Gertrude-Stein-Projekt

Über ein musikalisches Gertrude-Stein-Projekt in Bremen berichtet die taz Bremen , 22.1.02

Deutsch-jüdische Symbiose?

Im September 1933 – George lebte inzwischen in der Schweiz – wollte der Jude und Mussolini-Anhänger Karl Wolfskehl den Meister bitten, etwas zu Gunsten der Juden zu sagen. Der ließ seinem alten Gefährten durch seinen Jünger Frank Mehnert, der mit den Nationalsozialisten sympathisierte, mitteilen, er sei krank und könne ihn nicht empfangen. Das von einigen erwartete Schelt- und Absagegedicht gegen die Nazis hat George nicht geschrieben. / Süddeutsche 21.1.02

Rosen und Kognak

Über ein seltsames Geburtstagsritual für Edgar Allan Poe informiert die New York Times am 19.1.02:
BALTIMORE (AP) — A small crowd gathered at the old church where Edgar Allan Poe lies buried, waiting, as they do every year, for the arrival of a stranger.
A black-clad man arrived at 2:59 a.m. Saturday, marking the poet’s birthday with the traditional graveside tribute: three red roses and a half bottle of cognac. Only this and nothing more.
It is a rite that has been carried out by a mysterious stranger every Jan. 19 since 1949, a century after Poe drank himself to death in Baltimore at age 40. – Deutsche Meldung: Kurier 20.1.

Gerard Manley Hopkins

In der Washington Post schreibt Edward Hirsch über Gerard Manley Hopkins:

Gerard Manley Hopkins’s sonnet „God’s Grandeur“ is one of the poems that many readers, including poets, have been reciting with special intensity since Sept. 11. … Hopkins’s poem is an argument of praise. Praise restores us to the world again, to our luckiness of being. It is one of the permanent impulses in poetry. Praise is clearly inscribed in the Egyptian Pyramid Texts, the oldest lyrical fragments in existence. It is a defining motive in The Iliad (the praise poem of Achilles) and in Genesis (the praise poem of Yahweh). „Rühmen, das ists!“ Rainer Maria Rilke exclaims in the seventh sonnet to Orpheus: „To praise, that’s it!“
/ Washington Post Sunday, January 20, 2002; Page BW12

Robert Burns

Über kontroverse Debatten um Robert Burns (gehört er noch zum Kanon?) berichtet der Guardian 20.1.02 – Passend dazu: Besucherrückgang bedroht das Geburtshaus des Dichters. / Sunday Mail 20.1.02

Archive für die Zukunft

Michael Buselmeier bespricht für die FR Literaturzeitschriften ( hier manuskripte, Wespennetz, Theater heute und kolik).

Als im November 2000 die Grazer manuskripte 40 Jahre alt wurden und zugleich deren 150. Ausgabe erschien, stellte Alfred Kolleritsch, der verantwortliche Herausgeber und Redakteur, im Editorial die rhetorische Frage, ob die wenig beachteten Literaturzeitschriften nicht vielleicht doch, hochgemut gesprochen, etwas vom „Geist der Literatur“ und von der „Freiheit des Schreibens“ aufbewahrten. Sind sie nicht „Archive für die Zukunft?“. Vorausgegangen war die Nummer 149 mit einer umfangreichen Dokumentation, die deutlich machte, wie eng die manuskripte vor allem mit der avancierten österreichischen Poesie der Wiener und der Grazer Gruppe verknüpft sind und wie genau sie als eine Art deutschsprachige Literaturgeschichte der letzten 40 Jahre gelesen werden müssen. Selbst das unvermeidliche Altern der Avantgarden hat zu keiner Qualitätseinbuße geführt. Denn immer wieder gelingt es Kolleritsch, obwohl er keine Honorare zahlt, blutjunge Autoren an abenteuerlich wechselnden Wohnsitzen aufzuspüren und deren Gedichte und Prosa mutwillig unter die Texte der längst Etablierten zu mischen. Nach wie vor ist man dem poetischen, mehr auf Sprache und Rhythmus als auf eine spannende Handlung vertrauenden Schreiben verpflichtet. / FR 19.1.02

Auf dem Trödelmarkt

Steffen Jacobs kommentiert in seiner „Welt“-Kolumne ein Gedicht von Kerstin Hensel :

Auf dem Trödelmarkt

Bietet einer die Liebe an
Für kein Geld und keinen Betrug. Die Leute
Gehen vorbei. Mein Geliebter
Am Nebenstand
Kauft einen goldenen Ring.

