Kategorie: Deutsch

Rilke-Russisch

Ermattet von der Last der Schmerzenstage
erfahre ich die leere Nacht, die ohne Klage
aus fernem Feld auf meine stillen Augen fällt.
Mein Herz hat sich zur Nachtigall gesellt,
doch fehlen ihm für deren Lied die Worte;

Rilke 150

Der König ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat

o tod du dunkler meister

du gallenbittres elixier
du zugereister harpunier und gott
du mond voll blinder augen
du rosenzwerg im hinterhalt
du spinnenturm du spinne

Der Henker von Paris

Und wenn er zuschlägt, schwingt er stolz
das Beil und trifft präzis,
genau zwei Finger überm Chemise,
und der Kopf rollt herunter vom Holz.
Zweihundert köpfte er schon und mehr.
Und die Frauen seufzen:
Wie stark ist er!

Jelisaweta Kulman (1808-1825)

Bisher hatt’ ich stets zwei Kleider;
Viele Menschen haben, leider!
Eines nur, und das noch schwach

Auf die Nuss

ihr stolzen Mädchenkenner,
Ihr kleinen Zwecke kleiner Puppen!
Als die Natur uns euch bestimmte,
Damit ihr mit uns spielen möchtet;
Sah sie euch an als kleine Kinder,
Die noch nicht unterscheiden können.

Anne Dorn (1925-2017)

Alle Maschinen schrumpfen zum Standby.
Abbruch des projektierten Lebens. Wohltat
der alten Fragen, die von innen strahlen.

sprachzeiten

der panscht den
Wein zu Wasser, lobt Inzest von Hemdenblau
Und Bindenrot und uniformem Blaugrüngrau, der
Übt den Stechschritt, pflegt die Tradition

Moos und Kristall

So Klares mag der Mensch nicht seh’n,
will es vernebeln, es verdreh’n,
und dünkt sich sehr gescheit.

Die Dichterin im Zoo

Einsargung lebendigen Auges,
Zerstieben der Sterne,
Aufsaugung, Qual und unerhörte Begebung.
Leiber schieben sich
jach.

May Song

May you be happy eternally,
As long as you love me.

es muss ein Wolf gewesen sein

es muss ein Wolf gewesen sein
sonst wär sie ja nicht querfeldein
zurück in ihre nackte Sicherheit
und hätte sich nicht so in Richtung Mond gesträubt

wer entlässt die angst

wohin gehen die alten ideen
wenn niemand mehr sie denkt?
wer entläßt die angst
ihrer blinden verbote
wer schließt ihre geschlossenen
augen ein für allemal?

Du im Gehorchen und Befehlen schwach

Mit vierzig Jahren wardst du eingezogen
Zum Kriegsdienst noch. Man schrieb mit blauem Stift
Dir auf die nackte Brust, schwach eingebogen,
Wie einem Hammel, den das Schlachtlos trifft,
Roh eine Nummer auf, ’s ist nicht gelogen.
Ich löschte mühsam später erst die Schrift
Von meiner Haut, eh ich mit Pappkarton
Nach Vorschrift dir gefolgt zur Garnison.

An die Einwohnerschaft Berlins

Ihr lieben Leute lasst Euch sagen
Dass ich seit Jahren keine Wohnung hab.
Und die es lesen will ich fragen,
»Wer lässt mir einige Zimmer ab?«