niemand gewinnt die Wahl

402 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

LnPoe-Messelese #03 · Yevgeniy Breyger

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

Das neue Buch von Yevgeniy Breyger (bei Suhrkamp) ist ein erzählendes Langgedicht. Der Verlag schreibt:

hallo niemand ist humorvolle Politsatire und zugleich ernsthafte Auseinandersetzung mit drängenden Fragen nach der Versehrtheit des Körpers und des Geistes in Zeiten von Krieg und totalitärer Realitätserzwingung. Die Stationen dieses Roadtrips fügen sich zu einem Panorama Deutschlands.

Der Titel erinnert nicht zufällig an den listigen Odysseus. Während Odysseus sich selbst Niemand nennt, um den Zyklopen zu überlisten, wird dem Protagonisten dieser Reise der Name Niemand zugewiesen – ob er will oder nicht. In einem roten Audi A6 bricht er Richtung Deutschland auf, um Bundeskanzler zu werden. Seine Fahrt führt ihn über Raststätten und Discounterparkplätze, mitten hinein in politische Demonstrationen verschiedenster Lager, vor symbolträchtige Orte wie den Bundestag ebenso wie auf absurde Schauplätze bis hin zum polizeilichen Verhörraum. Unterwegs begegnet er einer Reihe eigentümlicher Figuren – religiösen Autoritäten, göttlichen Instanzen und realen Akteuren der Gegenwartspolitik wie Gysi, Scholz und Weidel. In schnell geschnittenen, dialogreichen Episoden, stets begleitet vom wartenden, motorlaufenden Wagen, entfaltet sich eine rastlose Selbstbefragung: Fragen nach Identität, Glaube und Begehren verschränken sich dabei unablässig mit den Spannungen und Diskursen der aktuellen politischen Lage.

Hier eine kleine Probe aus dem Finale.

die wahl kam näher, die umfragen wurden eindeutig, scholz        
gysi, abgeschlagen, märz, söder vollständig in der versenkung
und wagenknecht sowieso längst nach russland geflohen
es ging auge um auge, alice oder ich
»eines ist klar, der bundeskanzler wird gay«, schrieb die FAZ
»queer«, korrigierte die TAZ
(...)
meine innere stimme blieb bar jeder erleuchtung dumm und
verliebt ins risiko – der ernsthaften wahrheit abgeneigt
also ging ich ins fernsehen und sprach

autoland deutschland, mein kind, ich werde dich heimholen
ich werde deinen asphalt aufreißen und die flächen entsiegeln
ich werde dich begrünen und bewalden mit deutschen eichen
entgegen der deutschen liebe zu stahl, ich werde soldaten
nach litauen schicken an die nato-ostflanke, um deine werte
zu verteidigen, und du, deutschland, wirst mir danken 1
jahrhundert später mit deiner existenz, durch eine gesellschaft
in freiheit und anstand, unbefallen vom russländischen verfall
ekel und verdruss, menschliche bastion, die sich auffaltet
und bleibt
du darfst, deutschland, sein
ich sage es dir ernsthaft, ich liebe dich, verdammt noch einmal
doch, es ist wahr, ich liebe dich, deutschland
(…)

Aus Yevgeniy Breyger: hallo niemand. Roadtrip in Versen. Berlin: Suhrkamp, 2026

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