien eine vollständige Übersetzung des Buches von Björn Adelmeier. Die Gedichte sind nach den Themen Jahreszeiten, Glückwünsche, Abschied, Reise, Begriffe, Liebe, Trauer angeordnet, jeweils mit Angabe des Themas oder des Anlasses, aus dem es entstand, und so komponiert, das sie sich thematisch oder situativ aufeinander beziehen. Ich habe 3 aufeinander folgende Gedichte zum Thema Liebe ausgesucht.
475
Thema unbekannt, von Tsurayaki
Zwischen Mann und Frau
existiert so etwas doch:
An eine wie Wind
mit Augen nicht Sichtbare
sehnsuchtserfüllt zu denken.*
476 Am Tag des Reiter-Bogenschießens der Kaiserlichen Garde zur Rechten kam hinter dem Vorhang eines Wagens, der dem des Autors gegenüberstand, das Gesicht einer Dame leicht zum Vorschein, woraufhin Folgendes komponiert und ihr geschickt wurde.
Der Fürst Ariwara Narihira:
Der Unverborg'nen,
aber auch nicht Sichtbaren
gilt meine Sehnsucht –
Ob ich also heut sinnlos
trüb vor mich hinblicken werd'?
477 Die Antwort auf das vorige Gedicht.
Anonymus:
Bekannt oder nicht -
Was wollen Sie so sinnlos
Unterschiede machen?
Nur die Leidenschaft kann doch
als ein Wegweiser dienen.
Aus: Kokin Wakashū. Die erste kaiserliche Anthologie japanischer Gedichte. Übersetzt von Björn Adelmeier. Norderstedt: Book on Demand, 2023, S. 184f.
Folgen die 3 Originaltexte und eine englische Fassung.
475
yo no naka wa
kaku koso arikere
fuku kaze no
me ni minu hito mo
koishikarikeri
476
mizu mo arazu
mi mo senu hito no
koishiku wa
aya naku kyō ya
nagamekurasamu
477
shiru shiranu
nani ka aya naku
wakite iwamu
omoi nomi koso
shirube narikere
475
So it is like this
between a man and a girl!
I yearn for someone
heard of as we hear the wind,
and no easier to see.
476
How very foolish!
Shall I spend all of today
lost in pensive thought,
my heart bewitched by someone
neither seen nor yet unseen?
477
How very foolish
to make distinctions between
knowing and not knowing!
It is the devoted heart
that alone can serve as guide.
Aus: Kokin Wakashu. THE FIRST IMPERIAL ANTHOLOGY OF JAPANESE POETRY. Translated and Annotated by HELEN CRAIG McCULLOUGH. With Tosa Nikki and Shinsen Waka. Stanford University Press, 1996, S. 112
Veröffentlicht am 16. September 2025 von lyrikzeitung
320 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Von Paul Neubauer, einem deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller aus der Slowakei (1891-1945) kenne ich nur ein Gedicht in der Anthologie „Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde“, Herausgeber Armin A. Wallas Linz, Wien: edition neue texte, 1988. Es gibt einen kurzen Artikel im Killy-Literaturlexikon, ansonsten überall Fehlanzeige, auch in den Lexika zur deutschsprachigen jüdischen Literatur und bei Wikipedia. Hier dieses eine Gedicht mit einer kurzen Einführung, gestützt auf den Killyartikel.
Paul Neubauer (*28. September 1891 in Neustadt an der Waag / Nové Mesto nad Váhom, † 1945 in Fonyód) war ein deutschsprachiger Lyriker, Erzähler und Journalist slowakischer Herkunft. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. arbeitete er als Redakteur und Kritiker beim Prager Tagblatt, wo er neben Max Brod und Walter Seidl zu den führenden Stimmen zählte, sowie für den Prágai Magyar Hirlap und den Pester Lloyd.
Sein expressionistisch geprägter Gedichtband Wohin (1922), Romain Rolland gewidmet, stellt den Versuch dar, „Bilder des Absoluten“ zu gestalten. Neubauer verstand Dichtung als Glaubensakt angesichts des modernen Transzendenzverlusts. In seiner Lyrik treten religiöse Visionen, die Figur des Ausgestoßenen und die Suche nach Liebe und Gott zentral hervor – etwa in den „Gottesballaden“, in denen sich Mystik und Alltag überlagern.
Neubauer wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und 1945 in Ungarn ermordet.
Pause
Der winterweiße Raum dehnt unermessen
Und schweigend sich in ewiges Vergessen
Weltenmüde, todbereit...
Gleich Kindertränen gleiten sanfte Flocken,
Verhallend schwirrt ein Klang von Abendglocken -
Die Gegenwart ist zugeschneit.