Aus: Kerstin Hensel, „Bahnhof verstehen“. Luchterhand, München 2001. 115 S., 8,50 Euro. / Die Welt 19.1.02

Hölderlin fragmentarisch

Reinschriften, sofern sie nicht Überarbeitungen zeigen, scheinen fertig zu sein. Das Homburger Folioheft und die Handschriften, die darum herum liegen, also nach 1802, nach der Rückkehr aus Stuttgart bis hinein in den Tübinger Turm 1807, zeigen eine andere Form der Notation. In ihnen bildet Hölderlin sozusagen den abendländischen Orbis nach, wie er sich gerade in seiner Jugend nun erst darstellte. Es ist das Zeitalter der Entdeckungsfahrten, es werden die Inseln entdeckt, es gibt nicht mehr den antiken ptolemäischen Orbis, wo Afrika, Europa und Asien eine einzige zusammenhängende Landmasse bilden mit Delphi im Zentrum oder mit Jerusalem oder mit Rom. Jetzt ist es tatsächlich eine Inselwelt. Insofern spricht Hölderlin davon, dass seine Dichtung die Gestalt des Erdballs annimmt. / D.E. Sattler im Gespräch über seine Edition der „Hesperischen Gesänge“, NZZ 19.1.02

Dort außerdem eine Besprechung der Bände 7/8 der Frankfurter Hölderlinausgabe durch Ralf Müller:

Die Frankfurter Ausgabe macht einen modernen Schriftsteller lesbar, der die Sprache nicht einfach wie ein Werkzeug zu einem Zweck benutzt, der Gedicht heisst. Immer wieder korrigiert Hölderlin seine Zeilen, streicht oder überschreibt, verändert auch vermeintlich Fertiges. Alles scheint im Fluss der Schrift, nichts endgültig. Hölderlins Manuskripte zeigen mitunter die verwirrende Schönheit mittelalterlicher Palimpseste.

Friedrich Hölderlin: Historisch-Kritische Ausgabe. Hrsg. von D. E. Sattler. Band 7/8: Gesänge I/II. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main, Basel 2001. Zus. 1023 S., Fr. 386.- (Subskriptionspreis bei Abnahme aller Bände Fr. 335.-).
Ders.: Hesperische Gesänge. Hrsg. von D. E. Sattler. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 144 S., Euro 24.60.
D. E. Sattler: Am Euphrat. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 96 S., Euro 18.60.

Hölderlin Italienisch

Wie soll der Übersetzer reagieren, wenn Hölderlin nicht «weht», sondern «wehet» sagt? Und wie fängt er den Ton des stolz Sichbescheidenden auf, mit dem das Gedicht «An die Parzen» ausklingt: «Einmal / Lebt ich, wie Götter und mehr bedarfs nicht»? Bei Lupi heisst das: «una volta / Vissi qual dio, e più non bramo» («und mehr verlange ich nicht»); bei Reitani: «vissi / Una volta, come gli Dei, e tanto basta» («und das genügt»); wörtlicher, aber am Rand des Platten. Mitunter nimmt der italienische Text den Charakter einer Interlinearübersetzung an. «Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch» – «Ma dove è il pericolo, cresce / Anche ciò che dà salvezza»: der Vers ist hier kaum mehr zu hören (Lupi: «Anche ciò che ci salva»). / NZZ 19.1.02

Über die italienische Ausgabe schreibt auch Wolfram Groddeck:

Selbst der von D. E. Sattler herausgegebenen Frankfurter Ausgabe – ohne deren bahnbrechende Innovationen die italienische Ausgabe freilich gar nicht möglich gewesen wäre – hat sie etwas voraus, was den deutschen Editoren bisher noch nicht eingefallen ist: Reitani unterscheidet nämlich die von Hölderlin zu Lebzeiten in Zeitschriften publizierten Gedichte strikt von seinem nachgelassenen Werk. Das Ergebnis ist verblüffend. Aus den ersten 350 Seiten von Reitanis Edition wird ersichtlich, dass Hölderlin keineswegs wenig und dass er vor allem kontinuierlich publiziert hat. Man wird gewahr, dass sein veröffentlichtes lyrisches Werk durchaus eine innere Struktur erkennen lässt, auf welche sich der zweite, weitaus umfassendere Teil der nachgelassenen Gedichte und Gedichtentwürfe immer wieder beziehen lässt. Es wird hier, gegenüber einem ins Zeitlose stilisierten Seher-Dichter, sozusagen der Schriftsteller Hölderlin zur Kenntlichkeit gebracht.

Walcott schlampig

Besonders in Gedicht V merkt man von Beginn an die schwere Hand des Übersetzers: Der kurze Satz «a fish / that leaves dry salt on the hands» wird verholpert zu: «ein fisch / von dem einem salz trocken an den händen bleibt», «one believes» wird interpretiert zu «im stillen glaubt man»; «two steps forward» wird zu «zwei beklommene Schritte vor», nach weiteren Stolpersteinen kommt man schliesslich zu «Jesus propositions a seersucker suit»: Die deutsche Fassung ist einfach daneben: «trägt Jesus dir einen dieser karierten vertreteranzüge an». «proposition» heisst nun mal «anmachen» und nicht «antragen» im Sinne von «verkaufen wollen». Hier macht Jesus jemanden an, der einen seersucker trägt. / Bruno von Lutz, NZZ 19.1.02

Derek Walcott : Mittsommer/Midsummer. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Raoul Schrott . Edition Akzente, Hanser-Verlag, München 2001. 160 S., Fr. 27.80.

Hikmet fesselnd

Wie frappant dieser Duktus ist, bezeugt der deutsch- türkische Schriftsteller Zafer Senoçak in seinem Beitrag für den von Monika Carbe und Wolfgang Riemann herausgegebenen Hikmet-Jubiläumsband:
Ich lese mir die Gedichte laut vor, vor allem die aus den zwanziger Jahren, die klingen, als kämen ihre Laute aus einer Maschine. Manchmal lesen mein Cousin und ich gemeinsam vor, unsere Stimmen verfallen dem Rhythmus. Muss man begeistert sein, um einen Dichter zu verstehen? Hikmet begeistert nicht, er fesselt. Wenn man einmal zu lesen begonnen hat, kann man nicht mehr aufhören. Anders als in der Lyrik, die mir bis dahin vertraut ist, die Poesie von Eich, Celan, Bachmann, scheint Hikmets Poesie aus einem atmenden Körper heraus geschrieben, man spürt den Leib aus den Versen, seine Trauer, seine Hoffnung, sein Entsetzen, seinen Zorn, jawohl, Gedichte haben mit Emotionen, mit Leidenschaften, mit Fleisch und Blut zu tun. / Stefan Weidner, NZZ 19.1.02

Nâzm Hikmet: Gedichte. Aus dem Türkischen von Monika Carbe und Wolfgang Riemann. Ammann-Verlag, Zürich 2002. 200 S., Fr. 39.90 (erscheint Ende Februar).
Nâzm Hikmet: Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene. Türkisch und deutsch. Aus dem Türkischen von Helga Dayeli-Bohne und Yildirim Dayeli. Dayeli-Verlag, Berlin 2001. 300 S., Fr. 36.80.
Nâzm Hikmet (Text), Nuri Kurtcebe (Zeichnung): Kuvayi milliye: Kurtulus savasi destani. LeMan, Istanbul 2001. 360 S., 17 500 000 TL.
Demir Gökgöl, Fuat Saka: Nâzm Hikmet – Arhaveli Ismail. CD. Dayeli-Verlag, Berlin 2002. Fr. 29.80.
Monika Carbe, Wolfgang Riemann (Hg.): Hundert Jahre Nâzm Hikmet (1902-1963). Olms-Verlag, Hildesheim 2002. 229 S., Fr. 54.-.