In allen Ecken stehn Erinnerungen
Und neigen sich, von letztem Licht umsungen,
Und sehn mich an mit großen Blicken...
An den Wänden, hinter Glas im Rahmen,
Hängen tote Freunde, die ihr Amen
Treu zu mir herüberschicken.
Alles Müde ging schon längst nach Hause,
Erstarrtes Leben träumt wie eine Pause,
Der hocherhobne Taktstock steht. . .
Da flammt der Lampenschein, daß lichtgeblendet
Vergangenheit von mir hinweg sich wendet
Und ist ins Dunkel fortgeweht.
Aus: A.a.O. S. 197 (Quelle ist der Gedichtband Wohin? von 1922)
Veröffentlicht am 15. September 2025 von lyrikzeitung
Heute wieder ein Kurzes, Spitzes.
Johann Wolfgang Goethe
Venezianische Epigramme aus dem Nachlass, 13
Juden und Heiden hinaus! so duldet der christliche Schwärmer.
Christ und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart.
Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer!
Singet ein türkisches Kind Christen und Juden zum Spott.
Welcher ist der klügste? Entscheide! Aber sind diese
Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh ich vorbei.
Aus: Goethe, Gedichte 1756-1799. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998 (zuvor Deutscher Klassiker Verlag, 1987), S. 467.
Als Zugabe (wegen der Dreizahl in der Überschrift dieses Beitrags) ein noch kürzeres von Friedrich von Logau – die innerchristliche Szene.
Glauben
Luthrisch, Päpstisch und Calvinisch,
diese Glauben alle drei
Sind vorhanden; doch ist Zweifel,
wo das Christentum dann sei.
(1654)
Veröffentlicht am 14. September 2025 von lyrikzeitung
202 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Pablo Jofré
(* 18. April 1974 in Santiago de Chile)
ICH, DER DICHTER
ICH, DER DICHTER, verschlinge die Welt
mit meinen Händen und sauge ihre Flüssigkeiten auf, ich liebe
die Männer und die Frauen, ihre unschuldigen
oder sarkastischen Augen, ich liebe
ihre Ängste und auch ihr Begehren; ihre Illusionen.
Ich umarme alle Bäume, immer wenn ich kann
ich suhle mich auf dem Rasen und auf der Erde
den unendlichen Seen.
Ich umarme die Tiere, küsse sie, danke ihnen
und bitte sie um Verzeihung; auch die Pflanzen
und ihre Blumen, die mich ansehen.
Ich renne durch diese Straßen, um
das zu erreichen, was ich begehre, rufe laut nach jenem,
der sich in Gefahr befindet
oder den ich leidenschaftlich küssen will.
Ich liebe die Liebe, den Sex zwischen vertrauten Körpern
und auch zwischen Unbekannten.
Ich bin geduldig und ungeduldig;
genieße es zu tanzen, zu trinken, zu schlafen
und zu lieben, in meinen Bettlaken oder seinem.
Unermüdlich suche ich Antworten auf Alles. Und manchmal
wenn meine Seele vergiftet wird,
steigt brennender Hass in mir auf.
Aus: Pablo Jofré: Straße um Straße. Gesammelte Gedichte. Aus dem Spanischen von Barbara Buxbaum und Johanna Menzinger sowie von Léonce W. Lupette (S. 62-63) und Odile Kennel (S. 99-124). Köln, Leipzig: parasitenpresse, 2023, S.61
Veröffentlicht am 13. September 2025 von lyrikzeitung
Carl Fredrik Reuterswärd
(* 4. Juni 1934 in Stockholm; † 3. Mai 2016 in Landskrona)
ROTKÄPPCHEN ist gar nicht mehr
so jung
es ist eine Großmutter jetzt
und der ergrauende Wolf kommt zu Besuch
er hat Angst einem ungezogenen Kind
zu begegnen.
Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer und Petr Král. Frankfurt / Main: Zweitausendeins / Museum Bochum. 1986 (2. Aufl.), S. 1119
Veröffentlicht am 12. September 2025 von lyrikzeitung
212 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
BETRACHTUNGEN
IN EINER BAHNHOFSWARTEHALLE
Wie seine eigne Spucke schmeckt,
Das weiß man nicht.
Wenn man in seinen Spiegel leckt,
Kriegt man die Spucke zu Gesicht.
Das muß durchaus kein Spiegel sein.
Man kann aufs Sofa, auf die Hand,
Man kann auf jeden Gegenstand,
Wenn man nur richtig hintrifft, spein.
Jedoch: Tut wohl ein Gent,
Der etwas von Bazillen
Weiß und die Folgen kennt,
Bazillen das zu Willen??
Man spuckt von Bord ins Meer bei Sturm.
Man spuckt diskret vom Eiffelturm
(Bis unten sechs Sekunden).
Man spuckt an einen Litfaßzaun,
Doch nie in Gegenwart von Fraun
Und stets in stillen Stunden.
Weh dem, der sie verliert!
Weh dem, der sie vergeudet,
Die Spucke! Sie bedeutet
Viel, wenn man raucht und priemt, frankiert,
Umblättert, löscht, aquarelliert.
Die eigne Spucke, Mimikry,
Verdirbt den Appetit uns nie.
Ich bin nicht ihr Entdecker.
Ich bin kein Speichellecker,
Bin kein Feinschmecker,
Doch ich liebe sie.
Ich liebe nur die meinige.
Ausnahmen sind exeptionell
Und – frei gesagt – dann sexuell;
Obwohl ich solche Leute niemals steinige.
Manches soll man verschlucken.
Jetzt naht mein Zug. Die Zeit vergeht.
Ich weiß, in jedem Wagen steht:
„Nicht auf den Boden spucken.“
Aus: Joachim Ringelnatz, „Reisebriefe eines Artisten“, Zeichnungen von Olaf Gulbransson, Ernst Rowohlt Verlag, 1927, S. 9f

Veröffentlicht am 11. September 2025 von lyrikzeitung
L&Poe-Journal 4-2025
Odile Endres
3 Satie-Gedichte
Die geheimen Botschaften von Erik Satie
(4 Anagrammstrophen)
„Was ist ein Mensch? Eine arme Kreatur, die man auf die Erde
gesetzt hat, damit sie den anderen auf die Nerven geht.“
Erik Satie, Schriften, Volta, Ornella (Hrsg.), 1988: Wolke Verlag, Seite 319
staatsmaennischer merkur: wie
die tat am gefiederten hades
aufhaengende neider nervt.
mit eidesaudienzen.
haarwasser erstickte immunen.
duftende eiszeit armada hegte
das edv rentier. nein. meide
angehende taifune.
du summiertest nackenhaare
intim geahndete seide
sagen wirs zeithaft ermuedet
narrende naive feen die da
anastatische tiefen erwirken,
muse, mr satie. aufatmend
gesiedet herz damit deine
ideen andauernd vergehen.
la premiére lettre
quand on ignore la première lettre d’un mot, il est excessivement
difficultueux de trouver sa signification dans un dictionnaire.
(Satie, Écrits attribués, p. 102)
s st eicht u eweisen
rüher ielt ch atie ür inen angweile
eine eduld onnte ch n ir inden
is ch ierzehn tunden ang die ex
ations örte. a amen ir eit nd rt
bhanden. ch webte m pace. ch
ah terne ntstehen ergehen ah
de irbel er alaxien. die eit er
schwan n en eiten es pace.
benso ie ch. ls ch urückkehrte
ar ch ewandelt um an on
atie. ar atiephil. atte e atiepatie
aher rieb ch ies athologische
edicht. an öge ir ies erzeihen.
blau
poésie
Ziemlich blau
klösterlich
noch weißer
zurückhalten
strom
(Satie, Schriften, S. 43)
(aus den Airs á faire fuire, Melodien zum Weglaufen)
die poesie glaubt man novalis
ist ziemlich blau blüht der
enzian singen die vom berg
wenn das glas leer ist enden
auch die verse.
die poetin zieht sich zurück
klösterlich um in der keuschen
nüchternheit verse zu schreiben
die noch weißer sind als das
mondlicht niemand kann sie
zurückhalten sie taucht ein ins
meer des genies: leergefischt
schwimmt mit dem strom der
sprache ergibt sich endlich
dem wahren blau
man möchte davonlaufen
Veröffentlicht am 11. September 2025 von lyrikzeitung
130 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Karel Hynek
(* 11. September 1925, heute vor 100 Jahren, in Prag; † 9. Januar 1953 in Prag) war ein tschechischer Surrealist.
Während der Mund spricht
gehen die Gedanken ihres Weges
Ich als einziger kann bezeugen
Wie die Mitternacht vom Turme herabsteigt
In dein Ohr
Ich flüstere dir zu
Frau mit dem Inhalt der Glocken
Doch lieber sollte ich schreien
Frau mit dem Inhalt der Mitternacht
(Die Frequenz meiner Finger auf deinem Leib
Ach ihr schönen Boulevards ohne Polizisten)
(Ein and'res Mal war ich ein Bäuerlein
Über der Furche auf deinem Bauch)
(Und heut' Nacht bekleide ich meinen Kopf
Mit deiner Wäsche
Und werde dein Schoß deine Brüste)
Aus dem Tschechischen von Milan Nápravník und Heribert Becker, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer und Petr Král. Zweitausendeins / Museum Bochum, 1986 (2. Aufl.), S. 586f
Veröffentlicht am 10. September 2025 von lyrikzeitung
112 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ein Abend, ein Zug, ein fremdes Land und fremde Wörter. Ein Gedicht von Hannah Arendt, die vor den Nazis fliehen musste, über das Ankommen im Fremden.