Über die Veränderung der Welt durch Schrift

Der Autor dagegen steht der Überlieferung gegenüber und muss sie überbieten. Das ist nicht erst die Erfahrung der Moderne, wie die um 1800 v. Chr. entstandene Klage des Chacheperreseneb zeigt:
«O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben.» / Jan Assmann, NZZ 19.1.02

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article7URTG-1.359042

Zum lyrischen Werk von Konstantinos Kavafis

Konstantinos Petrou Kavafis , am 29. April 1863 als Kind wohlhabender griechischer Eltern im ägyptischen Alexandria geboren, wo er lange Zeit im Ministerium für Wasserwirtschaft in einfacher Anstellung, später als Bürochef arbeitete, folgte schon sehr früh seinem Wunsch zu schreiben, verteilte auch einzelne Blätter und Zyklen an Freunde und veröffentlichte einige wenige Gedichte in Zeitschriften, verblieb aber bis etwa zwei Jahrzehnte vor seinem Tod in einer ständigen Unsicherheit über den Wert seiner Dichtung und die Notwendigkeit, sie aufzubewahren – einhundertvierundfünfzig wird er schließlich als „gültige“ Gedichte bezeichnen. Das Geheime, das Doppelleben, das Ungewisse und das Halbdunkel sind unablösbare Teile, ja Stimulanzien seines Werks. … Viele von Kavafis‘ Gedichten machen die Geschichte zur Projektionsfläche, zum Aktionsfeld des Privaten. Etwas vergeht, und der Dichter liest in den Zeichen und Haltungen, ahnt das Zukünftige oder blickt zurück auf das Geschehene, den Betrug, die Täuschungen und das Schönreden, und er streift Hoffnungen und Erwartungen. /Hans-Jürgen Heinrichs, FR 19.1.02

Carl Zuckmayers Berichte

In der Serie von Carl Zuckmayers Berichten über Persönlichkeiten aus Hitlerdeutschland druckt die FAZ heute einen Text von etwa 1944 über Benn :

Eine Zeitlang verfiel er sogar dem Führer- und Hitlermythos und machte sich zu seinem Fürsprech – was zu einem sofortigen rapiden und gradezu grotesken Sturz seiner dichterischen Fähigkeiten führte. Ich gebe einen Beweis, ein Beispiel das mir seiner Krassheit halber im Gedächtnis geblieben ist. Im Jahr 34 veröffentlichte Benn in der Sonntagsbeilage der DAZ ein Gedicht, deutlich auf den Führer und „die Bewegung“ gemünzt, das mit folgenden greulichen Versen begann:.

„Der kategorische Nenner.
Der hinter Jahrtausenden schlief.
Heißt: Ein paar große Männer -.
Und die litten tief.“

Schlechter gehts nicht mehr. / FAZ 19.1.02

Israels Rechte gegen Lyrik

In einem großen Leitartikel der Wochenendbeilage der angesehenen liberalen Zeitung „Ha‘aretz“ rechnet Arie Caspi nicht nur in diesem Zusammenhang mit Livnat ab, sondern er zeigt auch die Richtung auf, in welche sich die Regierung Sharon und damit Israel insgesamt bewegen – und er erklärt 24 Stunden vor der Zerstörung von Radio Palästina, warum diese zwangsläufig erfolgen musste: „Die Rechte in Israel kann kein Machtzentrum ertragen, das nicht unter ihrer Kontrolle ist. Deshalb entwickelt sie so große Gewalt gegen die Palästinenser. Deshalb verachtet sie das Oberste Gericht. Deshalb kämpft sie jahrelang gegen jede kritische Erscheinung in der Presse, der Literatur, der Lyrik. Jetzt kommt die Akademie dran. Die Unterdrückung der Akademie ist eine weitere Etappe in der Zerstörung des demokratisch-liberalen Regimes des Staates Israel.“ / Kleine Zeitung 19.1.02