Hannah Arendt
(geboren am 14. Oktober 1906 in Linden / Hannover; gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City)
Dies war der Abschied.
Manche Freunde kamen mit
und wer nicht mitkam war ein Freund nicht mehr.
Dies war der Abend.
Zögernd senkte er den Schritt
und zog zum Fenster unsre Seelen raus.
Dies war der Zug.
Vermaß das Land im Fluge
und stockte durch die Enge mancher Stadt.
Dies ist die Ankunft.
Brot heißt Brot nicht mehr
und Wein in fremder Sprache ändert das Gespräch.
Aus: dreizehn + 13 Gedichte. Sommer 2015, S. 92
Veröffentlicht am 9. September 2025 von lyrikzeitung
219 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ulrich Bergmann
Ich bin dein Buch
Liest du?, fragt Schlange. – Ja, sage ich. – Was denn?, sagt Schlange. – Damontes „Kritische Körper“, sage ich. – Lies lieber mich, sagt Schlange. – Warum, sage ich. – Weil ich das bessere Buch bin, sagt Schlange. – Ich hab dich doch schon gelesen, sage ich. – Die besten Bücher liest man immer wieder, sagt Schlange. – Aber die Spannung lässt nach, sage ich – Es geht um die Liebe, sagt Schlange. – Sag ich ja, sage ich. – Nein, sagt Schlange, du willst nur Lust. – Das eine ist die Voraussetzung für das andere, sage ich. – Ja, sagt Schlange, aber das gilt so rum und so rum! – Einverstanden, sage ich, jeder nach seiner Fasson. – Dann schlag mich auf, sagt Schlange. – Wie bitte?, sage ich. – Lies mich!, sagt Schlange. – Auf welcher Seite?, sage ich. – Egal, sagt Schlange, jede Seite ist gut. – Wie die Bibel?, sage ich. – Ja, sagt Schlange, du sollst Keine anderen Bücher haben außer mich! – Mir, sage ich. – Mich, sagt Schlange. – Wenn du so sprichst, will ich dich nicht lesen, sage ich. – Siehst du, sagt Schlange, du hast längst vergessen, was du bei mir gelesen hast. – Das spricht nur gegen dich, sage ich. – Im Gegenteil, sagt Schlange, ich bin jedes Mal ein neues Buch. – Na dann, sage ich.
Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder (Wien) 45 / 2012, S. 24
Veröffentlicht am 8. September 2025 von lyrikzeitung
72 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Helga M. Novak
* 8. September 1935, heute vor 90 Jahren, in Berlin; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)
solange noch Liebesbriefe eintreffen
solange noch Liebesbriefe eintreffen
ist nicht alles verloren
solange noch Umarmungen und Küsse
ankommen und sei es in Briefen
ist nicht alles verloren
solange ihr noch in Gedanken
nach meinem Verbleib fahndet
ist nicht alles verloren
Aus: Helga M. Novak, wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2005, S. 134
Veröffentlicht am 7. September 2025 von lyrikzeitung
190 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Jonas Thüringer
Bitte zeig di
I hob di scho laung nimmer mehr gseng,
die Erinnerungen verblassen wie a Nebel an oam Herbsttog.
Dei Lächeln kenn i nua mehr vu Büldern,
dei Stimm nua mehr aus Videos.
Owa do is de Nachboarskotz,
sie foigt ma seit a poar Tog auf meine Weg'.
Bist des du?
I sprech so oft zu dia,
führ oan Monolog nach dem ondren
und frog mi, wos des sui.
I vamiss di scho unhamlich,
owa do is da Wind,
er flüstert ma seit a poar Tog auf meine Weg' zua.
Bist des du?
I hear den mia Verbliebnen zua,
trotzdem ist's stü um mi herum.
I woart auf dei Stimm', auf a Zeichn
und do is a Vogl
am Giebel über meim Fenster.
Er weckt mi seit a poar Tog für meine Weg' auf.
Bist des du?
Kau no immer net akzeptiern,
dass du von nun an fuat bist.
Such di überoi, owa find di net auf meine Weg'.
Doch da regt si wos in meim Herzen und i waß,
des bist du.
Aus: Jahrbuch österreichischer Lyrik. Herausgegeben von Alexandra Bernhardt. Wien: Edition Melos, 2023, S. 277
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